„Wir stehen vor dem größten Strukturwandel der Wirtschaft
1 Zitat aus dem Dokumentarfilm „DIE 4. REVOLUTION - ENERGY AUTONOMY“, in dem die Vision einer Energieversorgung zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen dargestellt wird. Hermann Scheer ist Vorsitzender des Weltrats für Erneuerbare Energien (World Council for Renewable Energy, WCRE), Vorsitzender des Internationalen Parlamentarier-Forums Erneuerbare Energien, Mitglied des Deutschen Bundes- tags, wissenschaftlicher Publizist und Autor. Profil einzusehen auf: www.hermannscheer.de.
Inhaltsverzeichnis I
Inhaltsverzeichnis
Abk ürzungsverzeichnis III
Abbildungsverzeichnis VI
Tabellenverzeichnis VII
1 Einleitung 1
1.1 Problematik: Wachsender Energiebedarf und Klimawandel 1
1.2 Die Fragestellung 3
1.3 Forschungsstand 4
1.4 Methode und Aufbau der Arbeit 5
2 Die etzwerkanalyse in der Policy-Forschung 7
2.1 Die Politikfeldanalyse 7
2.2 Der Advocacy-Koalitionsansatz 8
3 Begriffserklärungen und Rahmenbedingungen 11
3.1 Etablierte Energiewirtschaften. 11
3.2 Erneuerbare Energien 12
3.3 Das Stromversorgungssystem in Deutschland 13
3.4 Energiepolitik und Klimaschutzziele 15
4 Akteure der Stromversorgung in Deutschland 17
4.1 Die Bundesregierung 17
4.2 Politische Parteien 19
4.3 Energieversorgungsunternehmen 21
4.3.1 Stromerzeugung 21
4.3.2 Stromübertragung 22
4.3.3 Stromvertrieb 23
4.4 Branchenverbände 24
4.5 Gewerkschaften 25
4.6 Umweltschutzverbände. 26
4.7 Bürgerinitiativen 26
4.8 Stromverbraucher und Verbraucherschutzverbände 27
Inhaltsverzeichnis II
5 Lobbyismus und die Macht der fossil-atomaren Energiewirtschaft 29
5.1 Interessen der etablierten Energiewirtschaft 30
5.2 Möglichkeiten der Einflussnahme 31
5.2.1 Koalitionsbildung zur Interessendurchsetzung 31
5.2.2 Verflechtungen zwischen Politik und Energiewirtschaft 34
5.3 Argumente gegen erneuerbare Energien 36
5.3.1 Kostenanalyse 36
5.3.2 Versorgungssicherheit 41
5.4 Umweltschutz als Lobby-Vorwand 46
5.5 Zwischenfazit: gegenläufige Ansichten und Positionen 48
6 Der Machtkampf der Energiekonzerne 50
6.1 Optimierung konventioneller Energieerzeugungsmethoden 50
6.1.1 CO 2 -Abscheidung und -Speicherung 50
6.1.2 Kernfusion 51
6.2 Machtstabilisierung durch EE-Großprojekte 52
6.2.1 Offshore-Windkraft-Anlagen 53
6.2.2 Sonnenenergie aus der Sahara 54
6.3 Visionen einer dezentralen Energieversorgung 56
6.3.1 Erneuerbare-Energien-Projekte in Kommunen 56
6.3.2 Gebäudeintegrierte Energieproduktion 59
6.4 Systemkonflikt zwischen erneuerbaren Energien und konventionellen
Gro ßkraftwerken 60
6.5 Zwischenfazit: zentrale und/oder dezentrale Stromproduktion? 63
7 Staatliche Förderpolitik 65
7.1 Staatliche Förderung der konventionellen Energieträger 66
7.2 Instrumente zur Förderung der erneuerbaren Energien 69
7.3 Zwischenfazit: Das Fehlen eines Energieprogramms? 73
8 Erneuerbare Energien um jeden Preis? 75
9 Fazit 77
10 Anhang 80
11 Literatur- und Quellenverzeichnis 88
Abkürzungsverzeichnis III
Abkürzungsverzeichnis
Abb. Abbildung AEE Agentur für Erneuerbare Energien AKW Atomkraftwerk BAFA Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle BAM BAM Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung BBE Bundesverband BioEnergie e.V. BDEW Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft BDI Bundesverband der Deutschen Industrie e.V. BDW Bundesverband Deutscher Wasserkraftwerke e.V. BfN Bundesamt für Naturschutz BfS Bundesamt für Strahlenschutz BGR Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe BKartA Bundeskartellamt BM Bundesministerium BMBF Bundesministerium für Bildung und Forschung BMU Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit PTB Physikalisch-Technische Bundesanstalt BMWi Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie BNetzA Bundesnetzagentur BSW Bundesverband Solarwirtschaft BWE Bundesverband Windenergie CCS Carbon Dioxide Capture and Storage CDU Christlich Demokratische Union CNE Centrum Neue Energien CO 2 Kohlenstoffdioxid CSU Christlich Soziale Union Ct Cent DAtF Deutsches Atomforum DEBRIV Deutsche Braunkohlen-Industrie-Verein Dena Deutsche Energie-Agentur DGB Deutscher Gewerkschaftsbund DLR Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt DSW Deutsche Stiftung Weltbevölkerung
Abkürzungsverzeichnis IV
DUH Deutsche Umwelthilfe EE Erneuerbare Energien EEG Erneuerbare-Energien-Gesetz EnBW Energie Baden-Württemberg EnWG Energiewirtschaftsgesetz et al. lat. „und andere“ EU Europäische Union FDP Freie Demokratische Partei GAU größter anzunehmender Unfall GJ Giga-Joule GtV Geothermische Vereinigung HGÜ Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung Hg. Herausgeber i.A. Im Anhang i.H.v. in Höhe von IER Institut für Energiewirtschaft und Rationelle Energieanwendung IÖW Institut für ökologische Wirtschaftsforschung IPCC Intergovernmental Panel on Climate Change IPP Max-Planck-Institut für Plasmaphysik IPPNW International Physicians for the Prevention of Nuclear War IT Informationstechnik ITER International Thermonuclear Experimental Reactor IZNE Interdisziplinäres Zentrum für Nachhaltige Entwicklung Kap. Kapitel
km 2 Quadratkilometer KOM Kommission kV Kilovolt kW Kilowatt kWh Kilowattstunde KWK Kraft-Wärme-Kopplung MdB Mitglied des Deutschen Bundestages Mio. Million Mrd. Milliarde MW Megawatt
Abkürzungsverzeichnis V
NABU Naturschutzbund Deutschland NGO Non-Governmental Organization (Nichtregierungsorganisation) o.J. ohne Jahr OECD Organisation for Economic Co-operation and Development (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) PIK Potsdam-Institut für Klimaforschung PR Public Relations PV Photovoltaik s. siehe sog. so genannt SPD Sozialdemokratische Partei Deutschlands SRU Sachverständigenrat für Umweltfragen Std. Stunde SteinkohleFinG Gesetz zur Finanzierung der Beendigung des subventionierten Steinkohlenbergbaus zum Jahr 2018 SWM Stadtwerke München Tab. Tabelle u. a. unter anderem u. U. unter Umständen UBA Umweltbundesamt ugs. umgangssprachlich US United States VEA Bundesverband der Energie-Abnehmer vgl. vergleiche vzbv Verbraucherzentrale Bundesverband ZSW Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung
Abbildungsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Im Text
Abbildung 1: Der idealtypische Policy-Cycle
Abbildung 2: Diagramm des Advocacy-Koalitionsansatzes
Abbildung 3: Struktur der Bruttostromerzeugung 2009 in Prozent
Abbildung 4: Regelzonen der deutschen Übertragungsnetzbetreiber 2008 und 2010
Abbildung 5: Einstellung zum Umstieg auf erneuerbare Energien
Abbildung 6: Einspeisevergütung in ct/kWh für PV-Analgen bis 30 KW.
