Inhaltsverzeichnis
1 Abstract 2
2 Einleitung 2
3 Das Individuum auf der „Bühne“ der flüchtigen Moderne 3
4 Stigmatisierung von Psychotherapie-Patienten 4
4.1 Definition von Stigma 4
4.2 Stigmatisierendes Lebensereignis und moralischer Werdegang. 5
4.3 Wandel der Beziehungsstrukturen des stigmatisierten Individuums 6
4.4 Das Stigma in Relation zur Rolle. 7
5 Der Psychotherapie-Patient in alltäglicher Interaktion 8
5.1 Stigma-Management diskreditierbarer Personen 8
5.1.1 Vermeidungsstrategien. 9
5.1.2 Täuschen und Verbergen. 9
5.1.3 Selbst-Enthüllung 10
5.2 Stigma-Management diskreditierter Personen 11
5.2.1 Vermeidungsstrategien. 11
5.2.2 Ignorieren des Stigmas 12
5.2.3 Hilfestellung gegenüber Normalen 12
6 Der stigmatisierte Psychotherapie-Patient und die Gesellschaft. 13
7 Fazit 15
Literaturverzeichnis. 17
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1 Abstract
Der seit Jahrzehnten verzeichnete konstante Anstieg bei der Diagnose psychischer Störungen in Deutschland weckt wegen seiner wachsenden Relevanz aufgrund der steigenden Zahl Betroffener Individuen neben dem psychologischen längst auch das soziologische Interesse für das Thema „Psychotherapie“. Ziel dieser Arbeit ist es zu untersuchen, ob es sich bei der Inanspruchnahme psychotherapeutischer Behandlung in der heutigen westlichen Gesellschaft um ein Stigma oder bereits um ein als normal angesehenes Phänomen handelt. Dazu werden auf Basis der Theorie von Erving Goffman Interaktionsrituale zwischen psychotherapierten Individuen und solchen, die nicht dieses Merkmal tragen, unter Berücksichtigung der Relevanz der jeweils eingenommenen Rollen untersucht. Strategien des Stigma-Managements als Techniken zur Bewältigung der beschädigten Identität diskreditierbarer und diskreditierter Individuen, wie beispielsweise Täuschung, Vermeidung, Hilfestellung gegenüber Normalen oder schlichtes Ignorieren, werden anhand konkreter Beispiele beschrieben. Auf diese Weise soll über die Betrachtung der Mikroebene eine Brücke geschlagen werden zwischen der aktuellen Einflussnahme des Stigmas von Psychotherapie-Patienten in sozialen Begegnungen mit Normalen und der daraus ableitbaren möglichen Bedeutung für die Gesamtgesellschaft. Dies alles geschieht vor dem Hintergrund der Theorie der flüchtigen Moderne nach Zygmunt Bauman, die als Ausgangspunkt und − um es mit dem Vokabular Goffmans auszudrücken − praktisch als übergeordnete „Weltkulisse“ im Hinterkopf behalten werden muss.
2 Einleitung
Seit einigen Jahrzehnten wird bei der Diagnose psychischer Störungen in Deutschland ein konstanter Anstieg verzeichnet. Psychische Störungen stellten bereits seit zehn Jahren den häufigsten Grund für Frühberentungen dar und auch die dementsprechend zugeschriebenen Arbeitsunfähigkeitszeiten und -fälle seien permanent gestiegen. Viele, jedoch bei weitem nicht alle Betroffenen unterziehen sich einer ambulanten oder stationären Psychotherapie, um ihren psychischen „Mangel“ zu beheben (vgl. Gieseke 2009: 391). Unter Betrachtung dieses Phänomens stellt sich die Frage, wie die Gesellschaft beziehungsweise die Betroffenen und ihre Mitmenschen aktuell mit dieser Entwicklung umgehen und zukünftig damit umgehen werden. Handelt es sich bei einer psychischen Störung und der Inanspruchnahme einer Psychotherapie um ein Faktum, das das betroffene Individuum in eine Position abseits der Norm katapultiert, oder kann es bereits als typische Erscheinung unserer Zeit bezeichnet werden? Dieser Frage soll in der vorliegenden Arbeit nachgegangen werden, indem das Thema „Psychotherapie“ im Hinblick auf Erving Goffmans Untersuchungen der Interaktions-
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rituale in sozialen Begegnungen und den Techniken der Bewältigung beschädigter Identität beleuchtet wird. Dabei steht in erster Linie das Individuum in seinem alltäglichen Handeln im Vordergrund der Beobachtung. Ausgehend von einem kurzen Abriss zur gesellschaftlichen Diagnose unserer Zeit nach der Theorie der flüchtigen Moderne, die einen übergeordneten Rahmen und möglichen Ansatz für die Zunahme psychischer Krankheiten konstituiert, wird in Anlehnung an Goffman untersucht, für welche Personenkategorien und in welchen Situationen Psychotherapie-Erfahrung als ein stigmatisierendes Merkmal wahrgenommen wird und wie Betroffene in Interaktion mit nicht Stigmatisierten mit diesem Sachverhalt umgehen. Durch die Analyse dieser Punkte aus der Mikroperspektive soll schließlich auf die Beantwortung der Frage übergeleitet werden, welche Aussage anhand der Untersuchung des Phänomens „psychotherapiertes Individuum“ für die Gesamtgesellschaft abgeleitet werden kann.
