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1. Einleitung
„swiez iuch habe verdrozzen, ir habt mich în geslozzen: nu lœset oder bindet.“ (V. 510,21-23) „dô slôz sich in ir minnen stric Feirefîz der werde gast." (V. 811,4f.)
Das Thema dieser Hausarbeit soll die Liebe sein, genauer die Liebe Gawans zu Orgeluse und die Liebe Feirefiz‘ zu Repanse de Schoye. Ausgehend von den oben genannten Stellen aus Wolframs von Eschenbach „Parzival“ wird deutlich, dass beide Helden der Liebe verfallen. Das Verb „sliezen“ signalisiert, dass sie in ihrer Liebe eingeschlossen bzw. von ihren Geliebten gebunden sind. Somit, unfähig sich dagegen zu wehren, legen sie ihr Schicksal in die Hände der jeweiligen Geliebten und sind bereit alles was in ihrer Macht steht zu tun um mit Gegenliebe belohnt zu werden.
Das Ziel dieser Arbeit ist der Vergleich der Helden bezüglich ihrer Liebe zu Orgeluse bzw. zu Repanse. Während die Forschung es darauf abzielt Gawan mit Parzival zu vergleichen, was in vielen Fällen auch Sinn ergibt, ist dieser Vergleich in der Liebe sehr von Gegensätzen geprägt. Der junge Parzival hat seine Liebe bereits im vierten Buch mit Condwiramurs gefunden, die er heiratet und der er treu bleibt. Gawan dagegen bildet das Gegenpol zu Parzival. Er findet an vielen Frauen Gefallen und kann sich vorerst nicht festlegen, sondern erst als er Orgeluse trifft, entflammt seine Liebe. Ähnliches Verhalten lässt sich auch bei Feirefiz, dem Bruder von Parzival, beobachten. Somit agiert Feirefiz als eine Parallelfigur zu Gawan, da beide Charaktere sich in ihrem Liebesverhalten sehr ähnlich sind. Im Laufe dieser Arbeit werden diese Parallelen Schritt für Schritt vorgestellt und analysiert. Außerdem soll auch auf die Unterschiede eingegangen werden. Um einen Einblick in die damalige Liebessituation zu bekommen, steht ein Exkurs in den Minnedienst der höfischen Kultur des Mittelalters am Anfang dieser Arbeit. Dabei soll geklärt werden, was typisch für einen solchen Minnedienst war. Die erarbeiteten Aspekte sollen anhand von Situationen der Helden veranschaulicht werden. Des Weiteren wird näher auf die beiden Charaktere eingegangen. Zuersts soll Gawans Beziehung analysiert werden. Dabei wird auf die französische Vorlage von Chrétien de Troyes Bezug genommen. Danach soll Feirefiz‘ Beziehung zu Repanse näher untersucht werden. Insgesamt werden die Schwerpunkte dabei auf die erste Begegnung und auf den weiteren Verlauf der Beziehungen gelegt. Beide Helden müssen Opfer für ihre Liebe aufbringen: Gawans âventiuren im Dienst Orgeluses und Feirefiz‘ Taufe. Ein Kapitel soll der „Liebe“ in der Gralsgesellschaft gewidmet werden, um die Funktion der Taufe zu verdeutlichen. Zuletzt soll der Frage nachgegangen werden, ob
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Fairefiz‘ Taufe, so wie sie im 16. Buch dargestellt wird, nur ein Mittel zum Zweck ist, um Repanse zu heiraten und somit das Liebesziel zu erreichen. Am Ende der Arbeit sollen die Ergebnisse in einem Fazit zusammengefasst werden.
2. Minnedienst in der höfischen Kultur des Mittelalters
Im zehnten Buch des „Parzival“ äußert sich Gawan wie folgt zum Minnedienst:
dâ hœret dienst vor unde nâch.'“ (V. 511,12-16)
Hierbei wird deutlich, dass Liebe mit dem Liebesdienst zusammenhängt. Ohne Dienst gibt es keine Liebe. Diese soll „erdient“ werden.
