Einleitung
Die vorliegenden Ausführungen untersuchen die wissenschaftstheoretische Kritik bzw. die wissenschaftstheoretisch anderweitig orientierte Position und Argumentation von Nancy Cartwright in Bezug auf die Konzeption der Einheit der Wissenschaft, wie sie im logischen Empirismus zu finden ist. Bevor Cartwrights Ausarbeitungen zu diesem Aspekt untersucht und diskutiert werden, ist es notwendig im Vorfeld andere Standpunkte aus wissenschaftstheoretischem Blick zu einer solchen Einheit, nämlich die des logischen Empirismus, einer Betrachtung zu unterziehen und anhand exemplarischer Beispiele aus dem Umfeld des Wiener Kreis oder auch der Berliner Gesellschaft für empirische Philosophie zu verdeutlichen, welche verschiedenen Ansätze und dazugehörenden Implikationen zur Einheit in der Wissenschaft in dieser wissenschaftstheoretischen Position ausgearbeitet bzw. angestrebt wurden. Dabei ist festzuhalten, dass der logische Empirismus kein „fertiges oder … der Vollendung fähiges systematisches Lehrgebäude“ sondern eine „Abfolge logisch-empiristischer Systementwürfe“ (Tuschling et al. 1983, 5) darstellt, von denen hier die Entwürfe, die in Bezug mit Einheit der Wissenschaft stehen, relevant sind. Im Anschluss darauf soll gezeigt werden warum und in welchem Ausmaß für Cartwright die Ansätze im logischen Empirismus zur Einheitswissenschaft nicht akzeptabel bzw. kritikwürdig oder irrelevant sind.
Dabei soll auch der allgemeine Standpunkt von Nancy Cartwirght in der
Wissenschaftsphilosophie, also auch der abseits des Einheitsdiskurses, eine Rolle spielen und in dieser Arbeit berücksichtigt sowie diskutiert werden; in diesem Zusammenhang wird auch die zentrale Relevanz der Physik als Wissenschaft und ihr Platz in der Debatte um (vor allem reduktionistische) wissenschaftliche Einheitskonzeptionen, sowie auch für den
wissenschaftsphilosophischen Standpunkt von Nancy Cartwright von Interesse sein. Basierend auf diesen Betrachtungen sollte es möglich sein, resümierend die Position Cartwrights, den wissenschaftstheoretischen Positionen und Einheitskonzeptionen des logischen Empirismus in
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gewissem Sinne gegenüberstehend, einer Evaluation bzw. Diskussion in Hinblick auf eventuelle Kritikpunkte auf den sich gegenüberstehenden Seiten zu unterziehen.
Zur Einheit der Wissenschaft im logischen Empirismus
Wirft man einen Blick auf die Geschichte, so ist der Gedanke von Einheit des Wissens bzw. das Streben nach einer solchen Einheit bereits weit vor der wissenschaftstheoretischen Position des logischen Empirismus (logischer Positivismus oder Neopositivismus), die wohl zu den einflussreichsten und wichtigsten des zwanzigsten Jahrhunderts gehört und ihre Wurzeln im Wiener Kreis in den frühen Zwanzigerjahren hat, zu finden. Bechtel und Hamilton (2007) geben dazu einen geschichtlichen Überblick, der bereits bei der Einteilung in theoretische, praktische und produktive Wissenschaften von Aristoteles beginnt, über die französischen Enzyklopädisten Mitte des siebzehnten Jahrhunderts, Lorenz Okens systematische Einheit Anfang des achtzehnten Jahrhunderts (Lehrbuch der Naturphilosophie), bis hin zu den hier besonders relevanten Ansätzen der späteren International Encyclopedia of Unified Science, die dem logischen Empirismus entwachsen ist; bei diesem letzteren Schritt ist vor allem wichtig, dass „Whereas Oken attempted to build unity in terms of conceptual (semantic) ideas, other approaches to systematizing knowledge appealed to logic (syntax) for the bridges between bodies of knowledge“ (Bechtel et al. 2007, 380), was mit dem Wiener Kreis Anfang der 1920er quasi die Geburtsstunde dessen, was heute als logischer Empirismus bezeichnet wird, markiert.
