Inhaltsverzeichnis:
I. Einleitung
II. Hauptteil
1. Entstehung des Antisemitismus als Ideologie
1.1. Religionsfeindschaft
1.2. Nationalismus
1.3. Rassegedanke
1.4. Ökonomisch begründete Feindschaft
2. Gründe für die Verbreitung der Ideologie
3. Verbreitung der Ideologie in der Gesellschaft
am Beispiel des politischen Antisemitismus
III. Schluss
1
I. Einleitung
Feindschaft und Hass gegenüber Juden findet sich in der europäischen Geschichte schon in der Zeit vor unserer Zeitrechnung. Keine andere Volksgruppe bekam über Jahrhunderte hinweg derart Hass und Verfolgung zu spüren. Wie ein roter Faden zieht sich die Feindschaft gegenüber Juden durch die Geschichte Europas, überall, wo sie sich niederließen, schlug ihnen Misstrauen, Verachtung, Abgrenzung oder offener Hass entgegen. Innerhalb dieses roten Fadens lässt sich eine klare Entwicklung der Judenfeindschaft erkennen. So wird zur Zeit der Römer die Feindschaft vor allem religiös begründet. Juden seien schuldig des Mordes an Jesus Christus, sie sollen Kinder für ihre Rituale ermordet haben und übertreten die heiligen Gesetze Gottes 1 . Im Mittelalter wurden die Vorwände für die Judenfeindschaft erweitert. Neben dem Vorwurf des Ritualmordes und der Hostienschändung wurden die Juden nun auch für die Pest verantwortlich gemacht 2 . Ebenso wurde ihnen ihre Betätigung als Geldverleiher oft zum Verhängnis (zu anderen Berufen wurde ihnen der Zugang verwehrt). Im Mittelalter taucht daraufhin die Bezeichnung des „Juden als Wucherer“ auf 3 . Die Judenfeindschaft im Altertum und im Mittelalter soll hier aber nicht untersucht werden. Ziel dieser Hausarbeit ist es, die Entstehung des modernen Antisemitismus aufzuzeigen. Diese Ideologie, die ihre geistigen Anfänge am Ende des 18. Jahrhunderts hat, erweitert die bisherige Judenfeindschaft um einige Aspekte und eröffnet somit eine neue Dimension des Hasses auf Juden. Der Antisemitismus, der sich über große Teile Europas ausbreitete, war besonders in Deutschland präsent und intensiv, mündete er doch in seiner entwickeltsten und perversesten Form im Holocaust und der Ermordung von Millionen Juden. Da dieses Phänomen die Geschichte Deutschlands von der Zeit des Kaiserreiches bis zur heutigen Zeit entscheidend geprägt hat, will diese Hausarbeit die Entstehung eben dieses Phänomens beschreiben. Es sollen die Fragen geklärt werden, was den modernen Antisemitismus von der Judenfeindschaft der früheren Zeit unterscheidet, welche Bestandteile an der Entstehung dieser Ideologie beteiligt waren, wie sich aus einer Ideologie eine breite gesellschaftliche Strömung bilden konnte. Ein Schwerpunkt soll vor allem auf den verschiedenen Faktoren liegen, die frühere Gründe für Judenfeindschaft mit neuen Elementen zu eben dieser explosiven ideologischen Mixtur verbunden haben. Diese verschiedenen Bestandteile des Judenhasses sollen untersucht, ihre Komplexität dargestellt werden. Neben der Frage, wie es
1 Rengstorf, Karl H./ Kortzfleisch, Siegfried v. (Hrsg.): Kirche und Synagoge. Handbuch zur Geschichte von
Christen und Juden. Darstellung mit Quellen, Bd. 1, Stuttgart, 1968, S. 163
2 Gerlach, Wolfgang: Auf dass sie Christen werden - siebzehnhundert Jahre christlicher Antijudaismus, in: Braun, Christina v./ Heid, Ludger: Der ewige Judenhass, Berlin/Wien, 2000, S. 43
