Das Gottesbild im Wandel der Zeiten
Ist das Gottesbild des Mittelalters heute noch zeitgemäß?
© 2008 Wolfgang Baudisch
Letzter Stand des Textes:
07-Jan-2011
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Vorwort
Dieser kleine Essay behandelt vorwiegend das Gottesbild im christlichen Abendland
und geht nur marginal auf jenes in außereuropäischen Religionen ein. Im
abendländischen Kulturkreis hat die damals nur katholische Kirche bis zum Beginn
der Neuzeit, der etwa mit 1500 n.Chr. angesetzt wird, nicht nur die Religion, sondern
auch alle Wissenschaften dominiert und so ein geschlossenes Weltbild geprägt. Seit
der Zeit der großen Welt-Entdeckungen haben sich jedoch die sogenannten exakten
Naturwissenschaften unaufhaltsam weiter entwickelt, während die christlichen
Kirchen starr an den seit dem Mittelalter überlieferten Lehren und Dogmen
festgehalten haben. Die Wissenschaft hat beginnend mit Galileo Galilei immer mehr
Tatsachen entdeckt, die in diametralem Gegensatz zur kirchlichen Lehre gestanden
sind. Dadurch hat sich das Weltbild aufgespalten in ein theologisches Gottesbild und
ein davon gänzlich losgelöstes wissenschaftliches Weltbild, wobei beide Disziplinen
vermeintlich ohne Wechselwirkung zwischen einander ihre eigene Suche nach der
Wahrheit betrieben haben. Es soll nun versucht werden, ein neues Gottesbild, das
nicht mehr im Widerspruch zur wissenschaftlichen Erkenntnis steht, zu entwickeln, so
dass sich daraus zum ersten Mal wieder ein geschlossenes, die Metaphysik und die
Physik gleichermaßen umfassendes Weltbild ergeben könnte.
Dabei wird in breitem Ausmaß auf die Ergebnisse der neuesten philosophischen und
naturwissenschaftlichen Forschung zurückgegriffen. Besonders hervorzuheben ist
hierbei das enzyklopädische Werk ,,Gott und die Gesetze des Universums" von Kitty
Ferguson. Ihr möchte ich deshalb diesen Essay in tiefer Dankbarkeit und aller
Bescheidenheit zueignen.
Oberschleißheim bei München, 19.12.2010
Wolfgang
Baudisch
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Inhaltsverzeichnis
Geschichtlicher Rückblick ... 4
Gott als Schöpfer ... 8
Gott als Beschützer ... 11
Gott als Richter ... 13
Gott als Wundertäter ... 14
Der transzendente Gott ... 17
Das Gebet ... 21
Der Teufel ... 22
Literatur ... 24
Zahlen in Klammern verweisen auf das Literaturverzeichnis.
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Geschichtlicher Rückblick
Jede Zeit formt ihre eigene Gottesvorstellung auf Grund ihres vom Erleben und der
Wissenschaft geformten Weltbilds. Es ist nicht so, dass eine primäre
Gottesvorstellung oder gar eine Offenbarung Gottes die Grundlage für die Erfahrung
der Welt wäre, sondern erst die Erfahrung der Welt führt in jeder Kultur zu einer
speziellen, nur für diese Welterfahrung zutreffenden Gottesvorstellung.
Das Gottesbild ergibt sich aus der Transzendenz des Weltbilds. Gott ist das
Unfassbare, das über die bekannte Welt hinausreicht. Wenn sich das Weltbild eines
Naturvolkes auf die unmittelbare Umwelt und die eigene Sippe beschränkt, so
besteht die Gottesvorstellung aus den Geistern der Verstorbenen und den mächtigen
Naturgewalten oder Raubtieren. Umfasst das Weltbild nur den eigenen Staat, z. B.
im alten Ägypten, so ist Gott der regierende Herrscher, der Pharao. Das kann sogar
noch heute in Monarchien oder Diktaturen vorkommen. Das geozentrische Weltbild
der Antike und des Mittelalters hat auch zu einem geozentrischen Gottesbild geführt.
