Inhalt
1) Einleitung 2
2) Literarische Einordnung des El Pensador 3
2.1) Die Moralischen Wochenschriften der Aufklärung - eine
Kurzcharakterisierung 4
2.2) Die Wochenschrift El Pensador als typische Gattungsvertreterin 5
3) Die Frau in der Gesellschaft der spanischen Aufklärung: zwischen Tradition und
Emanzipation 8
3.1) Das Frauenbild im frühen 18. Jahrhundert 8
3.2) Die Gesellschaftsdame als Sinnbild für weiblichen Sittenwandel 9
4) Das aufklärerische Frauenbild in El Pensador 12
4.1) Kritik am neuen weiblichen Lebenswandel 12
4.2) Ein Idealbild der Frau 14
4.2.1) Erziehung und Bildung 14
4.2.2) Das Prinzip der wahren Schönheit 16
5) Pensamiento XXIX: Carta instructiva á una Señorita recien Casada 17
5.1) Einbettung in das Gesamtwerk El Pensador 17
5.2) Zusammenfassung und inhaltliche Analyse 18
5.3) Diskursive Analyse 20
6) Schlussbetrachtung 23
7) Literatur 24
1) EINLEITUNG
„¿[…] á quién podia dàr la preferencia en mis discursos, sino à la amable, la
piadosa , y la mas bella mitad del genero humano?“ (I/II, 1) 1 In diesem zunächst
unscheinbar wirkenden Satz drückt José Clavijo y Fajardo die Überzeugung
unz ähliger Literaten einer ganzen Epoche aus. Die Veränderungen in der
Sozialstruktur Spaniens besonders in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
bescherten der Damenwelt neue Freiheiten und einen Ausbruch aus ihrer
bisherigen festen Bindung an Heim und Hof (vgl. Kilian 2002: 45) Diese
Umbruchsituation jedoch löste in fortschrittlichen Denkern wie Fray Benito Jerónimo
1 Alle Zitate aus der Primärliteratur entstammen der Internetseite http://gams.uni-
graz.at /fedora/get/container:mws-pensador/bdef:Container/get. Quellen sind in der Form
(Tomo/Pensamiento, Seitenzahl) angegeben.
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Feijoo und vor allem auch José Clavijo y Fajardo große Unzufriedenheit aus, weshalb Weiblichkeitskonzepte, geschlechtsspezifische Unterschiede in der Erziehung und die Rolle der Frau in der Gesellschaft sich über Jahre hinweg als die Themen des aufklärerischen Diskurses profilierten (vgl. Kitts 1995: 53). Welche Funktion hat die Frau in der sich verändernden Gesellschaft? Was genau ist Schönheit und welche Bedeutung hat sie? Welche Eigenschaften machen aus einer jungen Frau eine gute Ehefrau und wie erlangt sei diese? Mit solchen und ähnlichen Fragen setzte sich die geistige Elite Spaniens intensiv auseinander. Als Sprachrohr und Verbreitungsmedium für ihre aufklärerischen Gedanken wirkten hierbei vor allem die Moralischen Wochenschriften. Vor dem Hintergrund, dass die Romanproduktion in der Zeit der Aufklärung einen Einbruch erlebte stellten sie das hauptsächliche gesellschaftliche Kommunikationsmedium dar (vgl. Ertler 2003a: 10). Nach Feijoos Defensa de las Mujeres galt innerhalb der Gattung ab 1762 vor allem Clavijo y Fajardos El Pensador als einflussreichste Veröffentlichung zu dem Thema (vgl. Kitts 1995: 54).
In der vorliegenden Arbeit beschäftige ich mich also mit dem Thema des gesellschaftlichen Diskurses in der Aufklärung und seiner Aufnahme und Behandlung in einem der wichtigsten Vertreter der literarischen Gattung der Epoche. Ein besonderes Augenmerkt liegt hierbei zunächst auf Gattungsspezifika der Moralischen Wochenschriften und typischen Merkmalen des El Pensador, um eine literarische Einordnung eben dessen vornehmen zu können. Im Anschluss werde ich mich im dritten und vierten Kapitel dem gesellschaftlichen Diskurs zum Thema inhaltlich widmen, also die tatsächliche Rolle der Frau und das von Clavijo y Fajardo entwickelte Idealbild einander gegenüber stellen. Im fünften Teil der Arbeit werde ich dann abschließend die in Kapitel zwei dargestellten formalen Elemente mit den inhaltlichen Schwerpunkten des dritten und des vierten Abschnitts verbinden und dabei direkt am Primärtext analysieren, mit welchen ästhetischen Mitteln der Verfasser sein Weiblichkeitskonzept propagiert.
