Inhaltsverzeichnis:
I. Einleitung 4
II. Allgemeine Informationen und Hinführung zum Thema 6
III. Historischer Überblick 9
III. 1. Ursprung der sorbischen Geschichte in Deutschland 9
III. 2. Einfluss der Reformation auf das sorbische Leben 11
III. 3. Das 17. und 18. Jahrhundert 12
III. 4. Das 19. Jahrhundert 15
III. 5. Das 20. Jahrhundert 20
III. 5. 1. Entwicklung im Nationalsozialismus 20
III. 5. 2. Nachkriegszeit und DDR 21
III. 5. 3. Die Bundesrepublik Deutschland 27
IV. Versuche zum Erhalt der sorbischen Kultur 29
IV. 1. Medien und Kultur 31
IV. 2. Kultur und Sprache 33
IV. 3. Kunst 34
IV. 4. Musik 34
IV. 5. Traditionen und Bräuche 35
IV. 6. Vereine und Institutionen 40
V. Literarische Aufarbeitung sorbischer Geschichte 40
VI. Auswertung der fragebogengestützten Untersuchung 44
VI. 1. Die Diaspora 50
VI. 2. Der dritte Raum, Hybridität und Transkulturalität 53
VI. 3. Bilingualität in Erziehung und sozialem Umfeld 54
VI. 4. Mentale Räume 57
VI. 5. Traditionen und Freizeitgestaltung 58 für eine nationale Kultur
VI. 6. Die Nationalkultur 63
VI. 7. Identitätsbildung durch Selbst- und Fremdverständnis 65
VI. 8. Die Fremdheit 69
VI. 9. Identitätsverlust nach dem Mauerfall 72
VI. 10. Identität und Dispositionen 73
VI. 11. Die Groteske in der sorbischen Historie 75
VI. 12. Agieren in Codes 77
VII. Zusammenspiel von kultureller Identität, 78
kulturellem, sozialem und kollektivem Gedächtnis, von Habitus und mentalen Räumen
VIII. Beeinflussung lokaler Prozesse durch Globalisierung 83
IX. Zusammenfassung 85
X. Quellen- und Literaturverzeichnis 88
XI. Abbildungsverzeichnis 94
XII. Anhang: Fragebogen 95
4
I. Einleitung
Alle 14 Tage stirbt eine Sprache auf der Welt aus. 1 In Zeiten der Globalisierung interessiert man sich eher für die Kenntnis und das Erlernen sogenannter Weltsprachen wie zum Beispiel Englisch oder Spanisch. Unbedacht bleibt hierbei allzu leicht der Verlust von kultureller Vielfalt und Pluralismus, wenn Sprachen verloren gehen. Wer versucht hat, deutsche Worte in eine andere Sprache zu übersetzen, konnte sicherlich feststellen, dass sich einige Begriffe und Gedanken nicht immer adäquat in diese andere Sprache übertragen lassen. Sie verlieren ihren Bedeutungsgehalt, der oft über Jahrhunderte hinweg durch historische und kulturelle Einflüsse geprägt wurde und somit auch die jeweilige Kultur repräsentiert.
Aussterbende und gefährdete Sprachen und Kulturen sind nicht nur im Ausland zu finden. Es gibt sie auch in Deutschland; zum Beispiel bei den Ober- und Niedersorben in der Lausitz. Wie der Titel der Arbeit bereits verrät, betrifft die nachfolgende Arbeit schwerpunktmäßig die Obersorben, da ich der Betrachtung beider sorbischen Völker im Rahmen dieser Arbeit nicht gerecht werden könnte. Im historischen Teil meiner Arbeit werden neben den Obersorben auch die Niedersorben berücksichtigt, da beide Bereiche nicht immer voneinander zu trennen sind. Beide Bevölkerungsgruppen stammen gleichermaßen von in der Lausitz einst angesiedelten slawischen Stämmen ab. Unterschiede gibt es nur in der Sprache und den historischen Rahmenbedingungen.
Ich möchte mit meiner Untersuchung die Frage nach Möglichkeiten und Grenzen des Fortbestehens der obersorbischen Kultur und Sprache reflektieren. Diese Möglichkeiten werden anhand dreier Schwerpunktsetzungen untersucht:
1. der außergewöhnlichen und durch zahlreiche Assimilationsversuche geprägten Historie der Sorben,
2. einer fragebogengestützten Untersuchung und
3. ausgewählter wissenschaftlicher Aspekte.
1
Vgl. BR‐Online, Dialekt Bairisch in Gefahr, URL:
fernsehen/suedwild/dialekt‐persoenlichkeit‐und‐mensch‐tagesthema‐ID123547449709.xml>
[Stand: 22.03.10]
5
Innerhalb dieser drei Komplexe möchte ich folgende Fragestellungen bearbeiten: Ausgehend von der Klärung der bisherigen Bedeutung der Kultur und Sprache, soll die Frage erörtert werden, wie diese Kultur sich bis zum heutigen Tage überhaupt erhalten konnte und wie sich die gegenwärtige Situation darstellt. In diesem Zusammenhang wird auch der Frage nach der Existenz und Konstruktion einer kulturellen Identität nachgegangen. Gibt es diese überhaupt, und wenn ja, ist bzw. war diese wichtig für den Erhalt der sorbischen Kultur und Sprache? Oder kann es in diesem Zusammenhang eine Befreiung und Lösung von der kulturellen Identität und der imagined community 2 nach Anderson geben? Ein weiterer Frageansatz lautet, in welcher Form das kulturelle und soziale Gedächtnis der Obersorben arbeitet.
Da die Sorben bereits seit Jahrhunderten Teile der Lausitz besiedeln, möchte ich untersuchen, wie sich dieser territoriale Bezug erklären lässt. Des Weiteren wird geklärt, ob man in dem territorialen Besetzungsraum der Lausitz von Hybridität sprechen kann, bzw. ob dieses eine Gefahr für die obersorbische Kultur und Sprache impliziert. Für diese Untersuchung wollte ich obersorbische Schüler und obersorbische Erwachsene befragen, um so -im Blick auf unterschiedliche Alterskohorten- eine Vergleichsanalyse zu erstellen, die gleichermaßen einen Blick in die Zukunft erlaubt wie auch die Frage reflektieren kann, ob ein Traditionsbruch bereits erkennbar ist, der vermuten lässt oder auf die Gefahr hinweisen könnte, dass die kulturelle Eigenständigkeit verloren geht. Da das Land Sachsen den Antrag auf Durchführung einer wissenschaftlichen Erhebung und Befragung von Schülern abgelehnt hat, wurde nur noch eine Gruppe von Erwachsenen befragt. Allerdings hat Leǒs Šatava bereits eine ähnliche Untersuchung an obersorbischen Schülern vorgenommen, so dass einige seiner Ergebnisse nachfolgend mit berücksichtigt werden.
