Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung: Brechts frühes Filminteresse 1-2
2. Die Entstehung von Hangmen also die 2-6
2.1 Seine dritte Phase: Im Exil 2-3
2.2 Die Ermordung Heydrichs und der Anstoß 3-6
zur Stoffentwicklung
3. Konzepte des epischen Theaters im Film 6-13
3.1 Der Verfremdungseffekt gegen die Vermittlung einer Illusion 6-8
3.1.1 Die Verwendung von Songs’ 8-9
3.1.2 Ein Brief als Appell an den Zuschauer 9-10
3.2. Volksszenen: Eine Darstellung des kollektiven Widerstands 10-11
3.3 Das Postulat sozialrevolutionärer Aktivität 11-12
4. Fritz Lang im Hollywoodkino 12-19
4.1 Deutschlands führender Regisseur im Exil 12-13
4.2 Gegen einen Überhang brechtianischer’ Elemente 13-15
4.3 Der amerikanische Realismus’ von Fritz Lang 15-16
4.4 Nicht alle Änderungen Langs gegen die Intentionen Brechts 16-19
5. Schlussfolgerung
19-20
Das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Konzeptionen
6. Literaturverzeichnis 21-22
7. Filmographie 23
1. Brechts frühes Filminteresse
Der Dichter und Dramatiker Bertolt Brecht, der als einer der bedeutendsten Dichter, Schriftsteller und Autoren des 20. Jahrhunderts gilt, entwickelte bereits in seinen frühen Schaffensjahren ein Interesse am Film. Mit dem neuen Medium beschäftigte er sich intensiver, während seiner Emigrationsphase, überwiegend in den USA, von 1941 bis 1947. In dieser Zeit war er mehr oder weniger gezwungen sich dem Film zu widmen, da er hier eine Möglichkeit sah, die Existenz für sich und seine Familie zu sichern. Die Nazis bemächtigten sich nämlich der Einnahmen aus Werken, die an deutsche Verlage gebunden waren, worunter auch Brechts Tantieme fielen. 1 Die Jahre in Hollywood, in denen er sich als Drehbuchautor versuchte, waren für ihn sehr erfolglose Jahre. Vergeblich versuchte er seine politische Einstellung und seine Ziele durch diese neue, massenwirksame Kunst, in dem streng antikommunistischen Land zu etablieren. Doch das einzige, was es ihm einbrachte, waren Verhöre vor dem „Kongreßausschuß zur Untersuchung unamerikanischer Betätigung.“ Auch die Zusammenarbeit mit Fritz Lang am Film: Hangmen also die, in der Brecht seine größte Hoffnung steckte, entstand nicht in seinem Sinne, da der Einfluss von Fritz Lang und dem hinzugezogenen, zweisprachigen Drehbuchautor John Wexley zu sehr Brechts eigentliche Intentionen veränderte und er darüber dermaßen enttäuscht war, dass er sich bereits nach einigen Monaten vom Film distanzierte. Hieraus resultiert nun folgende Frage: Inwieweit hat der Film sich tatsächlich von Brechts anfänglichen Absichten und Zielen weg entwickelt, beziehungsweise inwieweit hat es Brecht nicht doch geschafft sein episches Theater und seine damit verbundenen Ideologien trotz der immensen Veränderungen von Fritz Lang und John Wexley durchzusetzen? In der vorliegenden Arbeit werden zunächst die Ereignisse und die Diskrepanzen zwischen ihm, Lang und Wexley, die Brecht während der Pre-Production miterlebte, genauer dargestellt, um einen kurzen Überblick über die Entwicklung des Films und die damit verbundenen Drehbuch Änderungen zu erhalten. Im Anschluss daran werden die typologischen
1 Vgl. Wolfgang Gersch (1975). Seite 178
brechtschen Elemente näher erläutert, mit Passagen aus dem Film verglichen und genauer analysiert. Dem wird Fritz Lang und seine Stilmittel filmisch zu erzählen, unter Berücksichtigung des Hollywoodkinos in den Vierziger Jahren gegenübergestellt. Ziel der Arbeit ist es herauszufinden, wie viel von Brechts Ästhetik der Film letztendlich doch mit sich trägt oder ob seine Ideen und Vorstellungen, während der Entstehung vollkommen aus dem Film eliminiert wurden.
