Wetterderivate und ihr Einsatz im Rahmen des Risikomanagements
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis I
Abk ürzungsverzeichnis III
Symbolverzeichnis. V
Abbildungsverzeichnis. VI
Tabellenverzeichnis VII
1 Einleitung. 1
2 Hintergründe für die Entstehung von Wetterderivaten. 2
2.1 Aktuelle Klimasituation 2
2.2 Zusammenhang zwischen Wetter und Wirtschaft. 5
2.3 Wetterrisiko. 9
2.4 Erforderlichkeit eines Wetterrisikomanagements 14
3 Wetterderivate als Absicherung gegen das Wetterrisiko. 17
3.1 Basiswissen über Derivaten 17
3.2 Theoretische Einführung in Wetterderivate 18
3.3 Wetterderivatenmarkt. 19
3.3.1 Historische Entwicklung 19
3.3.2 Marktteilnehmer 20
3.3.3 Weltweiter Markt 22
4 Merkmale von Wetterderivaten 26
4.1 Underlying. 26
4.1.1 Grundlagen 26
4.1.2 Degree-Day-Indizes 27
4.1.2 Sonstige Indizes. 29
4.2 Wichtige Zusatzparameter. 32
4.3 Payoff-Strukturen 34
4.3.1 Optionen 34
4.3.2 Swaps 37
4.3.3 Futures. 39
4.3.4 Anwendungsbeispiel 40
4.4 Betriebliche Einsatzmöglichkeiten. 42
4.5 Abgrenzung zu weiteren wetterbezogenen Sicherungsinstrumenten. 46
I
Wetterderivate und ihr Einsatz im Rahmen des Risikomanagements
5 Bewertung von Wetterderivaten 50
5.1 Vorüberlegungen. 50
5.2 Burn Analysis. 51
5.3 Index Valuation Simulation Method 56
6 Schlussbetrachtung 60
Anhang VIII
Literaturverzeichnis IX
II
Wetterderivate und ihr Einsatz im Rahmen des Risikomanagements
Abkürzungsverzeichnis
Abb. Abbildung AktG Aktiengesetz AvT Average Temperature BIP Bruttoinlandsprodukt BSM Black-Scholes-Modell bspw. beispielsweise bzgl. bezüglich bzw. beziehungsweise C Celsius ca. circa CD critical day CDD Cooling-Degree-Day CME Chicago Mercantile Exchange Kohlenstoffdioxid CO 2 DD Degree-Day d. h. das heißt DWD Deutscher Wetterdienst EDD Energy-Degree-Day EEWärmeG Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz EGG Erneuerbare-Energien-Gesetz etc. et cetera f. folgend ff. fortfolgend GE Geldeinheit GTZ Gradtagzahl HDD Heating-Degree-Day HGB Handelsgesetzbuch Hrsg. Herausgeber IDB Interamerikanische Entwicklungsbank i.H.v. in Höhe von IPCC Intergovernmental Panel of Climate Change Iss. Issue
III
Wetterderivate und ihr Einsatz im Rahmen des Risikomanagements
IVSM Index Valuation Simulation Jg. Jahrgang KonTraG Gesetz zur Kontrolle und Transparenz im Unternehmensbereich LIFFE London International Financial Futures Exchange Ltd. Limited Mio. Millionen Mrd. Milliarden MWh Megawattstunde Nr. Nummer o. oder o.J. ohne Jahresangabe o.S. ohne Seite OTC Over-the-Counter o.V. ohne Verfasser PwC PriceWaterhouseCoopers s. siehe S. Seite Tab. Tabelle TSD tausend u. und u.a. unter anderem VDI Verein deutscher Ingenieure vgl. vergleiche Vol. Volume WMO World Meteorological Organisation WRMA Weather Risk Management Association WTO World Trade Organisation
IV
Wetterderivate und ihr Einsatz im Rahmen des Risikomanagements
Symbolverzeichnis
$ Dollar € Euro % Prozent
delta (Veränderung zum Ursprung) n Anzahl relevanter Tage t allgemeiner Zeitparameter T 1 Beginn der Sicherungsperiode T 2 Ende der Sicherungsperiode T min Tagesmindesttemperatur T max Tageshöchsttemperatur Y Tagesdurchschnittstemperatur
Tick K Strike Ø Durchschnitt
Summe r f risikoloser Zinsfuß µ Erwartungswert des DD-Indexwertes Standardabweichung des DD-Indexwertes Wert der Standardnormalverteilung
Dichte der Standardnormalverteilung N‘ Dichtefunktion der Normalverteilung W Wahrscheinlichkeitsverteilung W‘ Wahrscheinlichkeitsdichtefunktion E Erwartungswert X Payoff V Wert des Derivats
V
Wetterderivate und ihr Einsatz im Rahmen des Risikomanagements
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Jahresmittelwerte der Lufttemperatur in Deutschland von 1891 bis 2009.
