Zweisprachigkeit und Interkulturelle Erziehung an der
1. Einleitung
Ein Leben im heutigen, vereinten Europa des 21. Jahrhunderts (vgl. Hütten 2004) erfordert insbesondere im Hinblick auf die zunehmende Globalisierung der Weltwirtschaft und das stetige Anwachsen der EU von ursprünglich sechs auf mittlerweile 25 Mitgliedsstaaten (vgl. Europa: Das Portal der Europäischen Union. Die EU im Überblick. Zugriff am 20. August unter http://europa.eu.int/abc/index_de.htm) die Fähigkeit der Bürger Europas, sich trotz unterschiedlicher Sprachzugehörigkeiten untereinander verständigen zu können. Dies bedeutet, dass es aufgrund der Sprachenvielfalt in einem zusammenwachsenden Europa für den modernen Europäer dringend erforderlich geworden ist, neben der eigenen Muttersprache mindestens eine weitere Sprache zu sprechen oder wenigstens zu verstehen. Die Notwendigkeit des gegenseitigen Verstehens ergibt sich allerdings nicht nur aus den sich international ausweitenden, wirtschaftlichen Geschäftsbeziehungen, sondern auch aus der Tatsache, dass sich in Europa zunehmend immer mehr Menschen unterschiedlicher Nationalitäten und Kulturen in einem Land vereinen und zusammen leben. Inge Sukopp schreibt, dass aufgrund der sich immer weiter ausbreitenden Mehrsprachigkeit in Europa „das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit der Europäer wächst, und die Bindungen zwischen Völkern und Staaten, wie zwischen einzelnen Menschen und sozialen Gruppen“ (Sukopp, I. 1996, S. 3) enger und fester werden. Um dieses Zusammengehörigkeitsgefühl einer multikulturellen Gesellschaft zu gewährleisten, ist allerdings nicht nur Mehrsprachigkeit erforderlich, sondern ebenfalls die Toleranz und Akzeptanz unterschiedlicher Kulturen und der damit verbundenen, kulturspezifischen Sitten und Bräuche. Ein Beispiel soll das verdeutlichen: In Spanien oder Italien wird es als höflich und freundlich erachtet, sich möglichst laut und mit Hilfe von Körpersprache unabhängig von Ort und Stelle des Gesprächs zu unterhalten, sei es im eigenen Wohnhaus oder in öffentlichen Verkehrsmitteln. In Deutschland dagegen ist es eher unüblich, sich an öffentlichen Orten laut und lebhaft zu unterhalten, da ein solches Verhalten als lästig, störend und unfreundlich wahrgenommen wird. Folglich ist bei einem Aufeinandertreffen solcher unterschiedlichen
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Temperamente in einem vollbesetzten Bus ein gesteigertes Konfliktpotenzial vorprogrammiert.
Um Konflikte dieser Art zu vermeiden, ist es daher notwendig, über ein gewisses Maß an Konfliktfähigkeit und über Wissen in Bezug auf die unterschiedlichen Kulturen Europas als Grundlage von Toleranz und Weltoffenheit zu verfügen. Vor dem Hintergrund, dass „sich Deutschland zum Einwanderungsland entwickelt hat“ (May, A. 2003, S. 9) und eines der führenden Industrieländer Europas ist, werden in der Bundesrepublik gerade der Mehrsprachigkeit und der interkulturellen Kompetenz der Jugend besondere Bedeutung beigemessen, um den Ansprüchen eines vereinten und modernen Europas gerecht zu werden. Ausdruck dessen war der Beschluss der Kultusministerkonferenz (KMK) von 1990 zur „Förderung der Europäischen Dimension“ (Sukopp, I. 1996, S. 3) durch das Schulwesen. Aus dieser Entscheidung der KMK ergaben sich diverse Unterrichtsversuchsmodelle im Grundschulwesen - eines davon ist das Modell der Staatlichen Europaschule Berlin (SESB). Das Konzept der SESB verfolgt einen Partnersprachenunterricht, bei dem alle Unterrichtsfächer in Deutsch und in einer weiteren Partnersprache wie z.B. Englisch gleichrangig verteilt unterrichtet werden. Die Schülerschaft setzt sich dabei im Idealfall zu 50% aus deutschen Muttersprachlern und zu 50% aus Muttersprachlern der Partnersprache des jeweiligen SESB Standortes zusammen. Ziel dieses Konzeptes der SESB ist es, die Schüler zur Mehrsprachigkeit zu erziehen und Toleranz sowie ein friedliches Zusammenleben in einem zusammenwachsenden Europa zu gewährleisten (vgl. Doye, P. 1996, S. 105).