2) LITERARISCHE EINORDNUNG DES EL PENSADOR
El Pensador, herausgegeben von José Clavijo y Fajardo in Madrid, war eine der ersten Moralischen Wochenschriften in Spanien und gilt heute als besonders prominent und wichtig (vgl. Ertler 2003b: 214). Für eine gründliche Analyse ist es wichtig, die Moralische Wochenschrift im Kontext ihrer Gattung zu sehen. Ich
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möchte deshalb im Folgenden einen groben Überblick über die Entwicklung der Moralischen Wochenschriften und deren wichtigste formale und diskursive Gemeinsamkeiten geben, bevor ich im Anschluss El Pensador als typische Vertreterin der Gattung vorstellen werde.
- 2.1) Die Moralischen Wochenschriften der Aufklärung eine
Kurzcharakterisierung
Die Gattung der Moralischen Wochenschrift stammt ursprünglich aus England, wo sie 1709 mit der Veröffentlichung von The Tatler ihren Anfang fand und kurze Zeit später mit The Spectator zu großem Erfolg kam (vgl. Stürzer 1984: 61ff.). In Spanien entwickelte sich mit El Pensador die erste erfolgreiche Moralische Wochenschrift als Anlehnung und teilweise Übersetzung der Zeitschrift Le Spectateur aus Frankreich, die wiederum eine Übersetzung des englischen Originals war (vgl. Ertler 2003a: 36f.). In der Folge entstanden verschiedene Vertreter der Gattung, die sich bis zum Ende des Jahrhunderts großer Beliebtheit besonders in der bürgerlichen und adeligen Gesellschaft erfreuten (vgl. Kitts 1995: 89f.). Insgesamt war Spanien in seiner aufklärerischen Bewegung und somit auch in der Gattung der Moralischen Wochenschriften später als andere europäische Länder. Erst mit der Ablösung der habsburgischen Linie durch die Bourbonen kam es zu einer deutlicheren Entwicklung des Pressewesens. Dennoch unterlagen alle literarischen Produkte der strengen Zensur und nach Veröffentlichung auch der Inquisition. Diese insgesamt mühsame Entwicklung in Spanien ist zurückzuführen auf den starken Einfluss der Gegenreformation, für den es in anderen aufklärerischen Ländern kein Äquivalent gab (vgl. Ertler 2003b: 209ff.). Die Blütezeit der Moralischen Wochenschriften endete in Spanien im Jahr 1788 mit der letzten Veröffentlichung von El Filósofo a la moda, ebenfalls einer Übersetzung des englischen Spectator (vgl. Ertler 2003a: 24ff.). Die Moralischen Wochenschriften der Zeit ähneln sich in ihrer inhaltlichen Schwerpunktsetzung sehr. Verbreitete Themen stammen vor allem aus dem bürgerlichen Alltag und beziehen sich auf den Menschen selbst. So behandeln die Zeitschriften besonders stark die Themenkreise Ehe, Kindererziehung, Frauenbildung, Aberglaube und Theater. Politische Themen hingegen werden in der Regel gemieden. Die erklärten Ziele der Wochenschriften liegen in der Belehrung des Lesers in moralischen Fragen, seiner Bildung zu einem besseren Menschen und einem aktiven Mitglied der Gesellschaft und der Aufforderung an den Leser,
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seine Vernunft zu gebrauchen und sich tugendhaft zu verhalten (vgl. Martens 1968: 100ff.).
