Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Methoden und Begriffe 4
2.1 Kommunikationsmedien/-theorie nach Niklas Luhmann 4
2.1.1 Die Schrift 5
2.1.2 Funktionssystem Massenmedien - Buchdruck Kontrolle und Wissensvermehrung
6
2.2 Funktionssysteme Politik und Religion 7
2.3 Der Calvinismus 8
2.3.1 Johannes Calvin 8
2.3.2 Calvins Theologie: Institutio Christianae Religionis 9
2.3.2.1 Der Staat und der Calvinismus 10
3 Neuzeit, Buchdruck und Reformation 11
3.1 Die Neuzeit - neue Ideen und neue Techniken 11
3.2 Die Auswirkungen des Buchdruckes auf die Reformation 13
4 Auswirkungen des Buchdruckes auf die Ausbreitung des Calvinismus in Europa 15
4.1 Länderbetrachtungen 16
4.1.1 Französisch-sprachige Gebiete: Frankreich und „Schweiz“ 16
4.1.2 Ungarn 19
Der Buchdruck und die Glaubens-/Pressefreiheit in den calvinistischen
5
Niederlanden 20
Die Niederlande im 16. Jahrhundert: Die Freiheit des Glaubens und des
5.1
Buchdrucks. 21
6 10. Juli 2009 - 500 Jahre Johannes Calvin 23
6.1 Die Tyrannei der Tugend? - Intoleranz, Hinrichtung und Feind der Demokratie?24
6.2 Calvinisten als bessere Capitalisten? 27
7 Konklusion 30
8 Bibliographie 31
8.1 Bücher 31
8.2 Internet 32
8.3 Vorträge und Essays 33
8.4 Zeitschriften 33
2
1 Einleitung
Wir betrachten in dieser Arbeit das Werk eines der wohl interessantesten
Reformatoren der Frühen Neuzeit 1 : Johannes Calvin (Jean Cauvin 2 ). Speziell im Calvin-Gedenkjahr 2009, welches an seinen 500. Geburtstag erinnert, rückt die Person Calvin wieder in den Mittelpunkt des wissenschaftlichen Diskurses. Calvin begründete durch seine
„Institutio Christianae Religionis“ 3 einen Katechismus - eine Glaubensauffassung und Bibelauslegung -, welche immer wieder zu heftigen Diskussionen zwischen Wissenschaftern geführt hat. Einerseits wird die Sittenstrenge, die Biederkeit und die Frömmigkeit seiner Lehre gelobt, jedoch andererseits finden wir Kritik, die Calvin sogar mit einem der
schlimmsten Diktatoren des 20. Jahrhunderts auf eine Stufe stellt. Trotz aller Kritik 4 an und Verteidigung 5 von Johannes Calvin ist nach Jean-François Gilmont festzuhalten: „John Calvin was a landmark figure in the history of Christianity.“ 6 In meiner Arbeit gehe ich nun auf die Verbreitung des Calvinismus in Europa im 16. Jahrhundert ein. Ein wichtiges Hilfsmittel für dessen Verbreitung war der Buchdruck. Das Kapitel 2 dient der Begriffsdefinition des calvinistischen Katechismus, einer Personenbeschreibung Calvins und dem technischen Hilfsmittel bei der Verbreitung der
reformierten 7 Kirche. Als Grundlage für meine Arbeit dient mir das systemtheoretische und kommunikationstheoretische Konzept 8 von Niklas Luhmann über Massenmedien und deren Aufgabe in der Gesellschaft. Nach dieser theoretischen Fundierung gehen wir im Kapitel 3 zuerst auf die Reformation und den Buchdruck im Allgemeinen ein. Danach widmen wir uns spezifisch dem Calvinismus und einigen Länderstudien im 16. Jahrhundert. Im vorletzten
Kapitel beschreibe ich die Pressefreiheit in den angeblich „liberalen“ 9 Niederlanden
1 Als Frühe Neuzeit wird meistens der Zeitrahmen von 1500 bis 1800 bezeichnet.
2 Lutz, Heinrich 2002: Reformation und Gegenreformation. Auflage 5, München, S. 62.
3 Übersetzung: Unterricht in der christlichen Religion. Literatur hierzu: Plasger, Georg 2009: Johannes Calvins Theologie - Eine Einführung. Auflage 2, Göttingen.