Dabei wurde das geschichtliche Fundament des logischen Empirismus bzw. der Begriff des Positivismus von August Comte und seiner Skepsis gegenüber vor allem der metaphysischen Philosophie und dem Fokus auf positives, also erfahr- und observierbares Wissen, bereits Anfang des neunzehnten Jahrhunderts gelegt. Eine weitere signifikante Einflussgröße ist, so betont Bechtel (et al. 2007, 380), auch der Positivismus bzw. radikale Empirismus von Ernst Mach, der sinnliche Erfahrung zur einzigen Wissensquelle und wissenschaftliche Gesetze in einem instrumentellen Sinn zur Beschreibung des sinnlich Erfahrbaren (und nichts Anderem) erklärt, und der von vielen
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Vertretern des logischen Empirismus, wenn auch hauptsächlich in seiner experimentellen Begründung von Wissen und nicht in seiner instrumentellen Radikalität, adaptiert wurde. Zum Terminus logischer Empirismus schreibt Bechtel:
“The adjective logical identifies the chief resource to which the logical positivists appealed in advancing beyond individual observations to generalized scientific claims. The logic to which they appealed was not traditional Aristotelian logic, but rather the modern mathematical logic developed in the late 19 th and early 20 th centuries by Frege, Peano, Russell, Whitehead, and others.” (Bechtel et al. 2007, 380)
Dass der Gedanke der Einheitswissenschaft bzw. die einheitswissenschaftliche Idee keine beliebige am Rande liegende Konsequenz, sondern eine fundamental zentrale Bedeutung im logischen Empirismus hat, zeigt Rainer Hegselmann (1992) in seiner Untersuchung der theoretischen Identität dieser Wissenschaftsposition. Sein Blick auf die Entstehung des logischen Empirismus gibt Aufschluss über diese zentrale Bedeutung. So fällt der Ursprung nicht ohne Grund in einen Abschnitt der Geschichte, in dem vor allem auf den naturwissenschaftlichen Gebieten wie der Physik oder der Mathematik enorme Fortschritte verzeichnet werden konnten und so sollte sich auch die Philosophie, nachdem die synthetischen Urteile Apriori der Kantischen Transzendentalphilosophie als gescheitert erklärt waren, nach den „in den Einzelwissenschaften wirkenden Rationalitätsprinzipien richten“. Daraus ergeben sich, wie Hegselmann (1992, 8-9) ausführt zwei wichtige Theoreme des logischen Empirismus: Das Basistheorem (Erkenntnis nur durch Erfahrung) sowie das Sinntheorem (Unterscheidung zwischen sinnvollen und Scheinsätzen; wahr oder falsch können nur analytische empirische Sätze sein).
Als Konsequenz richtet man sich also gezielt kritisch gegen die traditionelle Metaphysik, deren Überwindung zum einen, zum anderen aber auch das Anstreben einer Einheitswissenschaft zu den Folgen gehören. Zu dieser Wende der Philosophie, in der vor allem der Wiener Kreis um Vertreter wie Carnap, Neurath oder Hahn eine zentrale Position einnimmt, schreibt Oliver Feldmann (1983, 13) etwa, dass „Die bisherige Philosophie, zu deren Revolution der Wiener Kreis angetreten ist, … sich diesem als ein ‚Chaos der Systeme‘“ darstellt. „Eine Philosophie, die aus
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diesem ‚unfruchtbaren Streit der Systeme‘ herauskommen und zu aufweisbaren Resultaten gelangen will, muss sich in den Dienst der Wissenschaft stellen und von dem ‚ewigen Kampf … gegen den Fortschritt der Wissenschaft‘ ablassen“. Dieses Chaos und eine deshalb wünschenswerte Einheit bezieht sich vor allem auf Geisteswissenschaften auf der einen und Naturwissenschaften auf der anderen Seite; so betrifft der Begriff Einheitswissenschaft im Wiener Kreis vor allem die Legitimität der Gesamtheit der Sätze unter dem Gesichtspunkt des Basis- und Sinntheorems. Vertreter wie Carnap und Neurath favorisierten dabei zur Lösung dieses Problems die physikalistische Sprache, deren Vokabular in den Wissenschaften einheitlich zur Anwendung kommen sollte. Dabei ist es wichtig zu verstehen, dass diese Form von Einheit sich hauptsächlich auf die Sprache bezieht, aber noch kein direkt reduktionistischer Ansatz im nomologischen Sinne an sich ist.