Abbildung 7: Anteil erneuerbarer Energien am Endenergieverbrauch in Prozent
Abbildung 8: Skizze einer möglichen Infrastruktur für eine nachhaltige Stromversorgung
in Europa, dem Nahen Osten und Nord-Afrika (EU-MENA)
Abbildung 9: Ausgaben des Bundes für Wissenschaft, Forschung und Entwicklung
nach Förderbereichen und Förderschwerpunkten (in Mio. Euro)
Abbildung 10: Durchschnittliche Zusammensetzung des Strompreises für Haushalte
Abbildung 11: Belief Systeme in der deutschen Erneuerbare-Energien-Politik
Im Anhang
Abbildung A-1: Energieverbrauch pro Kopf in GJ im internationalen Vergleich
Abbildung A-2: Kernkraftwerke in Deutschland
Abbildung A-3: Geplante Kohlekraftwerke in Deutschland
Abbildung A-4: Werbekampagne Deutsches Atomforum e.V.
Abbildung A-5: Werbekampagne des Deutschen Braunkohle-Industrie-Vereins e.V.
Abbildung A-6: Bahrain World Trade Center
Tabellenverzeichnis VII
Tabellenverzeichnis
Im Text
Tabelle 1: Bundesministerien mit Zuständigkeit im Bereich Energie ................................. 19 Tabelle 2: Stromgestehungskosten der verschiedenen Energieträger in ct/kWh ................ 37 Tabelle 3: Durchschnittliche Kenngrößen thermischer Kraftwerke .................................... 62
Im Anhang
Tabelle A-1: Anteil erneuerbarer Energien und nationale Gesamtziele der EU-Mitgliedstaaten (in % des Bruttoenergieverbrauchs) ..................................... 82 Tabelle A-2: Szenarien zur Stromversorgung mit erneuerbaren Energien in Deutschland 84
Einleitung 1
1 Einleitung
1.1 Problematik: Wachsender Energiebedarf und Klimawandel
Wie selbstverständlich beziehen wir jeden Tag Strom aus der Steckdose, drehen bei Kälte die Heizung auf und tanken Benzin aus den Zapfsäulen. Mit wachsender Bevölkerungs-
zahl 2 und verstärkter Technisierung steigt der Energiebedarf kontinuierlich. Mehr als 80 Prozent der Weltenergie beziehen wir dabei gegenwärtig aus fossilen Energieträgern (Rhiel 2009: 39).
Unser Energiehunger hat deutlich sichtbare Spuren hinterlassen. Durch das Verbrennen fossiler Rohstoffe wird Kohlenstoffdioxid (CO 2 ) frei, welches für den anthropogenen
Treibhauseffekt 3 mitverantwortlich gemacht wird (Matthes 2008: 21). Viele Studien 4 weisen auf eine drastische Veränderung des Weltklimas hin, wenn kein baldiges Umlenken gelingen sollte. Die Erwärmung der Erde um nur wenige Grad hat für das ganze Ökosystem schwerwiegende Konsequenzen (s. Gore 2006). Sie führt zum Abschmelzen der Gletscher, wodurch wiederum der Meeresspiegel ansteigen wird. Dies kann für Küstenregionen und Inselstaaten ein Versinken im Meer zur Folge haben. Mehr als 40 Prozent der Treibhausgasemissionen in Deutschland sind dabei auf die Stromerzeugung zurückzuführen (Klaus et al. 2010: 9).
Bei der Betrachtung des Energieverbrauchs pro Kopf im internationalen Vergleich wird ein extrem starkes Gefälle zwischen den Industriestaaten und den Entwicklungsländern deutlich (s. Abb. A-1 i.A.). „18 % der Weltbevölkerung in den OECD-Ländern verfügen über 81 % des weltweiten Bruttosozialprodukts und sind für mehr als die Hälfte des weltweiten Primärenergieverbrauchs und der globalen CO 2 -Emissionen verantwortlich“ (BMU 2009a: 16). Ein US-Amerikaner verbraucht durchschnittlich rund zwölfmal so viel Energie wie ein Bewohner Afrikas oder Asiens. Die Entwicklungen der letzten Jahre zeigen jedoch auch, dass gerade die Schwellenländer einen starken Anstieg ihres Energieverbrauchs zu verzeichnen haben (BMU 2009a: 14). Denn nicht mehr nur die Industrieländer benötigen stetig mehr Energie, auch bei aufstrebenden Wirtschaftsnationen wie China oder Indien
2 Gegenwärtig leben rund 6,9 Milliarden Menschen auf der Erde. Nach Schätzungen der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW) ist die Bevölkerung im Jahre 2011 auf sieben Milliarden und 2024 auf acht Milliarden Menschen angewachsen (DSW 2010: 3).
