I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
I. Einleitung. 3
II. „Der Kaufmann von Venedig“ 6
a. Kurzübersicht und skizzierter Handlungsverlauf. 6
b. Ambivalenz der Shylock Figur 7
III. Erich Fried als Mensch und Übersetzer. 13
IV. Translationspraxis von August Wilhelm Schlegel 17
V. Szenenanalyse. 19
a. Methodologische Vorüberlegungen 19
b. Erstes Textbeispiel: Akt 1, Szene 3 20
i. Dramenanalytische Einbettung 20
ii. Übersetzungsvergleich 21
c. Zweites Textbeispiel: Akt IV, Szene 1 27
i. Dramenanalytische Einbettung 27
ii. Übersetzungsvergleich 28
VI. „Fazit“ 36
VII. Zu guter Letzt 39
VIII. Bibliografie 40
a. Literatur 40
b. Internet. 40
b. 40
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„HATH NOT A GENTLE JEW EYES?“
Charakterisierungstransformationen der Shylock-Figur aus Shakespeares “Kaufmann von Venedig” in den Übersetzungen von August Wilhelm Schlegel und Erich Fried
I. EINLEITUNG
„“The poor man is wronged!“(…)Ich habe sie nie vergessen können, diese großen und schwarzen Augen, welche um Shylock geweint haben!“ 1
Dass Heinrich Heine in „Shakespeares Mädchen und Frauen“, so der Titel eines Sammelbandes von Kupferstichen mit Erläuterungen des Düsseldorfer Autors, seinen Kommentar zum Bildnis der „Jessica“ aus dem Kaufmann von Venedig ausgerechnet mit ihrem Vater einleitet, scheint äußerst seltsam anzumuten. Mit seiner Anekdote über die um Shylock mit Tränen trauernde Theaterbesucherin liefert Heine eine ungewohnt mitleidsbetonte Perspektive auf Shakespeares monströsen und rachsüchtigen Juden. Es wirkt doch irgendwie befremdlich, Empathie für eine Person aufzubringen, die sich derart vehement dagegen wehrt, von einer sympathischen Aura vereinnahmt zu werden: Eine Figur, der das Töten als einzig verbleibendes, adäquates Instrument erscheint, um den eigenen Sinn nach Gerechtigkeit befriedigen zu können. Ein Geldverleiher, dessen Verhalten noch nicht einmal mit finanzieller Raffsucht entschuldigt werden kann, da er für seinen Wahn nach Vergeltung selbst die vielfache Entschädigung seines Verlustes ablehnt. Ein Vater, der sich seine davongelaufene Tochter, die alles ist, was von seiner Familie noch übrig geblieben ist, lieber tot als ungehorsam wünscht. Und doch, mit dem erahnenden Gefühl, dass die Konzeption Shylocks als Gegenfigur zur Einheitsfront der innigen Freundschaft, grenzenlosen Großmütigkeit und gütigen Liebe, die das Beziehungsgeflecht der übrigen Figuren im „Kaufmann von Venedig“ zu charakterisieren scheint, nicht ganz so eindeutig, simpel und eindimensional „böse“ ist, gibt Heine weit mehr als ein rein subjektives Geschmacksurteil ab. Auch wenn Shylock nur eine äußerst geringe Identifikationsfläche bietet, so führt die Entwicklung seiner Rolle, eben die von Shakespeare nicht praktizierte Schwarz‐Weiß‐Färberei, am Ende dazu, dass der