Beginnen werde ich die Arbeit mit einer Darstellung der historischen Entwicklung der Ober- und Niedersorben ab dem 6. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Es schließt sich an die Auswertung der Fragebögen anhand folgender wissenschaftlicher Paradigmen: soziale und kulturelle Identität, mentale Räume, Diaspora, Hybridität, Alterität und Fremdheit, Transkulturalität, Habitus und Nationalkultur. Diese wissenschaftlichen Begriffe wurden auf Grund des Lebens zweier Nationen 3 , der der Deutschen und der der Obersorben, in einem regional begrenzten Raum gewählt. In diesem Beziehungs-
2 Hervorhebung durch Verfasserin.
3 Hervorhebung durch Verfasserin.
6
verhältnis spielen Aspekte wie Identität, Alterität und Hybridität eine entscheidende Rolle. Ein Fazit, das die zuvor gestellten Fragen beantworten soll, schließt die Arbeit ab.
II. Allgemeine Informationen und Hinführung zum Thema
Das westslawische Volk der Sorben mit Sitz in der Lausitz wird zwar unter der Bezeichnung der Sorben oft zusammengefasst, kann jedoch nicht als eine homogene Gruppe betrachtet werden. So gibt es die Niedersorben in der Niederlausitz und die Obersorben in der Oberlausitz. 4 Sorbisch ist eine westslawische Sprache, die je nach Region in verschiedenen Dialekten gesprochen wird und mit den Termini nieder- und obersorbisch bezeichnet wird. Die sorbische Sprache wird heutzutage noch in den Kreisen Bautzen, Weißwasser, Hoyerswerda, Spremberg und Cottbus gesprochen. 5
Die Unterschiede der Nieder- und Obersorben werden nicht nur in den differenten Sprachen, sondern auch in der Historie plastisch. Die Niedersorben bezeichnen sich selbst zumeist in der deutschen Sprache als Sorben/Wenden oder Wenden. 6
In früheren Zeiten, vor allem vor der Zeit des Nationalsozialismus wurden alle Sorben im Deutschen als Wenden bezeichnet. 7 Die Obersorben benennen sich selbst in der eigenen Sprache als Serbja 8 und die Niedersorben als Serby 9 oder serbske 10 . 11
Obwohl die Sorben kein Mutterland haben, besitzen sie eine eigene Flagge und eine National-Hymne, deren deutsche Übersetzung hier zum besseren Verständnis eingefügt wird:
4
Vgl. Erik Sefkow: Wer sind die Sorben, URL:
5 Vgl. Helmut Faßke: Sprache, in: Die Sorben in der Lausitz, Domowina‐Verlag GmbH, Bautzen
1992, 2. stark bearbeitete Auflage 2003, S. 35‐38
6
Vgl. Erik Sefkow: Wer sind die Sorben, URL:
7 Ich werde in meiner Arbeit nur den Begriff der Sorben gebrauchen, um sowohl die
Niedersorben, als auch die Obersorben zu bezeichnen.
8 Hervorhebung durch Verfasserin.
9 Hervorhebung durch Verfasserin.
10 Hervorhebung durch Verfasserin.
11
Vgl. Peter Becker: Die Sorben/Wenden in Raddusch, AG Tourismus Raddusch, URL:
„Lau usitz, sch hönes La and, wah hrer Freu undschaft Pfand! mein ner Vater glücksgefild d [sic!], m meiner Trä äume holde es Bild, heilig ig sind mir deine e Fluren! Blühest du, Zuku unftszeit, uns nach bitter rem Leid? Oh, entwüc chtest [sic!] du deinem m Schoß ns [sic!]!“ 13 Män nner doch an würdig ewig gen gedenken Taten groß,
Um einen E Eindruck zu gewinnen, in nwieweit die e zwei Sprach hen voneinan nder und wie artv differieren verwandt sie wirklich sin nd, folgt die H Hymne erneu ut in der ober r-sorbischen und niederso orbischen Fa assung, so wi ie sie auch in n den jeweili igen Regione en gesungen w werden:
Obersorbis sch: „Rja ana Łužica,sp prawna, přeć ćelna, mojich h serbskich w wótcow kraj, moji ich zbóžnych sonow raj, s swjate su mi twoje hona! Časo o přichodny, zakćěj rados stny! Ow, zo o bychu z twoj ojeho 14 klina a wušli mužoj ojo, hódni wě ěčnoh wopom mnjeća!“
Niedersorb bisch: „Rěd dna Łužyca, spšawna, pś ijazna, mójic ch serbskich wóścow kraj aj, móji ich glucnych myslow raj,s swěte su mě twóje strony y.
8
In ihrer Hymne nehmen die Sorben Bezug auf die Lausitz, die sie seit dem 6. Jahrhundert als ihr Mutterland 16 betrachten. Diese Region wurde von verschiedenen westslawischen Stämmen besiedelt, noch bevor dort Deutsche sesshaft wurden.
