I
Gliederung
1. Einleitung 1
2. Sozialisation 2
2.1 Begriff 2
2.2. Ebenen und Phasen des Sozialisationsprozesses 3
2.2.1 Ebenen des Sozialisationsprozesses 3
2.2.2 Phasen des Sozialisationsprozesses 5
2.2.2.1 Primäre Sozialisation 5
2.2.2.2 Sekundäre Sozialisation 6
2.2.2.3 Tertiäre Sozialisation 6
2.3 Erklärungsmodelle der Sozialisation 6
2.3.1 Entwicklungspsychologisches Modell 6
2.3.2 Sozialisation als „Triebschicksal“ 7
2.3.3. Phasenmodell nach Erikson 8
2.4 Bindungstheorien 9
2.4.1 Bindungstheorie nach John Bowlby 10
2.4.2 Bindungstheorie nach Mary Ainsworth 12
3. Lebenslauf von Jürgen Bartsch 14
3.1 Geburt und Adoption 14
3.2 Die ersten fünf Jahre 14
3.3 Kindergarten / Schulzeit 15
3.4 Leben nach der Schule 15
3.5 Seine Taten 16
3.5.1 Unzuchtstaten zwischen 1960 und 1962 16
3.5.2 Morde zwischen 1962 und 1966 17
4 Analyse und Beurteilung des Sozialisationsprozesses von Jürgen Bartsch 17
4.1 Bindungsverhalten während der ersten elf Monate 18
4.2 Primäre Sozialisation in der Familie 19
II
4.3 Sekundäre Sozialisation in Kindergarten / Schulen / Heimen ............................. 20
4.4 Fazit ...................................................................................................................... 22
5 Schluss ................................................................................................................. 23
Literaturverzeichnis
Anhang
Anhang 1: Geburtsurkunde
Anhang 2: Augsburger Allgemeine vom 24. Juni 1966
Anhang 3: Augsburger Allgemeine vom 25. März 1971
1
1 Einleitung
Abb. 1: Augsburger Allgemeine vom 22. Juni 1966
Es war kaum fassbar, was hier geschrieben stand. Die Bevölkerung war erschüttert und schockiert.
Der 19jährige Metzgergeselle Jürgen Bartsch wurde am 21. Juni 1966 in der Wohnung seiner Adoptiveltern verhaftet. Ihm wurde zur Last gelegt, vier Buben im Alter von 8, 13, 12, und 11 Jahren sexuell missbraucht und danach bestialisch ermordet zu haben.
Bei seinen ersten Verhören offenbart er detailliert seine Morde, gibt zu Protokoll, dass es sein Begehr gewesen wäre, die Jungen bei lebendigem Leib zu zerschneiden, insbesondere den Bauch zu öffnen, um durch das Zwerchfell das noch schlagende Herz zu sehen.
In Deutschland sorgte kein anderer Prozess, der im November 1967 begann, für soviel Aufsehen wie der gegen den „Kirmesmörder“. Selbst die Verfahren gegen die ehemaligen Schergen des NS-Regimes, die Jahre zuvor selbst noch jede erdenkliche Untat begangen hatten, fanden weitaus weniger Beachtung.
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Vermutungen gehen dahin, dass die damalige Empörung über die Morde mit den Verdrängungsmechanismen der Nachkriegszeit zusammenhängen (Eistermann 2004).
Worin liegen die Ursachen, die Jürgen Bartsch dazu geführt haben, solche Verbrechen zu begehen? Häufig wird ein solches Verhalten mit fehlender, falscher oder schlechter Erziehung in Zusammenhang gebracht. Auch das Vorliegen eines Sozialisationsdefizits wird als Ursache in Erwägung gezogen (Münzel 2002, S. 1).
War Jürgen Bartsch selbst ein Opfer defizitärer Sozialisation im Kindes- und Jugendalter und wurde er dadurch zu seinen Taten getrieben oder war er auf-grund seiner hohen Intelligenz voll verantwortlich für seine Taten? Die Antwort darauf wird wohl nie gänzlich beantwortet werden können. Man kann nur versuchen, die Fakten zu rekonstruieren, um sich dadurch ein gewisses Abbild von der Wirklichkeit zu verschaffen.
In dieser Hausarbeit soll daher untersucht werden, welche sozialisatorischen Faktoren auf das Handeln des Jürgen Bartsch Einfluss genommen hatten. Es sollen Tatsachen herausgestellt und untersucht werden, jedoch keine Entschuldigungen gesucht werden. Noch weniger geht es darum, Verständnis oder Rechtsfertigungsgründe für seine Taten zu finden.
Sozialisation 2
2.1 Begriff
Sozialisation ist ein zentraler Begriff der Sozial- und Erziehungswissenschaften. Dieses Thema wurde in Deutschland Ende der 50er Jahre relevant. Mit diesem Begriff bezeichnet Émile Durkheim 1 (1973, zitiert nach Zimmermann 2003, S.10) den Vorgang der Vergesellschaftung des Menschen. Geulen und Hurrelmann (1982, zitiert nach Reif 2003 b , S. 1) definieren Sozialisation als „Prozess der Entstehung und Entwicklung der Persönlichkeit in wechselseitiger Abhängigkeit von der gesellschaftlich vermittelten sozialen
1 Durkheim, David-Émile; franz. Soziologe, *15.04.1858 (Epinal/Vosges) † 15.11.1917 (Paris)
3
und materiellen Umwelt. Vorrangig thematisch ist dabei die Frage, wie sich der Mensch zu einem gesellschaftlich handlungsfähigen Subjekt bildet.“
In dieser Definition sind Begriffe enthalten, die es zunächst nähe zu erläutern gilt:
• Persönlichkeit: „ist das spezifische Gefüge von Merkmalen, Eigenschaften Einstellungen und Handlungskompetenzen, das einen einzelnen Menschen kennzeichnet“ (Zimmermann 2003, S. 17).