„Das Programm der physikalistischen Einheitswissenschaft besagt also nicht, daß die Gesetze aller Wissenschaften auf die Gesetze der Physik zurückgeführt werden könnten, sondern leidiglich, dass die Sätze aller Wissenschaften in einer bestimmten Sprache ausgedrückt werden sollten.“ (Hegselmann 1992, 12)
Die Physik spielt allerdings, und das wird bei der späteren Betrachtung von Cartwrights Ausführungen wichtig sein, eine ganz zentrale Rolle in der Einheitskonzeption des Wiener Kreises. Diesen speziellen Status der physikalischen Sprache legte man dem Aufbau der Einheitswissenschaft zugrunde und so wurde versucht in ersten Anwendungen eine „Physikalisierung“ der Soziologie und Psychologie vorzunehmen. Zur Stützung dieser angenommenen Sonderstellung gibt es, laut Tuschling (1983, 82), zwei Formulierungen: Zum Ersten in „inhaltlicher Redeweise“ ausgedrückt, die besagt „es gebe nur eine Art von Objekten, nur eine Art von Sachverhalten, nämlich die physikalischen“, zum Zweiten die korrekte „formale Redeweise“, nach der die physikalische die einzigen Universalsprache sei, in die jeder Satz übersetzbar ist, oder, um es mit den Worten von Carnap (1934, 93) selbst auszudrücken: „All statements whether of the protocol, or of the scientific system … can be translated into the phyisical
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language. The physical language is therefore a universal language and, since no other is known, the language of all science“. Wissenschaftshistorisch sei der Physik, so wurde in diesem Zusammenhang angenommen, dank ihrer exakten Resultate und Methoden eine unumstrittene Vorrangstellung einzuräumen und so wurde mit dieser universellen Auffassung der physikalischen Sprache etwa versucht die Biologie auf Physik zurückzuführen oder etwa auch die Psychologie in die physikalische Sprache zu übersetzen, was auf eine behavioristische Auffassung hinläuft (Tuschling et al. 1983, 83-84). Rötzer (2003, 91-92) fasst das Postulat des Wiener Kreises in knapper Form wie folgt zusammen:
„Begriffe jeder beliebigen Einzelwissenschaft - unter Ausschluss der Metaphysik[seien] von der Mathematik bis zur Sozialwissenschaft ohne Verlust ihrer Aussagekraft und Eigenständigkeit in das Begriffssystem einer Basiswissenschaft zu übersetzen … Als Basiswissenschaft sollte die Physik dienen. Mit Hilfe ihres Begriffssystems, das die Reduktionsebene darstellte, ließ sich die Einheitswissenschaft bzw. Gesamtwissenschaft erstellen. Ausgangspunkt war die Annahme, dass sämtliche materielle Gegebenheiten sich nur in quantitativer und nicht in qualitativer Hinsicht unterscheiden. Als Gegenstand der Wissenschaft wurden nur materielle Gegenstände anerkannt.“
Im Weiteren soll an dieser Stelle, nachdem das wissenschaftstheoretische Einheitskonzept im Wiener Kreis grob umrissen wurde, eine Konzeption von Einheit gezeigt werden, wie sie bei Paul Oppenheim und Hillary Putnam in ihrer Arbeit Einheit der Wissenschaft als Arbeitshypothese von 1958 gezeichnet wird, und die einen noch direkteren und reduktionistischeren Bezug zur Physik im nomologischen Sinn herstellt. Oppenheim war deutscher Chemiker und Philosoph und stand vor allem mit der Berliner Gesellschaft für empirische Philosophie (oder Berlin Circle) in Verbindung, die wie der Wiener Kreis im Zeichen des logischen Empirismus und dessen Ausbreitung in den Zwanzigerjahren steht. Sein wohl prominentestes Werk ist das zusammen mit Carl Gustav Hempel vorgeschlagene deduktiv-nomologische (kurz D-N Modell) Erklärungsmodell, welches besagt dass, um es möglichst knapp auszudrücken, jedem observierten Phänomen ein experimentelles (observiertes) oder theoretisches (mit abstrakten Entitäten wie Kraft oder Masse wie beispielsweise in der klassischen Mechanik) Gesetz zugrunde liegen müsse, dessen Erklärungskraft zu neuen
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Aussagen und Vorhersagen dient. So formulieren Oppenheim und Hempel (1984, 136) selbst etwa, dass „the question ‚Why does the phenomenon happen?‘ is construed as meaning ‘according to what general laws, and by virtue of what antecedent conditions does the phenomenon occur?’”. Bechtel (2007, 384) formuliert die Konsequenz dieses Models für den Logischen Empirismus etwa so:
“To account for the relations between the laws or theories of different sciences, the logical empiricists proposed simply generalizing this account, and argued that it should be possible to derive the laws or theories of one discipline or science from those of another.”