Seit dem 10. Jahrhundert wurden die Sorben weitestgehend unterdrückt, was vor allem die sorbische Sprache und das Ausleben der Kultur stark beeinträchtigt hat. Der weitere Bestand ihrer Sprache ist auf Grund der jahrhundertelangen Unterdrückung und der geringen Anzahl an sorbisch sprechenden Personen gefährdet. Es gibt zwar sorbische Sprachkurse und Schulen, aber wenn zuhause kein Sorbisch gesprochen wird, ist es schwer für die Kinder, diese Sprache wie eine Muttersprache zu beherrschen und der Weitergabe an ihre Nachkommen gerecht zu werden. 17
Leǒs Šatava, ein Professor für Ethnologie, hat 11- bis 19-jährige Sorben interviewt. Als Ergebnis erhielt er bei den Schülern der A-Klassen 18 , dass nur ein Drittel der Partizipanten sich mit dem Sorbentum identifiziere. Die meisten empfinden sich selbst als deutsch und nur wenige als slawisch. Hierbei unterscheiden sich jedoch die katholischen von den protestantischen Gebieten, da dort eine höhere Identifikationsrate mit dem Sorbentum besteht. Neben der Religion ist sicherlich ein zusätzlicher Aspekt, dass in den katholischen Gebieten noch mehr Sorben leben als in den evangelischen. In den B-Klassen 19 empfindet sich der Hauptteil als deutsch und nur eine Minderheit auf Grund des elterlichen Hintergrundes als partikulär sorbisch. 20
Obwohl die A-Klassen-Schüler auf Grund des alltäglichen Gebrauchs ein sehr gutes Sorbisch sprechen, machen sie viele Fehler hinsichtlich der Grammatik, wie zum Beispiel beim Buchstabieren sorbischer Worte. Hinsichtlich des Gender-Aspektes hat Šatava festgestellt, dass sich Mädchen mehr mit der sorbischen Sprache identifizieren, wohingegen die Jungen sich mehr mit den sorbischen Medien auseinandersetzen, was eventuell auf die traditionelle Rolle der Frau innerhalb der Familie zurückzuführen
16 Hervorhebung durch Verfasserin.
17
Vgl. Erik Sefkow: Wer sind die Sorben, URL:
18 Schüler der A‐Klassen sind sorbische Muttersprachler und nutzen in dem Hauptteil ihrer
Unterrichtsfächer die sorbische Sprache.
19 In den B‐Klassen wird Sorbisch nur als ein Fach angeboten. Die restlichen Unterrichtsfächer
werden auf Deutsch unterrichtet.
20 Vgl. Leŏs Šatava: Ethnic Identity, Language Attitudes, and the Reception of Culture among Students of Sorbian Schools, in: Timothy McCajor Hall/Rosie Read (Hrsg.): Changes in the
heart of Europe. Recent Ethnographies of Czechs, Slovaks, Roma, and Sorbs, ibidem‐Verlag,
Stuttgart, 2006, S. 267 f
9
ist. 21 Diese ist in der konservativ-pädagogischen Perspektive dafür verantwortlich, so viele Kinder wie möglich zu gebären und diese in der sorbischen Sprache zu erziehen. 22
Die sorbische Kultur spielt bei den A-Klassen-Schülern nur eine geringe Rolle, da sie sich, so wie deutsche Jugendliche, sehr für die nationale 23 und internationale Kultur interessieren. Die sorbische Kultur wird als eine familiäre Tradition wahrgenommen, aber ein starker Identifikationsprozess oder ein ethnisches Bewusstsein finden laut Šatava nicht statt. Bei den B-Klassen-Schülern wird die sorbische Kultur sogar in den meisten Fällen abgelehnt, verspottet und nicht wirklich wahrgenommen. Vor allem in dem Alter zwischen 15 und 17 Jahren findet eine Abwendung von der sorbischen Kultur und eine Hinwendung zur deutschen oder englisch-amerikanischen Kultur statt, da diese als interessanter und globaler wahrgenommen wird, so dass man sich selbst als einen Teil des Ganzen betrachten kann. Ab dem zwanzigsten Lebensjahr kann diese Abwendung sich jedoch wieder in ihr Gegenteil verkehren. 24
III. Historischer Überblick
III. 1. Ursprung der sorbischen Geschichte in Deutschland
Das deutsche Wort Lausitz stammt von dem altsorbischen Wort „lug“ ab. Bei der Entstehung des Namens wurde jedoch mit lug ursprünglich nur das Gebiet der Niederlausitz bezeichnet. Daraus ist unter anderem der Begriff Lusizer entstanden. Erst seit dem 15. Jahrhundert gibt es die Bezeichnungen Nieder- und Oberlausitz. 25
Der Ursprung der sorbischen Geschichte ist auf die Zeit der Völkerwanderung im sechsten Jahrhundert zurückzuführen, in der die Stämme, welche nördlich der Karpaten angesiedelt waren, weiterzogen und sich im Elbe-Saale-Gebiet, im Odertal
21 Ebd., S. 269
22 Vgl. Johannes Huxoll: Lebenswege und kulturelle Alltagsperspektiven, in: Elka
Tschernokoshewa/Marija Jurić Pahor (Hrsg.): Auf der Suche nach hybriden
Lebensgeschichten. Theorie‐Feldforschung‐Praxis, Waxmann Verlag GmbH, Münster, 2005,
S.140 f
23 In diesem Falle ist mit der nationalen Kultur die deutsche gemeint.
24 Vgl. Leŏs Šatava: Ethnic Identity, Language Attitudes, and the Reception of Culture among Students of Sorbian Schools, in: Timothy McCajor Hall/Rosie Read (Hrsg.): Changes in the
heart of Europe. Recent Ethnographies of Czechs, Slovaks, Roma, and Sorbs; ibidem‐Verlag,
Stuttgart, 2006, S. 270 ff
25 Vgl. Peter Kunze: Die Sorben/Wenden in der Niederlausitz. Ein geschichtlicher Überblick, Domowina‐Verlag, Bautzen, 2000, 2. durchgesehene Auflage, S. 5
10
oder in der Lausitz niederließen. 26 Zu jener Zeit gab es ungefähr 20 slawische Stämme, die das Gebiet zwischen der Oder und der Saale besiedelten. Der Name der Sorben entstammt der Stammesbezeichnung der Surbi. Diese Stämme ernährten sich durch „[…] Ackerbau und Viehzucht, ergänzt durch Fischfang, Jagd und Bienenzucht.“ 27
