Sommersemester 2000
Universität Tübingen - Slavisches Seminar
Hauptseminar: Lev N. Tolstoj: „Vojna i mir“
Gliederung
I. Die nationale Idee, Russland und Tolstoj. 3
1. Aufgabenstellung und Vorgehensweise. 3
2. Die nationale Idee und Russland 3
3. Die nationale Idee und die Zeit Tolstojs 5
II. Auftreten der nationalen Problematik in „Vojna i mir“ 5
1. Nationale Orientierungspunkte. 6
a) Monarch. 6
b) Reich. 7
c) Grund und Boden und die Hauptstadt 8
d) Religion. 9
e) Sprache 11
f) Volkszugehörigkeit 12
2. Darstellung der verschiedenen Volksgruppen. 13
A) Charakterisierung der nicht-russischen Volksgruppen. 15
a) Die Deutschen 15
b) Die Österreicher 16
c) Die Polen. 17
d) Die Franzosen 18
B) Darstellung der Russen 20
a) Der französisierte Adel. 21
b) Der volksverbundene Adel 23
c) Das einfache Volk 24
III. Tolstojs nationaler Gedanke in „Vojna i mir“ 25
1. Das russische Volk und der Westen 26
a) Krieg als elementarer Gegensatz von russischem Volk und dem Westen 26
b) Die Macht des einfachen Volkes im Kampf gegen den Westen. 27
c) Das Ideal des einfachen Russischen. 28
2. Die rechte Herrschaft im Einklang mit dem Ideal des einfachen Russischen. 30
a) Tolstojs Vorstellung von Herrschaft 30
b) Die Dekabristenfrage. 31
3. Tolstojs Bewertung des nationalen Gedankens im Roman und nach seiner
Neuorientierung 32
IV. Zusammenfassung 34
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Die nationale Idee, Russland und Tolstoj
1. Aufgabenstellung und Vorgehensweise
Auf den nationalen Aspekt in Tolstojs Roman „Vojna i mir“ ist verschiedentlich hingewiesen worden: im allgemeinen wird der Roman als Beispiel für die nationalpatriotische Gesinnung Tolstojs und seine kritische Haltung gegenüber dem Westen während der zweiten Schaffensperiode des Autors genannt. 1 Trotz der offensichtlichen Bedeutung für den Roman ist sein nationaler Aspekt jedoch kaum umfassend untersucht worden. Diese Arbeit zur nationalen Problematik in „Vojna i mir“ wird deshalb kaum auf schon vorliegende Ergebnisse zurückgreifen können: vielmehr soll das Thema möglichst nahe am Text erörtert werden. Die Fragenkomplexe nach dem Auftreten des Nationalen im Roman und der mit ihm verknüpften Aussage werden dabei im Mittelpunkt stehen. Bei der Untersuchung möchte ich nun wie folgt vorgehen. In diesem einleitenden ersten Teil sollen in aller Kürze Teilaspekte in der Entwicklung der russischen nationalen Idee bis ins 19. Jahrhundert hervorgehoben werden. Der Zeitraum ab Beginn der Napoleonischen Kriege wird dabei wegen seiner direkten Relevanz für den Roman und seinen Autor besonders berücksichtigt werden müssen. Der zweite Teil wird sich mit Auftreten und Darstellung des Nationalen in „Vojna i mir“ befassen. Zum einen sollen hier die von Tolstoj beschriebenen Orientierungspunkte für nationale Gefühle aufgezeigt werden, zum anderen die unterschiedlichen Charakterisierungen der im Roman erscheinenden Volksgruppen. Den Russen, bei denen drei getrennte Gruppen auszumachen sind, muss dabei ein gesonderter Abschnitt gewidmet werden. Im dritten Teil soll schließlich herausgearbeitet werden, welche Aussagen im thematischen Bereich der nationalen Problematik Tolstoj mit seiner Darstellung verknüpft. Dabei wird auf Tolstojs Bewertung vom Westen, von Russland und vom einfachen Volk genauso einzugehen sein wie auf seine Vorstellung von der rechten Herrschaft in der Nation.