1 Heine, Heinrich: „Shakespeares Mädchen und Frauen.“ Melzer Verlag. Neu‐Isenburg, 2006. S. 178.
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Rezipient die vollkommene „Entmündigung“ des Antagonisten in der Gerichtsszene - trotz Sieg des Lebens - nur mit einem bitteren Beigeschmack akzeptieren kann. In dieser Arbeit soll genau an dieser Stelle der Anknüpfungspunkt für einen der zwei Schwerpunkte innerhalb meiner Untersuchungen gesetzt werden, nämlich die sprachliche Gestaltung einer der problematischsten Verkörperung eines Juden der Weltliteratur: Ohne Zweifel handelt es sich bei „Shylock“ um eine durchgehend ambivalente Figur. Doch wie zwiespältig und wie monströs „darf“ die Figur des „teuflischen“ Juden nach 1945 eigentlich noch gestaltet sein? Ohne dabei zu sehr in ethische Kategorien zu (ver‐)rutschen, interessiert mich besonders der Vergleich zweier Übersetzungen „vor“ und „nach“ der alles verändernden Erfahrung des nationalsozialistischen Terrorregimes im Dritten Reich. Der zweite Schwerpunkt, von dem ausgehend die Erkundung nach einer Modifikation der Shylock‐Gestalt nach dem Zweiten Weltkrieg behandelt werden soll, stellt die Übersetzung des „Kaufmann von Venedig“ durch Erich Fried dar. Um einen Referenzpunkt zu diesem zu erhalten, also ein „davor“, soll die Übersetzung von August Wilhelm Schlegel als
Vergleichstext dienen. Als „rotem Faden“ der Analyse möchte ich der Frage folgen, wie sich die zwangsläufig im Bewusstsein Erich Frieds verankerte Kenntnis des Holocausts auf seine Übersetzertätigkeit ausgewirkt hat. Ist sein Werk frei von antisemitischen Einschreibungen, die man unter Umständen der Vorlage vorwerfen könnte? Oder aber versteht sich Frieds Arbeit vielmehr als eine Aktualisierung, in der er solch unter Umständen als problematisch aufgefasste Passagen für den Leser seiner Generation und später transformiert hat? Wenn ja, auf welche Art und Weise ist ihm dies gelungen? Befähigte konträr dazu das von Weltkriegen und Genozid befreite „Unwissen“ August Wilhelm Schlegel zu einer freieren Translation, weil dieser weniger für antisemitistische Nuancen sensibilisiert gewesen ist als sein beinahe zwei Jahrhunderte später agierender Nachfolger? Nachdem ich zunächst der grundlegenden Frage folgen möchte, worin sich überhaupt die Problematik des Shakespeare’schen Shylock manifestiert, möchte ich anschließend die Übersetzung des „Kaufmann von Venedig“ durch Erich Fried in den Fokus meiner Analyse rücken: Nach einer biographischen Einbettung werden im Direktvergleich zu Schlegel zwei Textstellen genauer hinsichtlich feinster
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Differenzen beschrieben und in Bezug auf neu eingeschriebene, also im Original nicht evozierte Konnotationen gedeutet. Zum Abschluss soll dann eine genauere Kontextualisierung des Fried’schen „Kaufmanns“ aus übersetzungstheoretischer Perspektive vorgenommen werden.