Bei kriegerischen Auseinandersetzungen im 8. Jahrhundert wurden einige slawische Stämme von anderen Stämmen unterworfen. Ihre Unabhängigkeit verloren jedoch alle slawischen Stämme im 10. Jahrhundert, als sie dem frühfeudalen deutschen Staat unter Heinrich dem I. unterworfen wurden. Im Verlauf der Christianisierung und der Umwandlung der einzelnen Gebiete in Bistümer wurden sie politisch und kulturell eingegliedert, um so ethnische Unterschiede zu überwinden. Dennoch konnten sie gewisse Traditionen und ihre Sprachen weiterhin erhalten. 28
Im 11. Jahrhundert wurde aus den Bewohnern der Oberlausitz, den sogenannten Milzenern, und den in der Niederlausitz ansässigen Lusizern das gemeinsame Volk der Sorben, deren Haupteinnahmequellen weiterhin in der Viehzucht und im Ackerbau lagen. Neben der in der Landwirtschaft tätigen Bevölkerungsgruppe entstand eine Riege von Handwerkern, die sich auf die Erstellung von Keramiken, Gerbereien oder Webstücke spezialisierten. 29 Sie entwickelten eine besondere Art des Häuserbaus und der Keramik-Herstellung. Berühmt sind ihre Burgwälle, die sie vor der Immigration anderer ebenfalls slawischer Stämme schützen sollten. 30
Mit der Besiedlung des ursprünglich sorbischen Gebietes durch deutsche Bauern im 12. Jahrhundert wurden die Sorben partiell assimiliert. Dieses bedingte eine weitere Einschränkung für die freie Entfaltung der sorbischen Kultur, da mit dem Einzug der Deutschen unterschiedliche Rechte für Sorben und Deutschen verfügt wurden. In einigen Gebieten, wie zum Beispiel Bernburg/Saale, Leipzig und Zwickau, wurde die
26 Vgl. Peter Kunze: Zur Geschichte der Sorben, in: Die Sorben in der Lausitz, Domowina‐ Verlag GmbH, Bautzen, 2. stark bearbeitete Auflage 2003, S. 15
27 Peter Kunze: Zur Geschichte der Sorben, in: Die Sorben in der Lausitz, Domowina‐Verlag GmbH, Bautzen, 2. stark bearbeitete Auflage 2003, S. 15
28 Vgl. Peter Kunze: Zur Geschichte der Sorben, in: Die Sorben in der Lausitz, Domowina‐
Verlag GmbH, Bautzen, 2. stark bearbeitete Auflage 2003, S. 16 ff
29 Vgl. Peter Kunze: Die Sorben/Wenden in der Niederlausitz. Ein geschichtlicher Überblick,
Domowina‐Verlag, Bautzen, 2000, 2. durchgesehene Auflage, S. 8 f
30 Ebd., S. 7
11
sorbische Sprache gerichtlich untersagt. In der Zeit von 1293 bis 1327 wurde zum ersten Mal ein öffentliches Verbot der sorbischen Sprache ausgesprochen. 31
Außerhalb dieser o. g. Gebiete genossen die Sorben in der Ober- und Niederlausitz weiterhin ein hohes soziales und wirtschaftliches Ansehen und konnten sich trotz einiger Verbote frei bewegen und entfalten. 32
In den folgenden Jahrhunderten bildete sich eine Klassengesellschaft heraus, in der jedoch nur wenige Sorben in die obere Klasse der Feudalherrscher aufsteigen konnten. Die Dorfältesten dienten als Übersetzer zwischen den Sorben und den Deutschen. Der Hauptteil der Sorben jedoch bestand aus Bauern, die nur wenige Rechte besaßen und denen das Recht auf erblichen Landbesitz abgesprochen wurde. 33
Die Abwanderung der ländlichen Bevölkerung in die Städte hatte den Grund, die durch Seuchen verursachten geringen städtischen Einwohnerzahlen zu erhöhen. Für die Sorben erwies sich als zusätzlicher Anreiz, in die Städte umzusiedeln, dass sie dort bis zur zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts alle Rechte in privater und beruflicher Hinsicht erhielten, wenn sie dem Stadtrat, dem Bürgermeister und dem König gegenüber einen Treueschwur ablegten, selbst wenn sie nur geringe oder gar keine Deutschkenntnisse hatten. Ab der Mitte des 14. Jahrhunderts wurden jedoch in einigen Städten Verbote für die Einstellung sorbischer Handwerker, die der deutschen Sprache nicht mächtig waren, erteilt. 34
Es folgten Protestaktionen der Sorben, die in einigen Gebieten durch die Unterstützung des böhmischen Königs, der brandenburgischen Kurfürsten oder des Prager Hofgerichts zum Erfolg führten. 35
III. 2. Einfluss der Reformation auf das sorbische Leben
Mit der Reformation erhielt die sorbische Sprache einen Aufschwung im öffentlichen Leben, da man die Lehre Luthers auch in sorbischer Sprache verbreitete und nun auch
31 Vgl. Jan Bilk: Stawizny Serbow ‐ Zur Geschichte der Sorben, URL:
32 Vgl. Peter Kunze: Zur Geschichte der Sorben, in: Die Sorben in der Lausitz, Domowina‐
Verlag GmbH, Bautzen, 2. stark bearbeitete Auflage 2003, S. 16 ff
33 Vgl. Peter Kunze: Die Sorben/Wenden in der Niederlausitz. Ein geschichtlicher Überblick,
Domowina‐Verlag, Bautzen, 2000, 2. durchgesehene Auflage, S. 13
34 Ebd., S. 17 f
35 Ebd., S. 20
12
sorbische Gottesdienste gehalten wurden. Dieser Aspekt eröffnete den Sorben Wege der Bildungsteilhabe, indem sie nun die Möglichkeit hatten, z.B. ein Theologiestudium zu absolvieren. Ebenso entstanden durch die Übersetzung des Neuen Testaments ins Sorbische die ersten Formen der Einführung des Sorbischen als Schriftsprache, auch wenn das erste gedruckte sorbische Schriftstück erst einige Jahrzehnte später erschienen ist. 36
Die Reformation verhalf zu einem erneuten Wandel und einem veränderten Bewusstsein innerhalb der sorbischen Bevölkerung. 90 % der Sorben wechselten zum Protestantismus über. Es wurden sorbische Priester ausgebildet, sorbische Gebets- und Lehrschriften und Bücher verfasst. Um die Sprache zu erhalten, wurde nun Wert auf ein sorbisches Bildungs- und Schulsystem gelegt. Das erste obersorbische Buch war ein Katechismus Luthers. Es erschien im Jahre 1595. Ein niedersorbisches Gesangbuch inklusive einem Katechismus wurde bereits 21 Jahre zuvor gedruckt. Bis zum Jahre 1656 können sogar sorbische Sprachübungen an der Universität Frankfurt/Oder nachgewiesen werden. 37