4 Literatur hierzu:
Stefan Zweig 1996: Castello gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt. Frankfurt. „Stefan Zweig hat 1936 in der Zeit des Nationalsozialismus ein Buch geschrieben […] und hat in literarisch geschickter Art den Despoten Hitler gemeint und Calvin gesagt - auch das hat […] dazu beigetragen, das Bild Calvins in düsteren Farben zu zeichnen.“ (Plasger, Georg 2009: S. 9) Reinhardt, Volker 2009: Die Tyrannei der Tugend. Calvin und die Reformation in Genf. München.
5 Literatur hierzu:
Birnstein, Uwe 2009: Der Reformator. Wie Johannes Calvin Zucht und Freiheit lehrte. Berlin. Parker, T. H. L. 2009: Johannes Calvin. Ein großer Reformator. Holzgerlingen.
6 Gilmont, Jean-François 2005: John Calvin and the Printed Book. Dexter/Michigan, S. ix. Übersetzung: „Johannes Calvin war in der Geschichte der Christenheit eine wichtige Persönlichkeit.“
7 „Reformiert“ bezeichnet die Anhänger des Calvinismus und die Zwinglianer, da es sich hier um eine neue Art des Protestantismus handelt.
8 Luhmann, Niklas 1998: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Auflage 1, Band 1, Frankfurt am Main.
9 Die Niederlande waren in der Frühen Neuzeit ein Ort für Glaubensflüchtlinge aus ganz Europa.
3
(Generalstaaten) in der Frühen Neuzeit im 16. Jahrhundert. Im letzten Kapitel gehe ich auf das Calvinjahr an sich ein und den momentanen historischen Diskurs über die Person Johannes Calvin und seine religiösen Anschauungen.
2 Methoden und Begriffe
In diesem Kapitel folgt die Beschreibung der Kommunikationsmedien/-theorie nach Niklas Luhman, zu welchen/r auch Sprache, Schrift und Buchdruck (Funktionssystem Massenmedien) hinzugezählt werden. Weiters beschreibe ich den Calvinismus und die Person des Genfer Reformators Johann Calvin. Abschließend folgt in diesem Kapitel die Betrachtung der Funktionssysteme Politik und Religion, welche uns während der Arbeit begleiten werden.
Kommunikationsmedien/-theorie nach Niklas Luhmann 10 2.1
Das Kommunikationssystem, in welchem sich die Menschen befinden, ermöglicht
es ihnen, mit anderen in Kontakt zu treten. Dies wird als „System höherer Ordnung“ 11 oder als „Gesellschaft“ 12 definiert. Hier besteht jedoch der Zwang zwischen Medium (zB Sprache) und Form 13 zu unterscheiden. Kommunikation teilt sich des Weiteren in drei Dimensionen: zeitliche 14 , sachliche 15 und soziale 16 . Weiters besteht Kommunikation aus: Information, Mitteilung und Verstehen 17 . 18 Nur wenn diese drei Teile der Kommunikation gegebenen sind, findet auch Kommunikation statt.
Bei der Analyse der Funktionssysteme, ua hier Massenmedien, Politik und
Religion, stoßen wir auch auf „symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien“ 19 . Sie dienen zur systeminternen Kommunikation, sprich jedes Funktionssystem hat sein eigenes
10 Vgl.: Luhmann, Niklas 1998: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Auflage 1, Band 1, Frankfurt am Main, S. 190 - 302.
11 Luhmann, Niklas 1998: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Auflage 1, Band 1, Frankfurt am Main, S. 194.
12 Ebenda.
13 „An dieser Stelle sei daran erinnert, daß wir unter ‚Form‘ die Markierung einer Unterscheidung verstehen.“ (Luhmann, Niklas 1998: S, 198.)
14 „Die Zeit wird durch konkrete Ereignisse [Kommunikation] erfahrbar […].“ (Luhmann, Niklas 1998: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Auflage 1, Band 1, Frankfurt am Main, S. 252) Es gibt bei der Kommunikation eine Reaktion auf Ereignisse, die vorher waren. Ein Sprecher reagiert auf den nächsten.
