Inhaltsverzeichnis
1.Einleitung 4
2. Die Ethnographische Gesprächsanalyse 6
2.1. Zur Methodik der Untersuchung adoleszenter Kommunikationskultur in Peer-Groups 6
2.2. Zur Methodik einer ethnographischen Gesprächsanalyse 9
2.2.1. Sequenzanalytisches Prinzip der sukzessiven Sinnentfaltung und -bestimmung 11
2.2.2. Detaillierte Sequenzanalyse 12
2.3. Die Datenerhebung 14
3.Die Analyse “Kippen/Regeln 15
3.1. Das Transkript “Kippen/Regeln 15
3.2. Die Gesprächsanalyse der Sequenz “Kippen/Regeln 16
3.2.1. Grundstruktur jugendlicher Gespächspraktik 16
3.2.2. Faktisches Problem: implizite Regeln 19
3.2.3. Rhetorische Strategien / Techniken des Klagens von Markus,
durch welche der Handlungsdruck auf die anderen erhöht wird 21
3.2.4. Insuffizienz der rhetorischen Strategien Markus 24
3.2.5. Prinzip “Eigenverantwortlichkeit 26
3.2.6. Vorwurf - Gegenvorwurf Forderung nach Themenwechsel durch die Gruppe 28
3.2.7. Markus anerkennt die Regel der “Eigenverantwortlichkeit 30
3.2.8. Rekurs auf Unernsthaftigkeit Explizivität der Interaktion 31
3.3. Resumé 32
4.Die Analyse “Shots 34
4.1. Das Transkript “Shots 34
4.2. Gesprächsanalyse der Sequenz “Shots 35
4.2.1. Rahmenbedingungen/Hintergrundwissen 35
4.2.2. Exklusionsverfahren/Vergemeinschaftung 35
4.2.3. Statuskonstitution/-darstellung 38
4.2.4. Konsumregeln 42
a) Der gemeinschaftliche Charakter des Haschischkonsums 42
b) Spezifische Rauchmodalität in dieser Interaktion 42
4.2.5. Verhältnis von Spaß Ernst 43
4.3. Resumé 45
5. Fallübergreifender Vergleich 48
5.1. Regeln 48
5.2. Konfliktaustragung 50
5.3. Gruppenstil 51
5.4. Status 52
6. Anhang 54
6.1. Das gesprächsanalytische Transkriptionssystem GAT 54
7. Literaturverzeichnis 57
3
1. Einleitung
In der Soziologie werden Konflikte meist aus makroskopischer Sicht als soziale Konflikte, resultierend aus Interessengegensätzen und daraus folgenden Auseinandersetzungen und Kämpfen zwischen Gruppen, insbesondere Schichten, Klassen, Ethnien etc., betrachtet. Einen differenten Ansatz bietet die mikrosoziologische Form der interaktionstheoretischen Studie von Konfliktkommunikation, die sich, basierend auf der hermeneutischen, insbesondere der gesprächsanalytischen Methode, mit sozialen Auseinandersetzungen zwischen Akteuren im Alltag und in den Medien beschäftigt.
Auf der Basis aktueller Forschung der Medien- und Kommunikationssoziologie werden im Rahmen des Empirie-Praktikums “Konfliktkultur in Medien und Alltag” (SoSe00-WiSe00/01), unter der Leitung von Prof. Dr. Neumann-Braun und Dr. Deppermann, Formen der Konfliktaustragung in Medien und Alltagsgesprächen analysiert. Dabei dienen die Kommunikations-Formate Hate-Pages im Internet, Confro-Talk und Comedy im Fernsehen, sowie auditiv aufgezeichnete Daten aus der ethnographischen Jugendforschung als Ausgangsmaterial für die jeweils formatbezogenen Untersuchungsfragestellungen. Die empirischen Studien zur aktuellen Kommunikationskultur in den Informations- und Kommunikationsmedien fokussieren die momentane Entwicklung der Inhalte oben genannter Medienformate, die eher auf Konflikt als auf Konsens abzielen.
