Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 2
1. Einleitung 3
2. Der Begriff des Sprachspiels 7
2.1. Das Sprachspiel im „Blauen Buch“ 7
2.2. Das Sprachspiel im „Braunen Buch“ 8
2.3. Das Sprachspiel in den PU 8
2.3.1. Entstehung des ersten Teils der PU 8
2.3.2. Allgemeine Merkmale des Sprachspielbegriffs 9
2.3.3. Sprachspiel, Gebrauch und Bedeutung 9
2.3.4. Das Sprachspiel als primitive Sprachform 12
2.3.5. Sprachspiel und Kindersprache 17
2.3.6. Sprachspiele als sprachliche Aktivitäten 19
2.3.7. Das Sprachspiel als Ganzes der Sprache 21
3. Sprachspiel und Familienähnlichkeit 22
4. Sprachspiel und Regelfolgen 26
5. Sprachspiel und Lebensform 28
6. Fazit 31
7. Literaturverzeichnis 35
2
1. Einleitung
“I have not found in Wittgenstein´s Philosophical Investigations anything that
seemed to me interesting and I do not understand why a whole school finds
important wisdom in its pages.” 1
Bertrand Russell, “My Philosophical Development”
Dieses scharfe Urteil und die darin enthaltene vernichtende Kritik der „Philosophischen Untersuchungen“ (PU) stehen im krassen Gegensatz zu anderen Bemerkungen RUSSELLS zu seinem früheren Schüler Ludwig Wittgenstein. RUSSELL lobt an anderer Stelle die Fähigkeit des jungen Wittgenstein zum intensiven Nachdenken und gesteht ihm sogar philosophische Genialität zu. Er stellt aber fest, dass sich diese Anlagen aus seiner Sicht im Alter ins absolute Gegenteil verkehrt haben. 2 MALCOLM konstatiert zu jenem Zitat RUSSELLS wiederum, es habe ihn deshalb amüsiert, weil es das genaue Gegenteil der Wahrheit darstelle. 3 Offensichtlich haben die Gedanken, welche Wittgenstein in den PU formuliert und ausarbeitet, die Kraft, zu polarisieren. Auf der einen Seite wird ihnen mit Unverständnis und Ablehnung begegnet. Auf der anderen Seite legten sie den Grundstein für philosophische Denkströmungen, wie zum Beispiel die „ordinary-language philosophy“ 4 oder die Sprechakttheorie 5 .
Zu jener Ambivalenz gesellt sich das große öffentliche Interesse an der Person Ludwig Wittgensteins. Die Kombination aus strengem wissenschaftlichen Denken und philosophischer Leidenschaft sowie der ungewöhnlichen Biographie Wittgensteins hat ihm zu einem zweifelhaften Kultstatus verholfen. Keinem anderen Philosophen wurde eine derart große Zahl an Biographien, persönlichen Erinnerungen und Briefwechseln gewidmet. 6 Auch in den Künsten hat eine intensive Beschäftigung mit Wittgenstein stattgefunden. So finden sich Romane 7 , Dramen 8 und Spielfilme 9 , welche in Anlehnung an Wittgensteins
1 Russell, S. 161.
2 Russell, S. 161.
3 Malcolm, 1978, S. 71.
4 Hallett, S. 23.
5 Buchholz, 2006, S. 120.
6 Buchholz, 2006, S. 9.
7 Vgl. Philip Kerr „Das Wittgenstein-Programm“.
8 Vgl. Thomas Bernhard „Wittgensteins Neffe“.
3
Leben und Werk entstanden sind. In Anbetracht all dieser Beschäftigungen mit Wittgenstein abseits seines Werkes erscheint es umso wichtiger, seine philosophischen Gedanken in nüchterner und wissenschaftlicher Weise zu betrachten. Dabei sollte eine textnahe Auseinandersetzung stets im Vordergrund stehen.
