Inhalt
Einf ührung 1
I Friedrich Nietzsche - biographisches 2
II Friedrich Nietzsche - zentrale Thesen seines Denkens 6
III Das Erbe Nietzsches / Wie lebbar sind Nietzsches Lebensvorstellungen 14
Exkurs : Friedrich Nietzsches Stil 16
III.1 Absurde Nietzsche-Rezeption im Alltag der Jahre 1890-1914 17
III.2 Die nietzscheanische Lebensrezeption der Avantgarde 19
IV Die BRÜCKE und Nietzsche: eine Analyse 21
Schlussbetrachtung 26
Anhang
Abbildungsverzeichnis 27
Literatur 28
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Einführung
Es gibt eine Unzahl von Nietzsche-Literatur. Und nach einer Odyssee in den Nietzscheblättern, fiel mir ein entscheidendes Buch zu: Friedrich Nietzsche -Biographie seines Denkens, geschrieben von Rüdiger Safranski 1 . Ein Buch, geschrieben voller Witz und Ironie, Gründlichkeit und Tiefe, unterlegt mit exakten wissenschaftlichen Fakten und einer unglaublich mitreißenden Sprache. Ein Buch, das im heutigen deutsch verfasst, glasklare Fakten liefert, ohne in staubtrockener Wissenschaftsschrift die Strukturen oder Zusammenhänge des nietzscheanischen Denkens noch undeutlicher erscheinen zu lassen. Dieses Buch hat entscheidend dazu beigetragen, dass diese Arbeit - so wie sie ihnen vorliegt - geschrieben wurde. Überschrieben ist sie mit dem Titel: „Nietzsche-Rezeption. Selbstfindungsprozesse auf dem Weg zu einem neu definierten Künstlerbegriff?besonderer Betrachtungsgegenstand: die BRÜCKE“.
Um sich der gestellten Thematik zu nähern, wählte ich folgende Gliederung: in Kapitel I werden Fragen, wie „Wer war Friedrich Nietzsche?“, „Wo liegen seine Wurzeln?“, „Wer oder was, wodurch oder inwiefern wurde sein Geist genährt?“ geklärt. Die Biographie ist entscheidender Ausgangspunkt, um sich Kapitel II zu nähern, den Werken. Dieses Kapitel hat Nietzsches Denken zum Gegenstand. In konzentriert philosophischer Form, werden drei zentrale Werke Nietzsches diskutiert. Denn wie kann ein Versuch unternommen werden, eine Rezeptionsgeschichte über Nietzsche zu verfassen, ohne die Ursachen für ihren Auslöser zu kennen? Da keine mir bisher bekannte Arbeit einen Gesamtüberblick über den Verlauf einer Nietzsche-Rezeption gibt, kann Kapitel III nur als Ansatz einer solchen verstanden werden. Finale: in Kapitel IV betritt die Künstlergruppe BRÜCKE die Bühne. Diskussionspunkt ist hierbei das `Nietzsche-Brücke-Verhältnis`, sowie die Einordnung dieser Künstlervereinigung in die Nietzsche-Rezeption.
1 Frankfurt am Main 2002.
2
„Demnach wollen wir stets den Stillstand der Gleichartigkeit, die Bewegung aber der Ungleichartigkeit zuschreiben. Das Wesen der Ungleichartigkeit hat aber in der Ungleichheit seinen Grund“. (PLATON: Timaios C II / 4: Erklärung der immerwährenden Bewegung der Körper)
I Friedrich Nietzsche - biographisches
Mit dem Aufwachsen in Großpapas Aura trat ein Knäuel zutage, das von nun an Friedrich Nietzsches Lebensweg bestimmen sollte. Um nicht zu sagen, ein rotes Band. Dieses ist in mehreren Facetten des Nietzscheschen Lebens anzutreffen: Geist (Ausbildung) - Freundschaft - Familie. Wobei letzterer Punkt unerheblich für meine Betrachtung bleiben wird. Und Geist und Freundschaft stets als Zahnrad zu denken sind.