Zusammen mit Hilary Putnam versucht Oppenheim dem Konzept Einheit der Wissenschaft schärfere Definition zu verleihen und „zu untersuchen, in welchem Ausmaß diese Einheit erreicht werden kann“ (Oppenheim et al. 1958, 339). Dabei werden drei Arten von Einheit nach ihrem Stärkegrad unterschieden: Einheit im schwächsten Sinne impliziert dabei die Verwendung von Termen einer Basiswissenschaft (der Physik beispielsweise) in allen Wissenschaften, eine Einheit im sprachlichen Sinne also; eine Einheit in stärkerem Sinne (die eine einheitliche Sprache einschließt) wird als, und das ist ein zentraler Punkt, Einheit der Gesetze definiert. Die dritte und stärkste Konzeption von Einheit würde nicht nur alle Gesetze auf jene einer Disziplin reduzieren, sondern die Gesetze dieser Disziplin zusätzlich vereinheitlichen und verbinden; diese dritte Form wird allerdings ausgeschlossen und nicht näher präzisiert.
So bedeutet Einheit für Oppenheim (et al. 1958, 340) in dieser Annäherung in einem Sinne „Einheit des Vokabulars oder ‚Einheit der Sprache‘ und Einheit der Erklärungsprinzipien oder ‚Einheit der Gesetze‘“ und im weiteren Sinne eine „Tendenz in der wissenschaftlichen Forschung, ob oder ob nicht je die Einheitswissenschaft verwirklicht wird … ungeachtet des gleichzeitigen Vorhandenseins … unvereinbarer Tendenzen“. Dabei ist es Oppenheim wichtig, dass diese Definition von anderen Assoziationen erkenntnistheoretischer Natur wie Einheit der Methode oder radikale Reduktionstheorie, die mit Einheit der Wissenschaft in Verbindung stehen, unterschieden
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werden. Um das etwas komplexe hier ausgearbeitete System zu versehen, ist es notwendig die Unterscheidung von Reduktion und, wie es im Text genannt wird, Mikroreduktion festzuhalten. Dabei impliziert eine Reduktion einer Theorie T2 auf eine Theorie T1 folgende Bedingungen: Die Sprache von T2 enthält Terme, die in der Sprache von T1 nicht enthalten sind, Beobachtungsdaten von T2 sind auch durch T1 erklärbar und T1 mindestens genauso gut systematisiert wie T2 ist. Eine Mikroreduktion wird, in Bezug auf Teilwissenschaften B1 und B2, wie folgt definiert:
„B2 ist auf B1 reduziert; die Objekte des Grundbereiches von B2 sind Ganze, die eine Zerlegung in echte Teile besitzen, welche alle dem Grundbereich von B1 angehören … ebenso zielt die Mikroreduktion von B2 auf B1 auf Einheit der Gesetze ab, denn sie ‚reduziert‘ die Gesamtzahl der wissenschaftlichen Gesetze durch die Möglichkeit, im Prinzip auf die Gesetze von B2 zu verzichten und die einschlägigen Beobachtungen mit Hilfe von B1 zu erklären.“ (Oppenheim et al. 1958, 341-342)
Für Oppenheim ist allerdings, wegen der Tatsache dass diese behandelten Grundbereiche in beiden Wissenschaften (B1 und B2) vorkommen müssen bzw. in bestimmter Relation stehen müssen (so ist beispielsweise Anzunehmen, dass sich Psychologie auf Physik reduzieren lässt, der umgekehrte Weg aber nicht möglich ist, sich das Verhalten nichtorganischer Materie also nicht mit Gesetzen der Psychologie erklären lassen), die Mikroreduktion die einzige Methode um zur Einheitswissenschaft zu gelangen.