2. Die nationale Idee und Russland
Was aber ist eine „Nation“ und ab wann kann man von einem „Nationalbewusstsein“ sprechen? Diese Fragen sind schon vielfach gestellt und auf vielerlei verschiedene Weise beantwortet worden, auf die hier nicht eingegangen werden kann. 2 Doch scheinen bei der zum Teil kontroversen Diskussion die Aspekte Staat (und Herrschaft allgemein), Volk (Mythos eines gemeinsamen Ursprungs), Kultur (Sprache, Religion, Bräuche, nationale Symbole) und
1 Shlapentokh (S. 28) gibt eine Auflistung von Literaturkritiken des Romans in diesem Sinne.
2 Zu verschiedenen Nationalismus-Theorien vgl. Winderl, S. 11-44.
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Wirtschaft unumgänglich zu sein. Zudem ist es wohl unumstritten, dass es die Französische Revolution und die nachfolgenden Napoleonischen Kriege waren, die der Idee der Nation und dem politischen Ideal des Nationalstaats den entscheidenden Auftrieb und letztlich eine derartige Verbreitung gaben, dass sie zum bis heute dominierenden Staatsmodell wurden. Auch in Russland stellt der Krieg gegen Napoleons Grande Armée wohl einen Wendepunkt in der staatspolitischen Bewertung des nationalen Aspekts dar. 3 Wenn auch in der sogenannten proto-nationalistischen Phase ein Bewusstsein nationaler
Zusammengehörigkeit im Volk wohl ansatzweise schon vorhanden war - vor allem über die gemeinsame Religion und das Bewusstsein, dem einen rechtgläubigen Herrscher zu unterstehen, sowie über die mystische Verklärung des russischen Bodens („Svjataja Rus´“) -, so war der nationale Gedanke doch nie das die Politik dominierende Element. Die offizielle Bezeichnung „Vaterländischer Krieg“ für den Krieg gegen Napoleon hingegen verdeutlicht die neue Stellung des Nationalen im zaristischen Russland: nicht mehr die Interessen des Herrschers sollen im Vordergrund stehen; vielmehr wird der Krieg im Interesse all derer gesehen, die sich dem russischen Vaterlande zugehörig fühlen. Trotzdem wird insbesondere der Zar - und weniger die Volksgruppe - als Oberhaupt von Staat und Kirche zum zentralen Orientierungspunkt dieses wachsenden Nationalgefühls, was im Vielvölkerstaat Russland die Integration ethnischer Minderheiten weiterhin ermöglicht.
Der moderne russische Nationalismus ist also zunächst als konservative Ideologie zu verstehen, die ganz im Gegensatz zum übrigen Europa keinen revolutionären Charakter hat, sondern die bestehenden politischen Verhältnisse zum allgemein stützenswerten Ideal erhebt. In der umstürzlerischen Dekabristenbewegung verschiebt sich die nationale Orientierung allerdings vom Herrscher auf das russische Volk, dessen Bedeutung später durch Slavophile, Narodniki und Povenniki noch aufgewertet wird. Schon in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts gelangt der Begriff der „narodnost´“ - freilich gekoppelt mit denen der Orthodoxie und Autokratie - in Uvarovs Programm zur Modernisierung und Stabilisierung des Staates: so erhält auch das „offizielle Nationalbewusstsein“ neben den schon vorhandenen und miteinander verknüpften herrschaftlichen und religiösen Aspekten ein völkisch-russisches Element. Dieses Nationalbewusstsein stützt sich zudem auf den verbreiteten Gedanken der Überlegenheit Russlands gegenüber dem „untergehenden Westen“, dessen ideeller Einflusswie er sich in liberalen Kreisen zeigt - verringert werden soll. 4
3 Für die folgende Darstellung der Entwicklung der nationalen Idee in Russland vgl. Golczewski/Pickhan, S. 15-43.
4 Zimbajew, S. 41.
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3. Die nationale Idee und die Zeit Tolstojs
Uvarovs Programm fällt in die Zeit der Regentschaft von Zar Nikolaj I. Sein Ziel, einen autokratischen Einheitsstaat zu schaffen, bestimmt die russische Politik bis 1855 und ist besonders an den verstärkten Russifizierungsbestrebungen abzulesen: 5 gewissermaßen soll das Ideal der Nationalstaatlichkeit einerseits durch Propagierung russisch-nationaler Werte, andererseits durch Zwangsintegration von Juden, Polen u.a. erreicht werden. Zu Tolstojs Lebzeiten steigt somit das Nationalgefühl in Russland wie in Europa allgemein (vom Völkerfrühling 1848 bis zum Deutsch-Französischen Krieg 1870/1) zu einem neuen Höhepunkt. Gerade in Russland verstärkt der Krim-Krieg gegen das Osmanische Reich und die Westmächte wie auch der von Frankreich gestützte Polen-Aufstand von 1863 sowohl den Nationalismus als auch die ablehnende Haltung gegenüber dem Westen. So verfasst u.a. der Slavophile Katkov mehrere Artikel im Sinne eines „radikalen großrussischen Chauvinismus“ 6 für seine Zeitschrift „Russkij Vestnik“, in dem schon bald darauf „Vojna i mir“ erscheinen wird.