Die folgende Ausarbeitung - auf Basis einer ethnographischen Gesprächsanalyse - der Gesprächssequenzen “Regeln/Kippen” und “Shots” ist auf den letzten der vier oben genannten Teilbereiche (präziser gesagt auf “Konflikt-Kommunikation Jugendlicher”) beschränkt und befasst sich demzufolge mit Fragen nach dem allgemeinen Verlauf von Konfliktgesprächen innerhalb der untersuchten Peer-Group und den zum Einsatz kommenden kommunikativen Verfahren. Es wird der Versuch unternommen, den Begriff der “Konflikt-Kultur” innerhalb der Kommunikationskultur Jugendlicher 1 zu verorten, indem Aspekte der Konfliktkommunikation, von spielerisch-unernsten Formen bis zu sozialer Abgrenzung durch verbale Diskriminierung, beleuchtet werden. Dieser Beitrag soll in Beziehung zu den empirischen Ergebnissen der Untersuchungen im Bereich Informations- und Kommunikationsmedien einer weiterführenden Theoriediskussion dienen, die sich vornehmlich mit der Frage beschäftigt, ob Korrelationen zwischen der Konfliktaustragung in den Medien und im Alltag bestehen.
1 Es gibt nicht das singuläre Phänomen einer globalen “Jugendsprache”, welche an eine spezifische Lexik und Ausdrucksweise gebunden ist. Vielmehr ist eine Pluralität gruppenspezifischer Sprechweisen oder Sprachstile vorherrschend, denen situativ kontextuell stets spezifische Funktionen inhärent sind. Diese jugendlichen Sprechweisen sind primär umgangsprachliche Sprechstile, gleichsam einem geordneten System tendenzieller Gebrauchspräferenzen der Sprecher. Sie werden kontextabhängig und durch diskursive Rahmensetzungen restringiert, aus der Pluralität des einzelsprachlichen Varietätenraumes, durch die Auswahl von Ausdrucksformen und mittels Kookurrenzrestrinktionen zu einer signifikanten Stillage kombiniert. Cf. Schlobinski, et. al.; Jugendsprache; Opladen, 1993.
4
Die Entwicklung und einzelne Aspekte der, zur qualitativen Sozialforschung zählenden, Ethnographischen Gesprächsanalyse nach Dr. Deppermann, wird im ersten Teil (Kap.2; Sabine Lubos) nachgezeichnet. Dabei wird ein Überblick über Methodologie, Praktiken und Anwendungsfelder der interpretativen Auswertung von Gesprächen gegeben.
In den beiden folgenden Kapiteln wird diese Methode auf zwei Gesprächssequenzen angewendet, wobei jeder dieser Fallanalysen das transkribierte Datenmaterial (die Verschriftung erfolgte nach dem im Anhang befindlichen gesprächsanalytischen Transkriptionssystem GAT 2 ) vorangestellt ist. Die gemäß der hermeneutischen Methode am Material gewonnenen Erkenntnisse - hinsichtlich der Formen adoleszenter Gesprächspraktik - bilden die thematischen Schwerpunkte, welche beide Analysen subsumierend gliedern. Während die Analyse “Kippen/Regeln” (Kap.3; Sebastian Muthig) das Vorhandensein von impliziten Konsum-Regeln innerhalb der Peer-Group aufzeigt und wie diese von einem Mitglied durch spezielle rhetorische Strategien zu transzendieren versucht werden, liegt der Schwerpunkt der Analyse “Shots” (Kap.4; Sabine Lubos) bei Fragen der Vergemeinschaftung und damit einhergehenden Exklusionsverfahren, sowie der Statuskonstitution/-darstellung. In Kapitel 5 (Sebastian Muthig) wird eine abschließende Gegenüberstellung der Ergebnisse vorgenommen, vor dem Hintergrund zentrale Aussagen kontrastiv zusammenzufassen. Um den Bezug zur aktuellen Forschungslage zu berücksichtigen, werden entsprechende Verweise und Anknüpfungspunkte zur interaktionstheoretischen Literatur hergestellt und auf noch offene Forschungsfelder hingewiesen.
2 Cf. Selting et al. (1998); Gesprächsanalytisches Transkriptionssystem (GAT); In: Linguistische Berichte 173; S. 91-122.