15 „Es fällt ja auf, daß Sprache nur funktioniert, wenn durchschaut wird und durchschaut wird, daß durchschaut wird, daß die Worte nicht die Gegenstände der Sachwelt sind, sondern sie nur bezeichnen.“ (Luhmann, Niklas 1998: S. 218.) Es handelt sich hier um ein Verstehen der Kommunikation. Hier wird bei der sachlichen Dimension auch die Teilung in Kommunikation und Nicht-Kommunikation (Wissen, das bereits bekannt ist) vollzogen.
16 Die Kommunikation kann Konflikt oder Konsens herstellen.
17 „Kommunikation kommt tatsächlich erst mit ihrem Abschluß im Verstehen zustande.“ (Luhmann, Niklas 1998: S. 259.)
18 Vgl.: Luhmann, Niklas 1998: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Auflage 1, Band 1, Frankfurt am Main, S. 190.)
19 Luhmann, Niklas 1998: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Auflage 1, Band 1, Frankfurt am Main, S. 203.
4
Kommunikationsmedium. 20 Die Gesellschaft verfügt über die Sprache 21 als Kommunikationsmedium. Jedoch muss hier auch festgehalten werden, dass Kommunikation nicht immer Sprache benötigt. Kommunikation kann auch nur durch Zeichen erfolgen. Die Sprache wählt als Formen des Ausdrucks den Laut und den Sinn und als
Medium die „Lautlichkeit“ 22 - Lautstärke. Die Form der Sprache wird nun durch Wörter gebildet, welche immer wieder neu in strukturierten - mit Grammatik und Syntax - Sätzen verwendet werden können. Das System der Sprache reproduziert sich selbst - es herrscht eine
„Autopoiesis“ 23 vor. Dieses Selbstreproduzieren des Systems wird dadurch verstärkt, dass es den Code „Ja und Nein“ im Sprachsystem der Gesellschaft gibt. Jede Aussage kann negiert
werden. 24 Dadurch haben wir jedoch innerhalb der Gesellschaft „das Problem des Irrtums und der Täuschung, des unabsichtlichen und des absichtlichen Mißbrauchs der Zeichen.“ 25 Um dieses Problem an sich zu minimieren, greift die Religion und mit ihr die Moral, das heißt
die Unterscheidung von „gut“ und „schlecht“, in die Kommunikation ein. 26 Die Religion stellt die Moral 27 und einen darüber wachenden und alles beobachtenden Gott 28 über die Kommunikation. Durch den Einfluss des Buchdruckes löst sich diese enge Beziehung zwischen Moral und Religion auf, besonders aus den Erfahrungen der Religionskriege heraus,
in welchen jede Seite die Moral für sich beanspruchte. 29
2.1.1 Die Schrift
Die Kommunikation der Gesellschaft wird durch die Schrift an sich erweitert und bietet den Vorteil, dass auch ablehnende Haltungen, zB gegen eine vorherrschende Kaste oder
20 Als Beispiel: Das Funktionssystem Politik hat das symbolisch generalisierte Kommunikationsmedium „Macht haben“ oder „Macht nicht haben“. Das System Wirtschaft verfügt über das Medium „Geld haben“ oder „Geld nicht haben“. Das Kommunikationsmedium des Systems Wirtschaft hat im System Politik nichts zu suchen, da sonst daraus Korruption entsteht.
21 Sprache oder besser gesagt das „S[s]sprechen ist ein auf Kommunikation spezialisiertes, für diese Funktion ausdifferenziertes und dadurch für die Wahrnehmung sehr auffälliges Verhalten.“ (Luhmann, Niklas 1998: S. 211)
22 Luhmann, Niklas 1998: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Auflage 1, Band 1, Frankfurt am Main, S. 213.
23 Luhmann, Niklas 1998: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Auflage 1, Band 1, Frankfurt am Main, S. 221.
24 Er [der Gebrauch von Negationen] öffnet vielmehr nur einen Kontingenzraum [den Raum für zwei Möglichkeiten], für den in der Kommunikation zu unterstellen ist, daß alles, was bejaht wird, auch verneint werden kann und umgekehrt.“ (Luhmann, Niklas 1998: S. 222.)
25 Luhmann, Niklas 1998: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Auflage 1, Band 1, Frankfurt am Main, S. 225.
26 „[…]: Die Probleme der Kommunikation werden durch Unterdrückung von Kommunikation gelöst, oder zumindest strukturiert.“ (Luhmann, Niklas 1998: S. 233.)