Wenn nun in Tolstojs Roman dem Nationalen - angefangen von nationalen Orientierungspunkten bis hin zur Gegenüberstellung von Russland und dem Westenbesondere Beachtung zukommt, dann steckt der Keim hierfür wohl in zwei Epochen: derjenigen, in der der Roman spielt, und der Zeit seiner Abfassung. Doch soll diese Feststellung keineswegs die Behandlung des Nationalen in „Vojna i mir“ auf ein Produkt seiner Zeit reduzieren: gerade dieses Thema wird von Tolstoj weit differenzierter und auch kritischer behandelt als von vielen seiner Zeitgenossen.
II. Auftreten der nationalen Problematik in „Vojna i mir“
Die nationale Problematik tritt in „Vojna i mir“ auf zweierlei Weise in Erscheinung. Zum einen gibt Tolstoj an, woran sich der Einzelne orientiert, so dass er sich als Teil einer Nation fühlt (nationale Orientierungspunkte). Zum anderen charakterisiert Tolstoj Einzelpersonen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Nation (Volkscharaktere), wobei er die fremden westlichen Nationalitäten den Russen kontrastiv gegenüberstellt. Die Darstellung des Fremden und des Eigenen soll in den Abschnitten zwei und drei dieses zweiten Teils behandelt werden. Vorher möchte ich aber auf die im Roman genannten nationalen Orientierungspunkte eingehen. Für jeden dieser Punkte werde ich Nachweise aus dem Text bringen, auf seine unterschiedlichen Aspekte und seine Relevanz für bestimmte
5 Löwe, S. 56f.
6 Golczewski/Pickhan, S. 35.
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Gruppen und Personen hinweisen, sowie Tolstojs eigene Position aus „Vojna i mir“ herauszulesen versuchen.
1. Nationale Orientierungspunkte
a) Monarch
Der Monarch ist der offensichtlichste nationale Orientierungspunkt in „Vojna i mir“: monarchistische Gedanken und Handlungen der Figuren durchziehen den Roman vom ersten Kapitel (in Anna Pavlovna Šerers 7 prophetisch anmutenden Diskurs zur politischen Situation Europas und der hohen Bestimmung „unseres lieben Imperators“) bis zum Streitgespräch zwischen Nikolaj Rostov und P´er Bezuchov im Epilog. Drei Aspekte scheinen im Roman für eine nationale Orientierung am Herrscher charakteristisch zu sein. Erstens erfasst sie unterschiedliche Volksgruppen, sogar unterschiedliche Nationen, die sich willig dem einen Herrscher unterstellen: der Monarch tritt also als übernationale Integrationsfigur auf. Gerade für die Vielvölkerstaaten Russland und Österreich (aber auch für die aus verschiedenen Nationalitäten zusammengewürfelte Grande Armée) ist dies von Bedeutung. 8 Als Beispiele sind neben den deutschen Soldaten niederen Ranges im russischen Heer (wie der deutsche Oberst, der zum Sterben für den Zaren bereit ist in I-I-16 9 ) natürlich die polnischen Ulanen zu nennen (III-I-2), die wie Kinder darum betteln, in einer sinnlosen Aktion vor den Augen Napoleons ihr Leben aufs Spiel setzen zu dürfen. Dies führt uns zum zweiten Aspekt des Monarchismus: der völligen Aufgabe aller Rationalität im monarchistischen Rausch.
„[Nikolaj Rostov] uvstvoval, to ot odnogo slova togo eloveka [Aleksandra I] zaviselo to, toby vsja gromada ta (i on, svjazannyj s nej, - nitožnaja pesinka) pošla by v ogon´ i v vodu, na prestuplenie, na smert´ ili na veliajšee gerojstvo, i potomu-to ne mog ne trepetat´ i ne zamirat´ pri vide togo približajušegosja slova.“ (I-III-8)
Eine solche Irrationalität gilt nicht nur für den einfachen Soldaten. Selbst die Adeligen und Kaufleute weisen bei ihrer Versammlung in Petersburg jegliches Denken - sei es auch lediglich die von P´er geforderte Information über die Fakten - weit von sich und dem Zaren
7 In dieser Arbeit werden Namen nur dann nicht transliteriert, wenn die eigensprachliche Schreibung im Text zu finden ist oder es sich um historische Persönlichkeiten handelt: in diesem Fall folge ich der üblichen Schreibweise.