3 Das Individuum auf der „Bühne“ der flüchtigen Moderne
Erving Goffmans soziologische Untersuchungen basieren auf dem Gedanken, dass die Welt eine Theaterbühne ist und der Mensch im alltäglichen Leben als Schauspieler auf dieser Bühne agiert (vgl. Goffman 1993: 143). Die Bühne ist im Sinne Goffmans als der Ort des Schauspiels in Bezug auf einzelne Interaktionen zu verstehen. Bevor jedoch auf Aspekte der Interaktion im Speziellen eingegangen werden kann, soll zuerst kurz der entsprechende gesellschaftliche Rahmen − praktisch die übergeordnete Bühne, auf welcher das Individuum der heutigen Zeit sich befindet − vorgestellt werden. Die heutige Lebenswelt der westlichen Gesellschaft ist dadurch geprägt, dass sich Strukturen, Bezugsrahmen und Leitbilder mehr und mehr verflüchtigen (vgl. Bauman 2003: 8). Die Metapher der Flüchtigkeit, wie Bauman (2003) sie zur Beschreibung der zweiten Moderne verwendet, gibt einen anschaulichen Eindruck seines Bildes der Gegenwartsgesellschaft, in der gesellschaftliche Strukturen und Ordnung instabil, relational und entgrenzt werden. Daraus ergibt sich folglich für das Individuum eine Freiheit, die unter anderem durch eine ausgeprägte Individualisierung und Privatisierung von Risiken geprägt ist (vgl. Junge 2006: 111). Die unbegrenzten Möglichkeiten, die diese Freiheit in Bezug auf den individuellen Anspruch an persönliches Glück und Lebensstil jedes Einzelnen mit sich bringt, erzeugen laut Baumann (2003) Unbehagen und treiben die Menschen trotz aktualer Normalität ihres Lebens in einen gefühlten Notzustand, gegen den sie selbst allerdings nicht ankämpfen können.
„Worauf alles hinausläuft, ist folgendes: Es tut sich ein immer größerer Abgrund auf zwischen Individualität als Schicksal und der praktischen und realen Individualität als Form der Selbstbehauptung. […] Über die Fähigkeit,
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diesen Abgrund zu überbrücken, verfügen die einzelnen als individuierte Akteure nicht“ (Bauman 2003: 46).
Die Verbindung dieses Gedankens von Bauman mit der Theatermetapher Goffmans kann als das Bild einer Theatergruppe verstanden werden, die durch das sich fortwährend ändernde Bühnenbild und Requisitenrepertoire und das gleichzeitig immer unkonkreter gehaltene Drehbuch so in ihrer Darstellung irritiert wird, dass das gewohnte und erwartete Abspielen ihrer Rollen nicht mehr funktioniert. Da jede Rolle jedoch mit bestimmten Erwartungen besetzt ist, die für einen reibungslosen Interaktionsablauf erfüllt werden müssen, gerät der Akteur in eine unbehagliche, mit Unsicherheit erfüllte Situation (vgl. Goffman 1983: 23 ff.). Aus der psychologischen Sicht sind die Unsicherheit des Individuums in Bezug auf die Erfüllung der an es gestellten Erwartungen sowie der fehlende Sinnbezug seiner Handlungen hinsichtlich der übergeordneten Ordnung vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Entwicklungen ein wesentlicher Auslöser für die wachsende Anzahl therapiebedürftiger „Normalbürger“ unserer heutigen Zeit (vgl. Schmeling-Kludas 2008: 349).
4 Stigmatisierung von Psychotherapie-Patienten
Die Tatsache, dass ein Individuum zur Bewältigung seines Alltagslebens auf die Hilfe eines Psychotherapeuten angewiesen ist, kann für bestimmte Personengruppen zu einem stigmatisierenden Merkmal werden. Was eine Stigmatisierung allgemein im Verständnis Erving Goffmans ausmacht und in welcher Form die Benötigung therapeutischer Hilfe ein Stigma für bestimmte Personenkategorien und Rollen ist, wird im Folgenden dargestellt. Hierzu ist es wichtig zu betonen, dass nicht die psychische Störung als solche für die Untersuchung zugrunde gelegt wird, sondern die Tatsache, dass davon betroffene Individuen therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen. Das untersuchte Stigma ist ergo die Gegebenheit, sich in entsprechender Behandlung zu befinden oder befunden zu haben.
4.1 Definition von Stigma
Nach Goffman (2008) antizipiert das Individuum im sozialen Verkehr die soziale Identität seiner Interaktionspartner und ordnet sie in eine bestimmte Kategorie von Personen ein, um so ohne besondere Aufmerksamkeit und Gedanken agieren zu können. Diese Antizipation der sozialen Identität, die umgangssprachlich auch als „Schubladendenken“ beschrieben werden kann, sei eine Zuschreibung von Charaktereigenschaften wie zum Beispiel "Ehrenhaftigkeit" und strukturellen Merkmalen von der Art des "Berufs" durch andere aus einem etablierten Kategorisierungssystem. Jedes Individuum verfüge gleichzeitig über zwei Arten sozialer
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Arbeit zitieren:
Jasmin Dittmar, 2010, Das psychotherapierte Individuum der flüchtigen Moderne: Stigma-Träger oder bereits Normalfall?, München, GRIN Verlag GmbH
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