Die evangelisch geprägte sorbische Intelligenz wurde im 20. Jahrhundert in der Oberlausitz durch die Katholiken abgelöst. Heutzutage gibt es dort drei evangelische Pfarrer, die einige Male im Jahr an immer wechselnden Orten sorbischsprachige Gottesdienste halten. In Brandenburg wird das Bestreben nach sorbischen Gottesdiensten durch den seit 1994 bestehenden „Förderverein für den Gebrauch der wendischen Sprache in der Kirche“ 38 und in Sachsen durch den Sorbischen evangelischen Verein unterstützt. 39
III. 3. Das 17. und 18. Jahrhundert
Während des Dreißigjährigen Krieges ließ ungefähr die Hälfte der sorbischen Bevölkerung ihr Leben, was einen erneuten Zuzug Deutscher in die sorbischen
36 Ebd., S. 24 f
37 Vgl. Peter Kunze: Zur Geschichte der Sorben, in: Die Sorben in der Lausitz, Domowina‐
Verlag GmbH, Bautzen, 2. stark bearbeitete Auflage 2003, S. 18‐23
38 Sorbischer Superintendent Jan Mahling: Sorben im Kirchenbezirk, URL:
39 Vgl. Sorbischer Superintendent Jan Mahling: Sorben im Kirchenbezirk, URL:
13
Siedlungsgebiete mit sich brachte und somit eine weitere Gefährdung und Verdrängung der sorbischen Sprache bedeutete. 40
Erneut wurde die durch die Reformation geprägte zeitweise positive Wendung und Durchsetzung der Sorben durch den Dreißigjährigen Krieg, durch die Unterdrückung der sorbischen Landbevölkerung durch die Feudalherren und die nach und nach zunehmenden Sprachverbote für die sorbische Sprache aufgehoben und ins Negative verkehrt. Die Leibeigenschaft und Repression der Landbevölkerung durch den Adel führte sowohl zu friedlichen als auch zu gewaltsamen Protesten, aber auch zur heimlichen Flucht in benachbarte Länder. 41 Die Problematik der sorbischen Situation wurde durch öffentliche Schuldzuweisungen des Adels an die Sorben erhöht, denen die Schuld für die Landflucht und die Aufstände der Bauern zugeschrieben wurde. 42
Der Absolutismus verfolgte das Ziel der Auslöschung der sorbischen Sprache. Dieses wurde nicht durch gesetzliche Vorschriften angetrieben, sondern durch die systematische Vernichtung sorbischer Schriften und das Verbot ihrer religiösen oder kulturellen Aktivitäten. Nur in einigen Sektoren der Oberlausitz wurden aus Angst vor dem Ausbreiten des Katholizismus sorbische Schriften und sorbische Gottesdienste der Protestanten gefördert. Den gleichen Weg verfolgten jedoch auch kurze Zeit später die Katholiken, um so weitere sorbische Kirchenmitglieder zu gewinnen, so dass es durch diese Konkurrenzsituation einen kurzen Aufschwung und eine Wiederbelebung und Anerkennung der sorbischen Sprache gab, die nach dem Versuch der Vernichtung des sorbischen Schrifttums im Jahre 1790 sogar zum Druck der ersten sorbischen Zeitung führte. 43
Die sogenannte sorbische nationale Wiedergeburt entstand durch ein Selbstwertgefühl, das durch die Einführung sorbischer Institutionen geprägt wurde. So wurde im Jahre 1706 in Prag das wendische Seminar eingeführt, in dem katholische Priester ausgebildet wurden. Die evangelischen wiederum wurden seit 1716 in Leipzig ausgebildet und gründeten im Jahre 1746 die Wendische Predigergesellschaft in
40 Vgl. Peter Kunze: Die Sorben/Wenden in der Niederlausitz. Ein geschichtlicher Überblick,
Domowina‐Verlag, Bautzen, 2000, 2. durchgesehene Auflage, S. 27
41 Vgl. Peter Kunze: Zur Geschichte der Sorben, in: Die Sorben in der Lausitz, Domowina‐
Verlag GmbH, Bautzen, 2. stark bearbeitete Auflage 2003, S. 18‐23
42 Vgl. Peter Kunze: Die Sorben/Wenden in der Niederlausitz. Ein geschichtlicher Überblick,
Domowina‐Verlag, Bautzen, 2000, 2. durchgesehene Auflage, S. 30
43 Vgl. Peter Kunze: Zur Geschichte der Sorben, in: Die Sorben in der Lausitz, Domowina‐
Verlag GmbH, Bautzen, 2. stark bearbeitete Auflage 2003, S. 18‐23
14
Wittenberg. Diese Unterstützung durch die zwei Konfessionen wurde durch sorbische Intellektuelle aufgegriffen und weiter verfolgt, konnte sich aber in der Niederlausitz und der nordöstlichen Oberlausitz durch die Zugehörigkeit zu Preußen nicht weiter halten oder durchsetzen. Dort betrieb man weiterhin die alte Unterdrückungspolitik. In der sächsischen Oberlausitz setzte sich jedoch auf Grund von Protesten der sorbischen Bevölkerung die sorbische Sprache im Religions- und Leseunterricht durch. In diesem Bereich lag auch der Ursprung der sorbischen nationalen Bewegung begründet. 44
Deren Gründer
„[…] hatten die Bedeutung der Muttersprache und der eigenen Kultur im Ringen um nationale Identität 45 und um die Herausbildung und Festigung eines eigenständigen sorbischen Bewusstseins erkannt und richteten ihre Bestrebungen darauf, die Masse des sorbischen Volkes zu gewinnen.“ 46
Mit der Aufklärung wurde das nationale Bewusstsein der Sorben ab 1750 verstärkt entwickelt, so dass sie für den Erhalt der sorbischen Sprache und Kultur kämpften. 47 Diese Entwicklung entspricht dem des modernen Individuums, das sich dank der Aufklärung von dem vormodernen Individuum, welches als eine Person klassifiziert wird, die in gewissen Traditionen und gesellschaftlichen Strukturen, wie zum Beispiel Klasse, Stand und Status eingeordnet wurde und sich dementsprechend verhielt, lösen konnte. 48
In den restlichen Gebieten außerhalb der Oberlausitz wurden sorbische Schriftstücke, sorbischer Unterricht und Gottesdienste verboten und eine starke
Germanisierungspolitik betrieben. Der einzige Ort in der Niederlausitz, in dem die sorbische Sprache weiterhin gefördert wurde, war Cottbus. Diese Förderung galt
44 Ebd., S. 23‐27
45 Als eine Form der kulturellen Identität bezeichnet Hall die nationale Identität, welche eine
Identifikation mit einem Land, Staat oder politischen System beinhaltet. Jedes Individuum ist
zugleich Teil dieses nationalen Gebildes, dem es sich verbunden fühlt und untertan ist. Vgl.