Abb. 2: Veränderung des Umsatzes im Sommer von 1 C über historischem Mittelwert.
Abb. 3: Veränderung des Umsatzes im Winter von 1 C über historischem Mittelwert
Abb. 4: Systematisierung von Derivaten.
Abb. 5: Nachfrage nach Wetterderivaten im Endkundenbereich gewichtet nach
abgeschlossenen Verträgen für die Zeiträume April 2004 bis März 2005 und April
2005 bis März 2006
Abb. 6: Entwicklung der Transaktionsvolumen am OTC und CME (in Mio. )
Abb. 7: Abhängigkeit des Energieverbrauchs von der Tagestemperatur.
Abb. 8: Payoff-Profil eines DD-Calls
Abb. 9: Umsatzveränderung durch einen Long Call.
Abb. 10: Payoff-Profil eines DD-Puts.
Abb. 11: Umsatzveränderung durch einen Long Put
Abb. 12: Payoff-Profil eines HDD-Swaps
Abb. 13: Umsatz- und Auszahlungsprofil der Put-Option.
Abb. 14: Cross-Hedge für wettersensible Produkte
Abb. 15: graphisch Darstellung der CDD-Option bei einer Burn Analysis.
Abb. 16: Entwicklung der Auszahlung über 19 Jahre.
Abb. 17: Histogramm realisierter Indexwerte von Juni - Oktober (1991-2009)
VI
Wetterderivate und ihr Einsatz im Rahmen des Risikomanagements
Tabellenverzeichnis
Tab. 1: Auszahlungsstruktur von DD-Optionen ......................................................................36 Tab. 2: Überblick über die Möglichkeit zum Erhalt gleicher CDD-Indizes ........................... 39 Tab. 3: Darstellung der gesamten Erlössituation .....................................................................40 Tab. 4: Vertragsparameter des Wetterderivats .........................................................................51 Tab. 5: Auszahlung der Option für unterschiedliche Zeitperioden ..........................................52 Tab. 6: Überblick über die Möglichkeit zum Erhalt gleicher CDD-Indizes ............................57
VII
Wetterderivate und ihr Einsatz im Rahmen des Risikomanagements
1 Einleitung
Aktuell ist zu beobachten, dass das Risikopotential des Wetters für den Geschäftserfolg deutlich zunimmt. Obwohl für Unternehmen der Umgang mit Risiken schon immer eine enorme Rolle gespielt hat und sie über umfassende Erfahrung auf diesem Gebiet verfügen, war es bis vor kurzem so, dass das Wetter als potentielle Gefahr in ihren Risikoüberlegungen kaum Berücksichtigung fand. Eine Erklärung dafür ist, dass das Klima als eine unbeeinflussbare Größe galt. Mit dieser Einstellung im Hinterkopf wurden schlechte Ertragsergebnisse, verursacht durch ungünstige Wetterbedingungen, als natürlich angesehen und teilweise offenbarte sich diese Tatsache sogar als passende Ausrede für niedrige Umsätze und hohe Ausgaben. Ein weiterer Grund lag darin, dass die bisherigen Auswirkungen auf die Ertragslage verhältnismäßig gering gewesen waren, so dass eine intensive Auseinandersetzung mit dieser Angelegenheit nicht lohnenswert erschien. In den letzten Jahren hat sich aber herausgestellt, dass das Klima sich in einem Wandel befindet und mit ihm die ganze Welt. Begriffe wie Treibhauseffekt, CO 2 -Emmision, Weltklimakonferenz und Kyoto-Protokoll kennzeichnen das Spannungsverhältnis, in dem sich wissenschaftliche Erkenntnisse, politische Ziele und ökonomische Interessen in Zeiten der verstärkten Wetterempflindlichkeit befinden.