2. Die Entstehung von „Hangmen also die“
2.1 Die dritte Phase: Im Exil
Brechts Leben ist einteilbar in vier Phasen. Geboren am 10. Februar 1898 in Augsburg, endete seine erste Phase 1933. In dieser frühen Schaffensphase experimentierte er noch sehr viel und schrieb bereits erste Drehbücher und Exposés 2 . Während seiner zweiten Phase befand er sich in Berlin, wo er sich das erste Mal ausgiebig mit dem Marxismus und dessen Idee vom Klassenkampf und dem letztendlichen Sieg der Proletarier beschäftigte. In den geschichts-philosophischen Stücken von Marx spricht Marx unter anderem von einer zwangsläufigen Auflehnung der Proletarier. 3 Seine dritte Phase durchlebte er im Exil, überwiegend während seiner Emigrationsphase in den USA. Diese Phase ist hauptsächlich dadurch gekennzeichnet, dass Brecht wie viele andere im Exil lebende Deutsche (z.B. Thomas und Heinrich Mann) seinen Beitrag zum Sturz Hitlers leisten wollte und dies tat, indem er unter anderem auf antifaschistischen Schriftstellerkongressen Reden hielt oder viele politische Gelegenheitsarbeiten schrieb. Er selbst sah sich als Teilnehmer am unterirdischen Kampf der deutschen Arbeiterschaft. 4 Die vierte und letzte Phase seines Lebens verbrachte er in Ostberlin. Dort arbeitete er am Berliner Ensemble, geriet schnell in einen Konflikt mit der Partei und kümmerte sich deswegen umgehend um die Erlangung der österreichischen Staatsbürgerschaft. Am 14. August 1956 starb er in Berlin. Im Medium Film erkannte Brecht neue Gestaltungsmethoden und eine neue Herausforderung
2 Siehe hierzu Bertolt Brecht: Texte für Filme I - Drehbücher, Protokolle (1969) und Texte für Filme II - Exposès, Szenarien (1969).
3 Siehe hierzu Karl Marx: Zur Kritik der politischen Ökonomie (1922). 4 Vgl. Esslin (1973). Seite 93
in dieser Kunst seine ideologischen Werte zu vermitteln. Die dokumentarischen Möglichkeiten erweckten ungemein sein Interesse. 5 Jedoch fanden diese Werte in der großen Filmfabrik Hollywoods keinen Platz und Brecht widmete sich nach seiner Rückkehr aus den USA 1948 wieder dem Theater.
2.2 Die Ermordung Heydrichs und der Anstoß zur Stoffentwicklung Reinhard Heydrich war 1941/42 Reichsprotektor auf dem Hradschin. Er wurde im September 1941 von Hitler dorthin geschickt, um den Widerstand der Tschechen zu brechen. Nach den ersten Morden an tschechischen Häftlingen beschloss Edvard Benes, der Präsident der tschechoslowakischen Exilregierung in London, Heydrich durch ein Attentat beseitigen zu lassen. Vom Geheimdienst wurden der Slowake Jozef Gabcik und der Tscheche Jan Kubis ausgewählt. Die Chance für ein Attentat ergab sich Ostern 1942, als Heydrich mit der Familie vom Hradschin in ein Schloss außerhalb von Prag umzog. Ohne Begleitschutz fuhr er immer im offenen Mercedes, als ihn dann am 27. Mai 1942 eine Handgranate von Kubis traf und Heydrich am 04. Juni seinen Verletzungen erlag. 6 Ein Zeitungsartikel über diesen Vorfall gab Fritz Lang, der bereits 1941 mit „Man hunt“ (Menschenjagd) einen Film mit antifaschistischer Aussage gedreht hatte, den Anstoß, aus diesem Stoff einen Anti-Nazi-Film zu drehen. Lang, der begeistert von Brecht war und in dessen Stil eine moderne Form des Theaters sah, kontaktierte ihn umgehend und schlug ihm vor ein Drehbuch aus diesem Stoff zu schreiben. Brecht wieder rum erkannte seine große Chance und willigte ein, denn seine Filmabsichten waren nicht nur ausschließlich als ein Ausdruck der Freude am neuen Medium zu verstehen, sondern auch vom Ziel bestimmt, Geld zu verdienen. Doch die Entstehung des Films entwickelte sich in eine vollkommen andere Richtung, als es Brecht erwünscht hatte. Anfangs arbeiteten er und Lang an
