Inhaltsverzeichnis
1.0. Einleitung 1
2.0. Zur Entstehung der „Serapions-Brüder“ 2
3.0. Das Serapiontische Prinzip 3
3.1. Der Einsiedler Serapion - Innere und Äußere Welt 4
3.2. Rat Krespel - Endlichkeit und Unendlichkeit 6
3.3. Die Überwindung des Dualismus 8
3.4. Merkmale Serapiontischen Erzählens 11
4.0. Das Serapiontische Prinzip aus Sicht der Romantikkritik 14
5.0. Die Wirklichkeit als Prüfstein der Phantasie 15
1.0. Einleitung
Der zwischen 1819 und 1821 erschienene vierbändige Zyklus „Die Serapions-Brüder“ ist die umfangreichste Zusammenstellung von Erzählungen E.T.A. Hoffmanns und umfasst einen ungewöhnlich langen Schaffenszeitraum. So wurden etwa frühe Erzählungen wie „Die Automate“ (1813) ebenso in das Werk aufgenommen, wie auch solche, die Hoffmann speziell für diese Sammlung verfasst hat, z.B. „Die Königsbraut“ (1821). Diese Tatsache legt nach Ringel einerseits Zweifel an der inneren Geschlossenheit der „Serapions-Brüder“ nahe, andererseits hat die neuere Forschung aus diesem und weiteren noch auszuführenden Gründen das Serapiontische Prinzip als eine dem Gesamtwerk E.T.A. Hoffmanns inhärente Poetik und als Basis für das gesamte Schaffen des Dichters erkannt. 1 Um sich nicht einer dieser Arbeit unangemessenen Betrachtung Hoffmanns Lebenswerks stellen zu müssen, soll in der weiteren Argumentation versucht werden, anhand zweier ausgewählter Erzählungen der Serapionsbrüder die in dem gleichnamigen Zyklus postulierte serapiontische Erzählweise herzuleiten und es als poetologisches Prinzip zu typologisieren. Im Detail soll weiterhin der Nachweis erbracht werden, dass die angestrebte Überwindung des die romantische Welt konstituierenden Dualismus’ zwischen Phantasie und Alltagswirklichkeit, bzw. zwischen innerer und äußerer Welt, für Hoffmann die Erkenntnis der Duplizität des Seins voraussetzt. Diese Erkenntnisleistung, die das Serapiontische Prinzip sowohl erbringt, als auch vom Leser abverlangt, blieb von der Forschung lange Zeit unberücksichtigt und erfuhr vornehmlich mit Wulf Segebrecht die ihr gebührende Beachtung. Die Diskussion um das Verhältnis von Dualismus und Duplizität offenbart des weiteren die Hoffmanns Schaffen begleitende Romantikkritik, insbesondere die Abgrenzung von der frühromantischen Aversion gegen die Alltagswirklichkeit als notwendigen Bestandteil des Lebens. Entgegen der verbreiteten Annahme, Hoffmann verliere sich in seinen Erzählungen im Phantastischen, plädiert er in der Ausarbeitung seines künstlerischen Prinzips, welches er in den Rahmenunterhaltungen der Serapionsbrüder ausdrücklich
1 Vgl.: Ringel, Stefan: Realität und Einbildungskraft im Werk E.T.A. Hoffmanns, Köln 1997, S.243.
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formuliert, für eine symbolische Einheit von äußerer und innerer Welt, die von der Kunst hergestellt werde und die Duplizität des Seins abbilde. 2 Während Frühromantiker wie Novalis in ihren Dichtungen die real existierende und den Menschen bedrängende Wirklichkeit mit den Mitteln des Geistes, d.h. illusionär zu überwinden suchten, 3 trägt Hoffmann die Überwindung zwischen Realität und Einbildungskraft dichterisch aus, wenngleich beiden Vertretern eine einheitliche Zielsetzung zu Grunde liegt: Der Mensch soll zur Erkenntnis des Wirkens des Unendlichen im Endlichen geführt werden und auf diese Weise den einheitlichen Grund allen Seins erkennen.
Trotz des eng bemessenen Rahmens dieser Arbeit scheint es abschließend sinnvoll und notwendig, dem Serapiontischen Prinzip einen Platz im Gesamtwerk E.T.A. Hoffmanns zu geben und kurz auf dessen Verhältnis zur Callotschen Manier in den „Fantasiestücken“ (1814) hinzuweisen, und mit einem Ausblick auf die späte Erzählung „Des Vetters Eckfenster“ (1822) die Tendenz E.T.A. Hoffmanns hin zum realistischen Erzählen aufzuzeigen.