hierzu Stuart Hall: Kulturelle Identität und Globalisierung, in: Karl H. Hörning/Rainer Winter
(Hrsg.): Widerspenstige Kulturen. Cultural Studies als Herausforderung, Suhrkamp Verlag,
Frankfurt am Main, 1999, S. 414 f
46 Peter Kunze: Zur Geschichte der Sorben, in: Die Sorben in der Lausitz, Domowina‐Verlag
GmbH, Bautzen, 2. stark bearbeitete Auflage 2003, S. 25
47 Vgl. Jan Bilk: Stawizny Serbow ‐ Zur Geschichte der Sorben, URL:
48 Vgl. Stuart Hall: Kulturelle Identität und Globalisierung, in: Karl H. Hörning/Rainer Winter
(Hrsg.): Widerspenstige Kulturen. Cultural Studies als Herausforderung, Suhrkamp Verlag,
Frankfurt am Main, 1999, S. 402
15
jedoch nur zur Beruhigung der wendischen Bevölkerung und zur Stabilisierung der inneren Situation, so dass außenpolitische Ziele, wie z. B. die Annektion anderer Gebiete besser verfolgt werden konnten. 49
Ende des 18. Jahrhunderts gab es immer mehr Versammlungen der unterdrückten Bauern, in denen sie Forderungen an die Feudalherren stellten und Drohungen gegen diese und das System aussprachen. Auch wenn die Herrschaften versuchten, durch gesetzliche Regelungen den Informationsfluss über die Ereignisse der französischen Revolution bis zu den Bauern aufzuhalten, gab es weiterhin Aufstände und revolutionäre Stimmungen unter den Bauern. Mit diesen revolutionären Wehen begann unter anderem auch der Kampf um die Erhaltung der sorbischen Sprache in Bildungsstätten und kirchlichen Institutionen.
III. 4. Das 19. Jahrhundert
Nach und nach wurde die sorbische Sprache aus dem kulturellen, sozialen und religiösen Leben entfernt, so auch 1816 durch die Umwandlung sorbischer Gebets-und Gesangsbücher in rein deutschsprachige Bücher. Der sozialen Unterdrückung folgte somit die Auslöschung der sorbischen Sprache. Diejenigen, die protestierten und sich zu wehren versuchten, erhielten Gefängnisstrafen. Des Weiteren wurden gesetzliche Sanktionen festgelegt, die für Aufständische galten und mitunter die Todesstrafe implizieren konnten. Materielle Belohnung gab es für die, die illegale Versammlungen verrieten. 50
Nach dem Sieg über Napoleon gingen die Niederlausitz und Cottbus wieder in den Besitz Preußens über und somit auch 80 % der sorbischen Bevölkerung. Die restlichen 20 % verblieben in der südlichen und sächsischen Oberlausitz. 51 Um die Sorben an den preußischen Staat zu binden und besser gegen oppositionelle Strömungen vorgehen zu können, wurde die sorbische Sprache nun wieder in der Kirche und im Unterricht eingeführt und eine liberalere Nationalitätenpolitik verfolgt. Ebenso unterstützte man die Ausgabe einer sorbischen Zeitung, die jedoch zu Propagandazwecken und zur Verbreitung preußischer Ideologien genutzt wurde.
49 Vgl. Peter Kunze: Die Sorben/Wenden in der Niederlausitz. Ein geschichtlicher Überblick,
Domowina‐Verlag, Bautzen, 2000, 2. durchgesehene Auflage, S. 32
50 Vgl. Peter Kunze: Die preußische Sorbenpolitik 1815‐1847, Domowina‐Verlag, Bautzen,
1978, S. 15‐18
51 Vgl. Peter Kunze: Die Sorben/Wenden in der Niederlausitz. Ein geschichtlicher Überblick,
Domowina‐Verlag, Bautzen, 2000, 2. durchgesehene Auflage, S. 37 f
16
Die neu gewonnene Freiheit brachte einen Aufschwung der nationalen, sorbischen Bewegung, die sich nun auch für die sorbische Kultur einsetzte. 52 Daneben wurden slawische/sorbische Lehrstühle und zahlreiche sorbische Vereine in der Niederlausitz gegründet. 53 Dieses neu entwickelte nationale Bewusstsein der Sorben wurde jedoch staatlicherseits nach einiger Zeit missgünstig beäugt, so dass die liberale Nationalitätenpolitik der Regierung Preußens sehr bald wieder entliberalisiert wurde. 54
Dadurch, dass die Bauern trotz aller Sanktionen weiterhin für mehr Rechte kämpften, erhielt das feudale System einen großen Riss, der durch die Unterstützung von Aufklärern noch vergrößert wurde. 55 Einige Bauernproteste waren so erfolgreich, dass nach und nach gewisse Reformen durchgesetzt werden konnten, die die Kapitalisierung der Gutshöfe beinhalteten. 56 Die Gesellschaft wurde zu Teilen im Sinne der Bauern neu strukturiert. Einige Bauern erhielten nun ein Erbrecht auf die durch sie bewirtschafteten Güter oder das Recht, Rittergüter zu pachten. In einigen Regionen wurde sogar die Leibeigenschaft abgeschafft. 57
Dennoch gab es bis auf wenige Ausnahmen, hauptsächlich Reformen, die den Machtansprüchen der Feudalherren auch weiterhin zugutekamen. Während in anderen europäischen Ländern ein demokratisches Regierungssystem durchgesetzt wurde, fiel dieser Prozess in Deutschland aus. Die Art von Reformierung, die es in Deutschland gab, führte nicht zu einer Gleichberechtigung der sorbischen und deutschen Bevölkerung, sondern unterstützte die Unterdrückung der sorbischen Identität und Kultur. 58
Die sorbische Sprache galt nun offiziell als die Schuldige für vorhandene Klassenunterschiede und die geringe Bildung der Bauern, so dass deren Auslöschung offiziell legitimiert und gerechtfertigt werden konnte. Ebenso wurden die Sorben als Schuldige für jegliche soziale Krisen und Schwierigkeiten bezeichnet, so dass von den Missständen des Staates und des feudalen Herrschaftssystems abgelenkt werden