3 Dies meint den künstlichen oder vom Menschen verursachten Treibhauseffekt (Zunahme der Treibhausgase), dem gegenüber steht der natürliche „atmosphärische“ Treibhauseffekt (s. Matthes 2008: 21-22).
4 Zur Übersicht: Klimaberichte des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC); Forschungsberichte des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK); icholas Stern analysierte in seiner Studie „The Eco- nomics of Climate Change” die Kosten des Klimawandels.
Einleitung 2
nimmt die Nachfrage zu. Der Anteil der Weltbevölkerung allein von China (1331,4 Mio.) und Indien (1171,0 Mio.) lag 2009 bei rund 37 Prozent (Haub/Mederios-Kent 2009: 2). Mit steigender Industrialisierung wird daher der weltweite Energiebedarf deutlich wachsen. 2008 war das Jahr, in dem die Entwicklungs- und Schwellenländer erstmalig mehr Energie verbraucht haben als alle Industriestaaten (OECD-Staaten) zusammen (BP 2009: 2).
Bei steigendem Bedarf und allmählich zurückgehenden Ressourcen und Reserven von Öl, Kohle und Erdgas stellt sich die Frage, wie die Energieversorgung in Zukunft gesichert werden kann. Ein Wandel im Energiesystem ist nicht nur im Hinblick auf die Klimaproblematik zu begrüßen. Das bisherige Energiesystem birgt weitere nicht zu unterschätzende Risiken, ökologische Folgeschäden und soziale Belastungen in sich. Im Folgenden werden nur einige der bedeutendsten Risiken im Bereich der Stromerzeugung benannt.
Neben fossilen Energieträgern spielt die Atomkraft für die Stromerzeugung eine tragende Rolle. Bei der Kernenergie traten in der Vergangenheit immer wieder gravierende Sicherheitsmängel auf. Durch Katastrophen, wie dem Reaktorunfall in Tschernobyl 1986, wurde die Gefahr, die durch die radioaktive Strahlung ausgeht, deutlich. Diesbezüglich bergen vor allem die alten Atomkraftwerke (AKWs), mit Blick auf den Terroranschlag vom 11. September, sicherheitspolitische Risiken (Kemfert 2008: 171). Was ein Flugzeugabsturz in ein solches Kraftwerk zu Folge hat, ist bisher nicht abzuschätzen (Gründinger 2006: 88-89). Zudem können Umweltkatastrophen wie die diesjährigen großflächigen Waldbrände in Russland eine Gefahr für nahegelegene Anlagen darstellen (Kruse 2010).
Letztendlich stellt die Energiebeschaffung der letzten Jahrzehnte eine schwerwiegende Herausforderung für nachfolgende Generationen dar. Die Kohle-, Erdöl-, Erdgas- sowie
Uranvorräte 5 werden früher oder später verbraucht sein. Der Tagebau führt durch kilometerlange und mehrere hundert Meter tiefe Gruben zu einer Verödung großflächiger Landschaften (Hensen 1997: 12). Auch die noch ungelöste Frage der Endlagerung des nuklearen Mülls bei der Kernkraft wird späteren Generationen übertragen. Es scheint an der Zeit zu sein, eine Wende im Energiesystem zu bestreiten. Eine Lösung könnte hier der Ausbau der erneuerbaren Energien bieten.
5 Bei dem gegenwärtigen Verbrauch sind die Reserven von Erdöl in ca. 42-58 Jahren, die von Erdgas in ca. 63-70 Jahren und die von Uran in etwa 20-30 Jahren erschöpft. Kohle steht hingegen wahrscheinlich noch die nächsten 200 Jahre zur Verfügung. Diese Werte können durch eine Veränderung des Energieverbrauchs und die Entdeckung heute noch unbekannter neuer Lagerstätten stark variieren (BMU 2009a: 10; Bölke 2006: 63 ff).
Einleitung 3
1.2 Die Fragestellung
Inwieweit erneuerbare Energiequellen 6 von den Akteuren der Energiewirtschaft als Alternative wahrgenommen und umgesetzt werden, ist Bestandteil der vorliegenden Arbeit. Grundsätzlich ist festzustellen, dass im Feld der Energieversorgung zu den etablierten Akteuren mit dem Einzug der erneuerbaren Energien viele neue Akteure auf den Markt getreten sind. Die regenerativen Energien entwickeln sich teilweise unabhängig, also ohne Beteiligung der etablierten Energiewirtschaft (Hirschl 2008: 21). Die meist zentralen Großkraftwerke auf Basis von Kohle und Atomkraft bekommen durch viele, zum Teil kleine Marktakteure Konkurrenz. Abgesehen von einigen Großprojekten (s. 6.2) gestaltet sich die regenerative Stromversorgung überwiegend dezentral.
Diese Konkurrenzsituation soll nun Gegenstand der vorliegenden Analyse sein. Durch das Aufkommen regenerativer Energien, welche seit 2000 durch das Erneuerbare-Energien-
Gesetz (EEG) 7 Vorrang bei der Einspeisung in das Stromnetz genießen, werden die konventionellen Energien schrittweise zurückgedrängt. Der sich anbahnende Strukturwandel in der Energiewirtschaft zieht somit auch einen „Wechsel von Marktanteilen“ mit sich (Fechner 2009). Die großen Energieversorger wie E.O, RWE und Vattenfall sind aufge-fordert, viele Milliarden in die umweltfreundlichen Technologien zu investieren. Doch die alten Technologien beginnen gerade rentabel zu werden. Die meisten Kraftwerke sind bereits abgeschrieben und bringen gute Gewinne ein. Der Ausbau der erneuerbaren Energien schreitet voran, jedoch verhältnismäßig langsam. Offenbar besteht ein Konflikt zwischen den „trägen Grundlastkraftwerken (Atom- und Kohlekraftwerke) und den flexiblen, schwankenden Ökostromquellen“ (Uschtrin 2010). Während die einen für längere Laufzeiten der bestehenden Atomkraftwerke und den Bau neuer Kohlekraftwerke kämpfen, agieren die anderen gegen eine massive Kürzung der Solarförderung. Es scheint so, als existieren zwei rivalisierende Seiten, welche um die Stromversorgungen der Zukunft wetteifern.
Die Untersuchung soll folgende Leitfragen beantworten:
Welche Akteure treiben die Entwicklung der erneuerbaren Energien voran?
