Zuhörern. Weil Redenschreiben fremdorientiertes Arbeiten ist, sollte die eigene Individualität zurückgenommen werden. Selbst der Ausdruck beim Schreiben ist fremdorientiert und an die Person des Redners angepasst. Der Redenschreiber muss den Stil des Redners finden und bedienen.
Das Verhältnis zwischen Redenschreiber, den ich im Folgenden auch mit dem Ausdruck Sekundärorator bezeichnen möchte, und dem Redner und Auftraggeber in der Rolle als Primärorator scheint also auf den ersten Blick klar differenziert. Aber die Problematiken, Widerstände und Arbeitsschritte bei der fremdorientierten Produktion einer Rede sind komplexer als man denkt.
Ein Redenschreiber muss vieles leisten. Wie sieht also die Zusammenarbeit von Primär- und Sekundärorator in Theorie und Praxis aus? Im Folgenden will ich Überlegungen zu dieser Zusammenarbeit in Hinblick auf Probleme und Wechselwirkungen anbringen. Hierbei möchte ich mich an den einzelnen Produktionsstadien, angefangen beim Briefing über den Schreibprozess bis hin zum Vortrag, orientieren und dabei beachten, welche Rolle jeweils der Primär- und der Sekundärorator hierbei spielen. Primär- und Sekundärorator:
In der Theorie, also im Idealzustand, brieft der Primärorator seinen Redenschreiber und will von ihm, dass sein oratorisches „telos“, sein Ziel, das er als Kommunikator verfolgt, über die Rede mitgeteilt werden kann. In der Praxis übernimmt dies meist ein Redenschreiberteam, das aus fest angestellten Personen besteht, die sich mit dem Redner und seinen Reden auskennen und dadurch auch das „telos“ selbst mitbestimmen. Ansonsten wird der Produktionszeitraum vorgegeben, wenn es um ein Produkt geht, die Informationen darüber und Marktinformationen, wirtschaftliche und kommunikative Strategien und wenn der Redner aus einer Firma stammt, die Philosophie dieses Unternehmens.
Der Sekundärorator gilt also als Stratege, als Denker, der die kommunikative Absicht des Redners und gegebenenfalls dessen Partei oder Firma in eine schriftliche Form bringt. Dabei muss er verschiedene Regeln beachten und Widerständen entgegenwirken. Er muss verschiedene Kalküle anwenden, um eine gute Rede zu entwickeln. Solche Kalküle sind zum
Beispiel Adressatenkalkül, Situationskalkül, Medienkalkül, um ein paar wichtige zu erwähnen. Im Laufe des Textes werde ich auf diese Kalküle noch eingehen. Produktionsablauf und Widerstände:
Jetzt möchte ich erst einmal überlegen, wie der Planungsablauf für eine Rede organisiert sein könnte. Im Idealfall orientiert sich der Redenschreiber hier an den rhetorischen Produktionsstadien, also an der „intellectio“ (Was wird vorgetragen), „inventio“ (Wie wird es vorgetragen), „dispositio“ (In welcher Anordnung wird es vorgetragen), „elocutio“ (In welcher Sprache wird es vorgetragen) und aufgrund des Adressatenkalküls der „memoria“ (Was soll erinnert werden). Die „actio“ (Performanz) ist eigentlich Sache des Redners. In der Praxis scheinen Redenschreiber das auch zu tun, allerdings scheint es ihnen nicht bewusst zu sein, sondern sie werden dieses Aufbauprinzip wohl einfach generell und unbewusst verfolgen.
Als erstes, also in der „intellectio“, wird eben geklärt, was eigentlich das Thema der Rede sein wird. Es wird eine so genannte Setting-Analyse durchgeführt, in der die Situation, in der die Rede gehalten werden wird, genau definiert wird. Hier wird auch über mögliche situative Widerstände nachgedacht. Setting-Elemente können, der Ort und der Raum sein, indem eine Rede gehalten wird, die Dauer der Veranstaltung in deren Rahmen die Rede wichtig ist, die Vor- und Nachredner und der Anlass der Rede.