27 Gesetze, Tugenden und Pflichten.
28 Vgl.: Luhmann, Niklas 1998: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Auflage 1, Band 1, Frankfurt am Main, S. 238.
29 Vgl.: Luhmann, Niklas 1998: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Auflage 1, Band 1, Frankfurt am Main, S. 247.
5
Missstände in einer Kirchengemeinschaft, ausgedrückt werden können. 30 Durch die Schrift ist es nun möglich, jemandem Informationen mitzuteilen, ohne persönlich mit ihm in Interaktion zu treten. Dies bedarf jedoch der Lese- und Schreibfertigkeit der betreffenden Person. Weiters ermöglicht die Schrift den Aufbau eines gesellschaftlichen Gedächtnisses (Archiv). Wissen
geht nicht mehr so leicht verloren, wie bei oralen Gesellschaften. 31 Durch die Entwicklung der Schrift und die Vermehrung von Texten wird auch der Code der Sprache - das „Nein“immer mehr gebraucht, da dies die Kommunikation anregt. Durch die interaktionslose Kommunikation - Schrift - ist es dem Menschen noch weniger möglich, den Inhalt der
Kommunikation nachzuprüfen. Somit steigt seine Ablehnung. 32
2.1.2 Funktionssystem Massenmedien - Buchdruck
Kontrolle und Wissensvermehrung
Den Massenmedien als Funktionssystem 33 - in der Frühen Neuzeit ist dies der Buchdruck - kommt die Aufgabe der Beobachtung der anderen Funktionssysteme, der Gesellschaft an sich, zu. Die früheste Form der Massenmedien ist der Buchdruck. Er dient der Kommunikation und andererseits auch der Kontrolle. Der Kommunikationscode der Massenmedien besteht aus Information und Nichtinformation (bereits bekannte
Information). 34 Schließlich erfüllen die Massenmedien noch eine weitere elementare Aufgabe bei der Entwicklung einer Weltgesellschaft 35 . Sie helfen beim Transformierungsprozess einer ständischen Gesellschaft 36 hin zu einer funktional-differenzierten Gesellschaft 37 . 38 Von großer Bedeutung sind hier eine einheitliche Sprache und der Buchdruck.
30 „Solange aber Sprache nur mündlich, also nur in Interaktionen unter Anwesenden ausgeübt wird, gibt es genug soziale Pressionen, eher Angenehmes als Unangenehmes [Kritik] zu sagen und die Kommunikation von Ablehnungen zu unterdrücken.“ (Luhmann, Niklas 1998: S. 204.)
31 Vgl.: Luhmann, Niklas 1998: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Auflage 1, Band 1, Frankfurt am Main, S. 270.
32 Vgl.: Luhmann, Niklas 1998: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Auflage 1, Band 1, Frankfurt am Main, S. 290.
33 Funktionssysteme sind streng von einander getrennt und reproduzieren sich selbst (Religion würde sich nur mit Religion beschäftigen und nicht mit Politik). Sie haben auch einen bestimmten Code, mit dem sie kommunizieren, zB Politik (Macht haben, Macht nicht haben). Zum Thema Funktionssystem, Systemtheorie nach Luhmann siehe:
Luhmann, Niklas/Baecker, Dirk (Hrsg.) 2002: Einführung in die Systemtheorie. Heidelberg. Luhmann, Niklas/Baecker, Dirk (Hrsg.) 2005: Einführung in die Theorie der Gesellschaft. Darmstadt. Luhmann, Niklas 1998: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt am Main.
34 Luhmann, Niklas 1998: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Auflage 1, Band 2, Frankfurt am Main, S. 1104.
35 Sie setzt sich aus allen Funktionssystemen zusammen, dh allen Religionen (Weltreligion), allen „Politiken“ (Weltpolitik) und allen Massenmedien (Weltöffentlichkeit). Hierzu vgl.: Luhmann, Niklas 1998: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Auflage 1, Band 1, Frankfurt am Main.
36 Einer Gesellschaft, die aus Schichten besteht und eine gesellschaftliche Spitze hat.
37 Dies ist eine Gesellschaft, die sich nicht mehr durch Schichtungen auszeichnet, sondern durch Funktionssysteme, in denen alle gleichberechtigt sind. Es gibt keine Spitze.