Wirtschaftlich gesehen vollzog sich der Wandel insofern, dass inzwischen klimatische Einflüsse auf die unternehmerische Tätigkeit sehr groß geworden sind und eine Außerachtlassung bestandsgefährdende Tendenzen haben könnte. Es folgten die ersten Überlegungen, wie Gefahren dieser Art entgegengesteuert werden kann. Als Reaktion kam es zur Entwicklung von speziell auf Wetterausprägungen bezogenen Absicherungsinstrumenten, die Risiken aus unerwarteten Wetterentwicklungen ins betriebliche Risikomanagement integrieren konnten. Innerhalb dieser laufenden Diskussion rückte dabei das Finanzprodukt Wetterderivat zunehmend in den Mittelpunkt der Betrachtung.
Ziel dieser Arbeit ist es, Eigenschaften und Funktionsweisen von Wetterderivaten aufzuzeigen sowie einen ersten Einblick in die Bewertungsproblematik zu geben. Ausgehend von einer kurzen Einführung werden in Kapitel 2 zunächst die theoretischen Grundlagen für die weiteren Untersuchungen gelegt. Neben einer Darstellung der aktuellen klimatischen Bedingungen werden wichtige meteorologische Begrifflichkeiten geklärt, wobei das sogenannte „Wetterrisiko“ im Mittelpunkt der Betrachtung steht. Um zu klären, warum die
1
Wetterderivate und ihr Einsatz im Rahmen des Risikomanagements
Klimaproblematik keinesfalls vernachlässigt werden darf, folgen im Anschluss an wirtschaftlichen, rechtlichen und politischen Gesichtspunkten orientierte Erläuterungen. In Kapitel 3 wird mit Wetterderivaten ein Absicherungsinstrument eingeführt und die bisherige Entwicklung des Wettermarktes vorgestellt. Dabei werden neben Historie, Transaktionszahlen und Marktvolumina bisher gehandelter Wetterrisiken auch Marktteilnehmer und aktuelle Handelsplätze beleuchtet.
Aufbauend auf diesen Erkenntnissen geht Kapitel 4 näher auf das Konzept des Wetterderivats ein. Zum einen werden Charakteristika sowie die wichtigsten damit verbundenen Absicherungsstrategien dargestellt, deren Konstruktion und Funktionsweise anhand von Anwendungsbeispielen verdeutlich wird, zum anderen wird ein Überblick über die betrieblichen Einsatzmöglichkeiten gegeben. Ein abgrenzender Vergleich zu ähnlichen Instrumenten vervollständigt diesen Abschnitt.
Der nächste Teil knüpft an den Inhalt des vorherigen Kapitels an, indem hier mit der Bepreisung eine der größten Schwierigkeiten bei der Nutzung von Wetterderivaten angesprochen wird. Dazu werden zwei verschiedene Bewertungsmodelle aufgezeigt und diskutiert.
Das letzte Kapitel rundet die Arbeit ab. Hier werden die Ergebnisse zusammengeführt und eine Einschätzung über die weitere Entwicklung von Wetterderivaten gegeben.