Wenn man analysieren will was Minnedienst ist, soll man an dieser Stelle zwischen Wirklichkeit und Fiktion unterscheiden, denn so wie man sich die höfische Liebe vorstellt, trat diese nur in der Literatur in Erscheinung. Der Begriff „höfische Liebe“ wurde zum ersten Mal im 19. Jahrhundert von Franzosen Gaston Paris geprägt. Dieser formulierte dazu Folgendes:
„1. Höfische Liebe ist ungesetzlich, illégitime, und daher auf Heimlichkeit angewiesen. Sie schließt die volle körperliche Hingabe ein.
2. Höfische Liebe verwirklicht sich in der Unterordnung des Mannes, der sich als Diener seiner Dame betrachtet und die Wünsche seiner Herrin zu erfüllen sucht.
3. Höfische Liebe fordert von dem Mann das Bemühen, besser und vollkommener zu werden, um dadurch seiner Dame würdiger zu sein.
4. Höfische Liebe ist 'eine Kunst, eine Wissenschaft, eine Tugend' (un art, une science, une vertu) mit eigenen Spielregeln und Gesetzen, die die Liebenden beherrschen müssen.“ 1 (Hervorhebungen im Original)
Wenn man diese Ausführungen auf die Liebe der beiden Helden, die im Zentrum dieser Arbeit stehen, überträgt, so treffen die Punkte 2 bis 4 zu. Beide ordnen sich ihrer Geliebten unter. Während Gawan sich um Orgeluses Gunst zu erhalten von einem Abenteuer ins andere stürzt, lässt sich Feirefiz taufen, um Repanse heiraten zu können. Dadurch ordnen sie sich den Frauen unter, wobei an dieser Stelle in Zweifel gestellt werden soll, ob Feirefiz durch seine Taufe sich Repanse unterordnet. Vielmehr ist die Taufe notwendig um die Konzeptionen der Gralsgesellschaft zu erfüllen. Hieraus resultiert automatisch der dritte Punkt, da gerade dadurch, dass die beiden Männer darum bemüht sind, die Wünsche ihrer Minnedamen zu erfüllen, sie danach streben vollkommener in ihren Augen zu sein und sich selbst zu übertreffen. Der erste Punkt trifft nur bedingt zu, denn weder bei Gawan noch bei Feirefiz ist die Liebe auf Heimlichkeit angewiesen. Im Gegenteil, am Ende von „Parzival“ heiraten die beiden Paare sogar und machen ihre Liebe dadurch légitime. Bei Gawan und Orgeluse wird
1 Bumke, 1990, 504
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noch vor ihrer Hochzeit der Aspekt der körperlichen Hingabe in Betracht gezogen, da der Erzähler Andeutungen macht, dass es mehr zwischen den beiden gelaufen ist, als sie alleine geblieben sind: „kunn si zwei nu minne steln, daz mag ich unsanfte heln. ich sage vil lîht waz dâ geschach, wan daz man dem unfuoge ie jach, der verholniu mᴂre machte breit.“ (V. 643,1-5)
Nimmt man an, dass diese Andeutungen stimmen, kann man trotzdem nicht von Heimlichkeit sprechen, da zumindest Arnive Bescheid weiß, dass Orgeluse bei Gawan geblieben ist, da diese Orgeluse selbst dazu auffordert bei Gawan zu bleiben:
Dieser Rede von Arnive kann man entnehmen, dass sie beinahe Orgeluse dazu antreiben will, sich in Gawans Bett zu legen um seinen kumber zu lindern, wobei kumber wiederum doppeldeutig ist. Einerseits kann damit seine körperliche Qual gemeint sein aufgrund seiner noch nicht verheilten Wunden, andererseits aber der kumber nach körperlicher Liebe. Auch bei Feirefiz‘ Verliebtheit kann man nicht von Heimlichkeit reden, da sobald er seine Zuneigung Repanse gegenüber ausspricht, wird er sofort von Arthus und Parzival dazu aufgefordert sich taufen zu lassen, um Repanse heiraten zu können. Ungesetzlich wäre aber der Aspekt der Verwandtschaft zwischen ihm und seiner Geliebten, da Feirefiz die Tante von seinem Halbbruder Parzival heiratet (vgl. Stammbaum, S. 806f.). An dieser Stelle spiegelt sich der Widerspruch zwischen Fiktion und Wirklichkeit wider. Während es im „Parzival“ ohne weitere Probleme zu einer Ehe zwischen Feirefiz und Repanse kommt, ist in der Realität die Verwandschaft ein Hindernis für die Ehe. Mit diesem Aspekt setzt sich Bumke näher auseinander. Er erwähnt dazu Folgendes:
„Einer Entscheidung folgend, die Papst Alexander II. († 1073) im Jahr 1059 getroffen hatte, wurde in Gratians 'Decretum' festgelegt, daß Verwandtschaft bis zum siebenten Grad ein zwingendes Ehehindernis darstellte. Diese Position, die eine große Zahl feudaler Ehen mit der Feststellung ihrer Ungültigkeit bedrohte, war aber auf die Dauer nicht zu halten. Auf dem Vierten Laterankonzil im Jahr 1215 wurde die kirchenrechtliche Entscheidung dahin revidiert, daß nur noch Verwandtschaft bis zum vierten Grad als kanonisches Ehehindernis gelten sollte.“ 2
Nicht außer Acht gelassen werden, sollte die Tatsache, dass Eheschließungen zwischen Verwandten in der adeligen Gesellschaft nicht selten waren und die Kirche dagegen machtlos war.
2 Ebd., 545
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Um noch auf den vierten Punkt des Zitates über die Feststellungen von Gaston Paris einzugehen, kann man die höfische Liebe wirklich als eine Tugend bzw. eine Kunst bezeichnen, da die Wirklichkeit meist anders ausgesehen hat. Ehe war meist politische Angelegenheit, denn es ging um „Machtpolitik durch Eheschließung, um die Verteilung von Gütern durch die gezielte Ausgestaltung von Verwandtschaften.“ 3 , obwohl Liebe durchaus, auch wenn selten, nicht auszuschließen war. Es kam auch selten vor, dass man sich seinen Ehepartner selbst aussuchen konnte, denn meistens war das eine Entscheidung der Eltern und die zukünftigen Ehepartner wurden schon im Kindesalter miteinander verlobt. Um den Dienstgedanken noch einmal aufzugreifen, lässt sich folgendes Konzept entwickeln: Ein Ritter diente einer Dame, zog für sie auf Turniere, kämpfte um ihr zu gefallen. Standesunterschiede zwischen Ritter und Adel spielten in der Literatur keine wichtige Rolle. Ein Ritter wurde in der literarischen Welt zum Ideal, das sich zumeist im vorbildlichen Benehmen, guten Umgangsformen, Treue und in seiner Tugendhaftigkeit widerspiegelte. Während sich ein Ritter einer Dame unterwarf, wurde diese dadurch erhöht. Sie konnte seine Werbung annehmen oder ablehnen oder ihn für seinen Dienst mit Liebe belohnen. Somit konnte die Frau selbst über ihr Schicksal entscheiden. Dieser Aspekt bringt aber bei der Ehe von Feirefiz und Repanse Zweifel auf, weil Repanse nicht gefragt wird, ob sie Feirefiz überhaupt heiraten will. Dieses wird dem Leser als selbstverständlich vermittelt. Bumke formuliert folgenden Gedanken zu der höfischen Liebe: „Höfische Liebe war ein gesellschaftlicher Wert, der sich in der Praktizierung höfischer Tugenden und in der Beachtung höfischer Umgangsformen verwirklichte.“ 4 Will man diese Gesellschaftsideale an einem Beispiel festmachen, so bietet sich die Figur des Ritters Gawan sofort an, der diese Ideale verkörpert. Das zeigt auch das Zitat am Anfang dieses Kapitels, das von Gawan ist: „wer mac minne ungedienet hân?“ (V. 511,12). Als Antwort kann man darauf erwidern: Er selbst. Dieser Dienstgedanke trifft bei Orgeluse zu. Bei Antikonie dagegen verstößt Gawan gegen sein eigenes Konzept, denn ohne ihr seinen Dienst anzubieten, will er ihre Liebe haben. Dieses Beispiel soll verdeutlichen, dass selbst in der Literatur gegen dieses Ideal der höfischen Liebe und des Dienstgedankes verstoßen wird.
