Inhalt
Einleitung. 3
Die Position der Frau im jüdischen Glauben. 4
Differenzen zwischen einzelnen Strömungen des Judentums 4
J üdische Mutteridentität: das Schtetl Osteuropas und Amerika 5
Deborah : Eine Frau zwischen Schicksalsergebenheit und Temperament. 6
Das Romangeschehen. 6
Das Verhältnis zwischen Mendel Singer und seiner Frau 7
Deborah und ihre Kinder 9
Mirjam : Mendels Tochter in der Rolle der mannstollen und lebensgierigen Jüdin 11
Hass und Neugier in der Kindheit 11
Mirjam , die „Grenzüberschreiterin“ 12
Fazit. 14
Literaturverzeichnis 15
2
Einleitung
Sie [die Frau] repräsentiert Vitalität und Emotionalität, ist aber auch furienhaftes Geschöpf, das durch seine Laster wie Gier, Neid und Wollust das männlich-patriarchalische Selbstverständnis und die göttliche Weltordnung durcheinanderwirbelt und gefährdet. 1
Auf diese Weise charakterisiert Hans-Jürgen Blanke die Darstellung der Frauen in Joseph Roths Roman „Hiob“. Diese Ambivalenz soll zum Anlass genommen werden, sich näher mit den weiblichen Protagonisten in Roths Werk auseinander zu setzen und auch die allgemein übliche Stellung der Frauen im Judentum zu untersuchen. Hierbei soll vor allem der sozialgeschichtliche Hintergrund in Bezug auf Gesellschaft, Religion und Kultur eine große Rolle spielen. Natürlich werden unweigerlich auch Aspekte der Gender Studies mit einfließen müssen.
Ob das Verhalten der beiden Frauen Deborah und Mirjam ein typisches ist, inwieweit die Handlung von ihnen abhängt und beeinflusst wird und welche sozialgeschichtlichen Zusammenhänge bestehen, soll im Folgenden näher betrachtet und erläutert werden.
Vordergründig stützt sich die nachfolgende Betrachtung auf die Interpretation Hans- Jürgen Blankes. Hier werden verschiedenen Aspekte und Interpretationsrichtungen aufgezeigt und erläutert, was einen tiefen Einblick in Roths Roman ermöglicht.
1 Blanke, Hans-Jürgen: Joseph Roth - Hiob. Interpretation. München: Oldenbourg Schulbuchverlag
1993 (=Oldenbourg Interpretationen 58). S.46.
3
Die Position der Frau im jüdischen Glauben
Die Stellung des weiblichen Geschlechts ist von Religion zu Religion unterschiedlich. Auch im Judentum hat die Position der Frau verschiedene Stationen durchlaufen. Die Darstellung und Charakterisierung der jüdischen Mutter erfolgte ebenso unterschiedlich wie die Rolle der Frau im jüdischreligiösen Leben im Allgemeinen. Nachfolgend soll auf diese beiden Aspekte, das Frau- sowie das Mutter-Sein, eingegangen werden.
Differenzen zwischen einzelnen Strömungen des Judentums
Während der Entwicklung des Judentums und in seinen einzelnen Strömungen ist die Frau einerseits dem Mann unterworfen und andererseits ihm ebenbürtig. Im rabbinischen Judentum wurde der Frau stets das Recht entzogen, unmittelbar am religiösen Leben Teil zu haben. Während das Beten für den Mann ein Gebot darstellte, war es der Frau gestattet, Gebete zu sprechen, sie war jedoch nicht dazu verpflichtet. Es könnte der Verdacht aufkommen, dass der Rabbinismus befürchtete, die Frau könne über die Gebete die Sprache derselben erlernen und dadurch tieferes Wissen erlangen. Denn ein Sprichwort besagte: „Wer seiner Tochter die Thora unterrichtet, lehrt sie Leichtsinn“. Somit war den Frauen des Judentums auch das Studium religiöser Bücher untersagt. 2 Ganz gegenteilig stellt sich das Ansehen der Frau während der weiteren Entwicklung des Judentums dar. Mit dem Auftreten eines gefühlsmäßigen und mystischen Judentums wurde die Frau als gleichberechtigtes Mitglied in die Religion aufgenommen. Völlig dem Mann im religiösen Leben gleichgestellt wurde sie in der Strömung des beschtianischen Chassidismus. Wie S.A. Horodezky in seinem Werk sagt, hat „der Chassidismus […] im Herzen der jüdischen Frau den Glauben, die Religiosität erweckt“. 3 Wie der Mann, so kann auch die Frau zum Zaddik gehen, ihn um Rat fragen und ihm ihre Wünsche offenbaren. Nach der Rückkehr vom Zaddik ist die Chassida, die chassidisch Gläubige, „voll geistigen Glücks und starken Glauben, der mit jedem neuen Besuch beim Zaddik stärker und lebenskräftiger wird“. 4
2 Vgl. Horodezky, S. A.: Religiöse Strömungen im Judentum. Mit besonderer Berücksichtigung des
Chassidismus. Bern/Leipzig: Ernst Bircher Verlag 1920. S.182.