5
2. Die Ethnographische Gesprächsanalyse
2.1. Zur Methodik der Untersuchung adoleszenter Kommunikationskultur in Peer-Groups
Die a priori “theoriearm” verfahrende ethnographische Jugendforschung teilt mit der Ethnologie die Haltung des Fremden und ist darauf ausgerichtet “genuine”, d.h. nicht bereits durch theoretisches Erkenntnisinteresse oder Forschungsmethode präformierte, (juvenile) Alltagspraxis zu rekonstruieren. Hierbei ist sie versucht ihren immer schon vergesellschafteten Forschungsgegenstand der Selbstverständlichkeit alltagspraktischer und wissenschaftlicher Vorverständnisse und -urteile zu entwinden, um auf diesem Wege der “Spezifität der jugendlichen Lebensformen, Lebensstile und Symbole in größtmöglicher Differenziertheit und Anschaulichkeit” Rechnung zu tragen und sie dadurch in “kultur-, geschmacks-, medien- und milieusoziologischer oder auch sozialisationstheoretischer Perspektive” 3 interpretierbar zu machen.
In Anbetracht der gängigen Forschungspraxis ethnographischer Jugendforschung läßt sich allerdings ein erhebliches Defizit dahingehend konstatieren, dass die Forscher einer theoriegeleiteten Perspektive verhaftet bleiben und somit ihrem sozialphänomenologischen Paradigma einer alltagsnahen, lebensweltrekonstruktiven Jugendforschung nicht gerecht werden. Anstatt Jugendliche als aktiv handelnde Subjekte mit pluralen konkreten Alltagsbezügen zu begreifen, deren lebensweltliche Deutungsmuster und Handlungsroutinen es zu rekonstruieren gilt, besteht das den Ausgang bildende Datenmaterial nicht selten aus “den rekonstruierenden Darstellungen der Alltagspraxis durch die Akteure (=Sekundärstatus), nicht aber aus Dokumentationen der Alltagspraxis selbst” (a.a.O.; 240).
Das methodische Problem liegt darin begründet, dass rekonstruierende Darstellungen von Alltagspraxis - welche immer schon als interpretativ zu denken sind - und nicht die Alltagspraxis selbst bzw. deren performative Praxis untersucht werden 4 . Aus diesen Gründen verbleiben nicht selten die Interpretationen auf dem Niveau von Paraphrasen, Explikationen und theoretisch angereicherten Abstraktionen der in den Mitteilungen der untersuchten Jugendlichen enthaltenen Inhalte.
3 Vgl. dazu Neumann-Braun/Deppermann; Ethnographie der Kommunikationskultur Jugendlicher. Zur Gegenstandskonzeption und Methodik der Untersuchung von Peer-Groups; In: Zeitschrift für Soziologie; Jg. 27, Heft 4, August 1998, S. 239-255.
4 Es wird schlicht übersehen, dass es viele verfälschende Bedingungen gibt, die in diesen Ansätzen unreflektiert bleiben. Einerseits belegt die gedächtnispsychologische Literatur, die “mnestische und interpretative Selektivität und Konstruktivität” von Darstellungen. “Von Aufmerksamkeits- über Interpretations-, Enkodierungs-, Reinterpretations- bis hin zu Abrufprozessen sind mit sämtlichen kognitiven Leistungen Umgestaltungen der Erinnerungsgegenstände verbunden” (a.a.O.; 242). Ferner unterliegen retrospektive Darstellungen immer schon einer sozial konventionalisierten kommunikativen “Formbestimmtheit”, welche einen Rückschluss auf die Ebene des faktischen Geschehens eigentlich verunmöglicht. Auch erlaubt die dialogische Konstitution von Darstellungen in qualitativen Interviews oder Gruppendiskussionen keine kontextfreie Wiedergabe von Meinungen oder Erinnerungen. Vielmehr besitzen sie situativen Charakter und werden durch die Anwesenheit des Forschers beeinflusst. Letztendlich bleibt noch der Handlungscharakter von Darstellungen zu erwähnen. “Auch in Forschungsinterviews und Gruppendiskussionen sind Handlungsbelange wie Selbstdarstellung und -rechtfertigung, Normvermittlung und Management der Beziehung zum Interviewer dominante Bezugsdimensionen darstellerischen Handelns, die sich in der
6