Die ersten Lebensjahre verbrachte Friedrich Nietzsche in vollkommener Idylle. Er lebte auf dem Land und verbrachte sehr viel Zeit mit seinen Großeltern. Der Großpapa - ein Landpope - barg die Polarität von bäuerlicher Vitalität und Frömmigkeit sowie umfangreicher geistiger Interessen in sich. Friedrich Nietzsche verbrachte sehr viel Zeit in seiner Studierstube, um in den alten Büchern und Heften herumzustöbern, was - wie er in den Autobiographischen Notizen schreibt - seine „größte Lust“ war. Neben der Literatur besaß die Musik in dem großelterlichen Haus einen hohen Stellenwert, so wie es sich eben für einen treuen Protestantenhaushalt schickte. Und nicht zu vergessen: das Sein in der Natur. Doch wie jede Idylle ging auch diese bald zu Ende: durch den Tod des Vaters (1849) und den des Bruders (1850). Die Familie zog vom Land in die Stadt (Naumburg) um. „Die großen Kirchen und Gebäude, der Marktplatz und Brunnen, die ungewohnte Menge des Volkes erregte meine Bewunderung. Dann erstaunte ich, wie ich bemerkte, dass die Leute oft miteinander unbekannt waren; denn auf dem stillen Dorfe kannte sich jedermann. 2 “ Als `kleiner Pastor` von seiner neuen Umgebung verspottet, floh er in die Einsamkeit 3 - eine Frühform des `Pathos der Distanz`, so wie es später heißen wird. Dem stark zurückgezogenen Sein entgegen suchte Friedrich Nietzsche stets einen intensiven
2 Friedrich Nietzsche: „Aus meinem Leben. Teil I: Die Jugendjahre 1844-1858.“ In: Friedrich Nietzsche - Werke. S. 582.
3 „Von Kindheit an suchte ich die Einsamkeit und befand mich da am wohlsten, wo ich mich ungestört mir selbst überlassen konnte. Und dies war gewöhnlich im freien Tempel der Natur...“ In: Friedrich Nietzsche - Werke. S. 582.
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geistigen Austausch, der seinen Ausdruck in engen Freundschaften fand. Grundlage waren dabei stets ähnliche geistige Interessen und Ideale. Die ersten Freunde hießen Wilhelm Pinder und Gustav Krug und gehörten mit ihren Familien zu der kulturellen Elite Naumburgs. Friedrich Nietzsche fand in dem Pinder-Vater eine Ersatzautorität und in seinem Hause eine sehr große Bibliothek. Er war die Person, der die drei Jungen als erster mit dem Goetheschen Opus Magnum vertraut machte. In der Familie Krug fand hingegen ein reichhaltiges Musikleben statt. Nietzsche fand hier ein Haus, in dem namenhafte Musiker ein- und ausgingen, und in dem man die Muse pflegte. Von der Musik seinerzeit besonders erfasst, schrieb Friedrich Nietzsche bereits 14jährig ein erstes Traktat. Wie sich in diesem Ersten Versuch zeigt, so musste Nietzsche unbedingt immer selbst produktiv werden - all das Gehörte, Gesehene, Erlebte aufschreiben oder in Töne setzen. Etwas mit dem ihm vorgeworfenen Material tun, etwas schaffen 4 . Im Jahre 1851 erfolgte ein Schulwechsel - das Privatinstitut des Herrn Weber wurde in Vorbereitung auf den Unterricht im Domgymnasium besucht. Hier erhielten Nietzsche, Pinder und Krug den ersten Unterricht in den alten Sprachen. Und auch der Unterricht in Religion hatte seinen ganz eigenen Stellenwert und mit ihm die Gesundheit (pantheistische Gott - Natur). So wurden sehr oft ausgedehnte Wanderungen unternommen. Im Oktober 1854 wechselten dann alle drei wie vereinbart an das Domgymnasium. Nietzsche empfand diese Zeit als nicht sehr positiv: er