8 Der russische Zarismus seit Petr I. wird teilweise sogar als anti-national bezeichnet, da er die für eine Nation als konstitutiv angesehenen ethnischen und religiösen Elemente bewusst zu seinen Gunsten unterdrückt (Winderl, S. 57-59). Dass Monarchismus von Tolstoj nicht gerade als gemeinschaftsfördernd bewertet wird (vgl. Pet´kas beinahen Erdrückungstod und den Kampf um die Biskuits des Zaren in III-I-21), kann man vielleicht auch in diesem Sinne verstehen.
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zu ... nur um sich in einer ruhigeren Stunde zu wundern, was sie da angerichtet haben („i udivljalis´ tomu, to oni nadelali“, III-I-23).
Während die ersten beiden Aspekte gleichermaßen auf die Verehrung Aleksandrs I., des österreichischen Kaisers Franz (I-III-8) wie auf die Napoleons zutreffen, findet sich der dritte Aspekt, die Verbindung des Monarchismus mit dem Religiösen, in Tolstojs Darstellung ausschließlich auf russischer Seite. Diese Verbindung ist gewissermaßen doppelt: einerseits wird der Zar ins Göttliche erhöht (so nennt man ihn in Moskau einen „angel vo ploti“, II-I-2); Napoleon andererseits wird als Antichrist und „vrag roda eloveeskogo“ (z.B. in II-II-8 und 9, III-I-22) bezeichnet.
Die starke Orientierung am Herrscher ist insbesondere charakteristisch für die niederrangigen Fremdsoldaten im Heer (Ulanen, Deutsche). Speziell auf russischer Seite ist sie vor allem in Moskau (im Gegensatz zu Petersburg, III-II-17) und dort bei den Rostovs zu finden (vgl. das Verlesen des Zarenmanifestes in III-I-20), unter denen natürlich Pet´ka und Nikolaj Rostov wiederum herausstechen. Bei den beiden Rostov-Brüdern erscheint auch Tolstojs kritische Haltung gegenüber dem übertriebenen Monarchismus seiner Zeit am deutlichsten: so schlägt sich Pet´ja - ohne recht zu wissen, warum - mit einer Alten um einen Biskuit, den Aleksandr I. in die Menge geworfen hat (III-I-21). Bei Nikolaj zieht Tolstoj den Monarchismus regelrecht ins Lächerliche. Die feurig-aggressiven Worte des betrunkenen Husaren über die Unergründlichkeit der Wege des Zaren schließen mit den Worten: „- Naše delo ispolnit´ svoj dolg, rubit´sja i ne dumat´, vot i vse [...].
- I pit´, - skazal odin iz oficerov, ne želavšij ssorit´sja.
- Da, i pit´, - podchvatil Nikolaj. - j ty! Eše butylku! - kriknul on.“ (II-II-21)
b) Reich
„Anglianin samouveren na tom osnovanii, to on est´ graždanin blagoustroennejšego v mire gosudarstva“ (III-I-10): für Tolstoj verkörpert also der Engländer den Prototypen für eine nationale Orientierung am Reich. Im Engländer armen „Vojna i mir“ aber ist das Reichalso das politische Staatsgebilde mit seiner die Landesgrenzen auch überschreitenden Machtein eher untergeordneter nationaler Orientierungspunkt. Das gilt umso mehr, als der Begriff des Reiches in Monarchien (besonders natürlich absolutistischen) zwangsläufig mit dem des schon besprochenen Monarchismus verknüpft ist und so ein reichspatriotisches Nationalgefühl leicht mit Monarchismus verschmelzen kann. Erwähnenswert ist dieser Orientierungspunkt jedoch insofern, als dass die Zeit während und nach den napoleonischen Kriegen im allgemeinen als Zeit des Imperialismus bezeichnet wird. Die Idee der Ausweitung
9 Quellenangaben im fortlaufenden Text beziehen sich auf die kanonisierte Fassung von L.N.Tolstoj:
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Christopher Selbach, 2000, Die nationale Problematik in Tolstojs "Vojna i mir", München, GRIN Verlag GmbH
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Romanistik - Französisch - Literatur
Seminararbeit, 25 Seiten
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