Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Eine soziologische Begriffsbestimmung der Scham 4
2.1 Abgrenzung des Begriffs 4
2.2 Körperliche Reaktionen der Scham 6
3 Eine erzieherische Perspektive:
Norbert Elias Zivilisationstheorie 7
3.1 Der Prozess der Zivilisation 7
3.2 Scham im Zivilisationsprozess 10
3.3 Resümee 11
4 Genetische Perspektiven 12
4.1 Hans Peter Duerrs Mythos vom Zivilisationsprozess 12
4.2 Georg Simmels Psychologie der Scham 14
4.2.1 Anlässe von Schamgefühlen 14
4.2.2 Bedingungen der Entstehung von Scham 15
4.2.3 Resümee 16
4.3 Aktueller Forschungsstand der Humangenetik 16
5 Fazit 17
Literatur
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1 Einleitung
Scham- damit assoziiere ich ein durchweg unangenehmes Gefühl, aufsteigende Wärme in meinem Körper und ein knallrotes Gesicht. Das sind gute Gründe, um Situationen, die Scham auslösen könnten, stets von vornherein aus dem Weg zu gehen. Und da würden mir unendliche viele Möglichkeiten einfallen, „Scham ist allgegenwärtig“ (Kalbe 2002: 19). Und genau diese Mannigfaltigkeit dieser Emotion hat gerade in den letzen Jahren viele Autoren dazu bewegt, sich der Thematik intensiver zu widmen. Die Tendenz ist deswegen so auffällig, da die Scham als wissenschaftlicher Gegenstand viele Jahrzehnte lang so gut wie unbeachtet blieb. Ich bin im Rahmen des Seminars „Das Phänomen der Höflichkeit. Funktion und Soziogenese“, für welches diese Arbeit geschrieben wurde, auf die Besonderheiten des Schamgefühls aufmerksam geworden. Aufgrund der Begebenheiten konnte dieser Sachverhalt leider nur oberflächlich bearbeitet werden. Die für mich interessanteste Frage blieb dabei leider offen. Woher kommt Scham? Was ist ihre Ursache? Im Seminar wurden zwei Thesen kurz angesprochen und diskutiert. Zum einen ist da die Position Scham wäre angeboren. Andere behaupten, dass sie ein Resultat der Erziehung darstellt. Ist dieses Gefühl tief in uns Menschen verankert, sprich Bestandteil unserer Gene oder unvermeidbare Folge der Entwicklung des Höflichkeitsempfindens? Eine eindeutige und wissenschaftlich gültige Antwort auf diese Fragestellungen ist mir nicht bekannt. Im Kontext der Literaturrecherche zu dieser Arbeit bin ich auf ein aussagekräftiges Zitat gestoßen. Der Ausspruch „Je mehr ein Mensch sich schämt, desto anständiger ist er.“ von George Bernard Shaw aus seiner Komödie „Man and Superman“ von 1903 hat mich verstärkt zur Untersuchung dieser Problematik angeregt. Ist es wahr, dass sich ein Mensch umso öfter und intensiver schämt, je besser er erzogen ist? Das gilt meine Arbeit zu klären. Festzuhalten ist jedenfalls, dass sich kein anderes Wesen außer dem Menschen schämt. „Scham ist ein zentrales Merkmal, durch das sich der Mensch auszeichnet und das ihn von anderen Lebewesen unterscheidet.“ (Lietzmann 2003: 7)
Um nun die Frage beantworten zu können, ob das Schamgefühl angeboren oder anerzogen ist, habe ich meine Hausarbeit folgendermaßen gegliedert: Zu Anfang werde ich den Begriff der Scham mit seinen Funktionen näher definieren, gegenüber anderen Gefühlsbezeichnungen abgrenzen und deren körperliche Reaktionen beschreiben. Nun folgt die Perspektive des Soziologen Elias, welcher behauptet, dass die Scham eine Er- 3
ziehungsleistung darstellt. Im Anschluss beschäftige ich mich mit dem argumentativen Gegenpol, welcher von einer genetischen Ursache der Scham ausgeht. Dazu zählen insbesondere die Autoren Duerr und Simmel. Der medizinische Forschungsstand bildet den Abschluss meiner Arbeit, welcher schließlich ein zusammenfassendes Fazit zulässt.