2.0. Zur Entstehung der „Serapions-Brüder“
Nachdem Hoffmann 1814 in die preußische Hauptstadt Berlin übergesiedelt war begann sich, wie aus einem unveröffentlichtem Brief J.G. Seegemunds hervorgeht, 4 ein kleiner Freundeskreis allwöchentlich zu treffen, um über Theater, Musik und Literatur zu diskutieren. Dem von Hoffmann so getauften „Seraphinenorden“ gehörten neben ihm selbst unter anderem Hitzig, Koreff, Contessa und Chamisso an, welcher jedoch bereits nach zwei Jahren durch seinen Aufbruch zu einer Weltreise den Niedergang des Klubs einleitete. Erst nach seiner Rückkehr im Oktober 1818 trafen sich die Freunde erneut - wie es der Zufall ergab genau am Tag des Kalenderheiligen Serapion - und man beschloss, sich nun als „Serapionsbrüder“ wieder regelmäßig zu treffen. Das auf Anregung von Hoffmanns Verleger Reimer bereits im Februar geplante Projekt einer Zusammenstellung bisher unveröffentlichter und zerstreuter
2 Vgl.: Ringel: S.254.
3 Vgl.: Werner, Hans Georg: E.T.A.. Hoffmann: Darstellung und Deutung der Wirklichkeit im Dichterischen Werk, Weimar 1971, S.43.
4 Vgl.: Schnapp, Friedrich (Hg.): E.T.A. Hoffmanns Briefwechsel, 2.Bd., München 1968, S.100.
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Arbeiten Hoffmanns unter dem Titel „Erzählungen der Serapionsbrüder“ 5 wurde nun erneut in Angriff genommen, wobei bereits die Unterhaltungen auf den ersten Treffen der wiederbelebten Runde reichlich Stoff für die Rahmenhandlung geboten haben dürften. In den Rahmenunterhaltungen setzte Hoffmann, der ein lebhaftes, geistreiches Gespräch über alles schätzte, den Serapionsabenden ein Denkmal, 6 und sie boten ihm gleichermaßen die Gelegenheit, ausführlicher als in seinen unlängst veröffentlichten „Fantasie-und Nachtstücken“ zu poetologischen Fragen Stellung zu nehmen und das Besondere an seiner Erzählweise zu erläutern.
3.0. Das Serapiontische Prinzip
Ungeachtet der verschiedenen Interpretationen wird dem Serapiontischen Prinzip in nahezu allen Abhandlungen über das Werk E.T.A. Hoffmanns eine maßgebliche Bedeutung beigemessen, und mit Recht weist Walter Müller-Seidel im Nachwort zur Winkler-Ausgabe der „Serapions-Brüder“ darauf hin, dass trotz aller Zufälligkeiten, die zu Genese des Terminus führten, 7 das Serapiontische Prinzip uneingeschränkt Ausdruck Hoffmanns ureigener Poetik, und auch die an Tiecks „Phantasus“ angelehnte Rahmenhandlung keineswegs
5 Schnapp, S.156.
6 Safranski weist darauf hin, dass in den Rahmengesprächen die tatsächlichen Teilnehmer der Runde porträtiert werden. Koreff träte als Vinzenz auf, der ausgleichende, vernunftbetonte Hitzig müsse als Ottmar gerade die ‚wilden’ Spukgeschichten erzählen, während Contessa als Sylvester in seinem Metier belassen werde. Theodor, Cyprian und Lothar seien Figuren, die Hoffmann selbst am nächsten stehen. (Vgl.: Safranski, Rüdiger: E.T.A. Hoffmann. Das Leben eines skeptischen Phantasten, Wien 1984, S.400.) Eine derartige Aufspaltung innerer Positionen in verschiedene Personen interpretiert Setzer als eine metaphysische Obdachlosigkeit, in der ein solches Bezugssystem die Gesellschaft ersetze, zu der Hoffmann zeit seines Lebens keinen Zugang finden konnte. (Vgl.: Setzer, Matthias: Wirklichkeitsentgrenzung und musikalische Poetologie. Untersuchungen zum Werk von E.T.A. Hoffmann, in: Literatur und Kommunikation, Bd. 7, Frankfurt 1988, S.59.) Dieser Einschätzung widerspricht wiederum jene des Hoffmann näherstehenden Freundes Hitzig. In „Aus Hoffmanns Leben und Nachlass“ heißt es dazu: „Für die Abende hatte Hitzig, der wohl wusste, dass es Hoffmann unmöglich war [...] sie zu Hause zuzubringen, und dass er dann nirgends lieber seyn mochte, als an einem öffentlichen Orte, [...] ein anspruchloses Kaffeehaus gewählt. [...] Und hier bildete sich bald um Hoffmann und seine nächsten Freunde als Centrum ein höchst lebendiger und in sich höchst zufriedener Zirkel...“ (In: Schnapp, Friedrich (Hg): E.T.A. Hoffmann in Aufzeichnungen seiner Freunde und Bekannten, München 1974, S. 284.)