6 Erneuerbare Energien werden auch als alternative, regenerative oder grüne Energie bezeichnet. Im Folgenden werden alle diese Bezeichnungen synonym verwendet. Bei zusammengesetzten Begriffen wird auch die Abkürzung EE verwendet. Eine detaillierte Beschreibung des Begriffs ist unter Kap. 3.2 zu finden.
7 In Deutschland fördert das Gesetz für den Vorrang Erneuerbarer Energien (EEG) die Einspeisung von Strom aus regenerativen Energiequellen in das öffentliche Stromnetz, mit auf 20 Jahre hinaus gesicherten Abnahmeverpflichtungen und garantierten Einspeisetarifen. Das Gesetz ist auf der Homepage des BMU einzusehen, unter: http://www.bmu.de/erneuerbare_energien/erneuerbare-energien-gesetz/doc/40508.php.
Einleitung 4
Gibt es Gegner der neuen Energiequellen und können diese auf deren Entwicklung einwirken?
Wer wirkt an Entscheidungen bezüglich der Umstrukturierung des Energiesystems mit und wie können die Beteiligten ihre Interessen im Entscheidungsprozess einbringen und durchsetzen?
Wie groß ist die Bedeutung der staatlichen Akteure?
Die Energieversorgung untergliedert sich in die Bereiche der Strom-, Wärme- und Kraft-stoffversorgung. Während Strom derzeit überwiegend mittels Kohle- und Atomkraftwerke erzeugt wird, sind Gaskraftwerke für den Wärmebedarf in Deutschland elementar. Der Verkehrssektor basiert, abgesehen vom Schienenverkehr fast ausschließlich auf Erdöl. Der Anteil der erneuerbaren Energien am Endenergieverbrauch belief sich 2009 auf 16,1 Prozent im Stromsektor, auf 8,4 Prozent im Wärmesektor, und der Anteil der Biokraftstoffe am gesamten Kraftstoffverbrauch lag bei 5,5 Prozent (BMU 2010). Mit genauer Betrachtung der Sektoren wird deutlich, dass sich der Strommarkt hinsichtlich der Energieträger und somit auch der Marktakteure deutlich vom Wärme- und Kraftstoffmarkt unterscheidet. In der vorliegenden Akteur-Analyse liegt der Fokus auf dem Stromsektor, wobei vordergründig die „3 Säulen“ (BMWi/BMU 2006: 50) Kernenergie, Braun- und Steinkohle im Blickpunkt der Untersuchung stehen. Das Konkurrenzverhältnis gliedert sich somit in die Atom- und Kohlelobby auf der einen und die Vertreter der erneuerbaren Energien auf der anderen Seite.
Grundlegend ist die Analyse auf die nationale Ebene beschränkt. Allerdings werden etwaige Verflechtungen mit der supranationalen Ebene (vor allem mit der Europäischen Union), die bedeutende Auswirkungen auf das deutsche Stromversorgungssystem haben, einge-bunden.
1.3 Forschungsstand
Wie sich im Verlauf der Arbeit noch zeigen wird, gibt es eine Vielzahl an Forschungsberichten zur Thematik der erneuerbaren Energien. Vor allem die Potentiale und die Kosten stehen immer wieder im Mittelpunkt vieler Studien. Hermann Scheer verdeutlicht in seinem Buch Energieautonomie, dass eine baldige Energieversorgung auf Basis der erneuer- baren Energien und überwiegend ohne die großen Energiekonzerne möglich ist. In dem
Einleitung 5
Buch Weltmacht Energie stellen Peter Hennicke 8 und Michael Müller 9 zwei Alternativen, den sanften und den harten Pfad der Energieversorgung dar. Mit unterschiedlichen Wenndann-Szenarien stellen die Experten die Konsequenzen falscher Entscheidungen in den Vordergrund. Beide Bücher machen die Macht der Energiewirtschaft deutlich und die Gefahr, die damit verbunden ist.
Eine detaillierte Darstellung der unterschiedlichen Akteure in der Energieversorgung wurde u. a. von Reiche (2004), Hirschl (2008) und Dagger (2009) vorgenommen. Wie auch Hennicke/Müller stellt Danyel Reiche unterschiedliche Pfadentscheidungen in den Vorder-grund seiner Analysen. In einer politikwissenschaftlichen Restriktionsanalyse stellt er ein breites Spektrum an Einflussfaktoren auf den Ausbau erneuerbarer Energien dar. Die Multi-Level Policy-Analyse von Bernd Hirschl konzentriert sich überwiegend auf den deutschen Strommarkt. In seinem umfassenden Werk von fast 600 Seiten untersucht er u. a. die Wechselwirkungen der europäischen und internationalen Ebene auf die deutsche EE-Politik und macht die zunehmende europaweite Vernetzung der Akteure deutlich. Steffen B. Dagger analysiert in seiner Dissertation über die Novellierung des aktuellen Erneuerbare-Energien-Gesetzes 2009, inwieweit die verschiedenen Akteure im Politikfeld Energie auf die Gestaltung des Gesetzes einwirkten.
Während Dagger seine Politikfeldanalyse ausschließlich auf die Novellierung des EEGs bezieht, soll der Einfluss der Akteure in der vorliegenden Arbeit auf das ganze Politikfeld der erneuerbaren Energien generalisiert dargestellt werden. In der Arbeit wird der Frage nachgegangen, inwieweit die etablierte Energiewirtschaft (Kohle- und Atomindustrie) eine Barriere für die erneuerbaren Energien darstellen kann.
1.4 Methode und Aufbau der Arbeit
Um bestimmte politische Entscheidungsprozesse zu erklären, wird im Folgenden ausgehend von der Politikfeldanalyse auf das Konzept des Policy-Netzwerkes zurückgegriffen, welches den „interaktiven Zusammenhang von Akteuren und Institutionen“ analysiert (Pesendorfer 2007: 30). Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um eine Untersuchung politischer Prozesse im Feld der deutschen Stromversorgung.
8 Peter Hennicke arbeitete viele Jahre als Professor an der Fachhochschule Darmstadt und war von 2000 bis 2008 Präsident des Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie.
9 Der SPD-Abgeordnete Michael Müller war von 2005 bis 2009 Parlamentarischer Staatssekretär beim BMU und setzt sich seit langem für den Ausbau erneuerbarer Energien sowie den Atomausstieg ein.
