Die Fragestellung, ob die Prinzipien humanitärer Hilfe aufgrund veränderter Rahmenbedingungen in denen diese heute geleistet wird, diesen Bedingungen angepasst werden sollte, bestimmt seit Jahren die Diskussion im Feld der humanitären Hilfe und soll aufgrund ihrer Aktualität in dieser Arbeit wie folgt thematisiert werden: Haben sich die Prinzipien humanitärer Hilfe angesichts des Phänomens der „neuen Kriege“ verändert? Und falls dem so ist, welche Prinzipien verfolgen humanitäre NGOs in solch komplexen humanitären Notlagen?
Um diese Leitfrage beantworten zu können, wird zunächst die klassische Form humanitärer Hilfe dargestellt, um im zweiten Abschnitt dieser Arbeit drei Typen humanitärer Hilfe darzustellen, deren Prinzipien als Reaktion auf die Herausforderungen der „neuen Kriege“ entstanden sind und sich von den klassischen Prinzipien unterscheiden. Zuvor werden die Dilemmata beschrieben, die sich die humanitäre Hilfe angesichts der „neuen Kriege“ zu stellen hat. Die „neuen Kriege“ werden in diesem Zusammenhang als der wichtigste Grund angeführt, der zu einer Veränderung der klassischen Prinzipien humanitärer Hilfe geführt hat. Da die Entstehungsgründe und Ursachen der „neuen Kriege“ für das Erkenntnisinteresse der vorliegenden Arbeit aus Sicht des Autors keine zwingende Relevanz aufweisen, werden sie ausschließlich als inhaltliche Ergänzung im Anhang der vorliegenden Arbeit thematisiert. Im letzten Abschnitt dieser Arbeit werden die idealtypisch formulierten Theorieansätze, die eine von der klassischen divergierende Form humanitärer Hilfe beschreiben, an der Wirklichkeit überprüft, um eine kritische Reaktion der behandelten Literatur zu gewährleisten und um die Leitfrage der vorliegenden Arbeit in einer reflektierten und möglichst realitätsnahen Weise beantworten zu können.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Erkenntnisinteresse und Fragestellung
1.2. Aufbau der Arbeit
2. Wer leistet gegenwärtig humanitäre Hilfe?
3. Die klassische humanitäre Hilfe
3.1. Weite Definition
3.2. Enge Definition
4. Neue Kriege
4.1. Dilemmata für die humanitäre Hilfe
4.1.1. Dilemma 1: Personelle und materielle Unterstützung der lokalen Machthaber
4.1.2. Dilemma 2: Verleihung von Legitimität an die Konfliktparteien
4.1.3. Dilemma 3: Strategischer Schutz
4.1.4. Dilemma 4: Eine ungleiche Versorgung der Bevölkerung
4.1.5. Dilemma 5: Negative Effekte in Bezug auf die Herausbildung einer Zivilgesellschaft
4.1.6. Dilemma 6: Kurzfristigkeit humanitärer Hilfe
5. Erstes Zwischenfazit
6. Die veränderten Prinzipien
6.1. Do no harm
6.2. Comprehensive Peace Building
6.3. Back A Decent Winner
7. Zweites Zwischenfazit
8. Ausgewählte humanitäre Operationen
8.1. LCPP
8.2. Kosovo Einsatz
8.3. OLS
9. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, ob sich die Prinzipien der humanitären Hilfe angesichts des Phänomens der „neuen Kriege“ gewandelt haben und welche neuen Handlungsansätze NGOs in komplexen humanitären Notlagen verfolgen.
- Analyse des Wandels humanitärer Prinzipien durch komplexe Notlagen.
- Untersuchung von Dilemmata humanitärer Akteure in „neuen Kriegen“.
- Darstellung zeitgenössischer Ansätze wie „Do no harm“, „Comprehensive Peace Building“ und „Back a decent winner“.
- Empirische Betrachtung anhand der Operationen LCPP, Kosovo und OLS.
Auszug aus dem Buch
4.1.1. Dilemma 1: Personelle und materielle Unterstützung der lokalen Machthaber
Wird Hilfe nach dem Prinzip der Unterschiedslosigkeit bzw. Bedingungslosigkeit geleistet, ist ihre Folge, dass auch Soldaten bzw. Kombattanten der kriegsführenden Partei wieder in die Lage versetzt werden zu kämpfen, indem sie mit Lebensmitteln, Medikamenten und sonstigen Hilfeleistungen versorgt werden (vgl. de Waal/Omaar 1996: S. 214) und der Krieg dadurch fortgeführt werden kann (vgl. Schade 2007: S.184). Weiterhin werden Flüchtlingslager, die von den humanitären NGOs aufgebaut werden, in einigen Konflikten als „humanitäre Rückzugsgebiete“ (vgl. Jean/Rufin 1999), bzw. als Rekrutierungsgebiete für Soldaten genutzt (vgl. Gebauer 2002: S.54). Indem Hilfsorganisationen Fahrzeuge oder Gebäude von den kriegsführenden, lokalen Machthabern mieten und Personal einstellen, entstehen Einnahmequellen für die Kriegsparteien (vgl. de Waal/Omaar 1996: S.20). Humanitäre Hilfe kann also zur Finanzierung eines Kriegs missbraucht werden, wodurch ungewollt das Prinzip der Unparteilichkeit verletzt wird. Die humanitäre Hilfe wird vor allem in den neuen Kriegen häufig Teil der Kriegsökonomie, weil die Konfliktakteure oftmals über keine anderen Ressource verfügen, um ihre Kriegsanstrengungen zu refinanzieren (vgl. Götze 2004:S.212).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Fragestellung, ob sich humanitäre Prinzipien in „neuen Kriegen“ verändert haben, und Überblick über den Aufbau der Untersuchung.