Im Mittelpunkt der PU stehen Wittgensteins Gedanken zur Philosophie der Sprache. Der Schlüsselbegriff seiner späten Philosophie ist der Begriff des Sprachspiels. Ein umfassendes Verständnis dieses Begriffs erscheint somit unabdingbar, um die Wittgensteinschen Überlegungen zur Sprache in den PU hinreichend nachvollziehen zu können. Demzufolge möchte ich in vorliegender Arbeit den Versuch einer textnahen und adäquaten Annäherung an den Begriff des Sprachspiels unternehmen. Ziel der Arbeit soll sein, mit Hilfe jener Begriffsklärung die zentralen Gedanken Wittgensteins zur Sprachphilosophie herauszuarbeiten und zu erläutern Auf diesem Wege soll verdeutlicht werden, welche Neuerungen, Vorteile und Anregungen der Wittgensteinsche Ansatz bietet und inwiefern er hiermit Substanzielles zur Philosophie der Sprache beiträgt.
Den in Wittgensteins Spätphilosophie so zentralen Begriff des Sprachspiels näher zu bestimmen und zu erläutern ist jedoch schon zu Beginn mit verschiedenen Hindernissen und Problemstellungen behaftet. Diese beruhen zunächst auf der Abneigung Wittgensteins gegen Bestimmungen des Wesens der Sprache oder des Sprachspiels zur Zeit des Verfassens der „Philosophischen Untersuchungen“. 10 Nach Ansicht von SCHULTE sieht er die Suche nach dem Wesen einer Sache durch Feststellung einer oder mehrerer gemeinsamer Eigenschaften als Irrweg an. 11 Wittgenstein weist in seiner Spätphilosophie demzufolge jegliche Definition oder Wesensbestimmung für Begriffe wie „Sprache“ oder „Spiel“ scharf zurück und favorisiert vielmehr „Familienähnlichkeiten“ für jene Erscheinungen, welche unter solche Begriffe subsumiert werden. 12 Mit dem Ausdruck „Familienähnlichkeit“ verweist Wittgenstein auf seine bereits angesprochene Auffassung, dass nicht alle Entitäten unter einem gegebenen
9 Vgl. Derek Jarman „Wittgenstein“.
10 Wuchterl, S. 122.
11 Schulte, 1989, S. 150.
12 Kampits, S. 119.
4
Begriff eine bestimmte Menge von Eigenschaften oder Merkmalen teilen, 13 sondern eher in einem komplizierten „Netz von Ähnlichkeiten, die einander übergreifen und kreuzen“ 14 miteinander verbunden sind. Der Begriff der Familienähnlichkeit, welcher an dieser Stelle lediglich angerissen werden soll, wird in Kapitel 3 der vorliegenden Arbeit näher erläutert. Ähnlich der Abneigung gegen Definitionen und Wesensbestimmungen lehnt Wittgenstein in seiner Spätphilosophie außerdem das Aufstellen philosophischer Theorien ab. 15
Demzufolge könnte das Argument formuliert werden, der Versuch, den Begriff des Sprachspiels schärfer zu fassen oder herauszuarbeiten würde den Intentionen des Autors zuwiderlaufen. Zunächst ist dem entgegenzuhalten, dass für die Behandlung philosophischer Fragen in erster Linie das Werk und nicht der Autor im Vordergrund stehen sollte. Gelingt es demnach, den Begriff des Sprachspiels anhand des Textes der PU verständlich zu machen, so sollten gegenläufige Intentionen des Verfassers dem nicht schaden. 16 In der vorliegenden Arbeit geht es zwar grundsätzlich darum, den Wittgensteinschen Begriff des Sprachspiels klarer hervortreten zu lassen und anschaulich zu machen. Hierbei soll dem Begriff jedoch keine definitorische Klarheit oder Trennschärfe übergestülpt werden, welche vom Autor nicht gewünscht und vom Text nicht geliefert wird. Vielmehr sollen zentrale Merkmale in Sprachspielen herausgearbeitet 17 , anhand nahe liegender Fragen und Einwände erörtert 18 und vor dem Hin-tergrund verwandter zentraler Begriffe in den PU erläutert werden. Diesem Ansatz liegt die Überzeugung zugrunde, dass zwar eine strenge Bestimmung oder Definition des Begriffes weder möglich, noch erwünscht ist, jedoch ein Verständnis seiner Funktionsweise und zentraler Merkmale erreicht werden kann. Dieses kann für eine Annäherung an den Wittgensteinschen Ansatz in den PU fruchtbar sein.