Einleitung 6
In der Einleitung wurde auf die Probleme, welche die Energieversorgung mit sich führt hingewiesen (Kap. 1.1, 1.2). Im Fokus der Arbeit steht die Entwicklung bestimmter energiepolitischer Entscheidungen, wie die Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke, der Neubau von Kohlekraftwerken und die Kürzung der Solarsubventionen. Als theoretische Grundlage dient die Netzwerkanalyse in der Policy-Forschung (Kap. 2). Der Advocacy-Koalitionsansatz von Paul Sabatier wird zur Erklärung bestimmter Entscheidungen und der Einflussmöglichkeiten unterschiedlicher Akteure im Politikprozess herangezogen. Nach einigen Begriffserläuterungen und der Darstellung bedeutender Rahmenbedingungen (Kap. 3) werden im vierten Kapitel die am Politikformulierungsprozess maßgeblich beteiligten Akteure mit ihren jeweiligen Positionen und Interessen aufgezeigt. Eine Einordnung der Akteure in bestimmte Untergruppen erfolgt im fünften Kapitel auf der Grundlage des Advocacy-Koalitionsmodells. Da vermutet wird, dass die etablierte Energiewirtschaft die Absicht hat, einem Wandel im Energiesystem entgegenzuwirken, werden die Interessen der fossil-atomaren Energiewirtschaft zu Beginn des fünften Kapitels noch einmal isoliert betrachtet und die möglichen Mittel zur Einflussnahme untersucht. Es soll der Frage nachgegangen werden, ob die etablierten Energieversorger aus Angst vor einem Machtverlust die aufstrebenden EE-Marktakteure am Entwicklungsprozess behindern. Im sechsten Kapitel wird die Idee der individuellen und unabhängigen Stromversorgung aufgezeigt und der Kampf der Stromkonzerne um den Erhalt der zentralen Energieerzeugungsstruktur beleuchtet. Schrittweise beginnen auch die etablierten Stromkonzerne erneuerbare Energien auszubauen. Auch hier sind wieder zwei gegensätzliche Strategien zu erkennen, welche unter Berücksichtigung des Advocacy-Koalitionsmodells hervorgehoben werden. Abschließend soll betrachtet werden, welche Aufgabe dem Staat im Bereich der Stromversorgung zukommt (Kap. 7). Es wird die Frage aufgeworfen, ob durch eine unklare politische Positionierung und eine fehlgeleitete Förderpolitik die erneuerbaren Energien in ihrer Ent- wicklung behindert werden.
Die Netzwerkanalyse in der Policy-Forschung 7
2 Die etzwerkanalyse in der Policy-Forschung
„Politik wird von Menschen gemacht. Menschen mit Interessen und Zielen, Menschen in Ämtern und Positionen“ (Schubert/Bandelow 2009: 1).
2.1 Die Politikfeldanalyse
In der vorliegenden Arbeit soll die Wirkung von Akteur-Netzwerken (hauptsächlich der etablierten Energiewirtschaft) auf den Politikprozess untersucht werden. Die Politikfeldanalyse geht der Frage nach, wie politische Ereignisse in einem bestimmten Politikfeld (hier: Energiepolitik, Umweltpolitik) zustande kommen. „Policy analysis is finding out what governments do, why they do it, and what difference it makes” (Dye 1972: 1). Dabei werden drei unterschiedliche Dimensionen von Politik betrachtet: Polity, Politics und Policy. Der Begriff Policy stellt die inhaltliche Dimension, also die Ziele und konkreten Inhalte der Politik dar (Schneider/Janning 2006: 15). Policy spiegelt das Resultat, in Form von Gesetzen, Verordnungen, Programmen (hier z. B. Energieprogramme) wider, welches auf-grund bestimmter politischer Aktivitäten entstanden ist (Dagger 2009: 25). Das Politikergebnis wird durch den politischen Entscheidungsprozess (politics) und das politische Institutionengefüge (polity) beeinflusst (Schneider/Janning 2006: 15). Der Prozess der Politikgestaltung ist oft konfliktbeladen, weil verschiedene Akteure mit teilweise gegensätzlichen Positionen und Interessen versuchen, durch Interaktionen darauf Einfluss zu nehmen (Schubert/Bandelow 2009: 4; Lang/Leifeld 2008: 223).
Mit Hilfe des sog. Policy-Cycles, welcher weitgehend auf Arbeiten von David Easton (1965) und Harold Lasswell (1951) beruht, wird der Politikprozess in unterschiedliche Phasen untergliedert (s. Abb. 1). Der erste Schritt umfasst die Problemwahrnehmung und die Notwendigkeit politischen Handelns zur Problemlösung. Daraufhin wird das Problem genauer definiert und auf die „politische Tagesordnung“ gesetzt (Jann/Wegrich 2009: 83). In der Phase der Problemdefinition und des Agenda Settings stellt sich die oftmals politisch umstrittene Frage, wann und wo der Staat intervenieren soll. Inwieweit die Energie-versorgung eine Aufgabe des Staates ist, wird im siebten Kapitel dargestellt. Ist es bestimmten Akteuren gelungen ein Thema auf die Agenda zu setzen, folgt die Politikformulierung und damit die Konkretisierung bestimmter Vorstellungen zu einem politischen Programm. Ein wichtiger Aspekt bei der Ausgestaltung eines politischen Programms ist die wissenschaftliche Unterstützung und Beratung, da die Politik in einem gewissen Um- fang von Experten abhängig ist (Jann/Wegrich 2009: 87-88). Somit spielt der Einfluss der
Die Netzwerkanalyse in der Policy-Forschung 8
unterschiedlichen Akteure auf den Politikprozess eine zentrale Rolle. Ist ein politisches Programm beschlossen worden, folgt die Phase der Durchführung und Umsetzung durch die zuständigen Institutionen (Implementationsphase). In diesem Schritt wird die Entscheidung bzgl. der aufgeworfenen Problemstellung getroffen, worauf hin z. B. ein neues Gesetz verabschiedet wird. Zum Zweck des politischen Lernens dient das Element der Politikevaluierung, welche den Abschluss des Prozesses zur Folge haben kann. Es ist aber auch durchaus möglich, dass sich weitere Policy-Cycle anschließen (Schneider/Janning 2006: 62).