fühlte sich einsam und auserwählt und schien diese Zeit einfach nur zu dulden. Da er aber ein sehr guter Schüler war, wurde er für einen Freiplatz an der Königlichen Landesschule in Pforta vorgeschlagen. Er erhielt den Platz und studierte von 1858-1864 an dieser Schule. Für Nietzsche was dieser Schulwechsel gut, denn seinerzeit war diese Ausbildungsstätte die erste fundierter und humanistischer Bildung. Das Humboldtsche Bildungsideal mitsamt seiner ganzheitlichen Charakterbildung aus dem Geist der Antike war Ansatzpunkt, Maßstab und Richtschnur. Die ausgewählten hervorragenden Pädagogen sollten die Schüler „zum Gehorsam gegen das Gesetz und den Willen der Vorgesetzten, an Strenge und pünktliche Pflichterfüllung, an Selbstbeherrschung, an ernste Arbeiten, an frische Selbsttätigkeit aus eigener Wahl und Liebe zur Sache, an Gründlichkeit und
4 „Die ersten Naumburger Jahre zeigen in nuce schon den ganzen Nietzsche: das Gefühl, auserwählt zu sein und die Last damit, Musik und Naturerlebnis als Lebensmittel, Freundschaftskult, Schreiben als entscheidendes Erkenntnismittel, der Wille Kunst zu schaffen.“
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Methode in den Studien, an Regel der Zeiteinteilung, an sicheren Takt und selbstbewusste Festigkeit im Umgang mit ihresgleichen gewöhnt werden [...]“ 5 . In diesem Zusammenhang kamen der Ausbildung in den alten Sprachen und der musischen Erziehung oberste Prioritäten zu. Im Rahmen des Griechisch- und Lateinunterrichtes entdeckte Friedrich Nietzsche die Antike, und ihre Ideale bestimmten fortan sein Leben in Pforta. Für ihn war es selbstverständlich, dass die Erkenntnis in das Leben eingreifen und von da ab fruchtbar für dieses sein
muss. Dieser Denkansatz hat seinen Ursprung in den zahlreichen Lektüren der Pfortaer Jahre: so in den antiken Klassikern und von ihnen bevorzugt Platon und Sallust; aber auch in Shakespeare, Byron, Paul, Kleist, Rousseau u.a. Diese von Nietzsche erworbene literarische Basis diente ihm zugleich als Anregung für das eigene Schaffen: indem er die Autoren nachahmte und sich in dieser Technik der Nachahmung übte, konnte er nach und nach ein Gespür für einen eigenen Stil (in Inhalt und Form) entwickeln. Das erste Mal ist dieser in Nietzsches Schriften in dem von Pinder, Krug und Nietzsche gegründeten künstlerischen und literarischen Verein Germania 6 aufzufinden - hier übrigens: die Kunst als entscheidendes Motiv eines Freundschaftsbundes 7 . Beide Schriften (Faktum und Geschichte / Willensfreiheit und Faktum) sind Zeugnisse von Nietzsches regem 17jährigen Geist und dessen philosophischer Begabung. Sein unzeitgemäßes Denken ist in beiden Werken vorgebildet, angelegt und kann mit den folgenden Schlagwörtern charakterisiert werden: das Denken ist diesseitig - der Mensch = die Mitte - das Christentum wird angegriffen- die Moral ist relativ - Ansätze der Philosophie des Werdens und der Unschuld des Werdens - der Gedanke, dass der Mensch etwas ist, das untergeht und zu überwinden gilt - der Gedanke der Wiederkehr - der Gedanke, dass Philosophen und Historiker die Propheten und Gesetzesgeber sind, die die Weltvergangenheit umstürzen - die Kritik des Bewusstseins und des Geistes / die Problematik des Individuums in Gesellschaft und Geschichte / die absolute Ablehnung der Idee von der Gleichheit der Menschheit.