2 Hintergründe für die Entstehung von Wetterderivaten
2.1 Aktuelle Klimasituation
Das Wetter mit seinen aktuellen Ausprägungen ist eins der wenigen Themen, an denen jeder Mensch, unabhängig von Geschlecht, Alter, Aufenthaltsort oder Einkommen, interessiert ist. Täglich verfolgen Millionen Menschen Wettervorhersagen, nur um sich drauf einstellen zu können, welche Wetterbedingungen in den nächsten Tagen zu erwarten sind. Wetterbezogene Sendungen sind schon längst zum festen Bestandteil des Medienprogramms geworden und ein wichtiger Erfolgsfaktor für den Sender. So hatte zur Verdeutlichung die Sendung „Das Wetter im Ersten“ vom 26.01.2010 um 22:45 Uhr mit 2,62 Mio. Zuschauern einen Marktanteil von 12,1 %, der erstaunlicherweise sogar über dem der zuvor ausgestrahlten Tagesthemen lag. 1 Das große Interesse am Wetter ist vor allem damit zu begründen, dass nahezu jeder Lebensbereich davon beeinflusst wird. Viele alltägliche Fragen wie was wir
1 Vgl. Das Erste (o. J.).
2
Wetterderivate und ihr Einsatz im Rahmen des Risikomanagements
anziehen, welchen Urlaubsort wir anstreben oder wie wir unsere Freizeit gestalten, lassen sich größtenteils nur in Abhängigkeit von der klimatischen Situation beantworten. Der Grad der Abhängigkeit variiert mit der Art der Aktivität und/ oder dem Zeitpunkt, an dem sie durchgeführt wird. In den letzten Jahren ist die Wetterproblematik zudem durch die Medien immer stärker in unser Bewusstsein gerückt worden. Als Hauptursache dafür dürfte der Klimawandel anzusehen sein.
Die Mutmaßung, dass sich das Klima sichtbar, fühlbar und messbar im Vergleich zum vergangenen Jahrhundert verändert hat, ist nicht mehr zu bestreiten. Die Veränderung des weltweiten Klimas, bei der besonders die globale Erwärmung hervorzuheben ist, ist längst Teil unseres Alltags geworden. 2 Damit konkrete Fakten und Zahlen zum Klimawandel vorliegen, wurden spezielle Forschungseinrichtungen geschaffen, die sich intensiv mit der Materie beschäftigen. Als führende Institution ist hierbei das Intergovernmental Panel of Climate Change (IPCC) 3 anzusehen, das seit seiner Gründung eine Reihe von Berichten abgeliefert hat, die inzwischen sowohl von der Politik als auch der Wirtschaft als wissenschaftliche Grundlage für den Klimawandel anerkannt werden und zu Standardwerken der Klimaforschung geworden sind. 4 Im Folgenden werden einige wichtige Erkenntnisse aufgelistet, die das IPCC im Laufe seiner langjährigen Untersuchungen gewinnen konnte und die beschreiben, was die Welt im Zuge des Klimawandels demnächst zu erwarten hat: 5 - Der Prozess der Erderwärmung wird sich durch das Ansteigen der Konzentration an Treibhausgasen auch im 21. Jahrhundert kontinuierlich fortsetzen. Für den Zeitraum 2011 bis 2030 wird im Vergleich zu 1980 bis 1999 eine durchschnittliche Erwärmung von 0,64 °C bis 0,69 °C erwartet.
- Es ist anzunehmen, dass in Zukunft Hitzewellen länger andauern, öfter vorkommen und stärker sein werden. Kälteperioden werden signifikant kürzer und generell wird die tägliche Tiefst- schneller ansteigen als die Höchsttemperatur, sodass der Temperaturunterschied sich stetig verkleinert.
- Durch die Klimaerwärmung sinkt die Schnee- und Eismenge. Gletscher und Eisdecke verlieren an Masse, weil im Sommer mehr wegschmilzt als im Winter hinzu gefriert.
2 Vgl. Schwarz (2005), S. 29.
3 Das IPCC wurde 1988 durch die World Meteorological Organisation (WMO) und das United Nations Environment Programme (UNEP) gegründet mit dem Ziel, klare wissenschaftlich fundierte Analysen zum Klimawandel und dessen Konsequenzen bereitzustellen.
4 Vgl. Schwarz (2005), S. 32.
5 Vgl. Meehl/ Stocker/ Collins/ Friedlingstein/ Gaye/ Gregory/ Kitoh/ Knutti/ Murphy/ Noda/ Raper/ Watterson/ Weaver/ Zhao (2007), o. S.