2. Überblick über die Entwicklung der SESB
2.1 Die Gründungsgeschichte der SESB
Im Gegensatz zur Regelschule, aus deren Modell das Konzept der Europaschule entstanden ist, verstand sich die SESB in ihrer ursprünglichen Gründungsabsicht nicht als zusätzliches schulisches Angebot für Kinder aus Berliner Immigrantenfamilien, um deren Sprachdefizite zu überbrücken, sondern viel eher als eine Antwort auf ein historisches Problem (vgl. Lubig-Fohsel, E. 2000, S. 32): Nach Abzug der Alliierten Streitkräfte aus Berlin wurde versucht, die dadurch zu erwartende Reduzierung der sprachlichen und kulturellen Vielfalt im schulischen Bereich mit einem neuen, bilingualen Schulmodell auszugleichen. Aus diesem Grund wurden zunächst auch die Sprachkombinationen von
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Deutsch und den jeweiligen Sprachen der ehemaligen Besatzermächte Englisch, Französisch und Russisch angeboten. Gleichzeitig sollte bildungsorientierten Eltern, die aufgrund des damaligen attraktiven Arbeitsmarktes am Wirtschaftsstandort Berlin erwartet wurden, ein viel versprechendes und zukunftsträchtiges Schulmodell für ihre Kinder angeboten werden. Das Modell der SESB wurde erstmals 1992 in Vorschulklassen an sechs Berliner Grundschulen eingeführt. Im Schuljahr 1993/1994 wurden an diesen Schulen sechs 1. Klassen, so genannte Pilotklassen, eingerichtet, seitdem ist die SESB Schulversuch. Im Zuge der Weiterentwicklung des Modells der Europaschule wurden Mitte bzw. Ende der 90er Jahre neben Englisch, Französisch und Russisch weitere Sprachen wie z.B. Türkisch und Spanisch als Partnersprachen für die SESB übernommen. Diese Aufstockung des Partnersprachenangebotes war auch deshalb erforderlich, weil insbesondere die Eltern der Migrantenkinder die Bildungschancen ihrer Kinder in Bezug auf die der deutschen Kinder ungerecht verteilt sahen und daher die Berücksichtigung der Migrantensprachen im Konzept der SESB forderten. Außerdem gab es auch immer mehr deutsche Eltern, die nicht nur im Erlernen der Sprachen Englisch, Französisch und Russisch eine Bereicherung der Ausbildung für ihre Kinder sahen, sondern auch im Erlernen von Migrantensprachen wie z.B. Türkisch. Der Anfang des Trends, auch Migrantensprachen als Partnersprachen zu respektieren und in das Konzept der SESB zu integrieren, begann 1996, als der erste deutsch-türkische SESB Standort in Berlin-Kreuzberg gegründet wurde (vgl. Schütz, M. Die Geschichte der Schule. Zugriff am 20. August 2005 unter http://www.aziz-nesin-grundschule.de).
2.2 Die SESB heute und ihre allgemeinen Rahmenbedingungen
Das nunmehr bereits seit 13 Jahren existierende Konzept der SESB bietet heute insgesamt neun verschiedene Sprachkombinationen zwischen Deutsch und den Partnersprachen Englisch, Französisch, Russisch, Spanisch, Italienisch, Türkisch, Griechisch, Portugiesisch und Polnisch an unterschiedlichen Standorten in Berlin an. Mittlerweile wird das Konzept der Europaschule schon an achtzehn Grundschulen und neun Oberschulen realisiert, die insgesamt von ca. 5.600 Schülerinnen und Schülern besucht werden (vgl. Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport. Seit 13 Jahren gibt es die Europaschule. Zugriff am 20. August 2005 unter
http://www.sensjs.berlin.de/schule/schulische_angebote/staatliche_europa_schulen/10_jahre_ europaschule.asp).