6
Durch die Erfindung des Buchdruckes in den 1450er Jahren durch Johann Gutenberg (1400 - 1468) erlebte Europa eine stark ansteigende Wissensvermehrung. Vor der Zeit des Buchdruckes mussten Bücher in mühsamer Handarbeit abgeschrieben werden. Das Wissen war nur wenigen Theologen und Gelehrten zugänglich. Erst durch den Einsatz des
Druckes 39 und einer Standardhochsprache 40 (Latein verliert immer mehr an Bedeutung) für ein bestimmtes Gebiet 41 mit einer Nation 42 wurde nun das Wissen der alten griechischen und römischen Philosophen besonders wichtig, das Wissen/die Fähigkeit des Lesens der Bibel für breite Bevölkerungsgruppen zugänglich und auch jener bereits oben beschriebene Prozess der Entwicklung hin zu einer funktional-differenzierten Gesellschaft in Gang gesetzt.
2.2 Funktionssysteme Politik und Religion
Bei der Betrachtung des 16. Jahrhunderts finden wir noch hierarchisch-stratifizierte - also ständische - Gesellschaften vor. Die Funktionssysteme, wie Politik, Religion und Massenmedien, waren noch nicht von einander getrennt. Weltliche und kirchliche Instanzen
waren eng miteinander verwoben, sodass man nicht einfach von strukturellen Koppelungen 43 sprechen konnte. Die symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien der Politik „Macht haben/nicht haben“ und der Religion „glauben/nicht glauben“, standen zueinander in einer symbiotischen Wirkung. Der „richtige Glaube“ bedingte gleichzeitig die Ausübung von
Macht. 44 Die Monarchen sahen sich als von Gott ein gesetzt - Gottesgnadentum 45 - und
38 Vgl.: Giesecke, Michael 2006: Der Buchdruck in der Frühen Neuzeit. Eine historische Fallstudie über die Durchsetzung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien. Auflage 4, Frankfurt am Main, S. 494.
39 „Aus kommunikationstheoretischer Sicht macht die Wahl des Ausdrucks ‚Drucken‘ einen besonderen, guten Sinn. Mit ihm wird nämlich besser, als es die Bezeichnung ‚Setzen‘ oder ‚Satz‘ vermag, hervorgehoben, daß es in dieser Kunst um die Übertragung von Mustern von einem Medium auf ein anderes geht. […] die Übertragung [ist] beliebt wiederholbar [.].“ (Giesecke, Michael 2006: Der Buchdruck in der frühen Neuzeit. Eine historische Fallstudie über die Durchsetzung neuer Informations- und Kommunikationstechnologie. Auflage 4, Frankfurt am Main, S. 106.)
40 „Die einzelnen Fachsprachen und Mundarten erscheinen den Menschen nur als eine funktionale Spezifizierung einer einheitlichen Supersprache - die im wesentlichen mit dem typographischen [Typographie ist die Druckkunst] Kode gleichgesetzt wird.“ (Giesecke, Michael 2006: S. 494) „Zweitausend Jahre, nachdem das Alphabet in Gebrauch gekommen war, bringt die Druckerpresse eine immense Ausweitung von Schrift.“ (Luhmann, Niklas 1998: S. 291.)
„Jetzt erst entstehen auch Regeln […] des ‚korrekten‘ Sprachgebrauchs bis hin zu den Lächerlichkeiten einer vollständigen Dudenisierung der Schriftsprache […].“(Luhmann, Niklas 1998: S. 298.)
41 „Mann ist sich mit Sebastian Franck (1539) ‚gewiß, daß Germania Teutschland sich allweg so weit hat erstrecket, soweit teutsch zung ist gangen‘.“ (Schirokauer, H. 1941: Der Begriff Deutschland im Wörterbuch des Dasypodius. In: Modern Language Notes 59, S. 378 ff. Zitat nach: Giesecke, Michael 2006: S. 496)
42 „ ‚Eine Nation‘, definiert Wilhelm von Humboldt, ‚ist eine durch eine bestimmte Sprache charakterisi[e]rte geistige Form der Menschheit.‘ “ (Flitner, Andreas/Giel, Klaus 1972: Über die Verschiedenheiten des menschlichen Sprachbaus. Band 3, Darmstadt, S. 160 f. Zitat nach: Giesecke, Michael 2006: S 496.)