52 Ebd., S. 40 f
53 Vgl. Peter Kunze: Die preußische Sorbenpolitik 1815‐1847, Domowina‐Verlag, Bautzen,
1978, S. 133 ff
54 Ebd., S. 144
55 Ebd., S. 20 f
56 Ebd., S. 22
57 Vgl. Peter Kunze: Die Sorben/Wenden in der Niederlausitz. Ein geschichtlicher Überblick,
Domowina‐Verlag, Bautzen, 2000, 2. durchgesehene Auflage, S. 35 ff
58 Vgl. Peter Kunze: Die preußische Sorbenpolitik 1815‐1847, Domowina‐Verlag, Bautzen,
1978, S. 24 f
17
konnte. 59 Die sorbische Sprache wurde verantwortlich gemacht für die Verständnisprobleme zwischen den Sorben und den Deutschen und wurde als ein Hindernis zur Bildungs- und Wissensvermittlung in den Schulen und Kirchen, aber auch der Aufklärung deklariert. Dieser Vorwurf führte zu einer Germanisierung einiger sorbischer Schulen, in denen nur noch auf Deutsch unterrichtet wurde, so dass sorbischen Kindern, die der deutschen Sprache kaum oder gar nicht mächtig waren, jegliche Möglichkeit entnommen wurde, den Unterrichtsinhalten zu folgen. 60 Die Auslöschung der sorbischen Sprache wurde medial durch Pressemitteilungen unterstützt und propagiert. In diesen Mitteilungen wurde den Sorben die Zuschreibung „Volk“ 61 genommen und jegliches Ideengut und jede Form von Autonomie entzogen und abgesprochen. 62
In der Oberlausitz hingegen nutzte man die sorbische Sprache, um gegen Verständigungsprobleme deutscher und sorbischer Kinder anzugehen. Dort gab es einen zweisprachigen Unterricht, in dem einige Fächer auf Sorbisch und andere auf Deutsch unterrichtet wurden, so dass deutsche Kinder der sorbischen Sprache und sorbische Kinder der deutschen Sprache mächtig wurden. 63
Um weitere Maßnahmen der Germanisierung rechtfertigen und durchführen zu können, wurden bei Erhebungen der Bevölkerung Preußens viele Sorben als Deutsche aufgelistet, so dass diese als eine schwindende Minderheit dargestellt werden konnten. 64 Eine weitere anti-sorbische Maßnahme war die Aufteilung der sorbisch bewohnten Gebiete auf unterschiedliche Provinzen, um der Entwicklung eines einheitlichen nationalen Bewusstseins entgegenzuwirken. 65 Neben der territorialen Aufsplitterung, wurden trotz erheblicher Proteste der Sorben nur noch deutschsprechende Superintendenten und Pfarrer in den einzelnen Kirchspielen eingesetzt. 66
Preußischen Lehrern wurde verordnet, den deutschen Sprachgebrauch zu fördern und zu unterstützen. Die sorbische Sprache wurde in Schulen nur noch bis zum 10. Lebensjahr der Schüler als Hilfsmittel zum Verständnis der Unterrichtsinhalte an-
59 Ebd., S. 26
60 Ebd., S. 37 f
61 Hervorhebung durch Verfasserin.
62 Vgl. Peter Kunze: Die preußische Sorbenpolitik 1815‐1847, Domowina‐Verlag, Bautzen,
1978, S. 29 f
63 Ebd., S. 41
64 Ebd., S. 52
65 Ebd., S. 74
66 Ebd., S. 76
18
gewandt. Spätestens ab diesem Alter sollten die Kinder die deutsche Sprache als ihre Muttersprache betrachten und anerkennen. Den Lehrern, die sich nicht danach richteten, drohten Bestrafungen. Die Befürworter dieser Maßnahme hingegen wurden befördert. 67
Zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurde auch der Widerstand sorbischer Intellektueller stärker und brachte sorbische kulturelle Organisationen, wie zum Beispiel die Maćica Serbska 68 hervor, einen Verein, der sorbische Bücher herausbrachte und das kulturelle und wissenschaftliche Leben der Sorben betreute. Des Weiteren gab es Bewegungen, die sich für den sorbischen Unterricht einsetzten oder sorbische Konzerte organisierten. 69 Es entstanden sorbische Schüler- und Studentenvereinigungen und sorbische Gesangsfeste. In den Jahren 1848/1849 kämpfte die Maćica Serbska mithilfe einer Petition an die sächsische Regierung für die Gleichberechtigung der Sorben. Zur gleichen Zeit versuchten sich Bauern in Vereinen weiterzubilden, um sich aus ihrer schlechten sozialen Lage zu befreien. Da aber nur wenige Punkte der Petition genehmigt wurden, zogen sich viele politische Mitglieder resigniert zurück. 70
Alle Organisationen und Vereine bezogen die ländliche Bevölkerung mit ein und förderten somit deren nationales und kulturelles Bewusstsein. Mit dem Jahre 1897 wurde jedoch diese kulturelle Bewegung durch die Obrigkeit eingeebnet, da diese die sorbischen Bestrebungen als einen nationalistischen Fanatismus betrachteten. 71
Am Ende des 19. Jahrhunderts erreichte schließlich die industrielle Revolution die Niederlausitz. Mit dem Eisenbahnnetz kamen auch der Braunkohlebergbau und die Textilindustrie in die Niederlausitz und damit weitere polnische und deutsche Arbeiter, was zu einer zweisprachigen Niederlausitz führte. 72
67 Ebd., S. 119
68 Die Maćica Serbska übt heutzutage vielfältige Tätigkeiten zum Aufbau und Erhalt eines sorbischen Nationalbewusstseins und somit einer sorbischen Identität aus. Hierbei arbeitet
sie unter anderem die Geschichte der Sorben auf und unterstützt die Museen.