Interviews und Gruppendiskussionen sind aufgrund ihrer hochgradig spezifischen Interaktionscharakteristik untypisch für die Alltagswelt Jugendlicher. An dieser Stelle muss der Vorstellung der Ubiquität einer Grundstruktur jugendlicher Kommunikationsformen widersprochen werden. Vielmehr richten Jugendliche ihre kommunikative Praxis vielfältig und situativ aus. Somit bestünde die eigentliche Aufgabe in der Erforschung “der unterschiedlichen Kommunikationsformen von und unter Jugendlichen in verschiedenen alltagsweltlichen Kontexten” (a.a.O.;245). Sprachlich-kommunikative Prozesse sind wesentliche Konstituentien von Jugendkultur und dienen der Auseinandersetzung mit fremden sozialen Welten. Sowohl die interne soziale Ordnung als auch ihre Beziehungen zur sozialen Umgebung werden von Peer-Groups in gruppenspezifischer Weise kommunikativ hergestellt. Peer-Groups zeichnen sich ethnomethodologisch dadurch aus, dass sie als soziale Formation nur durch die permanent prozessual neu zu erbringenden Leistungen ihrer Mitglieder existieren. Dies wird durch routinisierte Kommunikationsmuster bewerkstelligt, deren Beherrschung von den Mitgliedern vorausgesetzt wird. Die Gesamtheit dieser routinisierten Interaktionspraktiken einer Peer-Group kann als Kommunikationskultur bezeichnet werden, welche “den besonderen Stil ihrer interaktiven Alltagsbewältigung, wiederkehrende Kommunikationsanlässe und -probleme und die Verfahren ihrer sozialen Positionierung von Teilnehmer und Aussenstehenden” (ebd.; 247) erkennen läßt.
Zur Erfassung der Komplexität der Kommunikationskultur von Peer-Groups bedarf es einer interdisziplinären Verknüpfung von konversationsanalytischen und ethnographischen Untersuchungsmethoden zu einer ethnographischen Gesprächsanalyse. Da soziale Wirklichkeit immer zugleich konstruierte, vollzogene Wirklichkeit ist, müssen die basalen Organisationsprinzipien der Interaktanten hinsichtlich ihres Handelns und Verstehens rekonstruiert werden. In ihrer empirischen Vorgehensweise ist die Gesprächsanalyse darauf ausgerichtet prozess- und detailsensitiv die dynamischen und prozeduralen Muster alltagsweltlicher Interaktionen zu offenbaren. Dies leistet sie interpretativ auf Grundlage der Transkription 5 “natürlichsprachlicher” Tonband- bzw. audiovisueller Aufnahmen. Da die konversationsanalytische Datenerhebung und -auswertung ebenfalls explorativ und fallbezogen vorgeht, kann sie als eine Form der Ethnographie betrachtet werden. Um ihrem holistischen Selbstverständnis gerecht zu werden, bedarf die Ethnographie allerdings weiterhin der Arbeit mit unterschiedlichen Datenquellen und vor allem der teilnehmenden Beobachtung über einen längeren Zeitraum hinweg. Immerhin ist die Ethnographie versucht “einzelne Erscheinungen in ihren alltagsweltlichen (Zeit-, Funktions-, Problem- etc.) Kontexten, in bezug auf übergreifende, in unterschiedlichen Praxisbereichen wiederkehrende Relevanzen und typischerweise auch im gruppengeschichtlichen bzw. historischen Zusammenhang zu verstehen” (a.a.O.; 249). Die
Gestaltung der Darstellungen niederschlagen” (ibid; 243). Es bleibt mithin einfach fragwürdig, ob einem Forscher der Status der Neutralität und Aktzeptiertheit innerhalb einer solchen Situation eingeräumt werden kann.
5 An dieser Stelle muss darauf hingewiesen werden, dass Transkripten, obwohl sie sich gegenüber anderen Darstellungsformen (z.B. Paraphrasen, Codierungen, Ratingskalen etc.) durch eine größerer Abbildtreue auszeichnen, immer auch eine Theorie gesprochener Sprache zugrunde liegt. Sie wird fundamental durch die jeweiligen Transkriptionssysteme bestimmt, welche festlegen, wie welche akustischen Phänomene graphisch wiedergeben werden. Ebenso muss reflektiert werden, dass Transkripte stets als solche selektiv ausgewählter Gesprächsausschnitte gedacht werden müssen, welche diese auf bestimmte verbale Aktivitäten reduzieren und hinsichtlich einzelner Merkmale wiedergeben. Allein die auf auditiver Wahrnehmung beruhende Tätigkeit des Transkribierens ist immer schon theorie- und wissensabhängig!