• Entwicklung: beschreibt die ganzheitliche Veränderung eines Menschen. Eingeschlossen hierin sind Reifung, Lernen und Wachstum.
o Reifung: sind die endogenen genetisch gesteuerten Bereiche der Entwicklung
o Lernen: verschiedene komplexe Prozesse, die zur latenten Verhaltungsänderung durch Erfahrung führen (Häcker & Stapf 1998, S. 493).
o Wachstum: ist die Größen- und Massezunahme des Körpers.
Somit ist mit Sozialisation die Summe der gesellschaftlichen Einflüsse auf die Entwicklung und Veränderung der menschlichen Persönlichkeit gemeint. Zentraler Aspekt ist die Frage, wie sich aus dem Neugeborenen ein autonomer, gesellschaftlich handelnder Mensch entwickeln kann.
Die Struktur des Sozialisationsprozesses lässt sich auf verschiedene Weise darstellen, so z. B. in Ebenen und Phasen.
2.2 Ebenen und Phasen
Die Entwicklung der Persönlichkeit findet zwischen dem Subjekt und der Gesellschaft statt.
Hieraus ergibt sich die Strukturierung des Sozialisationsfeldes in Ebenen.
2.2.1 Ebenen des Sozialisationsprozesses
Durch Interaktion und Kommunikation vollzieht sich die Vermittlung zwischen der inneren und äußeren Wirklichkeit. In diesem Zusammenhang zeigt sich die äußere Realität (also die Gesellschaft) im Zuge der Sozialisation nicht in ihrer
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Gesamtheit, sondern sie wird immer nur „portionsweise“, in Teilwelten dargeboten.
Tillmann (1989, zitiert nach Zimmermann 2003, S. 18) unterscheidet in seinem „Strukturmodell von Sozialisationsbedingungen“ vier Ebenen:
Abb. 2: Strukturmodell von Sozialisationsbedingungen von Tillmann
Erläuterung (nach Zimmermann 2004, S. 18)
Auf der ersten Ebene geht es um die Entwicklung der Individuen, Erfahrungsmuster, Einstellungen, Wissen und emotionale Strukturen, also um die Persönlichkeitsmerkmale. Diese Merkmale entstehen über die Aneignung von Erfahrungen, Wissen usw. Diese Aneignung wiederum geschieht stets im Austausch mit anderen Menschen.
Deshalb wird die zweite Ebene als Interaktionen und Tätigkeiten bezeichnet. Interaktionen und Tätigkeiten umfassen die unmittelbare sozialisatorische Umwelt, die wiederum überwiegend in Institutionen wie Kindergarten und Schule eingebettet ist.
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Diese Institutionen bilden die dritte Ebene. Sie sind zum Teil ausschließlich zum Zweck der Sozialisation eingerichtet worden, d.h. Kinder und Jugendliche werden in ihnen auf die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben vorbereitet. All dies ist auf der vierten Ebene Teil eines gesamtgesellschaftlichen Systems. Hierdurch wird deutlich, wie Prozesse der Mikroebene (Subjekt) mit den Abläufen der Makroebene (Gesamtgesellschaft) verknüpft sind.
2.2.2 Phasen des Sozialisationsprozesses
Durch die Analyse des Gesellschaftsgefüges wurde der Sozialisationsprozess in Ebenen unterteilt.
Sozialisation ist ein lebenslanger Prozess. Daher kann aus der Betrachtung des Lebenslaufes und -alters die Einteilung in Phasen vorgenommen werden. Zunächst erfolgt eine Differenzierung des Sozialisationsverlaufes in
• primäre Sozialisation
• sekundäre Sozialisation
• tertiäre Sozialisation.
2.2.2.1 Primäre Sozialisation
Die primäre Sozialisation (auch: frühkindliche Sozialisation) findet überwiegend in der Familie statt. Sie dauert von der Geburt bis etwa zum Schuleintritt. Der Austausch mit den ersten Bezugspersonen (wie Mutter, Pfleger, Erzieherin) ermöglicht die Entstehung und Aneignung erster Sozialkompetenzen. Es werden grundlegende Persönlichkeitsmerkmale, Sprach- und Handlungskapazitäten herausgebildet. Das Kind entwickelt motorische sowie kognitive Fähigkeiten (Laufen, Sprechen, räumliche Orientierung) und lernt, Unterscheidungen zu treffen und sinnvoll zu kommunizieren.
Instanzen dieser Phase sind vorwiegend Mutter und Vater, wobei die Mutter mehr die pflegerischen Aufgaben erledigt, während der Vater überwiegend spielerisch mit dem Kind umgeht.
Im größeren Familienverband (Mehr-Generationen-Haushalt) können als Instanzen noch die Großeltern und zum Teil auch Geschwister hinzukommen. Fehlt im Haushalt ein Elternteil, so müssen bestimmte Aufgaben durch andere Personen wie Tagesmutter wahrgenommen werden.
Arbeit zitieren:
DiplVerwaltungsWirt (FH) Helmut Dudla, 2005, Eine Untersuchung sozialisatorischer Einflussfaktoren im Fall des Jürgen Bartsch, München, GRIN Verlag GmbH
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