3
Wetterderivate und ihr Einsatz im Rahmen des Risikomanagements
- Je nach zugrunde gelegten Annahmen wird der CO 2 -Gehalt in der Atmosphäre im Jahr 2100 zwischen 730 und 1.020 ppm liegen. Der Standardwert liegt bei etwa 836 ppm. - Die erhöhte CO 2 -Konzentration führt wiederum zur steigenden Vergiftung der Weltmeere. Die gegenwärtige Absenkung des pH-Werts um 0,1 Einheiten wird im 21. Jahrhundert vermutlich auf 0,14 bis 0,35 Einheiten ansteigen.
Eine mit dem IPCC vergleichbare deutsche Institution ist der Deutsche Wetterdienst (DWD). Als nationaler Wetterdienst mit mehr als 2000 Wetter bzw. Beobachtungstationen stellt der DWD Informationen zum gesamten meteorologischen Geschehen bereit und ist verantwortlich für die Überwachung, Dokumentation und Bewertung der Veränderungen des Klimas in Deutschland. 6 Dass der Klimawandel ortsübergreifend ist und auch in Deutschland ähnliche Entwicklungstendenzen vorliegen, zeigen deren auf Temperatur bezogenen Untersuchungen.
Abb. 1: Jahresmittelwerte der Lufttemperatur in Deutschland von 1891 bis 2009 7
Wie die obige Grafik zeigt, waren die vergangenen zehn Jahre (2000 bis 2009) das wärmste Jahrzehnt seit über 130 Jahren. Neben der hohen Jahresdurchschnittstemperatur, die 2009 sogar 9,4 °C betrug und damit 1,2 °C über dem langjährigen Mittelwert des internationalen Referenzzeitraumes 1961 - 1990 (8,2 °C) lag, fallen in die vergangene Dekade mit jeweils 9,9 °C auch die beiden wärmsten Jahre (2000 und 2007) seit Beginn der Messungen. Ein weiterer Vergleich mit vergangenen Klimadaten zeigt, dass selbst die
Durchschnittstemperatur in 2004 von 9,0 °C (die niedrigste der letzten 10 Jahre) deutlich den langjährigen klimatologischen Mittelwert für Deutschland von 8,2 °C übertraf. Laut DWD lieferte das vergangene Jahrzehnt darüber hinaus neue Wärmerekorde in allen Jahreszeiten. So toppte der Hitzesommer 2003 mit einer Durchschnittstemperatur von 19,7 °C den
6 Vgl. DWD (o. J.).
7 Quelle: DWD (2009a).
4
Wetterderivate und ihr Einsatz im Rahmen des Risikomanagements
bisherigen Spitzenwert aus 1947 um 1,2 Grad. Dieser Jahrhundertsommer sorgte zugleich für neue absolute Rekordtemperaturen in Deutschland: 40,2 °C am 9. August in Freiburg sowie am 13. August in Freiburg und Karlsruhe. 2006 wurde der bisher wärmste Herbst seit Beginn der Messungen mit 12,0 °C registriert. Für den Winter 2006/2007 wurde eine Durchschnittstemperatur von 4,4 °C verzeichnet, kein Winter war jemals so warm. Beim Frühling gab es in den letzten Jahren sogar zwei Höhepunkte: zunächst war der Frühling 2000 mit 10,0 °C rekordverdächtig, wurde aber 2007 mit 10,6 °C als Rekord abgelöst. 8 Weitere Untersuchungen des DWD besagen, dass in den Städten im Jahresdurchschnitt sowieso schon eine um etwa 0,5 - 2 °C erhöhte Temperatur vorliegt. Als Gründe werden die dichte Bebauung, der Energieumsatz von Wirtschaft und Verkehr sowie die geringe Nachtauskühlung angegeben. 9
Viele Experten gehen vor einer direkten Verbindung zwischen Naturkatastrophen und der fortschreitenden Veränderung der klimatischen Verhältnisse aus. Demnach kann der Klimawandel als Hauptursache gesehen werden, warum in letzter Zeit Wetterextreme häufiger und intensiver auftreten, und stellt einen Erklärungsansatz für das steigende Aufkommen und die immer dramatischer werdenden Ausmaße von Naturkatastrophen (Erdbeben, Überschwemmungen, Wirbelstürme etc.) bereit. Als trauriges Beispiel ging das Jahr 2008 in die Geschichte ein. Mit 750 schadensrelevanten Ereignissen und 220.000 Toten zählte es zu den schlimmsten Naturkatastrophen-Jahren überhaupt und kann nach Ansicht der Versicherungsgesellschaft Münchener Rück ganz klar dem Klimawandel zugeschrieben werden. 10
Abgesehen davon, dass der Klimawandel die Lebensweisen des Menschen beeinflusst, besteht ein nicht zu unterschätzender Zusammenhang mit wirtschaftlichen Aktivitäten. So ist zu vermuten, dass die Unsicherheit des Wetters ernsthafte Folgen für die wirtschaftlichen Tätigkeiten mit sich bringt.