3 Horodezky 1920: S.184.
4 Ebd.
4
Doch nicht nur die rege Teilnahme am religiösen Leben wurde der Frau im Chassidismus ermöglicht, sie selbst konnte sogar die Position eines Zaddik einnehmen, was während des rabbinischen Judentums nicht denkbar gewesen wäre. In der Literatur lassen sich diesbezüglich einige Belege und Beispiele finden, so auch bei Horodezky. 5 Hier ist von Töchtern berühmter Zaddik die Rede, die würdig waren, selbst die Stufe eines Zaddik zu erreichen. Von der Gemeinde der Gläubigen wurden diese weiblichen Religionsführer auch durchaus akzeptiert und aufgesucht, was wiederum das gestiegene Ansehen des weiblichen Geschlechts im chassidischen Glauben demonstriert.
Jüdische Mutteridentität: das Schtetl Osteuropas und Amerika Wie das Bild der Frau im Allgemeinen, so war auch die Charakterisierung der jüdischen Mutter von unterschiedlichen Ansichten geprägt. Die zwei typischen Darstellungen in der Literatur, welche sich auf die jüdische Mutter des Schtetls Osteuropas sowie auf die Mutter in Amerika beziehen, sollen im Folgenden etwas näher betrachtet werden.
Ganz im Gegensatz zum von rabbinischer Literatur tradierten Bild der „hochgeehrten und vielgepriesenen Mutter und Hüterin des Hauses“ 6 , beschreibt der 1928 in Rumänien geborene und chassidisch-orthodox erzogene Autor Elie Wiesel eine ganz andere Mutteridentität. Er erzählt von einer unnahbaren, kaltherzigen und lieblosen Mutter, deren Kinder weder Wärme noch Aufmerksamkeit und Fürsorge erwarten können. In der sogenannten Schtetl-Literatur wird vorrangig die Vernachlässigung der Kinder vonseiten der Mutter thematisiert, wenn sie auch vereinzelt als fordernd und voller Erfolgserwartung dargestellt und beschrieben wird. Ein anderes Bild, nämlich das der amerikanischen jüdischen Mutter, tritt erst in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts auf, weshalb es für die Betrachtung des Hiob-Romans nicht von sehr großer Bedeutung ist. Der Vollständigkeit halber soll aber auch dieses Klischeebild etwas näher beschrieben werden. Die jüdische Mutter Amerikas dämpft laut der Beschreibung von Dan Greenberg, einem amerikanischen Verfasser des Ratgebers „How To Be a Jewish Mother“, die Gefühle ihrer Kinder. Negative Erfahrungen werden verharmlost, positiven Dingen werden dagegen die nebensächlichen Nachteile abgerungen. Diese werden übertrieben dargestellt und
5 Vgl. Horodezky 1920: S.186-190.
6 Herweg, Rachel Monika: Die jüdische Mutter. Das verborgene Matriarchat. Darmstadt:
Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1995. S.157.
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Arbeit zitieren:
Maria Hesse, 2008, Deborah und Mirjam: Zwischen Mütterlichkeit, tiefem Glauben und Lebensgier in Joseph Roths „Hiob“, München, GRIN Verlag GmbH
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