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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 2
2. Simultanismus 3
2.1 Simultanismus und Simultaneität. 3
2.2 Der Simultanismus der Futuristen. 5
2.3 Simultanismus bei den Kubisten und bei Apollinaire 6
3. Lundi rue Christine. 10
4. Les Fenêtres. 14
5. Schlussbetrachtungen. 17
Bibliographie. 18
Anhang: Primärtexte „Lundi Rue Christine“ und „Les Fenêtres“
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1. Einleitung
„Simultanismus - ich weiß nicht was das heißen soll.“ schreibt Delaunay in einem Brief vom 1917,
„Das ist für das Publikum noch nicht geklärt. Einige [...] haben mit einer Menge von Artikeln, einem Haufen Papier, die Frage vernebelt. Aus einem Mangel an Geist? Ich glaube es. (Siehe die Polemik Apollinaire-Barzun-Kubisten, Futuristen, usw.) Alle haben von einer metaphysischen Sache gesprochen anstatt vom Handwerk selbst, was die Simultanität
angeht.“ 1
Diese Hausarbeit wird der Frage nachgehen, was „Simultanismus“ eigentlich ist. Es wird gezeigt werden, dass der Begriff zu seiner Zeit von den unterschiedlichen Kreisen anders aufgenommen wurde und auf differenzierte Art und Weise gebraucht wurde. Nach dem Versuch einer Begriffsdefinition wird zunächst auf den Simultanismusverständnis der Futuristen eingegangen, dann Apollinaires Verständnis von der „Simultaneität“ erläutert. Die vom Delaunay angesprochene Polemik von Apollianire und Barzun wir auch dazu dienen, dieses Verständnis deutlich zu machen. Es wird zum Schluß auf die beiden Gedichte „Lundi Rue Christine“ und „Les „Fenêtres“ von Apollinaire eingegangen, um die Frage zu klären, ob und in wie weit Simultanismus in diesen beiden Gedichten realisiert wurde. Da bei den Gedichten nur schwer eine Regelmäßigkeit erkennbar ist, wird bei den Ausführungen auf ‚Vers’ zugunsten der ‚Zeile’ verzichtet. Die Gedichte sind hinten als Primärtexte mit Zeilenangabe angeführt.
1 Delaunay, Robert: Brief an die spanische Kunstzeitschrift >>Vell i Nou<< (Barcelona), 1917 in: Düchting, Hajo (Hg.): Robert Delaunay. Zur Malerei der Reinen Farbe. Schriften von 1912 bis 1940, München 1983, S.101.
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2. Simultanismus
2.1 Simultanismus und Simultaneität
Die Idee des Simultanismus beschäftigte schon seit 1907 mehrere Künstler wie Pablo Picasso oder Georges Braque, die versuchten, Figuren und Objekte von mehreren Seiten gleichzeitig zu zeigen. Sie beschäftigte zuerst die Kubisten und anschließend benutzten auch die Futuristen den Begriff für ihre Kunst. Bis heute ist noch unklar, wer den Begriff des Simultanismus prägte und wer ihn übernahm und für seine Zwecke verwendete. Simultanismus als Kunstrichtung fing zuerst in der Malerei an und beeinflusste in der Folge auch die Literatur. Apollinaire „entdeckte“ den Simultanismus in Delaunays „Fenster-Bildern“ von 1912 und schrieb davon inspiriert das Gedicht „Les Fenêtres“, allerdings gab es davor schon 1909 „Eiffelturm-Bilder“, die farbig über den hell-dunkel Kubismus hinausragten und Cendrars zu seinem Gedicht „Der Turm“ inspiriert haben.
Viele Künstler der Zeit, unter anderem auch Robert Delaunay, Ferdinand Léger, Blaise Cendras und Henri-Martin Barzun beanspruchten, Urheber des Begriffs zu sein. Bekannt für diesen Streit ist die Polemik von Guillaume Apollinaire, den Kubisten und Barzun. Der Begriff erschien während einer kurzen Zeitspanne bei mehreren Künstler und kursierte als Reiz- und Stichwort in den Avantgardekreisen. Ferner gab es mehrere Begriffe, die gebraucht wurden, daher findet man heute noch den synonymen Gebrauch der Bezeichnungen ‚Simultanismus’ und ‚Simultanität’ bzw. ‚Simultaneität’. Johannes Ullmaier trennt in seinen Ausführungen über Yvan Golls Gedicht „Paris brûle“ zwischen den Begriffen ‚Simultanismus’ als Verfahren und ‚Simultaneität’ als Wirkung.:
„Das bewußtseinsmäßige Korrelat des Simultanismus soll hier [...] Simultaneität genannt werden. Zu deren Charakterisierung bietet sich folgende Formulierung an: Simultaneität ist der bewußtseinsmäßige Eindruck von der Gleichzeitigkeit bzw. unmittelbaren Verbundenheit mehrerer, ursprünglich assoziativ unverbundener Wahrnehmungs-
elemente.“ 2
2 Ullmaier, Johannes: Yvan Golls Gedicht »Paris brennt «. Zur Bedeutung von Collage, Montage und Simultanismus als Gestaltungsverfahren der Avantgarde, Tübingen 1995, S.192.
