Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Unterrichtsstörung - was ist das? 4
3. Der Diagnosebogen von Rainer Winkel 4
4. Das Störungsbild 7
4.1 Definition aggressives Verhalten 7
4.2 Formen der Unterrichtsstörung 8
4.3 Störungsbereiche 8
4.4 Störungsrichtungen 9
4.5 Störungsfolgen 10
4.6 Störungsursachen 11
4.6.1 Ursachen im psychisch-sozialen Kontext 12
4.6.1.1 Endogene Ansätze 12
4.6.1.2 Frustrations-Aggressions-Hypothese 14
4.6.1.3 Lerntheorien 15
4.6.1.4 Weitere Faktoren 16
4.6.2 Ursachen im schulisch-unterrichtlichen Kontext 17
5. Fazit 18
6. Literaturverzeichnis 20
2
1. Einleitung
Überall dort, wo Menschen zusammentreffen, sei es um zusammen zu leben oder zu arbeiten, kommt es zu Störungen durch unterschiedliche Ansichten, Missverständnisse, Konflikte oder Ängste. Folglich kann es auch keinen Unterricht ohne Störungen geben, denn in der Schule arbeiten Schüler/innen und Lehrende mehrere Stunden am Tag auf engstem Raum zusammen. In dem dabei entstehenden „dichten Geflecht kommunikativer Auseinandersetzungen“, welches sich durch eine „hohe Komplexität von verbalen und nonverbalen, kognitiven und emotiven Elementen auszeichnet“ 1 , ist die Entstehung von Missverständnissen und Störungen zu erwarten. „So betrachtet ist die Störung die Normalität“ und sie ist „deshalb täglich, ständig und im Unterricht jeder Lehrperson - in unterschiedlicher Ausprägung und Häufigkeit - anzutreffen“ 2 . Nach langer Zeit der Verdrängung des Problems und einer krampfhaften Idealisierung des Unterrichtes gibt es mittlerweile eine große Bandbreite von Literatur zum Thema „Unterrichtsstörungen“. In der vorliegenden Arbeit soll aggressives Verhalten als schwere Form von Unterrichtsstörungen genauer betrachtet werden. In den letzten Jahren scheint die Gewalt an Schulen, zumindest ihre Schärfe, und die Aggressivität von Schülern/Schülerinnen zugenommen zu haben. Die Süddeutsche Zeitung tituliert: „Die Schule der Gewalt. […] Über deutschen Schulen liegt eine Atmosphäre der latenten Gewalttätigkeit“ 3 und auch der Spiegel berichtet über Gewalt an Schulen mit der einschlägigen Überschrift: „Wenn du auf Streber machst, bist du tot“ 4 . Gewalt in Schulen ist nicht erst vor kurzem entstanden, sondern wurde in den letzten Jahren von den Medien in der Hoffnung auf Sensationen verstärkt aufgenommen. Trotzdem ist dieses Problem an Schulen aktueller denn je, wie der schreckliche Amoklauf von Tim Kretschmer in Winnenden am 11.03.2009 zeigt. 15 Menschen erschoss der sonst unauffällige und zurückhaltende ehemalige Realschüler. Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit aggressivem Verhalten von Lernenden. Zum besseren Verständnis der Hausarbeit wird dazu im ersten Abschnitt der Begriff Unterrichtsstörung erklärt und in seiner Untergliederung dargestellt. Im folgenden Kapitel wird Rainer Winkels „Diagnosebogen“ vorgestellt, anhand dessen das Störungsbild „aggressives Verhalten“ genauer beleuchtet werden soll. Bei der Analyse der Störungsursachen von Aggressionen liegt der Schwerpunkt auf den Ursachen im psychisch-sozialen Bereich und dabei wiederum auf den unterschiedlichen psychologischen Aggressionstheorien. Anhand dieser Theorien und den weiteren möglichen Ursachen im schulisch- unterrichtlichen Kontext werden allgemeine Interventions- und Präventionsmaßnahmen abgeleitet. Mit einem kurzen Fazit endet die Arbeit.