In seinem frühen Werk „Tractatus Logico-philosophicus“, welches als einziges Werk von ihm selber veröffentlicht wurde, vertritt Wittgenstein eine realisti- 13 Wenneberg,S. 41.
14 PU 66.
15 Von Savigny, 1988, S. 4.
16 Von Savigny, 1988, S. 5.
17 Wuchterl, S. 122.
18 Schulte, 1989, S. 142.
5
sche Semantik. 19 Er geht hier davon aus, dass sich die Dinge in der Welt in Sachverhalte, Gegenstände und Attribute unterteilen lassen. Sachverhalte sind nach Auffassung Wittgensteins im Traktat entweder atomar oder komplex, wobei sich ein komplexer Sachverhalt in atomare Sachverhalte aufgliedern lässt. Die Welt stellt nach seiner Auffassung eine komplexe Tatsache dar, die sich eindeutig in einfachste atomare Tatsachen zergliedern lässt. 20 Hierin besteht der logische Atomismus des Traktats. 21 Im Hinblick auf die Sprache vertritt Wittgenstein im Traktat eine Bildtheorie. 22 Demgemäß ist der Satz für ihn ein Abbild der Wirklichkeit. 23 Die Sprache, die Wittgenstein in den Überlegungen des Traktats vorschwebt, hat den Charakter einer Idealsprache, wie sie in der modernen Logik verwandt wird. 24 Wie im Verlaufe der vorliegenden Arbeit offensichtlich wird, legt Wittgenstein mit seiner Betonung der Abbildfunktion der Sprache und dem starken Bemühen um eine hohe Exaktheit der Sprache im Traktat andere Schwerpunkte als in der Sprachphilosophie der PU. In seiner späten Philosophie hält Wittgenstein die vollständige Analyse und die umfassende Zergliederung der Sprache, welche er im Traktat propagiert, für unmöglich. 25 Darum soll es in vorliegender Arbeit auch darum gehen, durch das Herausarbeiten und Erhellen des Sprachspielbegriffes zu klären, welche Vorzüge die mit diesem Ansatz verbundenen Überlegungen Wittgensteins in Hinblick auf die Philosophie der Sprache gerade auch in Bezug auf die Gedanken des Traktats bieten.
Neben der Antipathie des späten Wittgensteins gegenüber analytischen Begriffsbestimmungen 26 erschweren auch die mannigfaltigen unterschiedlichen Verwendungsweisen des Sprachspielbegriffes in den PU das Herausarbeiten einer klaren und eindeutigen Lesart. Zunächst möchte ich daher in aller Kürze die Verwendung des Begriffes in den früheren Werken Wittgensteins skizzieren. Im Folgenden werde ich allgemeine Charakteristika aller Sprachspiele in den PU darstellen. In einem weiteren Schritt sollen dann die verschiedenen
19 Von Kutschera, S. 51.
20 Von Kutschera, S. 52.
21 Buchholz, 2006, S. 56.
22 Raatzsch, S. 57.
23 Raatzsch, S. 66.
24 Von Kutschera, S. 56.
25 Tericabras, S. 347.
26 Zeller, S. 337.
6
Verwendungsweisen des Begriffes vorgestellt und anhand wesentlicher Merkmale umrissen werden. Um das Verständnis des Sprachspielbegriffes abzurunden, möchte ich zuletzt einige weitere zentrale Begriffe aus den PU erläutern, welche mit Wittgensteins Gedanken zum Sprachspiel verknüpft und für deren umfassendes Verständnis unabdingbar sind. Hierbei soll es um die Wittgensteinschen Grundbegriffe „Familienähnlichkeit“ und „Lebensform“ sowie um seine Überlegungen zum Regelfolgen gehen. Im Fazit möchte ich zuletzt die Frage behandeln, inwiefern die erarbeiteten Gedanken Wittgensteins geeignet sind, die Struktur und die Funktionsweise der Sprache zu erfassen. Dies soll an dieser Stelle auch in einer Gegenüberstellung der Grundgedanken des Traktats und der PU geschehen. Hierbei soll das Hauptaugenmerk auf der Frage liegen, welche Vorzüge und Nachteile die Überlegungen in den PU bieten.