Die Zeit in Bonn als Theologiestudent ab 1865 ist wiederum insofern interessant, da Nietzsche hier relativ schnell erkennt, dass seine Gedanken mit denen des
5 Aus der Festschrift der Königlichen Landesschule Pforta, 1843.
6 „Wir beschlossen damals eine kleine Vereinigung von wenigen Kameraden zu stiften, mit der Absicht, für unsere produktiven Neigungen in Kunst und Literatur eine feste und verpflichtende Organisation zu finden“. In: Über die Zukunft der Bildungsanstalten. Erster Vortrag. Jahr unbekannt.
7 „Lukasbund“, gegründet 1809 von F. Overbeck. Siehe dazu auch Fußnote 87.
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Christentums nicht mehr konform gehen (können). Er lässt von nun ab die Theologie ruhen und fasst vielmehr den Entschluss, in Leipzig Philologie zu studieren. Die Jahre in Leipzig werden Nietzsche fortan sehr prägen - hier wird er entscheidende Bildung (seine philologische Ausnahmebegabung wird von seinem Mentor Prof. Ritschel erkannt und gefördert) erfahren sowie bedeutende Menschen (Richard Wagner) und Werke (Schopenhauers Die Welt als Wille und Vorstellung) kennenlernen. Zu letzt genanntem: ganz am Anfang seiner Leipziger Zeit entdeckt Nietzsche Schopenhauers Werk. Neben der pessimistischen und kunstmetaphysischen Philosophie Schopenhauers ist Nietzsche vor allem von der geistesaristokratischen Haltung und dem kompromisslosen Wahrhaftigkeitstrieb dieser Schrift tief beeindruckt 8 . In seinem Traktat Schopenhauer als Erzieher zeigt er deutlich, was ein Philosoph sein und können muss: 1. zu höheren Idealen erziehen, 2. einen sprachlichen Ton finden, aus dem unmittelbar Vertrauen und Wahrhaftigkeit sprechen, 3. Haltung besitzen und bewahren, denn diese macht einen Philosophen letztlich aus. Anfangs von ihm begeistert, wendet er sich später explizit von ihm ab. Wie auch von Richard Wagner. „Jeder Meister hat nur Einen Schüler und der gerade wird ihm untreu. Denn er ist auch zur Meisterschaft bestimmt. 9 “ Doch zunächst lernten Wagner und Nietzsche einander kennen und teilten uneingeschränkt eine große Zuneigung für die Philosophie Schopenhauers.
In Leipzig tritt eines deutlich zutage: trotz großer Erfolge auf dem Gebiete der Philologie mitsamt einer Berufung an die Baseler Universität als Professor für Philologie ist für Nietzsche letztlich eines von Bedeutung: die philosophische Erkenntnis. Und diese steht seit Leipzig explizit im Vordergrund. Nichts konnte Nietzsche von da an in seinem Denken aufhalten. Und hier beginnt sein reichhaltiges Schaffen, welches in einigen ausgewählten und markanten Auszügen im nächsten Kapitel thematisiert werden soll.
8 „Ich gehöre zu den Lesern Schopenhauers, welche, nachdem sie die erste Seite von ihm gelesen haben, mit Bestimmtheit wissen, dass sie alle Seiten lesen und auf jedes Wort hören werden, das er überhaupt gesagt hat. Mein Vertrauen zu ihm war sofort da und ist jetzt dasselbe wie vor neun Jahren. Ich verstand ihn, als ob er für mich geschrieben hätte: um mich verständlich, aber unbescheiden und töricht auszudrücken.“
9 In: Böse Wahrheit - Sprüche und Sprichwörtliches. Pfeile, 1883.
Arbeit zitieren:
Beatrice Bartsch, 2003, Die Nietzsche-Rezeption der Künstlergruppe die BRÜCKE - Selbstfindungsprozesse auf dem Weg zu einem neu definierten Künstlerbegriff, München, GRIN Verlag GmbH
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