2. Wer leistet gegenwärtig humanitäre Hilfe?: Beschreibung der Multiplikation und Diversifizierung der Akteure sowie der dezentralen Netzwerkstruktur in der aktuellen humanitären Hilfe.
3. Die klassische humanitäre Hilfe: Definition der klassischen humanitären Hilfe anhand einer weiten (humanitäres Erbe) und engen (universelles Menschenrecht) Sichtweise, inklusive der Kernprinzipien.
4. Neue Kriege: Analyse der „neuen Kriege“ als komplexe Notsituationen und Identifikation der daraus resultierenden Dilemmata für humanitäre NGOs.
5. Erstes Zwischenfazit: Reflektion der Dilemmata und der zunehmenden Schwierigkeit, klassische Prinzipien in komplexen politischen Kontexten aufrechtzuerhalten.
6. Die veränderten Prinzipien: Vorstellung der Ansätze „Do no harm“, „Comprehensive Peace Building“ und „Back a decent winner“ als Reaktionen auf die Krisensituationen.
7. Zweites Zwischenfazit: Zusammenfassende Einordnung der neuen Ansätze in eine kontinuierliche Anpassung bzw. Alternativen zum klassischen Humanitarismus.
8. Ausgewählte humanitäre Operationen: Überprüfung der theoretischen Ansätze anhand konkreter Praxisbeispiele (LCPP, Kosovo, OLS).
9. Fazit: Beantwortung der Leitfrage mit dem Ergebnis, dass sich humanitäre Hilfe durch die „neuen Kriege“ zu komplexeren und selbstreflektierteren Formen gewandelt hat.
Schlüsselwörter
Humanitäre Hilfe, NGOs, neue Kriege, Neutralität, Unparteilichkeit, Unabhängigkeit, Do no harm, Comprehensive Peace Building, Back a decent winner, Dilemmata, Kriegsökonomie, komplexer Humanitarismus, Kosovo, Sudan, Friedensförderung.
Häufig gestellte Fragen
Was ist das zentrale Thema der Arbeit?
Die Arbeit untersucht den Wandel der Prinzipien humanitärer Hilfe durch NGOs im Kontext der sogenannten „neuen Kriege“ und die damit verbundenen Herausforderungen.
Welche Themenfelder werden abgedeckt?
Es werden die klassische Definition humanitärer Hilfe, die spezifischen Dilemmata in modernen Konflikten sowie neue strategische Ansätze wie „Do no harm“ behandelt.
Welche Forschungsfrage steht im Mittelpunkt?
Die Autorin oder der Autor geht der Frage nach, ob sich die Prinzipien humanitärer Hilfe angesichts „neuer Kriege“ verändert haben und welche Prinzipien NGOs in solchen Notlagen tatsächlich verfolgen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine Literaturanalyse, die theoretische Konzepte mittels ausgewählter Fallbeispiele (Operationen) auf ihre Realitätsnähe prüft.
Was wird im Hauptteil detailliert diskutiert?
Der Hauptteil analysiert die Dilemmata humanitärer Hilfe, wie etwa die ungewollte Unterstützung von Konfliktparteien, und vergleicht klassische Ansätze mit neueren Konzepten.
Welche Keywords charakterisieren die Untersuchung?
Zentrale Begriffe sind Humanitäre Hilfe, NGOs, Neue Kriege, Neutralität, Dilemmata sowie verschiedene spezifische Strategieansätze zur Konfliktbewältigung.
Warum wird im Kosovo-Einsatz von einer politischen Instrumentalisierung gesprochen?
Weil die Arbeit zeigt, dass humanitäre NGOs dort zum Teil als Teil einer offiziellen Sicherheitspolitik fungierten und die Hilfe an politisches Wohlverhalten geknüpft war.
Wie definiert die Arbeit den „Back a decent winner“-Ansatz?
Dieser Ansatz basiert auf der Kooperation mit lokalen Autoritäten – auch wenn diese problematisch sind –, um strukturelle Stabilität in einer Region zu fördern.
Welche Rolle spielt das LCPP für den „Do no harm“-Ansatz?
Das LCPP (Local Capacities for Peace Project) dient als praktisches Instrument, um negative Effekte der Hilfe in Konfliktgebieten zu vermeiden und die Selbstreflexion zu fördern.
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- Marc Eric Hussmann (Author), 2010, Über die gegenwärtigen Formen der humanitären Hilfe von NGOs unter besonderer Berücksichtigung der „neuen Kriege“, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164517