Wandel der Kindheit von 1950 bis heute
Einleitung
„Früher haben die Kinder den ganzen Tag draußen gespielt, heute sitzen sie nur noch vor dem Computer.“ „Früher waren die Kinder mit einem Lutscher zufrieden, heute müssen es Handys sein.“ „Widerworte gegenüber Erwachsenen? Das hätten wir uns nicht erlauben können.“ „Die Kinder von heute haben fürs Spielen keine Fantasie mehr.“
Solche und ähnliche Sätze hört man oft, wenn man mit älteren Menschen, den eigenen Eltern oder Großeltern über die Themen Kinder und Kindheit spricht. In diesen Aussagen hört man das Unverständnis über die heutige Kindergeneration heraus und unterschwellig ist es auch das Unverständnis über unsere aktuelle Lebenssituation. „(...) Kinder sind ganz offensichtlich die Kinder ihrer Zeit und ihrer Umwelt (...)“ (von Hentig, München, Wien 1978, S. 36) Dies ist ein Satz, der schon vieles zu erklären vermag, sagt er doch unter anderem aus, dass die Ursachen dieses Wandels der Kindheit nicht bei den Kindern selbst zu suchen sind, sondern dass man sich mit diesem Thema aus soziologischer Sicht beschäftigen muss. So wurde der politische Journalist und Philosoph Karl Marx schon vor 150 Jahren folgendermaßen zitiert: „Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbst gewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen Umständen...“ (http://www.wirtschaftsarchive.de/zeitschrift/m_reulecke.htm, 25.01.2009)
Soziologie befasst sich also mit den gesellschaftlichen Verhältnissen und mit dem Handeln zwischen den Individuen (soziales Handeln) im Rahmen dieser gesellschaftlichen Verhältnisse. Auf dieser Erkenntnis basierend beschreibe ich in der vorliegenden Arbeit, unter Berücksichtigung verschiedener Gesichtspunkte, den Wandel der Kindheit in Deutschland von den 1950er Jahren bis heute.
Straße
Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg war der Großteil der Gebäude und Wohnhäuser - besonders in den Großstädten - zerstört. Es gab keine Spielplätze und Betreuungseinrichtungen für Kinder mussten erst wieder neu aufgebaut werden. Wohnungen, die oft provisorisch hergerichtet waren, boten keine ausreichenden
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Möglichkeiten, die die Kinder für sich nutzen konnten. Erwachsene hatten mit der Beschaffung von Lebensmitteln zu tun und waren mit dem Aufbau der eigenen Behausung beschäftigt. Sehr oft waren die Familien durch Kriegsgefangenschaft oder -tod des Vaters auseinandergerissen. Für die Betreuung der Kinder verblieb nur wenig Zeit. Natürlich mussten auch die Kinder bei der Arbeit helfen und ihren Teil zur Existenzsicherung beitragen. Aber sie verbrachten ihre Zeit ebenso draußen zwischen Trümmern und Ruinen; auf Straßen, auf denen es zu dieser Zeit auch noch nicht viel Verkehr gab. Im Jahre 1950 besaß gerade mal ca. 1 % der Bevölkerung einen eigenen PKW (vgl. Rolff, Zimmermann, Weinheim, Basel 1985, S. 75). Auf der Straße waren die Kinder ungestört und konnten ihrer Fantasie freien Lauf lassen. Alle denkbaren Dinge, die sich auf den Straßen oder auf Trümmergrundstücken finden ließen, wurden ins Spiel integriert und/oder als Spielzeug umfunktioniert. Die Straße diente als Spielplatz und als Treffpunkt. Man traf auf Kinder aus der Nachbarschaft, schloss sich zu Gruppen oder Banden zusammen und organisierte gemeinsame Gruppen- oder Ballspiele. (vgl. Rolff, Zimmermann, Weinheim, Basel 1985) Heute dienen die Straßen hauptsächlich dem Autoverkehr, was das Spielen dort fast nicht mehr ermöglicht. Nahezu jeder Haushalt in Deutschland verfügt über einen eigenen Pkw. Im Jahr 2007 verunglückten laut der Gesundheitsberichterstattung des Bundes über 33.800 Kinder unter 15 Jahren in Straßenverkehrsunfälle (vgl. http://www.gbe-bund.de/oowa921install/servlet/oowa/aw92/dboowasys921.xwdevkit/xwd_init?gbe.isgb etol/xs_start_neu/357040219/4588618, 30.01.2009).
