1. Einführung
Gegenstand dieser Untersuchung ist die Entstehung des Himmelsmandats. Das damit zusammenhängende Konzept ist eines der zentralsten im ostasiatischen Raum. Unter anderem soll die Frage geklärt werden, warum die Natur in engem Zusammenhang zur Politik und damit zum menschlichen Verhalten gedacht wird. Eine Folge dieser Verknüpfung ist die wieder aktuell werdende Auslegung von Naturkatastrophen in China als Verlust des Himmelsmandats in der außer-chinesischen Presse. 1 Die Auseinandersetzung mit der Entstehung des Mandats kann jedoch nicht leisten, Fragen nach den Personen, die hinter dieser Entwicklung standen, zu beantworten. Vielmehr soll von den Umständen die Rede sein, die eine derartige Entstehung erlaubt oder sogar gefördert haben. Besondere Aufmerksamkeit werde ich auf die Koppelung zwischen Politik und Religion legen, welche die Gleichbedeutsamkeit des Himmels und der kosmischen Ordnung zum Grund und die vielreichende Interpretationsmöglichkeit von Unruhen wie Naturkatastrophen zur Folge hat.
2. Geschichtlicher Hintergrund: notwendige strukturelle
Veränderungen
Die Arbeit fängt mit der Untersuchung des Übergangs von der Shāng- zur Zhōu-Dynastie an. In dieser Zeit vollzieht sich der Wechsel von einer polytheistischen Weltauffassung, in welcher sich der Gott der Shāng als der oberste bewiesen hat, zu einer Auffassung, in der es keinen tier- oder menschenähnlichen Gott mehr gibt, sondern die Welt gelenkt wird vom abstrakten Wesen des Himmels (Tiān, 天 ).
2.1 Shàngdì, oberste Gottheit in der Shāng-Dynastie (etwa 1700-1100)
Die Shāng ist die erste Dynastie, die durch archäologische Funde und Aufzeichnungen in Form von Orakelknochen nachgewiesen werden kann. Man geht davon aus, dass die Menschen sich zu Beginn dieser Dynastie von den tierähnlichen Göttern entfernten und menschenähnlichere anbeteten. Für Werner Eichhorn stammt der Anstoß „für das Aufkommen [...] der götterartigen Wesen“ 2 aus einer Auffassung aus dem Zeitalter des
Vgl.: Stefan Kornelius in Sueddeutsche Zeitung, Erdbeben in China, Das Mandat des Himmels,
1
14.05.2008.
Werner Eichhorn, Die Alte Chinesische Religion Und Das Staatskultwesen, (Handbook of Oriental 2
Totemismus. Die Zeit vor dem Auftauchen der Götter in China soll demnach durch das Totem geprägt worden sein, mit dem sich der Mensch in einer nicht erklärbaren Welt zurechtgefunden hat. Doch wichtig in Hinsicht auf das Himmelsmandat ist lediglich das Emporkommen einer Obergottheit genannt: Shàngdì (上帝, Oberste Gottheit, Wade-Giles: Shang Ti), das „unbedingte Oberhaupt aller religiös wirkenden Mächte“ 3 .
2.2 Die Zhōu-Zeit, Neue Ober-Gottheit (1100-256)
In der Zhōu-Dynastie, die Zeit in der die Entstehung des Konzepts des Himmels-Mandates fällt, entstand neben dem alten Hochgott Shàngdì ein neuer Gott. Dieser wurde Tiān (天 ) oder Tiān-Shén genannt. 4 Auch er hatte zunächst menschenähnliche Gestalt. Manche meinen, dass das Schriftzeichen Tiān aus den Zeichen ‚groß’ (dà, 大)und ‚eins’ (yī, 一) bestünde und damit ursprünglich gekennzeichnet werden sollte,
dass es nur einen gibt, der so groß ist wie Tiān. Niemand überragte den neuen Gott, der mit dieser Bezeichnung zum obersten aufstieg. 5
Damit die Shāng-Dynastie überhaupt ersetzt und überwunden werden konnte, musste ihr Kern, die Legitimation durch den Gott der Shāng, überwunden werden. Eine Machtübernahme und der Dynastienwechsel war nur möglich, wenn man die alten Verhältnisse durchbrach und die Richtigkeit des Handelns mit der Schaffung einer mächtigeren und damit „richtigeren“ Gottheit auszeichnete. Dies führte zur Erschaffung oder besser: Etablierung einer „neuen“ Ober-Gottheit, deren Macht sogleich bewiesen werden sollte, indem sie den früher als mächtigsten aller Gottheiten geltenden Shàngdì und dessen Untergebene durch den „irdischen“ militärischen Erfolg des Zhōu-Königs bezwang.
Es wird außerdem vermutet, dass der Tiān-Shén nicht in der selben Weise wie die Shāng-Götter in einen Ahnenkult eingebunden war. Er war außerhalb dieser „Stammesliga“ 6 und war deswegen einer Parteinahme für die Shāng nicht verpflichtet. Änderung konnte es nur geben, wenn man sich auf eine Gottheit berief, welche dieser Liga nicht angehörte. Eine Gottheit, welche sich „von der Kategorie der Gottheit befreit und zum abstrakten, unpersönlichen höchsten Gott entwickelt hat“ 7 .
Studies: Section 4, China, Religions and Customs), S. 5.
Ebenda, S. 23. 3 Ebenda, S. 37. 4 Ebenda, S. 37. 5 Ebenda, S. 38. 6
Chih-Chieh Tang, Ein anderer Weg zur funktionalen Differenzierung, S. 72. 7
Arbeit zitieren:
2007, Entstehung des Himmelsmandats, München, GRIN Verlag GmbH
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