Abbildung 1: Der idealtypische Policy-Cycle
Quelle: Eigene Darstellung nach Jann/Wegrich 2009: 82
2.2 Der Advocacy-Koalitionsansatz
Aufbauend auf dem Phasenmodell entwickelte Paul Sabatier den Advocacy-Koalitionsansatz, welcher die Rolle der Akteure verstärkt in den Untersuchungsfokus rückt. Das Modell beschreibt „die Existenz von mehreren Programmkoalitionen in einem Politikfeld, ihre Stellung zueinander und die Veränderungen in ihrem Kräfteverhältnis“ (Schneider/Janning 2006: 194). Dabei werden „Policy-Subsysteme“ betrachtet, d.h. die Interaktion der Akteure, welche zielgerichtet ihre Interessen und Forderungen in den politischen Prozess einbringen (Sabatier 1993: 120). Es wird angenommen, dass sich Advocacy-Koalitionen (s. Abb. 2) aus Personen unterschiedlicher Positionen zusammensetzen, welche ein spezifisches „belief system“, beruhend auf gemeinsamen Wertvorstellungen, politischen Grundüberzeugungen und Zielen, teilen (Sabatier 2007: 196). Dies können Akteure aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft sein, wie z. B. Parteien, wirtschaft- liche Interessengruppen, Bürgerinitiativen, Journalisten und Wissenschaftler.
Die Netzwerkanalyse in der Policy-Forschung 9
Das jeweilige belief system besteht aus drei Ebenen, welche sich grundlegend in ihrer Veränderbarkeit unterscheiden (Sabatier 2007: 194 ff; Schneider/Janning 2006: 195 f). Der sog. „deep core“ (Hauptkern) steht an oberster Stelle und umfasst grundlegende normative Überzeugungen, welche über verschiedene Policy-Systeme hinausgehen und für eine Vielzahl von Politikfeldern gültig sind. Der Hauptkern ist nur sehr schwer veränderbar. Die wesentlichen Positionen und Strategien zur Umsetzung zentraler Wertvorstellungen sind auf der mittleren Ebene, dem „policy core“ (Politikkern) angeordnet. Der Politikkern ist nur bei schweren Umbrüchen im Politikfeld beeinflussbar. Auf der untersten Ebene befinden sich die „secondary beliefs“ (Sekundäraspekte), welche i.d.R. nur Teilbereiche des Policy-Subsystems abdecken. Sie bestehen aus instrumentellen Überlegungen oder Taktiken und sind daher vergleichsweise leicht zu ändern.
Abbildung 2: Diagramm des Advocacy-Koalitionsansatzes
Quelle: Sabatier 1993: 122
Die Netzwerkanalyse in der Policy-Forschung 10
Der Ansatz befasst sich explizit mit der Rolle des Policy-Lernens während des gesamten Policy-Prozesses, wonach es gemäß Sabatier zwei Faktoren gibt, die für einen Policy-Wandel ausschlaggebend sind (Sabatier 2007: 198). Zum einen kann Politikwandel als Ergebnis einer Auseinandersetzung konkurrierender Akteure innerhalb eines Subsystems angesehen werden. Der Lernprozess wird dabei als die Aufnahme und Verarbeitung neuen Wissens innerhalb und zwischen den Interessenkoalitionen verstanden, wodurch sich die Wertvorstellungen der Koalitionsmitglieder verändern können (Lang/Leifeld 2008: 228). Zudem macht Sabatier aber deutlich, dass ein Wandel auch durch externe (außerhalb des Politikfeldes) Ereignisse, Störungen oder Veränderungen bewirkt wird. Gemäß Reiche spielen im Politikfeld Energie technologische (z. B. Entwicklungstand der EE-Technologien), ökonomische (z. B. Öl- und Gaspreise), kognitive (z. B. öffentliche Einstellung zu oder Kenntnisse über erneuerbare Energien), politische (z. B. internationale Verpflichtungen) und geografische Faktoren (z. B. Sonnen- und Windintensität) eine bedeutende Rolle (Reiche 2004: 17). Dabei ist zwischen stabilen und dynamischen Parametern zu differenzieren. Während z. B. wesentliche soziokulturelle Wertvorstellungen oder die grundlegende Rechtsstruktur als relativ stabil angesehen werden können, ist der Wandel der öffentlichen Meinung oder ein Regierungswechsel ein vergleichsweise dynamischer Parameter (s. Abb.2).
In der vorliegenden Untersuchung soll anhand dieses Modells untersucht werden, welche Koalitionen beim Politikfeld Energie vorliegen und wie ihr jeweiliges belief system zu identifizieren ist, um die Entwicklung des Politikfeldes verdeutlichen zu können. Etwaige externe Faktoren und Rahmenbedingungen (linke Seite der Abb. 2) spielen in der Untersuchung eine eher untergeordnete, jedoch nicht zu vernachlässigende Rolle. Die Auseinandersetzungen zwischen den Interessenkoalitionen und die Macht- und Einflussverteilung stehen im Vordergrund. Jedoch sind zur Ausübung von Einfluss auch bestimmte Ressour- cen notwendig, welche oftmals wieder von strukturellen Faktoren abhängig sind (s. 5.2.1).
Begriffserklärungen und Rahmenbedingungen 11
3 Begriffserklärungen und Rahmenbedingungen
3.1 Etablierte Energiewirtschaften
Die Entdeckung von Elektrizität liegt nicht einmal 150 Jahre zurück (Bardt 2005: 5). Noch bis zum 18. Jahrhundert wurde die Energieversorgung größtenteils mit Hilfe von tierischer Muskelkraft, durch Brennholz sowie Wasser- und Windmühlen bewerkstelligt (Quaschning 2008: 14-15). Mit dem Rückgang der Holzreserven und die durch den Abbau bedingte Verödung ganzer Landstriche gewann die Kohle als Energielieferant an Bedeutung (Reiche 2005: 15). Fortan galt Kohle viele Jahre als wichtigster Rohstoff der Industrieländer und der Bergbau als einer der bedeutendsten Industriezweige gerade auch in der alten Bundesrepublik (Hensen 1997: 51). Bis heute spielt die Braun- und Steinkohle zur Stromgewinnung in Deutschland eine erhebliche Rolle.