Im Weiteren legt Oppenheim verschiedene Reduktionsstufen fest um sein theoretisches Modell weiter auszubauen. Dabei gelten als Grundvoraussetzungen etwa, dass es eine endliche Anzahl an Stufen und eine einzige niedrigste Stufe - in diesem Fall die Elementarteilchen - gibt, sowie dass die Auswahl der Stufen „natürlich“ ist und wissenschaftlich empirisch gerechtfertigt werden kann (auf der obersten Stufe stehen soziale Gruppen, gefolgt von lebenden Dingen, Zellen, Molekülen usw.), die Reduktion auf eine darunterliegende Stufe also das ist „was wissenschaftlich gesprochen ein entscheidender Schritt in Richtung auf umfassende physikalistische Reduktion ist“ (Oppenheim et al. 1958, 345). Hierbei muss klar sein, dass sich Oppenheim der sich ergebenden Problematiken durchaus bewusst ist und anführt, dass eine Erklärung von Phänomenen wie sie
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beispielsweise in der Psychologie vorkommen direkt mit Hilfe von physikalischen Gesetzen auf Ebene der Atome, mit Überspringen der dazwischenliegenden Stufen also, nicht sinnvoll ist, was allerdings nichts an dem Glauben an eine theoretische Möglichgeit dieses Vorhabens ändert. Oppenheim betont, bei dem Beispiel der Psychologie bleibend, dass es nicht absurd ist anzunehmen, psychologische Phänomene seien auf Verhalten von Neuronen, einzelnen Zellen, biochemischen Aktivitäten und Aufbau von Molekülen, Zellen und letztendlich auf elementare Atomphysik zurückzuführen; ist diese Erklärung im Sinne der Gesetze der Atomphysik erfolgt, ist die Psychologie und das menschliche Verhalten letztendlich auf die Gesetze der Atomphysik reduziert worden.
Auch wenn Oppenheims Argumentationsstruktur an dieser Stelle nicht im Detail nachgezeichnet werden kann, wird sein theoretisches Vorhaben und die fundamentale Rolle der Physik (und der dort erforschten Gesetzmäßigkeiten darin), die vor allem in der folgenden Schilderung von Cartwrights Standpunkt wichtig ist, also seine Reduktions- und Einheitskonzeption im nomologischen Sinn, durchaus deutlich. So bemerkt Oppenheim abschließend, als Antwort an alle die Erreichbarkeit der Einheitswissenschaft für eine „Glaubensfrage“ halten, dass eine „vorläufige Annahme dieses Glaubens … als Arbeitshypothese gerechtfertigt ist, und das diese Hypothese glaubwürdig ist“ (Oppenheim et al. 1958, 361).
Nancy Cartwright zur Einheit der Wissenschaft
In ihrem Buch The Dappled World - A study of the boundaries of science von 1999 bezieht auch die Philosophin Nancy Cartwright Position - eine Position mit Prägung einer instrumentalistischen Wissenschaftsauffassung - im Diskurs um die Einheit in der Wissenschaft. So fassen bereits die ersten Zeilen ihres Buches mit den Sätzen „This book supposes that, as appearances suggest, we live in a dappled world, a world rich in different things, with different natures, behaving in different ways. The laws that describe this world are a patchwork, not a pyramid” (Cartwright 1999, 1) grob ihr Hauptanliegen zu dieser Thematik vereinfacht zusammen und stehen, und das ist zentraler
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Diskussionspunkt dieser Arbeit, im Widerspruch zu den wissenschaftlichen Einheitskonzeptionen des logischen Empirismus, wie sie im bisherigen Verlauf exemplarisch umrissen wurden. So ist für Catwright die Struktur der Gesetze, die unsere Welt beschreiben, keine abstrakt einheitliche in einem System von Theorien und Axiomen; sie ist vielmehr das, was wir aus dem uneinheitlichen und in Disziplinen unterteilten Auftreten der Wissenschaft kennen: „apportioned into disciplines, apparently arbitrarily grown up, gowerning different sets of properties at different levels of abstraction“ (Cartwright 1999, 1).