7
teilnehmende Beobachtung eröffnet der Gesprächsanalyse nützliches Hintergrundwissen, insbesondere für das Verständnis von uneindeutigen Referenzen und Anspielungen sowie von Kontextualisierungshinweisen der Interaktionsteilnehmer im Gesprächsverlauf 6 . Es besteht also die Notwendigkeit zur Ethnographisierung der Gesprächsanalyse. Die Untersuchung der formalen Interaktionsorganisation der klassischen Konversationsanalyse muss um inhaltliche Aspekte erweitert werden. Hierfür ist ein spezielles ethnographisches Hintergrundwissen erforderlich, sowie der Einsatz zusätzlicher Methoden des Informationsgewinns, wobei der Schwerpunkt trotz allem auf der Analyse transkribierter Gesprächsaufnahmen ruht.
Durch Kommunikation finden einerseits Alltagspraxis und andererseits psychologische (i.e. kognitive, moralische, emotionale, motivationale, kreative, sprachliche) Kompetenzen und Motivationslagen authentischen Ausdruck. In methodologischer Hinsicht scheinen die konversationsanalytischen Standards der “apparativen Datenregistrierung, der detaillierten Sequenzanalyse und der Forderung, dass sich Erklärungshypothesen an den Partikularien der untersuchten Fälle im jeweiligen Kontext zu bewähren haben” (a.a.O.; 252) geeignet dieser Notwendigkeit Rechnung zu tragen und dadurch neues Licht auf altbekannte jugendsoziologische Fragestellungen zu werfen. Durch die ethnographische Untersuchung von jugendlichen Kommunikationskulturen, werden ihre Alltagspraktiken in den Fokus des soziologischen Interesses gerückt. Dadurch stehen nicht mehr primär individuelle Kompetenzen und Motive im Vordergrund, sondern die sozialen Prozesse durch welche das Individuum als Subjekt Ausdruck findet 7 . Dadurch wird dem Sozialen des jugendlichen Alltagslebens “konzeptionell und methodisch mehr Gewicht als bisher verliehen - es wäre nicht nur als Umgebung, Aufgabe oder >>internalisierte<< Deutungs- und Handlungsstruktur des Individuums präsent, sondern als interaktive Prozessgestalt, die ihre Identität erst im Zusammenwirken von Akteuren gewinnt” (ibid.; 252).
6 Hierbei muss jedoch beachtet werden, dass “Kontextwissen” nicht zu voreilig subsumptive Erklärungen generiert. Vielmehr muss aufgezeigt werden dass und wie die Interaktanten einander bedeuten, dass ein kontextueller Sachverhalt interpretationsrelevant erscheint.
7 Aus strukturalistischer Sicht, wie z.B. von Jacques Lacan, wird sogar die Auffassung vertreten, dass Subjektivität als solche unmittelbar an sprachliche Praxis geknüpft ist. Die Konstitution und Existenz der Subjektivität ist bedingt durch den Vollzug von Sprache, ergo gesellschaftlicher Praxis. “Der Mensch denkt nicht, er wird gedacht, so wie er für bestimmte Linguisten gesprochen wird” (vgl. Lang, Hermann; Die Sprache und das Unbewusste. Jacques Lacans Grundlegung der Psychoanalyse; Frankfurt, 1973, S. 156). Die Erkenntnis, dass Sprache nicht eine apriorische Realität einfach abbildet, sondern produktiven, materialisierenden Charakter aufweist, bildet ebenso die gemeinsame Grundlage der Post-Strukturalisten Althusser, Foucault und Butler. Sie versuchen die bürgerlich-hegemoniale Vorstellung eines freien und selbstbestimmten Subjekts als Ideologie zu dekonstruieren, indem sie seine Konstitution in alltäglichen, diskursiven Praktiken nachzuweisen versuchen.