2. Der Begriff des Sprachspiels
2.1. Das Sprachspiel im „Blauen Buch“
Eine frühe Beschreibung des Sprachspielbegriffes findet sich im „Blauen Buch“. (BlB) 27 Das BlB entstand in den Jahren 1933/34 als Vorlesungsdiktat in englischer Sprache und wurde erst nach Wittgensteins Tod veröffentlicht. 28 Hier charakterisiert Wittgenstein Sprachspiele als primitive Sprachformen, welche ein einfacherer Gebrauch von Zeichen als demjenigen in der komplizierten Alltagssprache kennzeichnet und die der frühen Sprachbenutzung von Kindern gleichen. 29 Diese Sprachformen sind jedoch nicht grundverschieden von den hochkomplexen Sprachverwendungen der Alltags- oder Fachsprache. Vielmehr treten in ihrer Einfachheit unsere Handlungs- und Reaktionsweisen stärker hervor und können mithin leichter betrachtet werden. 30 Hiernach lassen sich auch die komplizierten Formen aus jenen primitiven zusammensetzen. 31 In dieser frühen Charakterisierung des Begriffes betont Wittgenstein somit den
27 Wuchterl, S. 119f.
28 Kenny, S. 23.
29 BlB, S. 37.
30 Schulte, 1989, S.141.
31 BlB, S. 37.
7
instrumentellen Aspekt des Sprachspiels. Gemäß dieser Lesart sind Sprachspiele Hilfsmittel, um komplexe Sprachformen besser verstehen zu können.
2.2. Das Sprachspiel im „Braunen Buch“
Im „Braunen Buch“ (BrB), welches als Vorläufer der PU betrachtet werden kann, 32 wird der Begriff des Sprachspiels am systematischsten behandelt. 33 Das BrB entstand 1935 als Diktat. Es ist sorgfältiger ausgearbeitet als das BlB, erschien jedoch ebenso erst posthum. 34 Das BrB besteht im Wesentlichen aus Sprachspielbeschreibungen und anschließenden Kommentaren. 35 Wittgenstein charakterisiert Sprachspiele in diesem Text zwar als primitive Sprachformen, jedoch bilden diese „in sich geschlossene Systeme der Verständigung“ 36 . Indem Wittgenstein hier darauf verweist, dass es sinnvoll sein kann, sich solche Sprachspiele als Gesamtsprache eines primitiven Volksstammes vorzustellen 37 , betont er bereits die Wichtigkeit der Einbettung von Sprachspielen in eine Le-bensform. Die Tragweite dieses Schlüsselbegriffes der Spätphilosophie Wittgensteins 38 wird in Kapitel 5 der vorliegenden Arbeit näher erörtert.
2.3. Das Sprachspiel in den PU
2.3.1. Entstehung des ersten Teils der PU
Der erste Teil der PU wurde im Jahre 1953 posthum veröffentlicht. Die Arbeit an den PU, wie wir sie heute kennen, begann Wittgenstein Ende des Jahres 1936. In diesem Jahr schrieb Wittgenstein bereits die ersten 188 Abschnitte des ersten Teils der PU. 39 Diese sind, bis auf wenige Ausnahmen aus folgenden Abschnitten, die Textgrundlage dieser Arbeit.
32 Von Wright, S. 13.
33 Kenny, S. 193.
34 Kenny, S. 23.
35 Schulte, 1989, S. 141.
36 BrB, S. 121f.
37 Ebenda.
38 Schulte, 1999, S. 157.
39 Pichler, S. 356-358.
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B.A. Nicolas Lindner, 2010, Wittgensteins Begriff des Sprachspiels, München, GRIN Verlag GmbH
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