43 Funktionssysteme können auch in gewissen Bereichen miteinander verbunden sein: Politik und Wirtschaft, dh dass die Politik zB vorgibt, welche Währungen in einem Land akzeptiert werden. Die Politik wirkt in die Wirtschaft hinein.
44 zB: Heinrichs IV., der zuerst dem reformierten Glauben angehörte, dann zum Katholizismus konvertierte, um 1598 König von Frankreich zu werden. Bei seiner Krönung soll er gesagt haben: „Paris ist ein Messe wert.“
7
arbeiteten eng mit der Kirche zusammen. Kirchliche Strafen wurden von weltlichen Instanzen vollzogen zB Ketzer- und/oder Hexenverbrennungen.
2.3 Der Calvinismus
In diesem Kapitel behandle ich die Person Johannes Calvin, seinen Katechismus und das Verhältnis Religion (Calvinismus) und Staat.
2.3.1 Johannes Calvin
Johannes Calvin wurde am 10. Juli 1509 in Noyon geboren. Er studierte an der Universität Orléans Jura und lernte dort auch Griechisch - was für seine späteren Bibelstudien wichtig war. 1531 inskribierte er an der humanistischen Universität Paris. Johannes Calvin schloss sich vermutlich zwischen 1533 und 34 der (lutherischen) Reformation an. In der sog. Plakataffäre (Plasger, Georg 2009: S. 11.), während Plakate in Paris gegen die katholische Messe affichiert wurden, verkündete er seine Konversion zum evangelischen Glauben. Er beschäftigte sich sein Leben lang mit der Bibel und deren Auslegung und kann deswegen auch als Kirchenvater bezeichnet werden. Schließlich wurde sein Katechismus „Institutio Christianae Religionis“ (Der Unterricht in der christlichen Religion) im Jahre 1536 gedruckt. 1536/37 wirkte Calvin in Genf. Dort wurde 1535 eine Reformation durchgeführt. Die Stadt hatte sich von der geistlichen und weltlichen Herrschaft des Bischofs unabhängig erklärt. Nun sollte Calvin eine neue Kirchenordnung einführen. Jedoch waren seine Konzepte, zB Prädestination und Kirchenzucht, für die Genfer zu radikal. Noch dazu erstarkte die katholische Opposition wieder, und so musste Calvin 1538 aus Genf fliehen. Er wurde nach Straßburg gerufen. Dort arbeitete er weiter an seiner Institutio, kümmerte sich um die evangelische Gemeinde, hielt Vorlesungen an der Universität und lernte auch Philipp
Melanchthon 46 kennen. Jedoch schon 1541 wollten die Genfer Calvin wieder zurück, da sie es nicht schafften, sich eine neue Kirchenordnung zu geben. Nach langem Bitten kehrte Calvin 1541 nach Genf zurück und durfte nun radikal reformieren. Soweit wie möglich setzte er seine Ideen in Genf um, zB Kirchenzucht, strenge Ämterregelung für seine Gemeinde oder auch die Gründung einer Akademie für die Ausbildung von calvinistischen Geistlichen. Bevor
45 Der Monarch fühlt sich nur an eine Instanz gebunden - an Gott selbst. Er ist Gott selbst verantwortlich und durch diesen eingesetzt.
46 Philipp Melanchthon (Geboren 1497, gestorben 1560). Er gilt als Wunderkind seiner Zeit. Bereits mit 15 Jahren studierte er auf der Universität in Tübingen zahlreiche Wissenschaften, darunter Latein, Hebräisch, Griechisch, Musik und Astronomie. Er gilt dann auch in späteren Jahren als der Lehrer Deutschlands (Praeceptor Germaniae), da er sich sehr mit Unterrichtsplänen und Schulführung beschäftigte. Er verfasste das Augsburger Bekenntnis (Confessio Augustana), welches am Reichstag 1530 Kaiser Karl V. vorgelegt wurde. Melanchthon betrachtete das Confessio immer als sein Privatwerk.