Zur Verteidigung ihres Standpunkts bezieht sie sich hauptsächlich auf die Physik und die Ökonomie als Disziplinen, an deren als oft universell angesehene Erklärungskraft (der Physik in der natürlichen und der Ökonomie in der sozialen Welt) sie durch Aufzeigen ihrer Fehlbarkeit Kritik richtet. In ihrem Bezug zur Physik führt sie deutlich an, dass beispielsweise die Quantenmechanik trotz ihres Erfolges in keinster Weise die klassische Mechanik ersetzt hat; vielmehr kommen beide entsprechend der Problemstellung und in den (sehr begrenzten) Gebieten in denen sie am besten „funktionieren“ zum Einsatz. Zudem hätten physikalische Gesetze sich außerhalb der im Labor exakt angepassten Bedingungen in den meisten Fällen als wenig präzise oder anwendbar erwiesen. Ebenso scharf kritisiert sie die Annahme ähnlich strenger Gesetzmäßigkeiten in der Ökonomie, wie es das Konzept des marginalen Nutzens (marginal utility) etwa von Karl Menger ist, das exakte Deduktive Implikationen annimmt, die aber nur unter speziellen Umständen, in exakter Form regelmäßig aber nicht in der empirischen Realität beobachtet werden können. So werden ökonomische Gesetzmäßigkeiten und Modelle etwa so lange angepasst und eingeschränkt, bis deduktive Schlüsse auf die empirische Realität möglich sind.
Der zentrale Punkt für Cartwright ist dabei, dass die Physik sowie die Ökonomie nur in stilisierten Modellen präzise Ergebnisse liefern kann (die Physik bedient sich dabei abstrakter Konzepte wie Masse oder Kraft deren Anwendung auf die Modelle begrenzt ist die sie mit der Realität verknüpfen; die Ökonomie hingegen findet ein breites Spektrum an Anwendungsbereichen in denen deduktive Schlüsse allerdings nur in stark angepassten Modellen gezogen werden können).
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Die hier wichtigen Hauptthesen die Cartwright in ihrer Arbeit folglich zu verteidigen versucht sind die Folgenden: Trotz der empirischen Erfolge theoretischer Modelle in der Physik, spricht dies nicht, und das ist zentral für ihr Argument, für die Universalität der dort festgehaltenen Gesetzmäßigkeiten (was nicht bedeutet, dass Cartwright an der grundsätzlichen Richtigkeit der Beobachtungen zweifelt); vielmehr, so schreibt sie, gilt dass „the laws of physics apply only where its models fit, and that, apparently, includes only a very limited range of circumstances“ (Cartwright 1999, 4). Ähnliches gilt für Gesetzmäßigkeiten in der Ökonomie. Weiters gelten solche Gesetze nur im Zusammenhang mit einer erfolgreichen wiederholten Ausführung dessen, was sie als „nomological machine“ bezeichnet und wie folgt definiert:
„It is a fixed (enough) arrangement of components, or factors, with stable (enough) capacities that in the right sort of stable (enough) environment will, with repeated operation, give rise to the kind of regular behavior that we represent in our scientific laws.” (Cartwright 1998, 2)
Ohne diese “nomological machine” kann es also, ohne auf diesen Begriff im Detail eingehen zu wollen, keine Regelmäßigkeiten bzw. systematischen oder vorhersehbaren wissenschaftlichen Ergebnisse geben. Zudem ist sie von einer Struktur, die einem System die Voraussetzung geben muss seine Gesetzmäßigkeiten (Cartwright spricht mehr von „capacities“ als von „laws“ im eigentlichen Sinne) wiederholt bzw. wiederholbar darzulegen - diese Voraussetzungen sind in der empirischen Realität allerdings äußerst rar.
Disziplinen der Wissenschaft existieren also in keinerlei Hierarchie, in der Physik an oberster Position allem zugrunde liegt und alle darunterliegenden Disziplinen auf sie reduzierbar sind. Vielmehr existieren bzw. koexistieren alle Teilbereiche der Wissenschaft nebeneinander, sind alle in ihrer Anwendung und Bestätigung mit derselben materiellen Welt verknüpft, teilen die selbe Sprache die Ereignisse in Raum und Zeit beschreiben, haben ansonsten aber keinerlei gemeinsames definierbares System deduktiv nomologischer Art und keine fixen Beziehungen untereinander; Grenzen zwischen den Teilbereichen sind flexibel und entsprechend den zu lösenden
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Problemstellungen können sie beliebig kooperieren. Der Punkt dabei ist, um es in Cartwright’s (1999, 10) Worten auszudrücken, dass „the claims to knowledge we can defend by our impressive scientific successes do not argue for a unified world of universal order, but rather for a dappled world of mottled objects.”