2.2 Zusammenhang zwischen Wetter und Wirtschaft
Ganz eindeutig ist das Wetter einer der wichtigsten Anlässe, um überhaupt wirtschaftlich aktiv zu werden. So entscheidet es nicht nur wesentlich über das Nahrungsangebot, sondern bestimmt auch täglich den Ablauf der mit der Wirtschaft verbundenen Aktivitäten. Nahezu jede Branche ist auf irgendeine Weise vom Wetter betroffen. Dazu zählen, nur um einige
8 Vgl. DWD (2009b).
9 Vgl. DWD (2007).
10 Vgl. o. V. (2008), o. S.
5
Wetterderivate und ihr Einsatz im Rahmen des Risikomanagements
Beispiele zu nennen, die Landwirtschaft, wo das Wetter über die Qualität und Quantität der Ernte entscheidet; die Energiebranche, wo es den täglichen Energiebedarf regelt; oder die Freizeitindustrie, wo es die Auswahl der Aktivitäten festlegt. Darüber hinaus unterliegen manch andere Aktivitäten zwar nicht direkten Wettereinflüssen, aber für den Erfolg oder die Durchführung dürfen die wetterbedingten Einflüsse nicht unterschätzt werden. Explizit handelt es sich hier um Bereiche, die die indirekten Folgen zu spüren bekommen wie ein Getränkehandel, der vom sommerlichen Wasser- und Bierkonsum profitiert, oder die Pharmaindustrie, die mehr Medikamente infolge von Erkrankungen absetzt. 11 Deutlich
kommt die Wetterabhängigkeit besonders in Situationen mit extremen oder ungewöhnlichen Wettervorkommnissen zum Vorschein. Lässt bspw. ein starkes Gewitter Bäume auf Stromleitungen fallen, wird nicht nur ein Stromausfall verursacht. Viel bedeutenderer sind die daraus resultierenden Konsequenzen. Wenn beispielhaft infolgedessen die Ampeln ausfallen, wird der Verkehrsbetrieb lahmgelegt und es kommt zu Verspätungen von Güterlieferungen oder Verzögerungen des Geschäftsablaufs. Allgemein ist der Effekt von Wetterstörungen vergleichbar mit einer Lawine, die ausgehend von einem Einzelereignis weitere Vorkommnisse hervorruft.
In Zeiten der Globalisierung ist für den weltweiten Handel die Logistik Dreh- und Angelpunkt. So müssen abhängig vom Wetter frühzeitig die Beschaffung von Rohstoffen oder der Warentransport disponiert werden. Dabei ist klar, dass jegliche Art von Transport 12 Nach der Welthandelsorganisation (WTO) durch das Wetter beeinträchtigt werden kann. betrug 2008 der weltweite Handel 16.070 Mrd. US$. 13 Angesichts dieser Zahlen dürfte es
eindeutig sein, dass ungünstige Klimaverhältnisse den Transport über die klassischen Wege (Wind, Wasser, Luft) erheblich erschweren und den Beteiligten viel Zeit und Geld kosten. Vor diesem Hintergrund wurde es in den letzten Jahren deutlich, dass die Folgen des Klimawandels für die Wirtschaft immer gravierender und unmittelbarer spürbar geworden sind. Um als Einstieg sich deren Ausmaße ein wenig vergegenwärtigen zu können, hilft die eine oder andere Statistik zu vergangenen Naturereignissen. An das Beispiel aus Kapitel angeknüpft bezifferte die Münchener Rück für 2008 den total entstandenen finanziellen 14 Schaden auf rund 2.000 Mrd. US$. In gleicher Weise soll Haiti durch das Erdbeben, das erst
11 Die Liste der vom Wetter betroffenen Branchen lässt sich beliebig fortsetzen. Für weitere branchenspezifische Erläuterungen z. B. vgl. Heymann (2007) o. Malinow (2002).