69 Vgl. Peter Kunze: Die Sorben/Wenden in der Niederlausitz. Ein geschichtlicher Überblick,
Domowina‐Verlag, Bautzen, 2000, 2. durchgesehene Auflage, S. 49 ff
70 Vgl. Peter Kunze: Zur Geschichte der Sorben, in: Die Sorben in der Lausitz, Domowina‐
Verlag GmbH, Bautzen, 2. stark bearbeitete Auflage 2003, S. 23‐27
71 Vgl. Peter Kunze: Die Sorben/Wenden in der Niederlausitz. Ein geschichtlicher Überblick,
Domowina‐Verlag, Bautzen, 2000, 2. durchgesehene Auflage, S. 49 ff
72 Ebd., S. 44 ff
19
Dennoch hatte die industrielle Revolution auch ihre Vorteile. So konnten sich die Menschen nun ihr Einkommen auch durch Weberei und Tuchmacherei verdienen und sich auf diese Weise der feudalen Unterdrückung auf den Gutshöfen, der Leibeigenschaft und der Armut entziehen. Seit dem Jahr 1651 gab es eine gesetzliche Untertanenordnung, die bis zu diesem Zeitpunkt den Bauern eine Hochzeit ohne die Erlaubnis der Feudalherren untersagte. Des Weiteren waren sie gezwungen, das Land zu bewirtschaften, welches ihnen von oben vorgeschrieben wurde, sie wurden erniedrigt und misshandelt und konnten nur durch Freikauf diesem Verhältnis entkommen. 73
Aber auch innerhalb der sorbischen Familie kam es mit der Industrialisierung zu einer veränderten Situation. Während die Frau weiterhin die traditionelle Rolle innerhalb der Familie übernahm und sich in dem gewohnten sorbischsprachigen Umfeld um die Landwirtschaft kümmerte, befanden sich die Männer nun in einem überwiegend deutschen Arbeitsumfeld. Dieses Leben innerhalb zweier Welten führte zu einer Dissonanz von Innen- und Außenwelt und in häufigen Fällen auch dazu, dass die Männer nun auch mit ihren Kindern deutsch sprachen. 74
Zusammengefasst spielte das 19. Jahrhundert eine entscheidende Rolle für die Entwicklung der Sorben und wurde bestimmt durch verschiedene Faktoren wie zum Beispiel die Bauernkämpfe, Kämpfe in literarischer Hinsicht, der Entwicklung des Sorbischen zur Schriftsprache, der Entstehung von Studentenvereinigungen und schließlich der bürgerlich-demokratischen Revolution von 1848/49. 75 Ebenso war das 19. Jahrhundert die Epoche der Auswanderung, die zur Mitte des 19. Jahrhunderts ihren Höhepunkt fand. Neben Deutschen, wanderten auch viele Sorben nach Australien, Nordamerika und Südafrika aus. In den meisten Fällen hat die sorbische Sprache nur zwei nachfolgende Generationen überlebt, da die deutsche Sprache in den Siedlungsgebieten überwogen hat. Dies führte zu weiteren Verlusten der sorbischen Sprache. 76
73 Vgl. Peter Kunze: Die preußische Sorbenpolitik 1815‐1847, Domowina‐Verlag, Bautzen,
1978, S. 10‐14
74 Vgl. Cordula Ratajczak: Wandel von Raum‐Wandel von Identität. Das Beispiel Mühlrose. In:
Madlena Norberg/Peter Kosta (Hrsg.): Potsdamer Beiträge zur Sorabistik. Sammelband zur
sorbischen/wendischen Kultur und Identität. Universitätsverlag Potsdam, 2008, S. 28 f
75 Vgl. Peter Kunze: Die preußische Sorbenpolitik 1815‐1847, Domowina‐Verlag, Bautzen,
1978, S. 146
76 Vgl. Peter Kunze: Die Sorben/Wenden in der Niederlausitz. Ein geschichtlicher Überblick,
Domowina‐Verlag, Bautzen, 2000, 2. durchgesehene Auflage, S. 44 ff
20
III. 5. Das 20. Jahrhundert
Im Jahre 1912 wurde die Domowina als Dachvereinigung von 31 sorbischen Vereinen gegründet. Dieser Dachverein verfolgte bis zu Beginn des ersten Weltkrieges demokratische soziale und kulturelle Interessen und intendierte die Stärkung des nationalen Bewusstseins. Mit der Weimarer Verfassung wurde die Durchsetzung vieler gesellschaftlicher Interessen zwar vereinfacht, doch fehlte den Sorben eine politische Führung. So wurden auch Rufe nach Autonomie der Lausitz oder der Angliederung an die Tschechoslowakei laut, die jedoch nicht erfüllt wurden. 77
Die Stagnation der sorbischen kulturellen Bewegung und die Angst vor Repression lösten sich ab 1921 nach und nach auf, was vor allem durch die Aktivitäten und Bestrebungen der Maćica Serbska und Domowina erreicht wurde. In der Niederlausitz wurden nun Theaterstücke in niedersorbischer Sprache aufgeführt und demokratische, anti-militaristische Texte, aber auch poetische Liebeserklärungen an die Sorben und die sorbische Kultur in der Zeitung Serbski Casnik veröffentlicht. Der Höhepunkt dieser neuen kulturellen Bewegung war der Festumzug zum fünfzigjährigen Bestehen der Maćica Serbska am 10. August 1930. Eine Petition der Maćica, die die Einführung der niedersorbischen Sprache im Elementarunterricht forderte, wurde jedoch vom Staat abgelehnt. 78
III. 5. 1. Entwicklung im Nationalsozialismus
Nachdem Hitler keinen Erfolg hatte bei seinen Gleichschaltungsversuchen der Sorben und neben Protesten des slawischen Auslands auch durch die Domowina Widerstand erfahren musste, griff er 1937 zu härteren Maßnahmen. So wurde die Domowina verboten, jegliche sorbischen kulturellen Güter und Schriften vernichtet. Intellektuelle wurden ausgewiesen und die schulische Bildung sorbischer Schüler bis auf das Schreiben des eigenen Namens und das Zählen bis 500 untersagt. Die Sorben galten als ein führerloses Arbeitsvolk unter der Herrschaft der Deutschen. 79
77 Vgl. Peter Kunze: Zur Geschichte der Sorben, in: Die Sorben in der Lausitz, Domowina‐
Verlag GmbH, Bautzen, 2. stark bearbeitete Auflage 2003, S. 27‐30
78 Vgl. Peter Kunze: Die Sorben/Wenden in der Niederlausitz. Ein geschichtlicher Überblick,
Domowina‐Verlag, Bautzen, 2000, 2. durchgesehene Auflage, S. 52‐58
79 Vgl. Peter Kunze: Zur Geschichte der Sorben, in: Die Sorben in der Lausitz, Domowina‐
Verlag GmbH, Bautzen, 2. stark bearbeitete Auflage 2003, S. 27‐30
Arbeit zitieren:
Anna Avital Müller, 2010, Mikrokosmos einer Diversität am Beispiel der Sorben in der Oberlausitz, München, GRIN Verlag GmbH
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