Zusammenfassend lässt sich somit sagen, dass höfische Liebe in der Literatur eine „Gesellschaftsutopie“ 5 war und vieles zuließ, was die Wirklichkeit oft nicht duldete, z. B. selbständige Auswahl des Partners, Liebe als Hauptgrund für die Ehe etc. Eine „literarische“
3 Haug, 2004, 22f.
4 Bumke, 1990, 525
5 Ebd., 528
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Ehe verläuft deshalb meistens harmonisch und wird idealisiert. Doch auch in der Literatur gibt es Widersprüche und Verstöße gegen diese Idealisierung der Liebe.
3. Gawan und Orgeluse
In diesem Kapitel soll die Beziehung zwischen Gawan und Orgeluse von ihrer ersten Begegnung an untersucht werden. Dabei sollen die Schwerpunkte auf die Abenteuer, die Gawan aufgrund seiner Liebe erleben muss und auf sein Liebesleid gelegt werden. Ebenfalls sollen die Ergebnisse mit Wolframs Quelle, Chrétiens „Conte du Graal“ verglichen werden, um Gemeinsamkeiten und Abweichungen von der Vorlage zu beleuchten.
3.1. Erste Begegnung
Zum ersten Mal begegnet Gawan Orgeluse am Berg vor der Burg von Logroys. Der Erzähler lobt ihre Schönheit. Sie ist „aller wîbes varwe ein bêâ flûrs.“ (V. 508,21). Als Gawan sie sieht, verliebt er sich sofort in sie. Hierbei kann man von einer Liebe „auf den ersten Blick“ ausgehen. Als Gawan sie anspricht, reagiert sie sehr abweisend und schickt ihn weg (vgl. V. 509,25f.). Trotzdem lässt sich Gawan von ihrer Abweisung nicht verunsichern und offenbart ihr seine Gefühle: „mîn ougen sint des herzen vâr: die hânt an iwerem lîbe ersehn, daz ich mit wârheit des muoz jehn daz ich iwer gevangen bin. kêrt gein mir wîplîchen sin. swies iuch habe verdrozzen, ir habt mich în geslozzen: nu lœset oder bindet.“ (V. 510,14-23)
Durch diese Worte zeigt Gawan seine Hilflosigkeit Orgeluse gegenüber, insofern, dass er gegen seine Gefühle machtlos ist und alles jetzt von ihr abhängt. Er überträgt die Macht über ihn auf sie, wodurch sie zur Herrscherin über ihn erhoben wird. Er ist ein „machtloses Opfer seiner Gefühle, er ist Orgeluses Gefangener (510,22f.), ihr Eigen (510,17-19; 523,28-524,1) und bereit, alles für sie zu tun.“ 6 Dass Orgeluse herrschaftliche Züge besitzt, beweisen auch andere Tatsachen, z. B. ist diese, wie ihr Name verrät, stolz und dominant. Sie lässt sich nichts gefallen. Außerdem hat sie eine sarkastische Art und legt es darauf an, Gawan zu verspotten. Gawan wird mehrfach vor dieser Frau gewarnt, u. a. von ihren Gefolgsleuten (vgl. V. 513,12-16), von Urjans (vgl. V. 521,25f.) und sogar von ihr selbst (vgl. V. 515,14-16). Doch all diese Warnungen bleiben erfolglos. Als Orgeluse ihm erlaubt, ihr zu dienen, tut er dies in der Hoffnung auf Minnelohn: „die wîl mîn hant iu dienst tuot, / unz ir gewinnet lônes muot.“ (V. 515,21f.).
6 Emmerling, 2003, 90
Arbeit zitieren:
Anastasia Schmidt, 2009, Wolframs von Eschenbachs "Parzival" - Gawan und Feirefiz im Vergleich, München, GRIN Verlag GmbH
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