Das Problem, das sich aus einer einheitlichen und universellen wissenschaftstheoretischen Anschauung ergibt, ist dabei laut Cartwright nicht etwa die bloße Tatsache an eventuell „falsche“ Gegebenheiten zu glauben, sondern vielmehr die sich daraus ergebende, eventuell fehlleitende Methodologie um die Welt zu begreifen, zu beschreiben und sie zu ändern. Als Beispiel für Fehlerhaftigkeit von solcher Methodologie, beschreibt sie wieder die Ökonomie, die Daten der empirischen Marktanalysen nutzt um Theorien zu verfeinern, kaum aber Daten auswertet, die etwa von Wissenschaften wie der Psychologie bereitgestellt werden könnten. In der Physik ist es die Stringtheorie, die für einige den Anspruch einer „theory for everything“ erhebt; nach Cartwright kann aber auch sie nur in dem speziell vorgesehenen Setting funktionieren und man ist weit davon entfernt von Gesetzen die in dieser Ebene der kleinsten Teilchen geltend gemacht werden das Universum zu erklären bzw. ihre Relevanz in anderen Wissenschaften und der Gesellschaft (außerhalb ihres Bereiches) im Allgemeinen sehr gering ist.
Ein weiteres wichtiges Problem dabei ist, und das ist wohl der instrumentalistische Ansatz bei Cartwright, dass Theorien wie die Stringtheorie und andere Versuche in Richtung Vereinheitlichung der Wissenschaften auf der Suche nach der einen „alles erklärenden“ Theorie enorme Ressourcen verschlingen, die an anderen Orten (Orten, die sich mit konkreteren „real world problems“ befassen) fehlen. So plädiert Cartwright gegen den, wie sie es nennt, „Fundamentalismus“ der daran glaubt für alle Phänomene gäbe es eine zugrundeliegende allumfassende Theorie und unterstreicht, dass der Erfolg einer Theorie in ihrem Bereich zwar für die Annahme ihrer Richtigkeit in der vorgegebenen Problemstellung, in keinster Weise aber für die Annahme ihrer Universalität ausreicht. So bringt sie ihr Hauptanliegen mit dem Satz „My own research … is concerned … with how to get the most out of our scientific knowledge as a whole,
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How do we best put together different levels and different levels and different kinds of knowledge from different fields to solve real world problems…” (Cartwright 1998, 18) diesbezüglich auf den Nenner.
Konklusion
Nachdem die Konzeptionen der Einheit in der Wissenschaft im logischen Empirismus sowie bei Nancy Cartwright nachgezeichnet wurden, sollte der Kontrast zwischen den beiden Positionen deutlich geworden sein. Abgesehen von anderen Punkten, die beispielsweise das Einheitsvorhaben des Wiener Kreises zum Scheitern brachten (die Problematik der Protokollsätze etwa, wie Feldman (1938, 88) sie festhält; jede Aussage der Wissenschaft sollte sich auf eine Aussage über das Gegebene zurückführen lassen, wobei es kaum Übereinstimmung darüber gab was dieses Gegebene sei) gibt Cartwright durchaus schlagkräftige Argumente, die ein wissenschaftstheoretisches Einheitsstreben auf nomologischer Ebene ad absurdum führen. Diese starke Skepsis gegenüber universeller Allgemeingültigkeit physikalisch-theoretischer Gesetze, die Form von Anti-Realismus (welche sie später mit dem Begriff Anti-Fundamentalismus formuliert) findet sich bereits in ihrem Buch How the laws of physics lie von 1983 in dem sie schreibt:
“In modern physics, and I think in other exact sciences as well, phenomenological laws are meant to describe, and they often succeed reasonably well. But fundamental equations are meant to explain, and paradoxically enough the cost of explanatory power is descriptive adequacy. Really powerful explanatory laws of the sort found in theoretical physics do not state the truth.” (Cartwright 1983,3)
Es ist wichtig zu verstehen, dass Cartwritght keinen “unwissenschaftlichen” Standpunkt vertritt, sondern ganz im Gegenteil, sie ihre “scientific attitude” ständig unterstreicht, und nicht die Gültigkeit und Erklärungskraft der Gesetzmäßigkeiten in ihrem jeweiligen Bereich an sich, sondern hauptsächlich deren angenommene und oft unterstellte Universalität, die zu methodologischen Fehlkonstrukten führen kann, anzweifelt. Ihr Beispiel der Tausend Dollar Banknote, deren exakter Landepunkt bei freiem Flug von einem beliebigen hohen Punkt in freier Natur von der klassischen
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Mechanik nicht exakt berechnet werden kann, spricht dabei, so meine ich, nicht grundsätzlich für ein nicht Gelten der Kräfte auf diesen Geldschein (im Sinne das außerhalb des Labors keine Gesetzmäßigkeiten der Physik gelten bzw. wirksam sein können), sondern zeigt nur die Grenze der Anwendbarkeit dieses theoretischen Gebildes und einen Verweis in die Schranken seines Anwendungsbereichs.