Der Gott des Mittelalters war ein persönlicher, in erster Linie am Wohlergehen des
Menschen interessierter Gott, der nicht für außerirdische Welten zuständig war. Gott
war auf das Innigste mit der Menschheit verbunden, ja er hat sogar in Jesus Christus
menschliche Gestalt angenommen.
Um 1600 begann dieses geozentrische Weltbild zu zerfallen. Giordano Bruno hat
bereits 1584 ein revolutionäres neues Weltbild als Hypothese postuliert. In seiner
Schrift "De l'Infinito, Universo e Mondi" (14) erklärte er die Sterne damit, dass sie
wie unsere Sonne seien, dass das Universum unendlich sei, es eine unendliche
Anzahl von Welten gebe und diese mit einer unendlichen Anzahl intelligenter
Lebewesen bevölkert seien. Dieses Weltbild und der in Widerspruch zur Kirchenlehre
stehende Pantheismus beruhte damals zum Teil auf naturwissenschaftlichen
Forschungen, insbesondere dem Werk "De Revolutionibus Orbium Coelestium"
(15), von Nikolaus Kopernikus geschrieben und erst 1543 in Nürnberg gedruckt,
das zu den Meilensteinen der Astronomie in der Neuzeit gehört, und zum Teil auf
rein philosophischen Überlegungen. Heute spricht man von der "Kopernikanischen
Wende" als dem Übergang vom geozentrischen zum heliozentrischen Weltbild.
Eine fundamentale Rolle spielte dabei Galileo Galilei, der dieses neue Weltbild zwar
nicht erfunden hatte, es aber als erster in der Form eines populär-wissenschaftlichen
Dialogs (16) einer breiten Öffentlichkeit verständlich machen wollte. Der Bann seiner
Lehren durch die katholische Kirche war aber gerade nicht, wie man heute vielfach
glaubt, ein Irrtum der Theologen, für den sie sich nachträglich entschuldigen
müssten, sondern die einzig richtige und logische Konsequenz, denn eine
naturwissenschaftliche Revolution dieser Art hätte nicht nur die Naturwissenschaft,
sondern das überlieferte Gottesbild in Frage gestellt und so eine theologische
Revolution von ungeahntem Ausmaß bewirkt. Vom Standpunkt der Theologie war es
daher richtig, mit allen Mitteln gegen das neue heliozentrische Weltbild vorzugehen
und zugleich am bisherigen Gottesbild fest zuhalten. Der naturwissenschaftliche
Umbau des Weltbilds führte aber mit Charles Darwin und Albert Einstein
schließlich zu unserem Bild eines relativistischen und evolutionären Universums, in
dem die Erde nur noch ein Nichts am Rande eines unendlich großen
expandierenden Universums und der Mensch nur noch eine zufällig in Jahrmillionen
entstandene Lebensform unter unendlich vielen möglichen außerirdischen
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Lebensformen ist, und nicht mehr als ihr Endziel im Zentrum der Schöpfung steht.
Titelseite aus dem Dialogo (16) von Galileo Galilei
Quelle:
Galileos Dialogue Title Page
2007-08-04 (first version); 2007-07-31 (last version)
URL: http://en.wikipedia.org/wiki/File:Galileos_Dialogue_Title_Page.png
Die Theologie hat diese Geistesentwicklung nicht mitgeprägt, sondern es
verabsäumt, das Gottesbild an die neuen Erkenntnisse anzupassen. Vielmehr hat sie
versucht, mit einer endgültigen Trennung von Theologie und Wissenschaft das
Lehrgebäude der Theologie unbeschädigt und weil es a priori den Anspruch auf
ewige Gültigkeit erhebt, weitestgehend unverändert seit dem frühen Mittelalter zu
erhalten.
Seit dem Zerfall des geozentrischen Weltbilds hat es verschiedene Ansätze für ein
geändertes Gottesbild gegeben, die allerdings nicht den Status einer neuen Religion
erreichen konnten und nicht in die bestehenden Religionen integriert wurden.