12 Vgl. Schwarz (2005), S. 71 f.
13 Vgl. WTO (o. J.). 14 Vgl. o. V. (2008), o. S.
6
Wetterderivate und ihr Einsatz im Rahmen des Risikomanagements
kürzlich die Welt erschüttert hat, nach Gutachten der Interamerikanischen Entwicklungsbank (IDB) einen volkswirtschaftlichen Schaden zwischen 8,1 und 13,9 Mrd. US$ erlitten haben. 15 Wird nun von einzelnen Vorkommnissen abstrahiert, gibt es eine Reihe von Studien, die sich mit den globalen ökonomischen Auswirkungen des Klimawandels beschäftigen. 16 In einer 2003 veröffentlichten Studie schätzte die Deutsche Bank, dass etwa 80 % der weltweiten Wirtschaftstätigkeit direkt oder indirekt von Wetterunregelmäßigkeiten betroffen ist. 17 Dabei wurde in einem 2001 veröffentlichten Zeitungsartikel der Prozentsatz für die deutsche Wirtschaft durch die Bewag AG auf 30 % beziffert. 18 Im Vergleich dazu ging das US Department of Energy 2000 davon aus, dass rund ein Siebtel der 7.000 Mrd. US$ starken USÖkonomie wettersensibel ist. 19 Vier Jahre später stieg die Summe laut Schätzung des US Department of Commerce sogar auf 3.800 Mrd. US$ an, was rund einem Drittel der damaligen amerikanischen Ökonomie entsprach. 20
Ein weiteres einflussreiches Werk ist der am 30.10.2006 veröffentlichte Bericht des ehemaligen Chefvolkswirts der Weltbank und britischen Ökonomen Nicholas Stern. In seinem knapp 700 Seiten umfassenden Stern-Report (eng. Stern Review on the Economics of Climate Change), der unter anderem von der britischen Regierung in Auftrag gegeben wurde, werden insbesondere die wirtschaftlichen Folgen der globalen Erwärmung thematisiert. Den Ergebnissen zufolge werden die Kosten von extremen Wetterereignissen (Stürme, Überschwemmungen, Dürren, Orkane, Hitzewellen) mit steigenden Temperaturen rasant ansteigen und sollen allein bis Mitte dieses Jahrhunderts 0,5 - 1 % des globalen Bruttoinlandsprodukts (BIP) ausmachen. Nur um einige Beispiele zu nennen wäre in den USA eine Verdoppelung der jährlichen Schadenskosten zu erwarten, was für die dortige Ökonomie gleichbedeutend mit einem Verlust des BIPs jährlich in Höhe von 0,13 % ist, wenn sich eine 5 - 10 prozentige Zunahme der Orkangeschwindigkeiten bestätigen sollte. In England könnten, sobald der Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur 3°C bis 4°C erreicht, die jährlichen nur durch Überflutungen verursachten Verluste von heute 0,1 % bis auf 0,2 - 0,4 % des BIPs steigen. Ferner dürften in Europa Hitzewellen wie 2003, als 35000 Menschen umkamen und landwirtschaftliche Verluste von 15 Mrd. US$ auftraten, bis Mitte
15 Vgl. Katz (2010), o. S.
16 Je nach Quelle kann die Schätzung der quantitativen Dimension unterschiedlich ausfallen. Dies dürfte einerseits an den unterschiedlichen Auffassungen von Wetterrisiken liegen, und andererseits an der grundsätzlichen Schwierigkeit, Wetterrisiken genau zu quantifizieren. Vgl. Hee/ Hofmann (2007), S. 56 f.