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II. „DER KAUFMANN VON VENEDIG“ a. Kurzübersicht und skizzierter Handlungsverlauf
Shakespeare rekurrierte beim Verfassen seines „Kaufmann von Venedig“, der 1600 in London als erste Quartoausgabe erschien und vermutlich im Zeitraum zwischen 1596 und 1598 entstanden ist, auf zwei wesentliche Vorlagen: Giovanni Fiorentinos Erzählsammlung „Il Pecorone“, deren Erstdruck mit 1558 datiert wurde, entnahm er nicht nur die gleichen Schauplätze Venedig und Belmont, sondern auch die Handlungsparallelen des Schuldscheinmotivs, der Werbung um die Frau und der Ring‐Episode. Die mittelalterliche Fabelsammlung „Gesta Romanorum“ stand Vorbild für die zur Prüfung der Freier festgesetzte Kästchenwahl. Die Frage nach der Gattung dieser „Historie“, wie der „Kaufmann“ in der Erstausgabe noch neutral untertitelt wurde, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Zwar belegte man das Werk schon in der Folioausgabe von 1623 seines glücklichen Ausgangs wegen mit dem Beinamen „Komödie“, doch war bereits das elisabethanische Publikum nicht imstande, die Geschichte um Antonio und Shylock völlig ungetrübt fröhlich aufzunehmen, weshalb sie schon von Beginn an vielmehr als „Tragikomödie“ rezipiert wurde. Während Nicholas Rowe das Stück im 18. Jahrhundert dann unter das Genre „Rachetragödie“ einzuordnen versuchte, verstand es Heinrich Heine 1838 längst „den „Kaufmann von Venedig“ zu den Tragödien zu rechnen, obgleich der Rahmen des Stückes von den heiteren Masken, Satyrbildern und Amoretten verziert ist, und auch der Dichter eigentlich ein Lustspiel geben wollte.“ 2 Die schwierige und in der Vergangenheit immer wieder modifizierte Beurteilung der Gattungszugehörigkeit, hängt laut dem Literaturwissenschaftler Manfred Pfister davon ab, wie wirklichkeitsfern das Stück betrachtet wird, also wie viel an märchenhaftem Charakter wiederentdeckt werden kann.
Die Geschichte des „Kaufmann von Venedig“ unterteilt sich analog zu den zwei Schauplätzen Venedig und Belmont in zwei wesentliche Handlungsstränge, die sich im Laufe des Stücks immer mehr miteinander verzahnen: Zum einen wird das Schuldscheinmotiv eingeführt, indem der mittellose Bassanio seinen engsten Freund Antonio, den Kaufmann von Venedig, um Geld für die chancenreichere Werbung seiner Angebeteten bittet. Die Illiquidität Antonios aber erzwingt den
2 Ebd., S. 178.
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Gang zum verhassten Geldverleiher Shylock, der den Freunden zwar die Summe aushändigt, aber nur unter der Bedingung, bei nicht fristgerechter Rückzahlung ein Pfund Fleisch aus Antonios Körper herausschneiden zu dürfen. Mit der angemessenen Mitgift ausgestattet kann sich Bassanio also auf die Reise nach Belmont begeben, wo er nach bestandener „Freierprobe“ schließlich die Brautschau für sich entscheiden und die schöne Portia zu seiner Frau nehmen kann. Gleichzeitig flüchtet Shylocks Tochter mitsamt dem väterlichen Vermögen und ihrem Geliebten Lorenzo aus der Stadt. Inzwischen konnte Antonio aufgrund unvorhergesehener Verzögerungen im Schiffsverkehr seine Rückzahlung nicht leisten. Es kommt zu einer Gerichtsverhandlung, im Laufe derer Shylock zunächst noch volles, am Ende jedoch gar kein Recht auf Vollzug seines Schuldscheins mehr zugesprochen wird. Grund dafür ist die als Mann verkleidete Portia, die den besten Freund ihres Gatten durch eine übergenaue Auslegung des Gesetzes vor dem Tod bewahrt. Shylock hingegen werden all seine Besitztümer abgenommen, er wird zur augenblicklichen Konversion seines Glaubens gezwungen, sein Leben aber wird begnadigt.