Verblüffend an diesem Argument ist allerdings, dass ein fundamentaler Glaube an Universalität bzw. an universelle Gültigkeit physikalischer Gesetzmäßigkeiten nicht notwendigerweise im Widerspruch mit Cartwright’s „patchwork of laws“ und Auffassung der „dappled world“ stehen muss. So schreibt Manfred Stöckler (1998, 37) etwa:
“I do not believe that good explanations always start with electrons and quarks. In a dappled world there is place for different points of view, for different levels of description, and for a variety of methodologies. We can accept all these pluralities even if we believe in the universality and unity of fundamental laws of physics. The metaphysical dream of the nomological unity of physics does not lead to a methodological imperialism of high energy physics.”
Diese bei Cartwright anscheinende Unvereinbarkeit von Universalität etwa physikalischer Gesetze mit einer pluralistischen Wissenschaftskonzeption scheint also nur bedingt gerechtfertigt zu sein bzw. muss man ihre epistemologische Auffassung nicht unbedingt teilen um der selben pluralistischen Auffassung von Wissenschaft zuzustimmen. Zudem verfolgt etwa die Elementarteilchenphysik nicht explizit und grundsätzlich ein reduktionistisches
Wissenschaftsprogramm. So liest man bei Hartmann (1997, 378-379) zu dieser Frage etwa, „daß es in der Elementarteilchenphysik in jüngster Zeit neben dem bekannten reduktionistischen Programm auch ein antireduktionistisch orientiertes gibt. Durch die neue Sichtweise der Renormierung konnte ein derartiges Vorgehen theoretisch gestützt werden … All dies lässt schließlich ein pluralistisches Verwenden beider Methoden als vernünftig erscheinen“.
Was allerdings Cartwrights stärkstes Argument zu sein scheint, ist die Gefahr dass der fundamentale Glaube an Universalität bestimmter Gesetzmäßigkeiten Gefahr läuft zu schlechten
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und sich selbst überschätzenden methodologischen Konzepten zu führen. Dieses Problem ist allerdings nicht generell ein nomologisch einheitliches, sondern wohl auch ein stark epistemologisches. Eine Formulierung, die an dieser Stelle als abschließender Gedanke angebracht werden soll, ist die der „epistemic arrogance“ bei Taleb (2007, 308) die er als „measure of the difference between what someone actually knows and how much he thinks he knows“ definiert und die in seinen Schilderungen vor allem in der Ökonomie für verhärende Folgen (das Scheitern prognostizierender Theoriemodelle vor allem im Finanzsektor sollte bekannt sein) sorgt. So sollte es keinen plausiblen Grund für den kompromisslosen Verwurf der Idee der theoretischen Möglichkeit einer nomologischen Einheit in der Wissenschaft sowie gegen ein sinnvolles Koexistieren der Selbigen neben pluralistischen Wissenschaftsauffassungen geben, solange sich die praktisch angewandte bzw. umgesetzte Wissenschaft in den Problemen die sie sich stellt, der möglichen Fehlbarkeit, Erweiter- und Erneuerbarkeit und nicht uneingeschränkten Universalität, Aussage- und Erklärungskraft sowie Anwendbarkeit gewisser Gesetzmäßigkeiten in bestimmten Problemfällen bewusst ist.
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Simon Plaickner, 2010, Nancy Cartwright zur Einheitswissenschaft, München, GRIN Verlag GmbH
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