2 Eine soziologische Begriffsbestimmung der Scham
Das Gefühl der Scham ist mit Zweifeln am eigenen Selbst und Empfindungen der Angst verbunden. Angst davor, die Achtung, Wertschätzung oder sogar die Liebe seiner Mitmenschen zu verlieren. Man fürchtet sich vor Missbilligung, negativen Beurteilungen Anderer, ja schließlich vor sozialer Degradierung. Menschen schämen sich dann, wenn sie bestimmte Moralvorstellungen oder soziale Normen, wie Sitten und Verbote, verletzen, die von dem Individuum als persönlich verbindlich internalisiert worden sind, so dass der Normbruch als defizitäre Verwirklichung des eigenen Ich-Ideals interpretiert werden kann (vgl. Neckel 1991: 104). „Zur Scham veranlasst der Normbruch immer dann, wenn er entweder fremde oder (…) eigene Erwartungen an das Verhalten enttäuscht und einem diese Enttäuschung von anderen oder/und einem selbst als ursächlich zugerechnet werden kann.“ (ebd.: 104/105) Das Individuum fühlt sich unter Umständen von seinem Umfeld abgelehnt, spürt anders zu sein. Dieses Gefühl kann sehr ernüchternd auf die betreffende Person wirken, womit Scham auch eine Art Schutzmechanismus in Bezug auf erneutes entwürdigendes Benehmen darstellt. Somit fungiert Scham als eine identitätsbildende und -fördernde Funktion, sowie als Sozialisationsfaktor. Man kann also annehmen, dass Scham individuelles Verhalten steuert, womit sie ebenso menschliches Zusammenleben reguliert.
2.1 Abgrenzung des Begriffs
Im Deutschen werden umgangssprachlich eine Vielzahl Synonyme für den Zustand der Beschämung verwendet. Die Gebräuchlichsten sind wohl Peinlichkeit, Verlegenheit, Schmach und Schüchternheit. Sie alle kann man nach dem Emotionsforscher Ekman als Mitglieder der Schamfamilie zuordnen.
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Peinlichkeitsgefühle kommen sehr häufig in sozialen Situationen vor. Peinlichkeit ist die Reaktion auf ein überraschendes Ereignis und „häufig eine korrekte, erwünschte soziale Reaktion, die Sympathie eintragen kann die - im Gegensatz zu Scham - als relativ harmlos eingestuft wird“ (Tiedemann 2007: 11). Hingegen ziehen Schamgefühle immer wieder länger andauernde Kränkung wie Ärger nach sich. In diesem Sinne haben Peinlichkeitsäußerungen in Folge unbeabsichtigter Fehlhandlungen die Bedeutung einer öffentlichen Entschuldigung. Andere Menschen begegnen uns in peinlichen Situationen eher mit Mitgefühl, als mit Schadenfreude, weswegen sie oftmals von Humor, Spaß und Lachen begleitet werden. Zeigen Individuen keine Peinlichkeitsäußerungen, werden sie häufig als arrogant oder unmenschlich eingeschätzt. Auch die Reaktionen auf das aufkommende Schamgefühl können verschieden sein. Dazu zählen Entschuldigung, Rechtfertigung, Scherz, Ablenkung und sogar Flucht. Norbert Elias differenziert die Begriffe Scham und Peinlichkeit anders. Für ihn gilt Scham als ein innerer Prozess des Individuums, der nach Freuds Psychoanalyse einen Konflikt zwischen dem „ES“ und dem „ÜBER-ICH“ auslöst, welcher von der Angst sozialer Degradierung begleitet wird. Peinlichkeitsgefühle werden dagegen hervorgerufen, wenn man unangebrachtes Verhalten Anderer beobachtet.