7 vgl. dazu Deterdings Analyse des Serapiontischen Prinzips, in der dieses mit Callot’s Manier aus den „Fantasiestücken“ gleich gesetzt, und der für beide Prinzipien verbindliche Begriff des„Hoffmannschen Schauens“ generiert wird, (Vgl.: Deterding, Klaus: Die Poetik der inneren und äußeren Welt bei E.T.A. Hoffmann: Zur Konstitution des Poetischen in den Werken und Selbstzeugnissen, Frankfurt am Main 1991, S.256.) während Feldgers betont, dass der „wahnsinnige Serapion“ als Patron der Freunde ausschließlich deshalb in Frage gekommen sei, weil der gleichnamige Märtyrer am Tage der Ordensgründung, dem 14. Oktober, tatsächlich Namenstag hat. (Vgl.: Feldgers, Brigitte: E.T.A. Hoffmann. Epoche-Werk-Wirkung, München 1986, S.57)
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als Mimesis einer bereits existierenden Kunstform zu verstehen sei. 8 Denn die in den Rahmengesprächen entwickelte Kunsttheorie durchwirkt die Erzählungen selbst und bildet mit diesen ein gemeinsames Ganzes, das die verschiedenen Inhalte der einzelnen Geschichten unter dem Dach der Hoffmannschen Serapiontik vereint.
In der Frage, was denn die Einheit der vier Einzelbände ausmache, hat man dem Serapiontischen Prinzip mehr und mehr Bedeutung zugesprochen. Gerade weil einige Erzählungen von den Freunden im Einzelfall als unserapiontisch kritisiert werden, erscheinen diese nicht zuletzt vor dem Hintergrund des Serapiontischen Prinzips. 9
3.1. Der Einsiedler Serapion - Innere und Äußere Welt
Für alle Erzählungen Hoffmanns gilt das ‚innere Schauen’ des Dichters als verbindliches Prinzip. Cyprian, dem die Erzählung vom „Einsiedler Serapion“ in den Mund gelegt ist, offenbart sich dieses Prinzip zu Beginn des ersten Bandes der „Serapions-Brüder“, als er auf Irrwegen im Wald auf einen Einsiedler trifft, der vorgibt der frühchristliche Märtyrer Serapion zu sein und sich in der Thebaischen Wüste zur Zeit des spätrömischen Kaisers Decius zu befinden. In der anliegenden Stadt B[amberg] erfährt Cyprian, dass Serapion ehemals ein sehr geistreicher Mann mit hervorragenden Talenten gewesen sei, bevor er eines Tages verschwand und seither in Mönchskutte gewandet eine selbsterbaute Hütte in den Tiroler Bergen bewohne. Er gehe so völlig auf in seinem Wahnsinn, dass er bei jedem Versuch, ihn wieder für die Außenwelt empfänglich zu machen, in Tobsuchtsanfälle ausgebrochen sei. Als Cyprian ihn bei einem erneuten Besuch von seiner irrtümlichen Annahme überzeugen will, muss er sich die Aussichtslosigkeit seines Unterfangens eingestehen, denn Serapion widerlegt jeden Einwand mit konsequenter Argumentation: kein Mensch könne über seine geistige Kraft willentlich verfügen, denn sie sei „nicht sein Eigentum, sondern nur
8 Vgl: Hoffmann, E.T.A.: Die Serapions-Brüder, München 1976, S.1005. (Im weiteren Verlauf durch SB abgekürzt)
9 Theodors aus dem Serapiontischen Prinzip abgeleitete allgemeine Forderung, sich „niemals mit schlechtem Machwerk zu quälen“ (Vgl: Hoffmann: SB, S.56.), sollte als Kriterium für die innere Geschlossenheit der „Serapions-Brüder“ nicht überbewertet werden, da sie lediglich dem Entschluss der Freunde, der Regel des Einsiedlers Serapion zu folgen, Nachdruck verleiht und nur bedingt als Kompositionsprinzip statuiert werden kann.
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Arbeit zitieren:
Andreas Becker, 2003, Dualismus und Duplizität als Merkmale des serapiontischen Prinzips bei E.T.A. Hoffmann, München, GRIN Verlag GmbH
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