1 Benikowski, Bernd: Unterrichtsstörungen und Kommunikative Didaktik. Hohengehren 1995, S.2
2 Seitz, Oskar: Problemsituationen im Unterricht. Regensburg 1991, S.13
3 http://www.sueddeutsche.de/politik/946/398731/text/
4 http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,491763,00.html
3
2. Unterrichtsstörung - was ist das?
Vor einigen Jahren wurde in der Fachliteratur und im schulischen Alltag anstatt dem Begriff „Unterrichtsstörung“ der Terminus „Disziplinschwierigkeiten“ verwendet. Dieser Begriff enthält eine Wertung, aus der Schuldzuweisungen gegenüber den Lehrenden, der keine Disziplin in der Klasse halten kann woraus sich die Störungen ergeben, abgeleitet werden können. Der Vorteil des Begriffes liegt darin, dass der Lehrenden zumindest mitverantwortlich an den Unterrichtsstörungen ist und nicht die Schuld allein auf die Schüler/innen, deren Elternhaus, den gesellschaftlichen Bedingungen, usw. übertragen kann. Nachdem dieser Begriff wegen der Schuldproblematik nicht mehr in der Pädagogik verwendet wurde, kam der der „Verhaltensstörungen“ auf. Dieser Terminus sprach den Lehrenden von persönlicher Schuld und Verantwortlichkeit an den Störungen frei. Die Verhaltensstörungen können nämlich nur von Spezialisten diagnostiziert und behoben werden, nicht aber vom Lehrenden. Störungen wurden folglich entschuldbar. Beide Begriffe, „Disziplinschwierigkeiten“ und „Verhaltensstörungen“, helfen also auf Grund ihrer Schuldzuweisungen und -abweisungen nicht bei der Suche nach Erklärungen und Ursachen von Verhaltensweisen, die den Unterricht stören. Ein wertneutraler Begriff wie „Unterrichtsstörung“, der die Betonung auf den Unterrichtsprozess legt, kann dagegen das Verstehen fördern und eine „sach-und situationsgerechte Bearbeitung“ erleichtern 5 . In der vorliegenden Arbeit soll deswegen entsprechend der Empfehlung Rainer Winkels der Begriff „Unterrichtsstörung“ verwendet werden. Dieser Terminus wird nicht aus der personalen Richtung (von den Schüler/innen oder Lehrenden her) definiert, sondern vom Unterricht her gekennzeichnet 6 . Unterrichtsstörungen liegen dann vor, „wenn der Unterricht gestört ist, d.h. wenn das Lehren und Lernen stockt, aufhört, pervertiert, unerträglich oder inhuman wird“ 7 .
In den vergangenen Jahren ist das Interesse an Unterrichtsstörungen und deren Bewältigungsmöglichkeiten angestiegen, was sich auch in der zunehmenden Zahl der Publikationen zum Thema seit den 90-er Jahren zeigt. Folglich lassen sich zahlreiche verschiedene Definitionen von Unterrichtsstörungen finden. Trotz unterschiedlicher Schwerpunktsetzungen und anderer einbezogener Aspekte haben alle Definitionen eine Gemeinsamkeit: Durch die Unterrichtsstörungen wird der Lern-Lehr-Prozess negativ beeinflusst, weshalb sie durch Prävention und/oder Intervention vermieden werden müssen. Die Unterrichtsstörungen sind nicht berechenbar und treten unerwartet auf. Der Lehrende wird dadurch aus seinem Konzept gebracht und muss die geplanten oder gerade ablaufenden Unterrichtsprozesse aussetzen, um dann auf die Unterrichtstörung zu reagieren 8 .
5 http://bebis.cidsnet.de/weiterbildung/sps/allgemein/bausteine/stoerungen/rahmen.htm
6 Ebd.: S.28
7 Ebd.
8 Vgl.: Seitz, Oskar: Problemsituationen im Unterricht. Regensburg 1991, S.13-14
4
Winkel 9 betont, dass solange der Unterrichtsprozess nicht gestört wird, auffällige Verhaltensweisen Kennzeichen persönlicher Meinungen und keine Unterrichtsstörungen sind. Es gibt unterschiedliche Formen von Unterrichtsstörungen, mit denen der Lehrende im Berufsalltag konfrontiert wird. Zum einen kann die Störung von Seiten des Lehrenden, aber auch von Seiten der Lernenden erfolgen (worauf der Fokus in der Literatur und auch in den Definitionen liegt), zum anderen können auch äußere Bedingungen, wie zum Beispiel das Wetter, Baulärm oder ungünstige Raumbedingungen, zu Störungen führen. Die äußeren Bedingungen, welche zu Störungen führen, können entweder sehr leicht (z.B. das Rollo runterlassen, wenn die Sonne so sehr blendet, dass Folien auf dem Polylux nicht mehr zu sehen sind) oder gar nicht beseitigt werden (z.B. der Baulärm, der durch die Ausbesserung der Straße vor der Schule erzeugt wird). Hier bedarf es meist keiner didaktischer Analysen und pädagogischer Strategien zur Bewältigung, sondern eher eines guten Schulmanagements und ausreichender finanzieller Mittel zur optimalen Ausstattung der Räumlichkeiten. Pädagogische Überlegungen sind erst dann von Nöten, wenn die äußeren Störungen dauerhaft und nicht vermeidbar sind, sodass der Lehrende, ggf. auch mit den Lernenden zusammen, Strategien entwickeln muss, wie der Unterricht trotz dieser Störungen problemlos ablaufen kann. Verhaltensweisen und Eigenschaften der Schüler/innen, die den Unterricht stören, können zum Beispiel Zwischenrufe, unterrichtsferne Gespräche zwischen Lernenden, verbale Konflikte zwischen Schülern/Schülerinnen oder zwischen Lernenden und Lehrenden, Handgreiflichkeiten bis hin zu Gewalt zwischen Lernenden und auch gegenüber Lehrenden, Arbeitsverweigerung, usw. sein. Aber auch der Lehrende kann zum Beispiel durch eine langweilige Gestaltung des Unterrichts, ungerechtes Bewerten, Vorurteile, eine schlechte Artikulation oder auch durch ein unsicheres Auftreten Unterrichtsstörungen verursachen. Bei beiden Formen der Unterrichtsstörung ist es wichtig, dass sie zur Kenntnis genommen werden, um dann eine kritische Analyse vorzunehmen und pädagogisch-didaktische Strategien zur Vermeidung oder Lösung der Störungen zu entwickeln. In der vorliegenden Hausarbeit möchte ich mich im vierten Abschnitt auf die Unterrichtsstörungen von Seiten der Schüler/innen - speziell dem aggressiven Verhalten - konzentrieren und diese anhand des Diagnosebogens von Winkel, der anschließend vorgestellt wird, analysieren.