8
2.2. Zur Methodik einer ethnographischen Gesprächsanalyse
Im folgenden Kapitel soll die gegenstandsfundierte Methodik der ethnographischen Gesprächsanalyse dargestellt werden, deren allgemeine heuristischen Prinzipien und Vorgehensweisen in unseren Sequenz-Analysen “Regeln/Kippen” und “Shots” zum tragen kommen. Die der interpretativen bzw. qualitativen Sozialforschung zugehörige Gesprächsanalyse nach Dr. Arnulf Deppermann ist eine Weiterentwicklung der Konversationsanalyse und fußt auf deren grundlegendem Verständnis, dass Wirklichkeit stets als Vollzugswirklichkeit zu denken ist, welche sprachlich hergestellt wird, und es gilt den dafür verantwortlichen sinnkonstituierenden kommunikativen Prinzipien nachzuspüren
Diese systematischen und meist routinisierten Gesprächspraktiken, die von den Interaktanten variiert und flexibel verwendet werden, sind konstitutiv für jegliche sprachliche Interaktion. Hierbei lassen sich sechs verschiedene Ebenen 8 unterscheiden, mit denen sich alle Sprecher notwendigerweise auseinandersetzen müssen:
1. die Gesprächsorganisation betrifft die formale Abwicklung des Gesprächs; 2. die Darstellung von Sachverhalten manifestiert sich beispielsweise in Form von Argumentationen, Beschreibungen, Erzählungen;
3. das eigentliche Handeln mit seinem zweckrationalen, zielorientierten Charakter; 4. die sozialen Beziehungen zwischen den Interaktanten (Status, Macht,...etc.) sowie ihre Identitäten; 5. die Gesprächsmodalität (Ernst, Spaß,...etc.) und die Art der stilistischen und emotionalen Partizipation/Reaktion der Beteiligten (Betroffenheit, Zurückhaltung,...etc.) 6. die intersubjektive Verständigung und Kooperation betreffende Reziprozitätsherstellung.
Obwohl diese Ebenen im Gespräch ineinander greifen, können sie in der Gesprächsanalyse als Untersuchungsschwerpunkte dienen. Folglich besteht die Aufgabe einer Gesprächsanalyse in der Explikation bzw. Definition jener sequentiell organisierten Gesprächspaktiken, mit denen die Gesprächsteilnehmer bestimmte Aufgaben und Probleme, im weitesten Sinne, bearbeiten. Dazu gehört die Rekonstruktion der Art und Weise, wie Sprecher handeln, sowie der Funktion ihres Handelns. Weitere Schwerpunkte der Gesprächsanalyse sind die Entwicklung von Fallinterpretationen, theoretischen Konzepten und die Genese bzw. Modifizierung von Aussagen über allgemeine Prinzipien und Strukturen von Gesprächsprozessen. Die Besonderheit der von Deppermann erarbeiteten Gesprächsanalyse besteht in ihrem emphatischen Empirieverständnis. Sie fordert die materialgestützte Entwicklung von Fragestellungen, Konzepten und Hypothesen anhand naturalistisch erhobenen, natürlichsprachlichen Gesprächsdaten. Im Gegensatz zur “empirisch-analytischen” quantitativen Sozialwissenschaft, welche versucht ist generalisierende Aussagen und Korrelationen zwischen
8 Nach Kallmeyer, W. (1985); Handlungskonstitution im Gespräch. In: Gülich, E./Kotschi, T. /Hg) Grammatik, Konversation, Interaktion. Tübingen, 81-123.
9
Variablen zu formulieren, wendet sich die Gesprächsanalyse gegen diese Standardisierungen und steht für Falladäquanz und apriori-frei, i.e. materialgestützt, entwickelte Aussagen 9 . Sie zeichnet sich durch ein rekonstruktives Erkenntnisinteresse aus. Es herrscht hierbei eine Dialektik zwischen Gegenstandskonstitution und Gegenstandsanalyse, bei welcher die Genese der Forschungsfrage mit der Produktion von Ergebnissen eng verbunden ist.
Unverzichtbar für eine detaillierte Sequenzanalyse sind Audio- und Videoaufnahmen in guter Aufnahmequalität als Datengrundlage, welche mit einer passiv registrierenden Methode gewonnen werden. Ziel muss hierbei sein “natürlichsprachliche”, d.h. nicht für den konkreten Anlass generierte, Gesprächspraktik zu erfassen. Andere Formate der Datenerfassung, wie beispielsweise Gedächtnisprotokolle, Kodierschemata oder Selbstauskünfte sind auf Grund ihres hohen Gehalts an Interpretationen und Präsuppositionen für die Konversationsanalyse unbrauchbar.