b. Ambivalenz der Shylock‐Figur
„Der Kaufmann von Venedig“ ist unumstritten eines der problematischsten Stücke im Gesamtwerk Shakespeares, und dieser Umstand ist einzig und alleine der sehr zwiespältig betrachteten Figur des Shylocks anzulasten. Von einigen Kritikern als überaus antisemitisch beurteilt, wird im Verlauf der Handlung zwar einerseits die ständige Erniedrigung und letztlich sogar vollständige Entrechtung des Juden dargestellt, was zwar eine Diskriminierung abbildet, deswegen ja aber keineswegs diskriminierend ist, andererseits jedoch erscheint diese finale „Entmündigung“ nur als Konsequenz der vorhergegangenen Ereignisse und legitimiert offenbar jegliche Art von Demütigung gegenüber dem personifizierten Teufel in Menschengestalt, ganz so, als ob Shylock kein besseres Schicksal als das ihm zugeteilte verdient hätte. Der Literaturwissenschaftler Edgar Neis beendet die Diskussion um die Bewertung Shylocks, indem er sie im Grunde wieder neu anzündet. Für ihn ist aufgrund der so stark eindeutigen „Uneindeutigkeit“ letzten Endes nur die eigene Meinung
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ausschlaggebend: „Man konnte Shylock anti‐ oder philosemitisch deuten, es kam nur auf die eigene Überzeugung an. 3 “
Bevor näher auf die Charakterisierung des Antagonisten, seine Auftritte und deren Funktion innerhalb der Dramenstruktur eingegangen wird, sollte zunächst einmal Shakespeares Haltung gegenüber der „Judenfrage“ zumindest kurz angerissen werden: Weder Shakespeare noch sein Londoner Theaterpublikum haben, dies kann mit einer hohen Wahrscheinlichkeit behauptet werden, jemals einen in ihrer Gesellschaft integrierten und den jüdischen Glauben praktizierenden Menschen getroffen. Bereits 1290 offiziell außer Landes verwiesen, verblieb nur ein minimaler Teil der jüdischen Bevölkerung assimiliert oder getarnt im England des ausgehenden 16. beziehungsweise des beginnenden 17. Jahrhunderts. Zwar vermutet der deutsche Theaterkritiker und Mitbegründer des Kulturbunds Deutscher Juden, Julius Bab, Shakespeare habe sich während seiner Italienreise den eigentümlichen Sprachstil der dort viel zahlreicher vertretenden jüdischen Händler angeeignet, doch steht für ihn auch fest, dass für den Engländer Shakespeare das Judentum „als soziales Problem (…) jedenfalls nicht vorhanden war“ 4 . Versucht man über den Weg der Bühnengeschichte des „Kaufmanns“ das Phänomen der Ambivalenz Shylocks besser in den Griff zu bekommen, so ist man schnell überrascht von den schwindelerregenden Wandlungen, von denen diese Figur in der Theaterpraxis betroffen war: Während im 18. Jahrhundert die Inszenierungen des Juden zwischen komisch‐groteskem Narr zum kriminellen Dämon pendelt, gestaltet Edmund Kean „seinen“ Shylock 1814 zum ersten Mal als ein auf die Sympathie der Figur abzielendes, mitleiderregendes Schauspiel. Im Deutschland des 20. Jahrhunderts nahm unter der nationalsozialistischen Diktatur die Zahl der Aufführungen des „Kaufmann von Venedig“ drastisch ab, erst nach einer längeren Phase der zeitlichen Distanzierung wagte man sich wieder an den schwierigen Stoff. Eine neue Nuancierung erfuhr die Rolle des Antagonisten 1988 unter der Regie von Peter Zadek, der seinen schonungslos offenen Blick auf Shylock und die seinem Wesen inhärente Doppeldeutigkeit auch unter Preisgabe politischer
3 Neis, Edgar: „Königs Erläuterungen und Materialien. William Shakespeare - Der Kaufmann von Venedig.“ Hrsg. von Bahners,
Klaus / Eversberg, Gerd / Poppe, Reiner. 3., überarbeitete Auflage. C. Bange Verlag, Hollfeld 1999. S. 77.
4 Bab, Julius: „Der Jude - Ein Mensch.“ In: Neis, Edgar: „Königs Erläuterungen und Materialien. William Shakespeare - Der
Kaufmann von Venedig.“ Hrsg. von Bahners, Klaus / Eversberg, Gerd / Poppe, Reiner. 3., überarbeitete Auflage. C. Bange
Verlag, Hollfeld 1999. S. 87.
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Arbeit zitieren:
Kristin Hellinger, 2010, "Hath not a gentle Jew eyes?", München, GRIN Verlag GmbH
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