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Abgesehen von wenigen Ausnahmen, ist die SESB eine Institution, die einen Europaschulzweig mit der jeweiligen Sprachkombination in eine bereits bestehende Grundschule integriert, deren Regelschulzweig ursprünglich monolingualer Natur war (vgl. Lubig-Fohsel 2000, S. 3). Trotzdem gelten auch für die SESB die offiziellen Rahmenpläne für die Lernbereiche des vorfachlichen Unterrichts (Klasse 1-4) und der Unterrichtsfächer (Klasse 5-13), genau wie an jeder anderen Schule, da die SESB als Schulversuch Teil der Berliner Schule ist. Die Rahmenpläne für die jeweiligen Partnersprachen wurden bzw. werden bei der Aufnahme neuer Partnersprachen von einer Rahmenplankommission erarbeitet. Der Zugang zu einer SESB erfolgt gleichberechtigt und ohne größere Auswahl. Daher wird an den SESB bewusst kein Schulgeld erhoben. Im Gegensatz zu anderen Grundschulen haben die SESB kein bestimmtes Schuleinzugsgebiet, das heißt, dass sich die Bewerber aus ganz Berlin und Umgebung für jede beliebige SESB anmelden können - unabhängig von ihrem Wohnort. Wird die Zahl der zur Verfügung stehenden freien Plätze durch die Anzahl der Bewerber an einer SESB überschritten, so wird die Aufnahme per Losverfahren und nicht über den finanziellen Spielraum der Eltern oder andere Einflussfaktoren entschieden. Einzige Voraussetzung für die Aufnahme in die Jahrgangsstufe 1 ist es, dass der Bewerber eine der beiden Sprachen des jeweiligen SESB-Standortes als Muttersprache beherrscht, und dass er in der zweiten Sprache mindestens passive Kenntnisse nachweisen kann. Der Unterricht der SESB-Grundschulklassen beginnt mit der Jahrgangsstufe 1. Bis zum letzten Schuljahr wurden an jedem Standort noch Vorklassen eingerichtet, allerdings wird dieses Angebot ab dem neuen Schuljahr 2005/2006 wegfallen (vgl. Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport: Stundentafel für die Klassen der Grundschule der SESB ab Schuljahr 2004/2005. Zugriff am 20. August 2005 unter
http://www.sensjs.berlin.de/schule/schulische_angebote/staatliche_europa_schulen/sesb_stun dentafel_grundschule.pdf). Die Klassen bestehen durchschnittlich aus 24-26 Schülern und setzen sich etwa zur Hälfte aus deutschen Muttersprachlern und zur anderen Hälfte aus Muttersprachlern der jeweiligen Partnersprache zusammen. Nach Abschluss der 6. Klasse erfolgt der Übergang der Kinder in die Sekundarstufe an fortführenden Schulen, die die Sprachkombination weiter betreuen. Diese Schulen sind entweder Gymnasien und Realschulen, die eng miteinander kooperieren, oder Gesamtschulen mit gymnasialer Oberstufe. Da die Anzahl an SESB-Schülern zu den jeweiligen Sprachkombinationen noch sehr gering ist, können die beiden weiterführenden Varianten gegenwärtig für die Schüler noch nicht in jedem Fall zur Auswahl angeboten werden. Deshalb können beispielsweise die Kinder türkischer und spanischer SESB-Standorte nur auf die Gesamtschule wechseln,
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Arbeit zitieren:
Master of Education Thomas Schachtebeck, 2005, Zweisprachigkeit und Interkulturelle Erziehung an der Staatlichen Europaschule Berlin, München, GRIN Verlag GmbH
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