8
Calvin am 27. Mai 1564 starb, überarbeitete er seine Institutio nochmals. „Sie ist jetzt ein dickes Lehrbuch mit vier Büchern und 24 Kapiteln und gehört zu den großen dogmatischen
Werken der evangelischen Theologie.“ 47
2.3.2 Calvins Theologie: Institutio Christianae Religionis
Als Teil der evangelischen Theologie und der Reformation orientiert sich auch der
Calvinismus an den vier Prinzipien der Reformation: „sola scriputra“ 48 , „sola gratia“ 49 , „sola fide“ 50 und „solus Christus“ 51 . Calvin leitete seinen Katechismus, wie alle Reformatoren, aus der Bibel ab.
Zwei wichtige Punkte in der Glaubenszuwendung zum Calvinismus sind Selbst 52 - und Gotteserkenntnis 53 .Dies soll heißen, dass der Mensch durch Sünde fern von Gott ist und nur durch die Selbsterkenntnis seiner Sünde zu Gott findet. Dies kann aber nicht direkt sein. Gott spricht mit den Menschen indirekt durch die Bibel (als alleinige Grundlage des Glaubens
„sola scriptura“ 54 ) und durch seinen Heiland Jesus Christus („solus Christus“) 55 . Die Selbst-und Gotteserkenntnis führt dann auch zu einem Lebenswandel, bei dem man Gott in der Not anruft und ihm auch dankt, wenn einem Gutes widerfährt. Im Calvinismus finden wir zwei Glaubensinhalte, weswegen dieser immer wieder
in Kritik gerät: Die doppelte Prädestination 56 und die Erwählung 57 . Diese zwei Prinzipien beruhen auch wieder auf dem reformatorischen Prinzip „sola gratia“ 58 , dh dass Gott eine Hand voll Menschen auserwählt. Diese Erwählung auf der einen Seite beinhaltet aber auch die Verdammung der anderen. Und Gott weiß dies im Vorhinein (Prädestination). Bei der
47 Plasger, Georg 2009: Johannes Calvins Theologie - Eine Einführung. Auflage 2, Göttingen, S. 16.
48 Die alleinige Wahrheit geht von der Bibel aus, die auch von den Laien ausgelegt werden kann. Dies wird auch durch Bibelkreise gefördert, zB im Pietismus, welcher stark auf das Laienpriestertum konzentriert war.
49 Allein durch die Gnade Gottes erlangt man die Sündenvergebung und nicht durch den Ablass.
50 Allein der Glaube macht selig. Gute Taten sind nicht die Voraussetzung zum Seligwerden, jedoch werden gute Taten auch nicht abgelehnt. Jeder Christ sollte Gutes tun.
51 Alleine Jesus Christus gilt als „Fürsprecher“ vor Gott. Es gibt weder Marien- noch Heiligenverehrungen. Wer in Jesus Christus ist, erlangt auch das Seelenheil.
52 Hierzu vgl.: Plasger, Georg 2009: Johannes Calvins Theologie - Eine Einführung. Auflage 2, Göttingen, S. 16.
53 Hierzu vgl.: Ebenda.
54 „Der Inhalt, von dem die Schrift zeugt, steht der Kirche voran - und deshalb gibt nicht die Kirche der Schrift Autorität, sondern empfängt sie - allenfalls - von daher. Denn nicht das Alter der Schrift gibt ihr Autorität, sondern ihr Inhalt.“ (Plasger, Georg 2009: S. 29.)
55 „Diesem Menschen [der durch Sünde versklavt ist] kommt Gott nahe und rettet ihn, indem Gott für die Menschen in Christus selber Mensch wird, stirbt und aufersteht und ihnen so das Leben erwirbt.“ Plasger, Georg 2009: S. 23.)
56 Hierzu vgl.: Plasger, Georg 2009: Johannes Calvins Theologie - Eine Einführung. Auflage 2, Göttingen, S. 89 - 105.
57 Hierzu vgl.: Plasger, Georg 2009: Johannes Calvins Theologie - Eine Einführung. Auflage 2, Göttingen, S. 89 - 105.
58 „Nein, Gott ist es, der erwählt - allein. Dem Glauben selber wohnt keine miterlösende Kraft inne, seine Würdigkeit oder Qualität ist deshalb irrelevant; seine Form kann deshalb auch kein Indiz für die Erlösung sein [da man den Glauben auch einfach nur vortäuschen kann].“ (Plasger, Georg 2009: S. 91.)
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Mag. Matthias Spindler, 2009, Die Verbreitung des Calvinismus durch den Buchdruck in Europa im 16. Jahrhundert , München, GRIN Verlag GmbH
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