Auch in Form und stilistischer Umsetzung sind sich die einzelnen Vertreterinnen der Gattung sehr ähnlich. Allesamt verzichten auf einen systematischen Stil und greifen stattdessen auf große Varietät der Darstellungsform zurück; es kommt zu einem spielerischen Wechsel zwischen Briefen, Träumen, Fabeln, Satiren etc. in Form von Mikroerzählungen (vgl. Ertler 2003a: 9). „Kalkuliertes Chaos“ (Martens 1968: 32) ist daher ein zentrales Gestaltungsprinzip der Moralischen Wochenschriften. Ein weiteres gattungskonstituierendes Merkmal ist neben der inhaltlichen Ausrichtung vor allem die fiktive Verfasserschaft. Sie verbirgt die wahre Identität des Autors und ermöglicht eine sehr direkte und persönliche Kommunikationssituation (vgl. Martens 1968: 69ff.). Darüber hinaus spielt die Einbindung von Leserbriefen, sowohl imaginierter als auch realer Natur, eine große Rolle. Sämtliche Wochenschriften fordern ihre Leser auf, sich aktiv am Diskurs zu beteiligen und veröffentlichen Leserbriefe. Die Anzahl fingierter Leserbriefe überwiegt jedoch deutlich (vgl. Martens 1968: 15ff.).
Es ist also insgesamt festzuhalten, dass die Moralischen Wochenschriften in Spanien als Mittel dienten, die Leserschaft auf lockere und unterhaltende Art und Weise in aufklärerisches Gedankengut einzuführen. Mit Hilfe von spielerischen und fiktiven Elementen wurde er dazu gebracht, seinen Verstand einzusetzen und aufgefordert, sich in den jeweiligen gesellschaftlichen Diskurs zu integrieren. 2.2) Die Wochenschrift ‚El Pensador‘ als typische Gattungsvertreterin Wie bereits erwähnt gilt El Pensador als eine der ersten und vor allem wichtigsten Moralischen Wochenschriften in Spanien (vgl. Ertler 2003b: 214). Das Gesamtwerk umfasst sechs Bände mit insgesamt 86 Artikeln, den so genannten pensamientos. Diese wurden in zwei Phasen veröffentlicht: in den Jahren 1762 und 1763 die ersten vier Bände mit insgesamt 52 pensamientos und erst nach mehrjähriger Unterbrechung die übrigen 34 Artikel in zwei Bänden (vgl. Ertler 2003a: 43ff.). Die Wochenschrift war vergleichsweise sehr verbreitet und fand viele Nachahmer (vgl. Ertler 2003b: 215). 2
2 So zum Beispiel „La Pensadora Gaditana“, die zwischen 1763 und 1764 in 52 Diskursen erschien und unter weiblichem Namen veröffentlicht wurde (vgl. Ertler/Hodab/Humpl 2008:
143).
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Die inhaltlichen Schwerpunkte von El Pensador stimmen mit den oben dargestellten typischen Inhalten der Gattungsvertreter überein. Politische, wirtschaftliche sowie religiöse Themen werden weitgehend ausgespart und vermieden; der Fokus liegt stattdessen auf Frauen, Erziehung, Kunst und Theater (vgl. Ertler 2003a: 9f.). Auf die Themenkomplexe Frauen und Erziehung, besonders die der weiblichen Bevölkerung, wird hierbei ein besonderes Augenmerk gelegt. Dies ist vor allem im Zusammenhang mit der wachsenden Bedeutung von Frauen in der Ausdifferenzierung des literarischen Kommunikationssystems zu sehen. Es galt, einen engen Kontakt zu Frauen herzustellen, da sich diese vor allem in den späten Jahren des 18. Jahrhunderts als wichtigste Rezipientinnen profilieren sollten (vgl. Ertler 2003a: 83).