Deismus
Der Deismus der englischen Freidenker (Lord Henry Bolingbroke, Matthew Tindal,
Anthony Collins) beschränkt das Gottesbild auf die Rolle des Schöpfers, der aber
nicht mehr als oberster Richter oder Wundertäter in den Lauf der Welt eingreift. Der
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Deismus bekämpft zugleich jede kirchliche Autorität und Überlieferung.
Pantheismus
Der bereits auf Giordano Bruno zurückgehende Pantheismus sieht Gott als
allmächtig und unendlich, in allem Seienden innewohnend, weshalb auch das
Universum unendlich sein muss. Gott ist in der Welt im kleinsten Teil überall
enthalten, somit verliert Gott überhaupt seine Eigenständigkeit als Wesen. Wenn die
Materie aber zugleich göttlich ist, kann man noch einen Schritt weiter gehen und ihre
materielle Natur ganz in Frage stellen. In dieser extremen Form definiert der
Pantheist die Realität als Geistesprodukt des Individuum und leugnet die Existenz
der Materie.
Darüber hinaus gibt es noch mehrere Kombinationen und Varianten dieser neuen
Anschauungen.
Das Weltbild war bis ins 17. Jahrhundert, abgesehen von einzelnen abweichenden
Hypothesen und Vermutungen, das geozentrische Kugelschalenmodell von
Ptolemäus mit der Erde als Zentrum, die von 8 Sphären umgeben ist, auf deren
äußerster sich alle Fixsterne befinden und sich darüber der Himmel als der Ort
Gottes, der Engel und Heiligen ausdehnt. Heute ist unser Weltbild nicht endgültig
und unveränderlich, es ist in einem Zustand ständiger Erforschung und
Neugestaltung. Demnach gibt es kein Zentrum des Universums. Es gibt mehr als
hundert Milliarden Galaxien, von denen jede etwa hundert Milliarden Fixsterne und
ein schwarzes Loch im Zentrum enthalten. Die Sonne ist nur ein Fixstern am Rand
der Milchstraßengalaxis und sie wird in ferner Zukunft ihre Leuchtkraft verlieren, zum
roten Riesen mutieren und alle Planeten mit allen Lebewesen vernichten. Die Größe
des Universums ist nach wie vor unbekannt, denn der vierdimensionale Raum
expandiert kontinuierlich, und es ist noch nicht geklärt, ob dieser Raum flach, positiv
oder negativ gekrümmt ist, woraus sich wiederum eine Aussage über die mögliche
Größe ergeben würde. Auf alle Fälle ist es unendlich viel größer als jede
Größenvorstellung zur Zeit des geozentrischen Weltbilds. Darüber hinaus weiß man,
dass es wegen der endlichen Lichtgeschwindigkeit dem Menschen niemals möglich
sein wird, das gesamte Universum zu beobachten, weil sich die am weitesten
entfernten Objekte mit höherer Geschwindigkeit entfernen als das Licht.
Eine so revolutionäre Wandlung des astronomischen Weltbildes müsste eigentlich
eine noch stärkere Revolution des Gottesbildes bewirkt haben. Die Frage, die sich
auf Grund des heutigen Weltbildes ergibt, ist nicht ob Gott existiert oder nicht,
sondern nur die Frage nach dem neuen Bild Gottes, wenn man denn seine Existenz
als Hypothese voraussetzt und zugleich das wissenschaftliche Weltbild als heute
gültigen Erkenntnis-Konsens annimmt. Das Ziel ist dabei, wie zu allen Zeiten, auch
heute ein einheitliches, alle Disziplinen, also Wissenschaft und Theologie
umfassendes und in sich widerspruchsfreies Weltbild. Wie müsste ein Gottesbild
aussehen, das dem heutigen naturwissenschaftlichen Weltbild entspricht? Dieses
Weltbild findet seine Grenzen in der unermesslich großen Ausdehnung und
Lebensdauer des Universums. Erst dort, wo das sichtbare Universum endet, beginnt
Gott.
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