Dies hat zur Folge, dass die Kinder heute die Straße eher als Weg benutzen, beispielsweise um zur Schule oder wieder nach Hause zu kommen. Möglichkeiten zum Spiel und zur freien Bewegung bieten häufiger Spielplätze und Parkanlagen. Wohnen
Im Zuge des Neuaufbaus in der Nachkriegszeit setzten sich hauptsächlich drei Formen des Wohnens durch: a) das Wohnen in Hochhäusern b) das Wohnen in Einfamilienhaussiedlungen c) das Wohnen in Stadtteilen oder Vororte etwas außerhalb einer größeren Stadt, den sogenannten „Trabantenstädten“ (Rolff, Zimmermann, Weinheim, Basel 1985, S. 66 ff.)
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Diese angelegten Wohngebiete bieten in der Regel nicht viel mehr als den reinen Wohnraum. Kinder haben meist kaum Möglichkeiten sich auszuleben und ihre Welt zu entdecken, da ihr Platz weit entfernt ist vom Leben der Innenstadt, die nur mit dem Auto oder öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen ist und diese häufig nur sporadisch eingesetzt werden. Kindern wird so wenig Spielraum und wenig Anregungen geboten, was für die kognitive Entwicklung von Nachteil ist.
Spielen auf der Straße ist in solchen Siedlungsformen oft auch nur schwer möglich, da - besonders in Hochhäusern - die Eltern ihre Kinder nicht mehr unter Kontrolle haben, z.B. durch das Fenster oder schlicht die Wohnung zu hoch liegt und so von den Kindern nicht erreicht werden können, wenn sie noch nicht in der Lage sind, den Fahrstuhl selbständig zu bedienen (vgl. Rolff, Zimmermann, Weinheim, Basel 1985). Ebenfalls könnten sich die Nachbarn durch spielende Kinder gestört fühlen. Dies hat zur Folge, dass Kinder heute viel weniger draußen spielen als in früheren Jahren. In empirischen Untersuchungen wurde bereits in den 1970er Jahren nachgewiesen, dass dies besonders auf Kinder zutrifft, die in Häusern mit mehr als vier Stockwerken aufwachsen (vgl. Rolff, Zimmermann, Weinheim, Basel 1985). Ein weiterer wichtiger Grund für die Verlagerung der Kinder von draußen nach drinnen sind die Kinderzimmer. Diese gab es in Deutschland zwar schon im 19. Jahrhundert, jedoch waren sie während der allgemeinen Wohnungsnot in der unmittelbaren Nachkriegszeit so gut wie gar nicht vorhanden. Heute verfügt fast jedes Kind über ein eigenes Zimmer, welches nach seinen Bedürfnissen eingerichtet ist und zum Schlafen, Spielen und zum sozialen Rückzug genutzt wird (vgl. Rolff, Zimmermann, Weinheim, Basel 1985).
Spielen
Für die meisten Kinder in den ersten Jahren nach dem Krieg war es Normalität, die älteren Familienmitglieder bei der täglichen Arbeit zu unterstützen. Dies ging von der Hilfe im Haushalt über Maurertätigkeiten am zu reparierenden Haus bis hin zu ersten Erwerbstätigkeiten, um zum materiellen und finanziellen Überleben der Familie beizutragen. Zeit zum Spielen war daher nur eingeschränkt vorhanden. Doch diese Zeit wurde selbstverständlich genutzt. Spielzeug und Geld für solches war zwar noch kaum vorhanden, jedoch wurden - wie bereits weiter oben erwähnt - viele Gegenstände, die im Haushalt und in der näheren Umgebung gefunden wurden, zum Spielzeug umfunktioniert oder die Kinder bauten oder bastelten sich daraus ihre Spielmaterialien wie z.B. Drachen oder Pfeil und Bogen. Sogar selbstgebastelte
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Arbeit zitieren:
Marcus Brauer, 2009, Wandel der Kindheit von 1950 bis heute, München, GRIN Verlag GmbH
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