Der Ort oder Raum für die Rede ist insofern wichtig, als dass er für bestimmte äußere Gegebenheiten, für den Klang der Rednerstimme, für die Sicht des Publikums auf den Redner, also schlicht für die Atmosphäre, eine beeinflussende Rolle spielt. Bei einem großen, kahlen Raum, einer Kirche zum Beispiel, wird die Stimme des Redners vermutlich widerhallen. Deshalb ist hier der Einsatz kürzerer Sätze empfehlenswert. Findet die Rede im Rahmen einer Veranstaltung statt, die sehr lange dauert, dann wird sich das Publikum bei fortgeschrittener Zeit schwerer konzentrieren können. Hier empfiehlt sich dann beispielsweise eine kürzere, knackigere Rede, die -wenn es zum Redner passt- eventuell durch den Einsatz von Humor für Auflockerung sorgt.
Gibt es Vor- oder Nachredner, wäre es von Vorteil zu wissen, wer vorher und nachher worüber spricht, um sich auf deren Inhalte zu beziehen oder auf diese hinarbeiten zu können. Der Anlass der Rede bestimmt in der Regel die Redegattung. Handelt es sich um ein Jubiläum, hält man sich an die Gattung Lobrede, also die Vorzeigerede oder „genus demonstrativum“, bei einem Wahlkampf kann man sowohl Elemente aus der Beratungsrede, „genus deliberativum“, zum Argumentieren und Werben für die eigene Politik, als auch aus der Gerichtsrede, „genus iudiciale“, zum Anklagen der Gegner und Verteidigen der eigenen Partei anwenden. Die Situation gibt also die Gattung meist vor.
Der Redenschreiber wählt dann unter gattungstypischen Mitteln aus und kann sich auch, wenn es Sinn macht, zu einem Gattungsbruch entschließen. In jedem Fall lässt er sich von bestimmten Normen leiten, weshalb die Gattung wiederum die Produktion und die Rezeption einer Rede steuert.
In der „inventio“ geht es darum, wie die Rede vorgetragen wird. Das heißt hier muss der Sekundärorator vor allem das innere und äußere Aptum des Redners beachten. Hier kalkuliert er die medialen Widerstände ein.
Das wichtigste zu beachtende Medium ist für den Redenschreiber der Redner selbst. Der Redner ist ein Kommunikator mit einem oratorischen Ziel für den der Redenschreiber die Rede maßschneidern muss. Außerdem muss er den Redner als ein Faktum innerhalb einer Kommunikationsmaschinerie betrachten. Deshalb ist wichtig in welcher Rolle der Redner auftritt. Wenn er beispielsweise Politiker ist, dann ist jede seiner Äußerungen haftbar. Ein weiterer Punkt ist die Individualität des Redners. Er ist immer auch ein soziales Individuum, mit Überzeugungen, Verhaltensmustern und seiner ganz eigenen Attraktivität. Auch die Sprache des Redners ist als Kommunikationsinstrument mit einzukalkulieren. Der Redenschreiber muss wissen wie der Redner klingt und sich ausdrückt. Man sollte also bei einem lispelnden Redner zum Beispiel darauf achten weniger Worte mit einem „s“ zu verwenden. Ebenfalls zu beachten ist der Beziehungsaspekt zwischen Redner und Adressaten. Haben sie gleiche Ansichten oder unterschiedliche? Bei Unterschieden muss man sehr vorsichtig im Umgang mit der Sprache sein, um Mehrdeutigkeiten zu vermeiden. Die Körpersprache und die Betonungsweise des Redners sollte man kennen, um mögliche Über-
Arbeit zitieren:
Yvonne Rau, 2009, Reden schreiben, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Rhetorik / Phonetik / Sprechwissenschaft: neuer Titel erschienen: Reden schreiben
Yvonne Rau hat einen neuen Text hochgeladen
Rede als Ausdruck der Persönli...
Baldur Kirchner, Sebastian Kirchner, Alexander Kirchner
0 Kommentare