3. Der Diagnosebogen von Rainer Winkel
Nach der Definition des Terminus „aggressives Verhalten“, werde ich zur Analyse der Unterrichtsstörung entsprechend dem „Diagnosebogen“ von Rainer Winkel 10 vorgehen, der den „störfaktorialen Aspekt“ von Unterricht untersucht. Diesen entwickelte Winkel als eine Ergänzung der drei Kategorien (Vermittlung, Inhalt, Beziehungen), die innerhalb der kommunikativen Didaktik
9 Winkel, Rainer: Der gestörte Unterricht: Diagnostische und therapeutische Möglichkeiten. Bochum 1988, S.30
10 Winkel, Rainer: Der gestörte Unterricht: Diagnostische und therapeutische Möglichkeiten. Bochum 1988, S.75-77
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zur Analyse von Unterricht vorgegeben wurden. „Ohne diesen vierten (störfaktorialen) Aspekt scheint mir [Rainer Winkel] die strukturelle Erhellung des unterrichtlichen Geschehens unvollständig“ 11 , argumentiert Winkel.
Der störfaktoriale Aspekt umfasst fünf verschiedene und eng aufeinander bezogene Dimensionen 12 :
• Formen der Unterrichtsstörung
• Störungsbereiche
• Störungsrichtung
• Störungsfolgen
• Störungsursachen
Es ist wichtig, die Bezeichnung der Störung herauszustellen, um sich Klarheit darüber zu verschaffen. Formen der Unterrichtsstörung können sein 13 :
• (unbeabsichtigte) Regelverstöße
• Provokation und Aggression
• Akustische oder visuelle Dauerstörungen sowie allgemeine Unruhe
• Störungen aus dem Außenbereich des Unterrichts
• Lernverweigerung, Passivität und Demotivation
• Psychische Auffälligkeiten und Störungen
Die Störungsbereiche können entweder außerhalb (z.B. im Schulflur) oder innerhalb (z.B. in der Klasse) auszumachen sein. Die Störungsrichtung ist entweder personal gerichtet (gegen Mitschüler/in oder Lehrende) oder hat eine objektive/gegenständliche Richtung (Schüler/in gegen Objekt und andersherum, Lehrer/in gegen Objekt und andersherum, aber auch Objekt gegen Objekt). Es kann durch die Störung zu zunächst einfachen Störungsfolgen, wie Stockungen oder Unterbrechungen, kommen. Komplexere Störungsfolgen (z.B. hartnäckige Blockaden, Rückwirkungen auf die Lehrinhalte, -methoden, Kommunikationsbeziehungen) liegen dann vor, wenn die Interaktion zwischen Lernenden und Lehrendem, zwischen den Lernenden oder den Lehrenden gehindert wird. Störungsursachen können entweder im schulisch-unterrichtlichen oder im psychisch-sozialen Kontext gesucht werden.
Der Diagnosebogen von Winkel ist nur ein Vorschlag zur diagnostischen Analyse von Unterrichtsstörungen und hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Doch er ist mehrdimensional angelegt und umfasst alle wichtigen Dimensionen von Unterrichtsstörungen, weswegen mir seine Anwendung sinnvoll erscheint.
11 Seitz, Oskar: Problemsituationen im Unterricht. Regensburg 1991, S.47
12 Vgl.: Winkel, Rainer: Der gestörte Unterricht: Diagnostische und therapeutische Möglichkeiten. Bochum 1988, S.48
13 Vgl.: Ebd.: S.75
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Arbeit zitieren:
Bachelor of Education Lisa Kittler, 2009, Aggressives Verhalten als Unterrichtsstörung, München, GRIN Verlag GmbH
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