Da es für Verständnis emischer Phänomene, besonders in Peer-Groups, notwendig ist, genaue Kenntnis der jeweiligen Kommunikations-Kultur zu erwerben, ist eine ethnographische Datenerhebung fruchtbar, bei welcher der Forscher über einen längeren Zeitraum mittels teilnehmender Beobachtung ethnographisches Hintergrundwissen akkumuliert 10 . Hierfür können dann andere Methoden zum Tragen kommen, wie beispielsweise ethnographische Interviews oder standardisierte Befragungen.
Für die vorliegende Analyse wurde aus zeitlichen Gründen und solchen der Praktikabilität auf eine derartige Datenerhebung verzichtet und auf eine vorliegende Gesprächskorpora zurückgegriffen 11 . Anschließend wurden die selektierten akustischen Gesprächsprotokolle nach dem gesprächsanalytischen Transkriptionssystem GAT verschriftet. Im Gegensatz zu AV-Aufnahmen bieten Transkripte den praktischen Vorteil einer wiederholbaren Analyse eines bestimmten Datensegments. Gemäß dem Postulat einer “authentischen” Verschriftung, demzufolge gerade abweichende (para-)sprachliche Phänomene analytisch bedeutsam sein können, gilt es diese Transformation möglichst unverfälscht, präzise und interpretationsarm zu betreiben 12 . GAT gewährleistet einfache Lesbarkeit, schnelle Erlernbarkeit und unproblematische Realisierbarkeit in gängigen Textverarbeitungssysteme. In gegenstandsbezogen-theoretischer Hinsicht erlaubt es die umfassende, präzise “Repräsentation formbezogener Parameter, die das akustische Geschehen möglichst interpretationsarm und isomorph
9 Nebenbei bemerkt orientiert sich die hier vertretene Gesprächsanalyse an der “analytischen Mentalität” (Schenkein) der Konversationsanalyse. Daher können beide als Synonyma gelesen werden. Ergänzt wurde dieser Ansatz durch Prozeduren der interaktionalen Soziolinguistik, der discursive psychology, der grounded theory sowie der objektiven Tiefenhermeneutik (Vgl. Deppermann 1999, S.10).
10 Wichtig ist weiterhin, dass durch den steten Kontakt Vertrauen zu den Probanden aufgebaut werden kann, welches wiederum den Zugang zu Gesprächsereignissen eröffnet, die Außenstehenden sonst verschlossen blieben.
11 Die Daten wurden im Zuge des Forschungsprojekts mit dem Titel “Jugend, Kommunikation, Medien: eine ethnographische Längsschnittuntersuchung der Kommunikationskultur in Jugendgruppen” (NE 527/2-1) in den Jahren 1998 bis2000 erhoben.
12 An dieser Stelle muss angemerkt werden, dass es grundsätzlich keine intrepretationsfreien Transkriptionen gibt! Gerade den dafür notwendigen Transkriptionssystemen liegt eine mehr oder minder reflektierte Theorie gesprochener Sprache zugrunde. Allein die auditive Wahrnehmung ist immer theorie- und wissensabhängig.
10
wiedergeben” 13 . Dadurch können die wichtigsten prosodischen Parameter (wie z.B. Pausen, Intonationen, Lautstärke, Sprechgeschwindigkeit, Dehnungen, Akzente, Rhythmen, Stimmodulationen) und darüber hinausgehend die relativen Werte und Veränderungen im Gesprächsverlauf, nichtlexikalisierte Laute und nonvokale Phänomene erfasst und für die Analyse fruchtbar gemacht werden.
2.2.1. Sequenzanalytisches Prinzip der sukzessiven Sinnentfaltung und -bestimmung
Die Analyse der sequentiellen Ordnung eines Gesprächs beruht auf der Rekonstruktion des Zusammenhangs von Formen und Funktionen der Beiträge. Die Zeitlichkeit (also das sich zeitlich aufeinander Beziehen der Beiträge), ist eine, dem Gesprächsprozess immanente Bedingung und Quelle u.a. für die Generierung von Sinnbezügen und Intersubjektivität. “Die Grundlage der Methodik besteht also darin, dass die im Alltag implizit bleibenden, hochgradig allgemeinen formalen Prinzipien der Herstellung von Ordnung und Bedeutung im Gespräch expliziert und reflektiert als methodische Ressource für die Gesprächsanalyse zum Einsatz gebracht werden” (Deppermann;1999,50).