5 Zur gleichen Zeit existierte der berühmte Filmtheoretiker Siegfried Kracauer der sich in seiner Theorie des Films mit der Darstellung der Wirklichkeit befasste. Nach Kracauer entsprechen Filme nur dann der filmischen Einstellung, wenn sie eine realistische Tendenz aufweisen. In verschiedenen Abschnitten seiner Filmtheorie insistiert Kracauer nachdrücklich auf der Notwendigkeit die Realität objektiv wiederzugeben. 6 Vgl. Haasis, Hellmut G (2002). Seite 7f
der Geschichte, konnten sich jedoch nicht einigen. Lang wollte zwar einen anti-faschistischen Film haben, jedoch durfte das so genannte ‚Hollywoodpicture’ nicht vernachlässigt werden. Er zog den amerikanischen, zweisprachigen Drehbuchautor John Wexley hinzu. Für Brecht sah das anfangs ganz gut aus:
„die arbeit am film (den ich gern TRUST THE PEOPLE nennen würde) geht besser vorwärts, seit statt lang ich mit wexley die übertragung der outline in das drehbuch vorbespreche […]. Vor allem aber habe ich w[exley] dazu gewonnen […] ein völlig neues idealscript zu schreiben, das lang vorgelegt werden soll. Natürlich lege ich das schwergewicht auf die volksszenen.“ 7
Doch auch diese anfängliche Freude blieb nur von kurzer Dauer, denn Lang fokussierte sich auf Wexley und teilte ihm deutlich mit, wo die Prioritäten des Films liegen. Brecht schaffte es nicht seine Ideale, die er glaubte mit diesem Film aufzuzeigen bei Lang durchzusetzen:
„Jetzt, vor dem shooting, schleppte lang den armen wexley in sein office und schreit mit ihm hinter verschlossenen türen, er wünsche ein hollywoodpicture zu machen, scheiße auf volkszenen […]“ 8
Der Wunsch Brechts, dem Film in ihrer Vielfalt vollkommen zu entwickeln, da er darin die Möglichkeit einer Auseinandersetzung mit dem Dokumentarischen sah, wurde durch die in Hollywood herrschende Filmwirtschaft unterbunden:
„ich merke jetzt, dass diese Arbeit am film mich fast krank gemacht hat. […], diese empörten ausrufe: ‚warum soll ich den Satz dem arbeiter geben, dem ich 150 $ bezahle, wenn der professor daneben steht, dem ich 5000 $ bezahle!’[…]der besteller nimmt den pinsel und schmiert hinein, und niemand wird je sehen, wie das bild ausgesehen hat.“ 9
Die Enttäuschung über die misslungene Zusammenarbeit und darüber alles zu ändern oder komplett aus dem Konzept zu streichen, was Brecht in die Geschichte mit eingebaut hatte, setzte sich fort. Fritz Lang kürzte das Buch von 300 Seiten auf 190, da aufgrund unvorhergesehener organisatorischer Probleme die Produktion um 3 Wochen vorverlegt werden musste und bei
7 Bertolt Brecht (1973), Arbeitsjournal 2. S. 522
8 Ead., a.a.O. S. 527 9 Ead., a.a.O. S. 534
Arbeit zitieren:
Rosalinda Basta, 2008, Das epische Theater Brechts im Hollywoodkino, München, GRIN Verlag GmbH
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