Die Ziele, die El Pensador verfolgt, sind ebenfalls die gemeinsamen der Moralischen Wochenschriften. Es geht um die didaktische Vermittlung von moralischen Botschaften, um eine grundsätzliche Verbesserung des gesellschaftlichen Zusammenlebens im Sinne des aufklärerischen utilidad-Ideologems zu erreichen („El objeto es mejorar à los hombres […]“, I/I, 6). Hierzu werden der Leserschaft Ratschläge und Verhaltensregeln an die Hand gegeben, die sie zu vernunftgelenktem Handeln führen sollen (vgl. Kilian 2002: 30f.). Auf diese Weise wird die funktionale Ausdifferenzierung der Gesellschaft durch die Botschaft der Wochenschrift gestärkt. Darüber hinaus verfolgt El Pensador das Ziel, die Menschen von Aberglaube und falschen Sitten zu lösen (vgl. Ertler 2003a: 50f.). Neben diesen explizit formulierten Zielen hat El Pensador durch seine unterhaltsame Gestaltung den Zweck, die Freude am Lesen zu wecken. Das Lesen als zentrales Bildungswerkzeug wird hier zu spielerisch lockerem Zeitvertreib und so in den Alltag integriert (vgl. Ertler 2003a: 99). Die diskursive Gestaltung von El Pensador beruht sehr stark auf dem oben dargestellten spielerischen Wechsel verschiedener Perspektiven und
Darstellungsformen. In den einzelnen Beiträgen baut Clavijo y Fajardo Rahmenfiktionen auf, durch die er Typen und Bräuche der spanischen Gesellschaft auf unterhaltsame Weise vorstellt und Szenen aus dem Alltagsleben beschreibt (vgl. Ertler 2003b: 214f.), zum Beispiel durch Briefe (z.B. III/XXIX) oder Gesprächsszenen (z.B. in I/IX). Einige dieser Beiträge erstrecken sich sogar über zwei oder mehr pensamientos (vgl. Ertler 2003: 44f.). Es herrscht außerdem ein hoher Grad an Intertextualität bzw. Selbstreferenz - El Pensador verweist immer wieder auf sich selbst und stellt Bezüge zwischen den einzelnen pensamientos her
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(z.B. I/I, 10: „Methodo, ni orden no hay que esperarlo en esta Obra“; I/IV, 1: „Saliò á luz mi segundo Pensamiento con la Carta à las Damas, y sucedió von èl un caso bastante gracioso, que voy a contar […]“). So entsteht ein übergreifendes Textgefüge, das als solches nicht nur in seinen Einzelteilen sondern vor allem auch als Gesamtwerk betrachtet werden kann (vgl. Ertler 2003a: 44). Als Prototyp der Moralischen Wochenschriften bedient sich El Pensador natürlich des Mittels der fiktiven Verfasserschaft. Im ersten pensamiento, das als Einleitung fungiert, stellt sich der fiktive Verfasser dem Leser ausführlich vor („Yo, señor mio, soy de genio taciturno, pensador, y nimiamente delicado“, I/I, 2). Die Selbstdarstellung als tugendhafter Philosoph schafft die Legitimationsgrundlage für die folgenden gesellschaftskritischen und richtungsweisenden Beiträge („He vivido bastante tiempo, procurando aprovecharlo en observar à los hombres, y quisiera ser util à los que han de vivir“, I/I, 7). Jedoch lässt der Verfasser in seiner Einleitung auch einige Fragen offen und spielt so mit der Fantasie des Lesers: „[…] si el Autor es blanco, ò tinto, grande, ò pequeño, de genio dulce, ò de complexion biliosa, cosa tan importante para su inteligencia“ (I/I, 1) (vgl. Ertler 2003a: 53f.). Die Vorteile der fiktiven Verfasserschaft liegen auf der Hand: Hauptsächlich dient sie als Schutzmechanismus für kritische Werke wie El Pensador, denn durch sie wird die Anonymität des Autors gewahrt (vgl. Ertler 2003a: 54). Sie macht übermäßige Rücksichtnahme und Vorsicht gegenüber der Leserschaft und im Hinblick auf die Zensur obsolet und verleiht den Beiträgen einen persönlichen Charakter. Darüber hinaus weckt sie das Interesse der LeserInnen, die durch sie gereizt werden, Mutmaßungen über die wahre Identität des Verfassers anzustellen (vgl. Martens 1968: 65).
Innerhalb des Werkes kommt dem fiktiven Verfasser die wichtige Funktion zu, die einzelnen pensamientos zu ordnen und in einen Zusammenhang zu bringen (vgl. Ertler 2003a: 46). Dies geschieht vor allem über die Einleitungen in die jeweiligen pensamientos. Sie verbinden die einzelnen Beiträge miteinander, werben um die Gunst der Leserschaft für die folgende Kritik und liefern deutliche Rezeptionsvorgaben, nach denen das Erzählte interpretiert werden soll (vgl. Ertler 2003a: 45). So bildet der fiktive Verfasser also einen novellistischen Rahmen und garantiert die innere Einheit der Veröffentlichungen (vgl. Martens 1968: 70).
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Arbeit zitieren:
Lea Bastian, 2010, Die Frau im Dienste der Nützlichkeit , München, GRIN Verlag GmbH
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