Ausgehend von der methodologischen Prämisse, dass Gesprächsteilnehmer einander reziprok aufzeigen, welchen Sinn und Bedeutung sie ihren Äußerungen zuschreiben, gilt es am Text selbst zu belegen, nach welchen Prinzipien die Interaktanten ihr Handeln und Interpretieren ausrichten. “Da Gesprächsteilnehmer auf der Grundlage von stillschweigend geteilten Praktiken miteinander kooperieren und Interpretationen nur so weit verdeutlichen, wie es zur Sicherstellung von Kooperation notwendig erscheint, besteht die Aufgabe des Gesprächsanalytikers darin, die Aktivitäten der Gesprächsteilnehmer so zu explizieren, dass das Geschehen als sinnvolles und systematisch geordnetes verständlich wird. Dabei ist auszuarbeiten, welche Interpretationsleistungen und -prinzipien dieser Ordnung zugrundeliegen” (ibid.;51).
13 Siehe Deppermann, Arnulf; Gespräche analysieren. Eine Einführung in konversationsanalytische Methoden. Qualitative Sozialforschung 3.; Opladen, 1999; S.41.
11
2.2.2. Detaillierte Sequenzanalyse
Es bedarf einer detaillierten Sequenzanalyse, um die Interpretations- und Handlungsoptionen, welche den Gesprächsteilnehmern offenstanden, zu rekonstruieren, sowie ferner zu verstehen, wie mit diesen Möglichkeiten umgegangen wurde. Die Analysegesichtspunkte oder Bezugspunkte dafür, verstanden als heuristische Mittel, lassen sich wie folgend klassifizieren:
1. Paraphrase und Handlungsbestimmung Worum dreht es sich in dem Beitrag inhaltlich? - WelcheArt von sprachlicher Handlung liegt vor? - 2.Äußerungsgestaltung und Formulierungsdynamik
In welcher Form wird gesprochen, gibt es eine Sprachsystematik (Ebenen der Phonetik, Prosodie, - Grammatik,Lexik, Stilistik, nonvokales Verhalten)?
Aus welchen Beitragskonstruktionseinheiten setzt sich die Äußerung zusammen (Abfolge bzw. - Position derBKE)
3. Timing
Wer spricht wann mit wem (wichtig sind hierbei Sprecherwechsel, Rederechtsverhandlung und - Pausen)
4. Kontextanalyse
Von besonderer Bedeutung für die Analyse sind Kontextdimensionen, d.h. die Sinndimensionen einer Äußerung, die im Gespräch aufgezeigt, aufrechterhalten und verändert werden.
Was geht einer fokalen Äußerung voraus? - Inwelcher Relation steht eine fokale Äußerung zur den ihr vorausgegangenen (Prinzip der lokalen - Kohärenz)?
Welche impliziten Präsuppositionen werden mit einer fokalen Äußerung gemacht? - 5.Folgeerwartung
Da fokale Äußerungen immer mit sozialen Erwartungen verknüpft sind (konditionelle Relevanz), gilt es zu Rekonstruieren, inwieweit diese in der Folge eingelöst werden.
Welche Folgeerwartungen sind mit einer fokalen Äußerung verbunden? - Welche Anschlussmöglichkeitenbestehen und welcher Art ist die gewählte? -
12
Arbeit zitieren:
Sebastian Muthig, Sabine Lubos, 2001, Konfliktkultur in Medien und Alltag, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
S M hat den Text Konfliktkultur in Medien und Alltag veröffentlicht
S M hat einen neuen Text hochgeladen
Die Veränderung der Konfliktkultur durch Wirtschaftsmediation
Erfolgreiche Implementierung d...
Martin R. Kurray
PONS Basiswörterbuch Englisch für unterwegs, Beruf und Alltag
Englisch-Deutsch /Deutsch-Engl...
Immigration und Schwierigkeiten im deutschen Alltag
Eine chinesische Migrantin in ...
Sabine Emde
PONS Basiswörterbuch Französisch für unterwegs, Beruf und Alltag
Französisch-Deutsch / Deutsch-...
... Du nimmst ja auch irgend etwas mit aus diesen Serien in den Alltag...
Eine qualitative Rezeptionsstu...
Beate Illg
0 Kommentare