Seit 1957, mit Inbetriebnahme des ersten deutschen Kernreaktors Garchinger Atomei, ist die Atomspaltung zur Gewinnung von Strom Teil der Energieversorgung in Deutschland (DAtF 2009: 2). Aktuell sind in Deutschland 17 Atomkraftwerke in Betrieb, welche vollständig im Besitz der vier größten deutschen Energiekonzerne E.O, RWE, EnBW und Vattenfall sind (s. Abb. A-2 i.A.). Die friedliche Nutzung der Kernenergie war von Beginn an umstritten, und knapp 50 Jahre nach der Genehmigung wurde am 14. Juni 2000 der Atomausstieg zwischen den Energieversorgern und der damaligen rot-grünen Bundesregie-
rung beschlossen. 10 Seit dem Regierungswechsel 2009 stehen die vereinbarten Laufzeiten für die bestehenden Atomkraftwerke aktuell wieder in der Diskussion, und es ist noch unklar, wann es zur Abschaltung des letzten Atommeilers kommen wird.
Die Verwendung von Erdgas zur Energiegewinnung hat ihren Ursprung Mitte der 1960er Jahre, zuvor wurde es oft bei der Erdölförderung als Abfallprodukt ungenutzt abgebrannt (Morris 2005: 91). Deutschland deckt den Großteil des Bedarfs durch Importe aus den Niederlanden, Norwegen und Russland (Quaschning 2008: 21). Erdgas setzt bei der Verbrennung deutlich weniger Kohlenstoffdioxid frei als Kohle, weshalb es zunehmend an Attraktivität für den Stromsektor gewinnt (Beckerverdersandforth 2000: 91-92).
Erdöl spielt im Stromsektor eine zu vernachlässigende Rolle. Dies kann zum einen daran liegen, dass Erdöl auch ein wichtiger Rohstoff für den Auto- und Flugverkehr sowie zahl-
10 Die„Vereinbarung zwischen der Bundesregierung und den Energieversorgungsunternehmen vom 14. Juni 2000“ ist auf der Homepage des BMU abrufbar, unter: http://www.bmu.de/files/pdfs/allgemein/application/pdf/atomkonsens.pdf.
Begriffserklärungen und Rahmenbedingungen Begriffserklärungen und Rahmenbedingungen 12
reiche Industriezweige (z.B. z.B. chemische Industrie) ist. Außerdem besteht die Vermutung, besteht die Vermutung, dass aufgrund des Ölpreisschocks Ölpreisschocks von 1973 auf die Erdöl-basierte Stromgewinnung ve basierte Stromgewinnung verzichtet wird (Bardt 2005: 13 zichtet wird (Bardt 2005: 13-14).
Die Stromversorgung wurde versorgung wurde rückblickend hauptsächlich durch einen Mix aus einen Mix aus Braun- und
Steinkohle sowie atomaren Energieträgern sichergestellt. In der vorliegenden Arbeit dient atomaren Energieträgern sichergestellt. In der vorliegenden Arbeit dient atomaren Energieträgern sichergestellt. In der vorliegenden Arbeit dient der Begriff ‚etablierte Energiewirtschaften‘ griff ‚etablierte Energiewirtschaften‘ somit als Sammelbezeichnung für die traditi als Sammelbezeichnung für die traditionell dominierenden Energieträger nell dominierenden Energieträger im Stromsektor: Braunkohle, Steinko Braunkohle, Steinkohle und Uran mit den dazugehörigen Interessengruppen den dazugehörigen Interessengruppen. 2009 entfielen in Deutschland 42,8 09 entfielen in Deutschland 42,8 Prozent der Bruttostromerzeugung auf Stein auf Stein- und Braunkohle, 22,6 Prozent auf die Kernenergie und Braunkohle, 22,6 Prozent auf die Kernenergie, und die erneuerbaren Energien lieferten rund 15,6 Prozent lieferten rund 15,6 Prozent (s. Abb. 3).
Abbildung 3: Struktur der Bruttostromerzeugung 2009 in : Struktur der Bruttostromerzeugung 2009 in Prozent
3.2 Erneuerbare Energien Erneuerbare Energien
Erneuerbare Energien „sind Energiequellen, die nach den Zeitmaßstäben des Menschen Erneuerbare Energien „sind Energiequellen, die nach den Zeitmaßstäben des Menschen Erneuerbare Energien „sind Energiequellen, die nach den Zeitmaßstäben des Menschen unendlich lange zur Verfügun unendlich lange zur Verfügung stehen“ (BMU 2009a: 134). Hierzu zählt zum einen die : 134). Hierzu zählt zum einen die
direkte Sonnenstrahlung oder die indirekte Nutzung der Sonnenenergie durch Wasserkraft, direkte Sonnenstrahlung oder die indirekte Nutzung der Sonnenenergie durch Wasserkraft, direkte Sonnenstrahlung oder die indirekte Nutzung der Sonnenenergie durch Wasserkraft, Windkraft und Biomasse oder die Erdwärme (Geothermie). Wie Windkraft und Biomasse oder die Erdwärme (Geothermie). Wie bereits bereits angemerkt, hat die Wasser- und Windkraftnutzun und Windkraftnutzung eine lange Tradition und fand schon vor den fossilen Ene g eine lange Tradition und fand schon vor den fossilen Energieträgern Anwendung. Allerdings liegen zwischen den Techniken von damals und den gieträgern Anwendung. Allerdings liegen zwischen den Techniken von damals und den gieträgern Anwendung. Allerdings liegen zwischen den Techniken von damals und den heutigen Anlagen enorme Fortschritte (Quasch heutigen Anlagen enorme Fortschritte (Quaschning 2008: 16). Ein großes Potential steckt : 16). Ein großes Potential steckt in der Modernisierung oder oder dem Austausch (Repowering) der alten Wind dem Austausch (Repowering) der alten Wind- und Wasser-
Begriffserklärungen und Rahmenbedingungen 13
kraftanlagen (AEE 2010b: 10-13, 47-52). Die Windenergie hat eine Führungsrolle eingenommen und liefert in Deutschland den bedeutendsten Anteil erneuerbaren Stroms. In den letzten Jahren erfreuten sich die Techniken eines starken Leistungszuwachses und durch Offshore-Windenergie-Projekte soll in Zukunft auch die Windkraft in Küstennähe vermehrt genutzt werden (s. 6.2.1). Die direkte Sonnenstrahlung kann mit Hilfe von Photovoltaik-Modulen und Solarthermie-Kollektoren sowie durch solarthermische Kraftwerke zur
Strom- wie auch zur Wärmegewinnung genutzt werden. 11 Üblich sind dezentrale Solaranlagen auf Dächern, aber auch die Errichtung großer Solarparks gewinnt vermehrt an Bedeutung (vgl. 6.2.2). Biomasse in Form von gezielt angebauten Energiepflanzen (z. B. Raps und Mais), Holz oder organischen Abfällen (z. B. Biomüll) ist gespeicherte Sonnenenergie (Wollny 2006: 145). Sie liefert nicht nur Strom und Wärme, sondern kann auch als Treibstoff genutzt werden. Ein weiterer Vorteil ist, dass Biomasse kontinuierlich zur Verfügung steht und sich somit zur Deckung der Grundlast eignet (Dagger 2009: 40). Die Erdwärme hat bislang noch einen sehr geringen Anteil an der Energieversorgung in Deutschland. Geothermische Anlagen fördern die gespeicherte Wärme der Erdkruste nach oben, welche dann zur Beheizung von Gebäuden, zur Warmwasserversorgung, aber auch zur Stromerzeugung genutzt werden kann (BMU 2009a: 117).