Peinlichkeitsgefühlen verwandt ist die Verlegenheit. Lewis ist der Meinung, dass in der Zeit, bevor man sich einen Misserfolg selbst zuschreibt, man sich nicht schämt, sondern verlegen ist. Um das Gefühl der Verlegenheit zu verspüren, muss man sich lediglich darüber bewusst sein, dass auf einen Selbst gezeigt wird. Es wird durch mehrfaches Schauen bzw. Wegschauen, sowie dem Ausweichen von Blicken begleitet. „Charles Darwin hat 1872 erstmalig Schüchternheit definiert. Ihm zufolge müssen, um als schüchtern zu gelten, zwei Bedingungen gleichzeitig erfüllt sein: (1) eine Überempfindlichkeit hinsichtlich der Meinung anderer Personen und (2) die Anwesenheit nicht vertrauter Personen.“ (ebd.: 12) Schüchternheit wird häufig, besonders in der Emotionspsychologie, als Persönlichkeitsmerkmal angesehen. Des Öfteren wird sie in der Literatur als Mangel an sozialen Fähigkeiten und verminderten Selbstwertgefühl beschrieben und wirkt so in Interaktionen als Hemmung bzw. Ungeschicklichkeit. Schüchternheit drückt sich übrigens im Gegensatz zur Scham eher im Erbleichen statt dem Erröten aus. Letztlich zählt auch der Begriff der Schmach zur Familie der Scham. Ursprünglich bedeutete er Kleinheit und Geringfügigkeit. Heute wird er eher im Sinne von Ehrverlust und schwerer Kränkung gebraucht.
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„Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Schüchternheit, Scham und Peinlichkeit die Reflexionsfähigkeit, nämlich das Wissen darum, wie die eigene Person in der Außenperspektive wahrgenommen wird, voraussetzen.“ (ebd.: 13)
2.2 Körperliche Reaktionen der Scham
Scham manifestiert sich in einer Vielzahl an vegetativen Erscheinungen. Das Erröten, welches uns das Blut ins Gesicht treibt, ist wohl das bekannteste Phänomen. Gerade diese Reaktion kann das Gefühl des Schämens enorm intensivieren. Dem Gesicht wird im Gegensatz zu allen anderen Körperteilen die meiste Aufmerksamkeit zuteil. Schamesröte bedeutet noch mehr Augenmerk auf sich Selbst. Man schämt sich, dass man sich schämt. Neben dem Erröten gilt das Grinsen als typisches äußeres Zeichen für Schamgefühle, welches auch in Lachen übergehen kann. Ebenso zählen ein erhöhter Puls, Herzklopfen oder -rasen, Schwindelgefühle und Schweißausbrüche zu den möglichen Begleiterscheinungen des Schämens. Manche Menschen verspüren ein Kältegefühl oder werden aggressiv. Charakteristisch wiederum ist der Abbruch des Blickkontakts, welcher nur ein kurzes, ängstliches Hochblicken zulässt. Die Augen sind zur Seite gedreht und wandern von links nach rechts. Die Lider sind dabei gesenkt. Scham beeinflusst auch die Art zu Sprechen. Manchmal sprechen die Beschämten ganz laut, manchmal piepsig leise, Manche beginnen zu stottern. Zudem wird oft der Kloß im Hals geschildert. Ebenso ist die Körperhaltung des Menschen betroffen. So besteht eine Tendenz dazu, sich einzurollen, um so insgesamt kleiner zu wirken. Der Körper wirkt dann spannungslos. Die Gestik und der Gang sind meist gehemmt, Betroffene greifen sich auffallend oft an den Kopf oder in das Gesicht. Schamgefühle können also durch eine enorme Vielzahl an körperlichen Reaktionen begleitet werden. Es treten nicht bei allen Menschen die gleichen oder gleichviele Phänomene auf. Und derselbe Mensch hat auch nicht zwangsläufig in Folge einer Beschämung dieselben Erscheinungen. Schamgefühle sind äußerst individuell, was meine weitere Arbeit noch behandelt.
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Arbeit zitieren:
Sarah Trenkmann, 2010, Scham - angeboren oder anerzogen?, München, GRIN Verlag GmbH
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