3 Eckert, Paul Willehad: Antisemitismus im Mittelalter, in: Ginzel, Günther B. (Hrsg.): Antisemitismus.
Erscheinungsformen der Judenfeindschaft gestern und heute, Bielefeld, 1991, S. 86
2
Mitte des 19. Jahrhunderts zur Ausbreitung des Antisemitismus kam, soll vor allem das „Wie“ an einem ausgewählten Beispiel gezeigt werden. Es steht außer Frage, dass die Entwicklung des Antisemitismus im Dritten Reich hin zu einer Vernichtungsideologie oder die Formen des Antisemitismus im Deutschland nach 1945 ebenso Untersuchungen wert sind, allerdings würde dies den Rahmen dieser Hausarbeit sprengen. Da sie sich nur mit der Entstehung beschäftigt, wird sie mit Verfestigen des Antisemitismus als breite gesellschaftliche Strömung schließen.
3
II. Hauptteil
1. Die Entstehung des Antisemitismus als Ideologie
1.1. Religionsfeindschaft
Wie schon in der Einleitung genannt, ist die religiös begründete Judenfeindschaft die älteste, aber wohl auch die hartnäckigste Form, mit der sich Judenverfolgung begründen ließ. Sie ist in gewissen Arten während allen Epochen von Judenverfolgung vertreten, so auch im modernen Antisemitismus. Allerdings spielt sie hier nur eine untergeordnete Rolle. Waren es in früherer Zeit jedoch Vorwürfe wie „Juden als Christusmörder“ oder „Juden als Ritualmörder“, so beginnt sich die Feindschaft gegenüber der Religionsgemeinschaft als Gesamtes zu manifestieren. Es wird nicht nur mehr eine bestimmte (oder angebliche) jüdischreligiöse Verhaltensweise angeprangert, sondern die jüdische Religion. Am weitesten verbreitet ist zunächst die Ansicht, die jüdische Religion nicht als Religion anzuerkennen. So spricht Immanuel Kant in seiner Schrift „Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ davon, dass das Judentum „... gar keine Religion, sondern bloß eine Vereinigung einer Menge Menschen, die, da sie zu einem besonderen Stamm gehörten, sich zu einem gemeinen Wesen unter bloß politischen Gesetzen, mithin nicht zu einer Kirche formten...“ 4 sei. Kant äußert hier wie einige andere die Meinung, dass die Gesetze Moses im eigentlichen Sinne nicht religiös, sondern eher rechtlicher bzw. politischer Natur sind. Auch wird den Juden oft die Fähigkeit zum religiös und gläubig sein abgesprochen. So schreibt Hegel in seinen theologischen Jugendschriften „... Am Haufen der Juden musste sein (Jesus - Anm. A.) Versuch scheitern, ihnen das Bewusstsein von etwas Göttlichem zu geben; den der Glaube an etwas Göttliches, an etwas Großes kann nicht im Kote wohnen. Der Löwe hat nicht Raum in einer Nuss; der unendliche Geist nicht Raum in dem Kerker einer Judenseele...“ 5 . Es wäre jedoch übertrieben, Kant und Hegel als Judenfeinde oder gar Antisemiten zu bezeichnen, Hegel distanzierte sich in späteren Jahren von seinen Jugendschriften und Kant ist eher als Vertreter einer generellen religionsfeindlichen Einstellung zur Zeit der Aufklärung zu sehen. Jedoch verdeutlichen diese Äußerungen eine gewisse Grundhaltung im Denken der Zeit. Deutlich später, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, sagt der klar als Antisemit zu bezeichnende Theologe und spätere Hofprediger des Kaisers Adolf Stoecker die Juden seien von Gott entfremdet, ihr fehlender Glaube an Gott wäre eine geringe Sittlichkeit und stellt sie auf eine Ebene mit Heiden, um abschließend zu urteilen „Dass die Juden nicht glaubten, war ihr Elend. Dadurch wurden sie aus dem Volk der göttlichen Offenbarung eine Rotte Korah,
4 Poliakov, Léon: Geschichte des Antisemitismus. Die Aufklärung und ihre judenfeindlichen Tendenzen, Bd. 5,