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Unter Gleichzeitigkeit versteht Ullmaier ein subjektives Erleben der Momenthaftigkeit der veschiedenen Elemente. Das Verfahren sieht er als eine Montage, die auf ein explizites oder virtuelles Ichbewusstsein angewendet wird. Das Gedicht wird als gebunden an ein Bewusstsein betrachtet, auch wenn das lyrische Ich nicht explizit genannt wird. Daher ist das Gedicht also nur dem Bewusstsein völlig verständlich, in dem es geschrieben wurde. Für die anderen wirkt es zunächst befremdlich.
Das simultane Gedicht wirkt bruchstückhaft und es hat keine chronologische Entwicklung, sondern besteht lediglich aus einer Abfolge von verschiedenen, kausal nicht sichtbar miteinander verbundenen Aspekten. Mit der Simultantechnik wurde versucht, die Mehrschichtigkeit eines Wirklichkeitsausschnitts, seine Dichte und Komplexität und die heterogensten Zusammenhänge in einem Werk zusammenzufassen und zu verdeutlichen. In „Die drei guten Geister Frankreichs“ erläutert Iwan Goll die neue Art des Schreibens: „Es handelt sich für sie [die jungen Franzosen] nicht mehr darum: „gebundene Rede“, „Verse“ zu schreiben nach grammatikalischer und boileauscher Handwerkerkunst; ihre Technik besteht darin, das Leben an sich, in substanzia, zu versinnbildlichen, so ehrlich und einfach wie möglich. Äußerlich erscheinen daher oft die Gedichte wie ein Chaos von Trivialitäten, seltsamen Vergleichen und Gefühlsüberschwängen; keine ganzen, fortlaufenden Sätze, manchmal nur Silben, abgerissene Bilder [...] Jedes Gedicht folgt so seinem eigenen Gesetz wie Cézannes Bild „Le poème doit être lui même son sujet“. Hier werden nicht mehr Sätze und
Methaphern geformt, sondern Dinge aus Worten, Leben und Klang.“ 3
Das zeitliche Nacheinander der festgelegten Dichtung sollte durchbrochen werden und so den Eindruck eines räumlichen Querschnittes, einer Simultaneität und einer Ubiquität, einer Allgegenwart, vermittelt werden. Ähnlich wie es in den simultanen Bildern möglich war, zum Beispiel gleichzeitig Bauwerke mehrer Städte in einem Kunstwerk darzustellen, so versuchten die Dichter in ihren Gedichten auch den Eindruck der simultanen Präsenz an mehreren Orten, einer Ubiquität, zu erwecken. Durch die Diskrepanz der verschiedenen gleichzeitigen Ereignissen und den Eindruck der Widersprüchlichkeit der unterschiedlichen Erscheinungen sollte auch schockiert werden und dadurch die Komplexität des Daseins deutlich gemacht werden.
3 Goll, Iwan : Die drei guten Geister Frankreichs, Berlin (3.Aufl.) 1919, S.75.
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Die beiden Hauptströmungen der Kunst, in denen der Simultanismus als Kennzeichen fungierte waren der Kubismus und der Futurismus. Die zeitgenössische Kritik neigte dazu, nicht zwischen einer futuristischen und kubistischen Simultaneität zu unterscheiden, jedoch hatten beide Kunstrichtungen eine unterschiedliche Auffassung von dem Begriff. Während bei den Kubisten und bei Apollinaire als ihr Förderer die Simultaneität eher auf die künstlerische Methode basierte, mehrere Ansichtsebenen in einer Komposition darzustellen, versuchten die Futuristen auch die verschiedenen zeitlichen Phasen gleichzeitig wiederzugeben.
2.2 Der Simultanismus der Futuristen
Der Futurismus ist eine Avantgardebewegung, die in der italienischen Literatur und der bildenden Kunst begann und sich dann zu einer Ideologie entwickelte, die alle Lebensbereiche zu umfassen beanspruchte. Sie forderte Modernität, Simultaneität, Kunst im Einklang mit dem gewandelten Bild der modernen Welt und verherrlichte den Rhythmus, das Tempo und die moderne Technik.
Fillipo Tommaso Marinetti, Förderer der Futuristen verlangt in „Les mots en liberté futuristes“ die Abschaffung der Syntax zugunsten der Darstellung von Schnelligkeit und Geschwindigkeit oder subjektiver Erregung. Auch sollen Adjektive und Adverbien weggelassen und das Verb nur im Infinitiv gebraucht werden. Gleichfalls wird die Zeichensetzung aufgegeben, jedoch mathematische Symbole eingeführt, um bestimmte Bewegungen anzudeuten. Marinetti fordert ein Maximum an ‚désordre’. Apollinaire ist den Futuristen in der radikalen Ablehnung der Tradition nicht gefolgt, auch wenn er sich von ihnen beeinflussen ließ. So haben seine Gedichte keine Interpunktion und auch die futuristische Forderung, das „Je“ in der Literatur zu zerstören, ist in manchen seiner Gedichten erfüllt. Er konzentrierte sich weniger auf das einzelne Wort sondern auf größere Einheiten, auf ganze Bilder, er schreibt noch in syntaktisch richtig gebauten Sätzen, während bei futuristischen Dichtungen eine Struktur nur schwer erkennbar wird.
Arbeit zitieren:
Laura Hordoan, 2003, Simultanismus und Simultaneität - Gedichtsinterpretation: Apollinaires "Lundi rue Christine" und "Les Fenêtres", München, GRIN Verlag GmbH
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