3.3 Das Stromversorgungssystem in Deutschland
Zum besseren Verständnis wird im Folgenden die Struktur des deutschen Stromversorgungssystems in ihren Grundzügen erläutert. Die derzeitige Stromversorgung basiert auf einem Verbundsystem, welches einen Ausgleich zwischen der erzeugten Energie der Stromkonzerne und dem zu erwartenden Energiebedarf ermöglicht. Die Stromverteilung vom Kraftwerk zum Verbraucher erfolgt über vier Spannungsebenen: dem Höchstspannungsnetz, dem Hochspannungsnetz, dem Mittelspannungsnetz und dem Niederspannungsnetz. Mit 380 Kilovolt wird der Strom mittels Höchstspannungsleitungen über weite Entfernungen transportiert und hat dabei den geringsten Leitungsverlust. Durch das Hochspannungsnetz (110 kV) werden Regionen, Ballungszentren und die Großindustrie ver-sorgt. Das Mittelspannungsnetz (meistens 20 oder 10 kV) verteilt den Strom an Ortsnetz-transformatoren, welche dann die privaten Haushalte, Industrie, Gewerbe und Verwaltun-
11 Photovoltaik-Moduledienen der Erzeugung elektrischer Energie, während durch die Solarthermie-Technik die Sonnenenergie in nutzbare Wärmeenergie umgewandelt wird. In solarthermischen Kraftwerken werden die Sonnenstrahlen mittels Sonnenkollektoren oder Spiegel gebündelt. Die Strahlen erhitzen ein Wärmeträgermedium (z. B. Wasser, Öl), und es entsteht Dampf, der zur Stromerzeugung genutzt wird. Eine ausführliche Beschreibung aller Techniken bietet die Broschüre vom Bundesministerium für Umwelt, aturschutz und Reaktorsicherheit (Juni 2009): Erneuerbare Energie - Innovationen für eine nachhaltige Energiezukunft.
Begriffserklärungen und Rahmenbedingungen 14
gen mit elektrischer Energie von 400 oder 230 Volt aus dem Niederspannungsnetz versorgen (s. Leuschner 2007; HEA 2002).
Eine Speicherung 12 von Strom im großen Rahmen ist bisweilen nicht möglich, so dass die Stromproduktion und der Verbrauch parallel verlaufen müssen (Melzer 2007: 5). Der Strombedarf gliedert sich dabei in die Grund-, Mittel- und Spitzenlast (Leuschner 2007; Laumanns 2005: 54-55). Die kontinuierlich benötigte Leistung im Stromversorgungssystem (Grundbedarf) wird dabei als Grundlast bezeichnet und derzeit hauptsächlich durch Braunkohle- und Atomkraftwerke produziert, welche ununterbrochen in Betrieb sind. Bei vorhersehbaren Erhöhungen des Strombedarfs, wie etwa in den Morgenstunden, spricht man von der Mittellast, welche in Deutschland überwiegend durch Steinkohlekraftwerke getragen wird. Für unerwartete Belastungsspitzen stehen Pumpspeicher- und Gasturbinenkraftwerke zur Verfügung.
Ein Großteil der für die deutsche Stromversorgung benötigten Rohstoffe wird importiert. Neben den erneuerbaren Energien stammt die Braunkohle als alleiniger Energieträger nahezu vollständig aus heimischen Vorräten. Steinkohle dagegen wird zu 57 Prozent, Erdgas zu 80 Prozent aus dem Ausland eingekauft, und das für die Atomspaltung benötigte Uran muss vollständig importiert werden (Kahle 2009: 49).
Die Übertragungs- und Verteilernetze für Strom haben ein „natürliches Monopol“, da es nicht sinnvoll erscheint, eine parallele Netzinfrastruktur aufzubauen (Kahle 2007: 44 f).
Die Novellierung des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG) 13 führte 1998 allerdings zu einer Liberalisierung des deutschen Strommarktes und zur Abschaffung des Gebietsmonopols (Müller-Kraenner 2007: 122). Infolgedessen muss Dritten der ungehinderte Zugang zu den Versorgungsnetzen ermöglicht werden. Damit setzte Deutschland die EU-Richtlinie für
den Elektrizitätsbinnenmarkt 14 in nationales Recht um, welche einen erhöhten Wettbewerb unter den Energieanbietern und damit sinkende Preise beabsichtigte (Bardt 2005: 34-35). Die Energieversorgung ist somit größtenteils privatwirtschaftlich organisiert, und der Staat hat nur die Möglichkeit, durch Gesetze und Verordnungen regulierend einzugreifen (Kahle 2009: 40). Inwieweit die Stromversorgung in der Politik verankert ist, wird im folgenden Kapitel dargestellt.
12 Strom ist im Allgemeinen nicht speicherbar. Allerdings kann man Pumpspeicher- und Gasturbinenkraftwerke als Stromspeicher (eigentlich Umwandlung von Strom) verstehen. Gerade im Falle der schwankenden Energieproduktion bei Wind- und Sonnenkraft wäre die verlustarme, großvolumige Stromspeicherung ein großer Erfolg für die erneuerbaren Energien.
13 Das Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) ist auf der Homepage des BMWi einzusehen: www.bmwi.de.
14 Richtlinie 96/92/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 19. Dezember 1996.
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Franziska Lorenz, 2010, Lobbyismus in der Energiepolitik, München, GRIN Verlag GmbH
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