Worms, 1983, S. 202
5 Poliakov, Léon: Geschichte des [wie Amn. 4], S. 208
4
welche Christus kreuzigten...“ 6 . Dass Stoecker antisemitisch eingestellt ist, zeigt sich unter anderem in der Aussage „... die Juden sitzen mitten unter uns und arbeiten an der Zerstörung der Kirche.“ 7 . Von ihm wird auch noch später die Rede sein, da er sich nicht nur auf religiöse Judenfeindschaft konzentriert, sondern seine Bild einer christlichen Gesellschaft mit Nationalismus und Rassismus kombiniert. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts zeigt sich noch oft die Einstellung, die Juden könnten sich durch die Taufe von ihrem „Aberglauben“ oder „Unglauben“ befreien. So verkündet eine judenmissionarische Schrift „Wer außerhalb der Christenheit steht, steht außerhalb der Menschheit.“ 8 . Und 1816 forderte der Prediger Johann Jacob Kromm „...die Juden müssen auch endlich einmal Menschen werden...“, was für ihn bedeutet „... ihren Aberglauben (...) ihre Geist und Herz verkehrende Menschensatzungen ausrotten.“ 9 . Diese Einstellung änderte sich später allerdings grundlegend. So schreibt Bruno Bauer um 1850 „... die Taufe macht den Juden nicht zum Germanen...“ und es wird vor einer Unterwanderung des Christentums durch Taufe der Juden gewarnt 10 . Die Juden werden in religiöser Hinsicht isoliert, die Möglichkeit, durch Taufe zum Christen und somit zum „guten Menschen“ zu werden, wird ihnen verwehrt, ihre Religion als „Aberglaube“ abgetan. Wie sehr die später noch aufzuzeigenden Bestandteile des modernen Antisemitismus ineinander greifen, zeigt sich bei Johann Gottlieb Fichte. Er erweitert seine bloße Religionsfeindlichkeit, für ihn reicht es nicht, die Juden konfessionell von den Christen zu trennen, er fordert die Vertreibung der Juden. So schreibt er in seinen „Beiträge zur Berichtigung der Urteile über die französische Revolution“ 1793 „Um uns vor ihnen zu schützen, dazu sehe ich wieder kein anderes Mittel, als ihnen ihr gelobtes Land zu erobern und sie alle dahin zu schicken...“ 11 . Auch spricht er ihnen hier jegliche Bürgerrechte ab und er äußert eine Vorstellung, die später bei vielen Ant i s e mi t e n sehr beliebt wird: für ihn sind Juden ein Staat im Staate, der ihren „Wirtsstaaten“ feindlich gesinnt ist und „... auf die Bürger drückt...“ 12 Auch wenn er es nicht offen ausspricht, sind Juden für ihn parasitär und verschwörerisch. In einer späteren Schrift zieht er den jüdischen Ursprung Jesu in Zweifel, wenn er, zum ersten Mal in der europäischen Geschichte, von einem „arischen Christus“ spricht 13 . 1808 wird er dahingehend besonders
6 Greschat, Martin: Protestantischer Antisemitismus in Wilhelminischer Zeit, in: Brakelmann, Günter/Rosowski,
Martin (Hrsg.): Antisemitismus. Von religiöser Judenfeindschaft zur Rassenideologie, Göttingen, 1989, S. 29
7 Greschat, Martin: Protestantischer Antisemitismus [wie Anm. 6], S. 30
8 Ginzel, Günther B.: Von religiösen zum rassischen Judenhass, in: Ginzel, Günther B.: Antisemitismus - [wie
Anm. 3], S. 133
9 Ebd.
10 Heid, Ludger: Wir sind und wollen nur Deutsche sein - Jüdische Emanzipation und Judenfeindlichkeit 1750 -
1880, in: Braun, Christina v./Heid, Ludger: Der ewige [wie Anm. 2], S. 89
11 Poliakov, Léon: Geschichte des [wie Anm. 4], S. 204
12 Heid, Ludger: Wir sind [wie Anm. 10], S. 80
13 Poliakov, Léon: Geschichte des [wie Anm. 4], S. 205
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Arbeit zitieren:
Peer Jürgens, 2002, Reaktionen gegen die Gleichstellung, München, GRIN Verlag GmbH
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