17 Vgl. Auer (2003), S. 1.
18 Vgl. Fischer (2001), o. S.
19 Vgl. Banham (1999), S. 87 u. Shimpi/ Turner (1999), S. 202.
20 Vgl. Baker (2004), o. S.
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Wetterderivate und ihr Einsatz im Rahmen des Risikomanagements
dieses Jahrhunderts zur Tagesordnung gehören. 21 In seinem Geschäftsbericht weist der deutsche Energieriese E.ON AG darauf hin, dass Betriebsstörungen oder längere Produktionsausfälle von Anlagen die Ertragslage beeinträchtigen. Das Risiko eines Stromausfalls sowie eine Abschaltung von Kraftwerken infolge unvorhergesehener Betriebsstörungen oder sonstiger Probleme können dabei unter anderem auch auf extreme Wetterverhältnisse zurückgeführt werden. 22
Obwohl es bis zu diesem Punkt so scheint, als ob die besagten Wetterunregelmäßigkeiten nur aus Naturkatastrophen bestehen, wäre es falsch, wirtschaftliche Einbußen einzig den Extremsituationen zuzuschreiben. Ebenfalls ist bewiesen, dass die durch den Klimawandel ausgelöste Ungewissheit von täglichen Wetterparametern gleichermaßen Ertragseinbußen nach sich zieht. Wie der britische Wetterdienst „The Met Office“ in seiner am 15.10.2009 veröffentlichten Publikation darstellt, würde ein 2 - 3 prozentiger Temperaturanstieg den weltweiten Output um 3 % senken. Im Falle eines 5 prozentigen Anstiegs wäre sogar ein Rückgang um die 10 % möglich und im worst case würde die globale Nachfrage um bis zu 20 % fallen. 23 Konkret bei Bergregionen wie den Alpen oder den Rockies, deren Haupteinnahmequelle der Wintersport ist, dürfte sich problemlos zeigen, dass ein marginaler Temperaturanstieg fatale Folgen haben kann. 24 Auch E.ON AG macht deutlich, dass ungewöhnlich milde Wetterperioden während der Herbst- und Wintermonate ihren Umsatz und ihr operatives Ergebnis negativ beeinflussen. Außerdem erwartet das Unternehmen weiterhin saisonale und wetterbedingte Umsatzschwankungen. 25 Umgekehrt kommt aber ein
langer und kalter Winter einem ebenso teuer zu stehen, wie es diesjährig für Deutschland der Fall war. Während für den Jahrhundertwinter die gesetzlichen Krankenkassen mit mehreren zehn Millionen Euro zusätzlicher Kosten durch winterbedingte Unfälle rechnen, schätzen die Autoversicherer die Summe auf 230 Mio. Daneben kommen auf Bund und Länder deutliche Mehrausgaben für die Reparatur von Straßenschäden und für Streusalz von schätzungsweise 27,5 Mio. € zu. Wirtschaftsforscher gehen insgesamt davon aus, dass durch den kältesten Winter seit 1987 das BIP im ersten Quartal 2010 um rund 0,3 % abnehmen wird, was etwa einer Verringerung der deutschen Wirtschaftsleistung um 1,5 Mrd. € entspricht. Am stärksten waren hierbei das Transport- und Baugewerbe betroffen, weil wegen der Kälte entweder
21 Vgl. Stern (2006), S. 122.
22 Vgl. E.ON AG (2008), S. 46.
23 Vgl. The Met Office (2009), S. 12.
24 Vgl. Stern (2006), S. 126.
25 Vgl. E.ON (2008), S. 47.
8
Arbeit zitieren:
Xingang Zhou, 2010, Wetterderivate und ihr Einsatz im Rahmen des Risikomanagements, München, GRIN Verlag GmbH
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DOI
Wetterderivate: Struktur, Einsatzmöglichkeiten und Markt
BWL - Bank, Börse, Versicherung
Bachelorarbeit, 46 Seiten
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