Einleitung
„In der letzten Vergangenheit sind die Gewerkschaften stärker in den Mittelpunkt der öffentlichen Betrachtung gerückt. […] Dieses gesteigerte Interesse der Öffentlichkeit erklärt sich unschwer aus der gesamtpolitischen Situation Deutschlands. […]“ 1 -‐ so schildert Bruno Broecker, seit 1925 Mitarbeiter des ADGB in der sozialpolitischen Abteilung, im ersten Artikel der Gewerkschaftszeitung »Die Arbeit« vom Februar 1933 die Stellung der deutschen Gewerkschaften. Zur Verteidigung der Republik schien auf den ersten Blick der ADGB die bedeutsamste Massenorganisation darzustellen. Die Mitarbeit in den republiktreuen Kampfverbänden des Reichsbanners und der Eisernen Front verstärkten diese Rollenzuschreibung durch Mitglieder wie auch Außenstehende. 2
In dieser Arbeit möchte ich den Zusammenhang zwischen den Gewerkschaften der Weimarer Republik und dem Zusammenbruch des demokratischen Systems im Januar 1933 erläutern. Mein Hauptaugenmerk wird dabei der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund (ADGB) bilden, da dieser die einflussreichste und mitgliederstärkste Gewerkschaft zum Ende der ersten deutschen Republik darstellte und trotz dieser Eigenschaft die Auflösung der Demokratie nicht verhindern konnte. Ich möchte aufzeigen, dass der AGDB und dessen Führungsspitze mit seinen Entscheidungen nur wenig zum Scheitern der noch relativ jungen Demokratie beigetragen hat und welche Möglichkeiten und Spielräume sich den Gewerkschaften
geboten hat, die zum Erhalt der Weimarer Republik geführt hätten. An zwei Beispielen soll dies veranschaulicht werden - dem Querfrontprinzip des Generals von Schleicher und dem Nichtaufruf zum Generalstreik nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933. Die
1 Broecker, Bruno: Gewerkschaften und politische Willensbildung, in: Leipart, Theodor [Hrsg.]: Die Arbeit - Zeitschrift für Gewerkschaftspolitik und Wirtschaftskunde: Berlin,
Ausgabe Februar 1933, S. 1.
2 Vgl. Peter Jahn/ Detlev Brunner (Bearb.): Die Gewerkschaften in der Endphase der Republik 1930 - 1933, in: [Hrsg.] Hermann Weber / Klaus Schönhoven / Klaus Tenfelde:
Quellen zur Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung im 20. Jahrhundert, Bd. 4,
Köln 1988, S. 16. 3 | S e i t e
Quellenlage zu diesem Thema erweist sich als sehr ausgiebig, da alle Protokolle von Gewerkschaftssitzungen in einem Quellenband abgedruckt wurden. Als weitere Primärquelle existiert auch die gesamte Ausgabe der Gewerkschaftszeitung »Die Arbeit« im Internet. Zum Thema Querfront findet sich alles Wissenswerte in „Militärdiktatur mit Massenbasis? -‐ die Querfrontkonzeption der Reichswehrführung um General von Schleicher am Ende der Weimarer Republik“ von Axel Schildt.
II. Das Querfrontprinzip des Generals von Schleicher 1. Die Konzeption
Der Begriff »Querfront« ist ein Schlüsselbegriff für strategische Überlegungen am Ende der Weimarer Republik, die vor allem darauf abzielten, NSDAP und Gewerkschaften als Massenbasis für eine auf der Macht der Reichswehr basierende Präsidialregierung zu funktionalisieren. 3 Nachdem Franz von Papen am 17. November 1932 zurücktrat, da er sich sowohl die Feindschaft der Reichswehr als auch sämtlicher Parteien zugezogen hatte und somit über keine parlamentarische Mehrheit verfügte, wurde Reichswehrgeneral Kurt von Schleicher, der im Kabinett Papen als Wehrminister fungierte, am 2. Dezember 1932 zum Reichskanzler. 4 Da Schleicher ebenfalls parteilos war suchte er Rückhalt in Massenorganisationen, insbesondere dem ADGB, um sich damit eine möglichst breite gesellschaftspolitische Basis zu verschaffen und so das Grundproblem der Politik Papens zu überwinden versuchte. 5,6 Dabei verfolgte Schleicher das sogenannte »Querfrontprinzip«, welches die Gewerkschaften mit dem linken Flügel der NSDAP unter Gregor Strasser vereinen sollte. Der AGDB-‐Vorstand erhoffte sich durch Verhandlungen mit
3 Vgl. Schildt, Axel: Militärdiktatur mit Massenbasis? - die Querfrontkonzeption d. Reichswehrführung um General von Schleicher am Ende d. Weimarer Republik: Frankfurt,
1981: S. 7.
4 Vgl. Braunthal, Gerard: Der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund: Köln, 1981: S. 82 f.
5 Ebd. S. 82.
6 Vgl. Jahn/Brunner: Gewerkschaften in der Endphase der Republik 1930 - 1933, S. 45. 4 | S e i t e
Arbeit zitieren:
Martin Kersten, 2008, Die Mitschuld der Gewerkschaften am Ender der Weimarer Republik an der Machtergreifung Hitlers, München, GRIN Verlag GmbH
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