1. Wie „passen“ Schamanismus und Psychotherapie zu einander?
Um dies zu diskutieren, muss zunächst der Begriff Schamane definiert werden:
Als Schamanen werden in verschiedenen Teilen der Welt Personen bezeichnet, welche die Voraussetzungen zu „erkennen“ haben (vgl. Rosenbohm 1999: 7: „einer, der weiß“), nicht jeder ist für deren Aufgaben geeignet. Auch ist für diesen Posten die Fähigkeit zu einem besonderen Bewusstseinszustand von Nöten.
Der Schamanenkomplex besteht, so Stubbe, aus drei untrennbaren Elementen nach Leví-Strauss:
Das erste sei die individuelle Erfahrung des Schamanen, der spezifische psychosomatische Zustände empfindet- ob sie nun eingebildet oder „echt“ sind; hierbei kommt es auf die subjektive Ebene an. Das zweite sei die Empfindung des Kranken, der eine oder keine Besserung verspürt, das dritte die an der Behandlung emotional teilnehmende Öffentlichkeit, welche durch ihre Involvierung eine „kollektive Zustimmung“ erzeugt, die wieder einen neuen Kreislauf initiiert. Diese drei Elemente gruppieren sich also um zwei Pole, von denen der eine durch die intime Erfahrung des Schamanen entstehe, während der andere den kollektiven Konsensus bilde. Das schamanistische Heilverfahren steht nach Leví-Strauss´ Ansicht zwischen unserer organischen Medizin und psychologischen Heilmethoden, wie etwa der Psychoanalyse. Durch einen Vergleich mit der Psychoanalyse versucht Leví-Strauss verschiedene Aspekte des schamanischen Heilverfahrens zu erklären, zugleich aber auch die Psychoanalyse als die moderne Form der schamanischen Technik zu charakterisieren (Stubbe 1987: 51).
Nach Ackerknecht (1963) zählt Stubbe therapeutische Techniken des Medizinmannes auf. Zuerst eine Standardmethode, welche in ganz Südamerika mehr oder weniger uniform vorkäme und aus vier wesentlichen Phasen bestünde: Zuerst erfolgt die Vorbereitung des Medizinmannes durch Beeinflussung seines Bewusstseinzustandes oder dem des Patienten durch Narkotika oder Einräuchern. Dann begibt er sich in Trance, in der er die Krankheitsursache und die wirksamste Heilungsmethode erfährt, was in Besessenheit durch seine Hilfsgeister enden kann. Daraufhin erfolgt die Behandlung des Patienten durch Massieren, Anblasen und Heraussaugen. In der letzten Phase erfolgt die innerliche und äußerliche Anwendung von Heilmitteln.
Weitere therapeutische Techniken sind allgemein die Anwendung von Heilpflanzen, Giften und Drogen sowie Narkotisierung, auch abgelöst von der Standartmethode, und Blutentziehung, etwa in Form von Aderlass und Schröpfung. Heilbäder, Diäten und Fasten,
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sowie Übertragung der Krankheit auf einen Sündenbock oder das Bekennen der Krankheit, wenn ein Tabubruch als Ursache für diese angesehen wird, Wundbehandlung und Geburtshilfe (Stubbe 1987: 48).
Einen psychotherapeutischen Effekt erzielt vor allem die Übertragung von Krankheiten auf andere Individuen, Tiere oder Objekte, da dies mit einem übernatürlichen Krankheitskonzept zusammen hängt (Stubbe 1987: 48).
„Natürlich ist die Rolle des Schamanen in der Gesellschaft eine völlig andere als die des Psychotherapeuten. Wenn man so will, kann man den Schamanen als „psychohygenische Institution“ der Gemeinschaften auffassen, die seine magische, religiöse und oft auch politische Macht anerkennen (Stubbe 1987: 54). 1
Die therapeutische Funktion des Schamanen sei jedoch essentiell, „denn in Südamerika kann der Schamane als Heiler par excellence angesehen werden“ (Stubbe 1987: 48).
Der große Unterschied zwischen modernen esoterischen Ausprägungen einerseits und Schamanismus in einer bestimmten Gesellschaft verhafteten Entstehungskontext andererseits besteht darin, dass ersteres von jedem angewandt werden darf. Zwar gibt es selbsternannte Meister, das Bewusstsein der christlich- europäisch geprägten Menschen ist jedoch meist, wie auch Jung anmerkt (Jung 1997: 287), von einer grundlegend differierenden Geisteshaltung zu der des Entstehungskontextes der entlehnten Praktiken geformt. Daher sind diese nicht ohne weiteres in derselben Weise anwendbar und wirkungsvoll. Zum Leben des Medizinmannes gehören psychische Erlebnisse, die dem „normalen Menschen“ unerreichbar sind (Stubbe 1987: 50).
Schamanismus und Psychotherapie wurden bereits von Levi Strauss verglichen, dabei seien aber wichtige Komponenten im schamanischen Heilungsprozess vernachlässigt worden, wie die Suggestion oder das ideomotorische Gesetz Carpenters. Dieses besagt, dass Vorstellungen danach drängen sich zu verwirklichen, dass unwillkürliche Muskelbewegungen aufgrund von Vorstellungen auftreten 2 (Stubbe 1987: 51).
„Die rigorose Aufwertung des Schamanismus, von dem sich Lévi-Strauss die Vertiefung der theoretischen Grundlagen und ein besseres Verständnis für die Wirkungsweise moderner
1 Um mehr über die Definition von Schamanismus zu erfahren, können Sie den ebenfalls hier eingestellten Artikel „Schamanen und Medizinmänner“ lesen.
2 Oepen 1999: 57.
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psychotherapeutischer Methoden erhofft habe, sei vor allem wissenschaftsgeschichtlich zu verstehen, gegen die evolutionistische Abwertung des schamanistische Heilverfahrens (Stubbe 1987: 51).
2. Schamanisches Wirken in Brasilien: Candomblé. Praktische und psychisch wirksame Komponenten
Vor allem den ekstatischen Fähigkeiten verdankt nach Eliades Angaben der südamerikanische Schamane seine religiös-magische und soziale Autorität, „denn diese ekstatischen Fähigkeiten ermöglichen ihm, neben seinem Vorrecht zu heilen, die mystischen Himmelsreisen, bei denen er unmittelbar mit den Göttern zusammenkommt und ihnen die Gebete der Menschen überbringt“ (Eliade, 1956: 311). Während der Trance entsende der Schamane seine „Seele“ in die ober- oder unterirdischen Regionen, etwa um eine geraubte Seele, d.h. den „Schatten“ einer erkrankten Person, wieder zu finden. Auch tiergestaltigen Hilfsgeister würden zu diesem Zweck angerufen beziehungsweise würde der Schamane von ihnen besessen. Zur Ausrüstung des Medizinmannes gehöre neben Tabak, Kristallen, Medizinkästchen und anderen Utensilien vor allem die Rassel (Maracá). Einige dieser Rasseln verkörpern den Hilfsgeist des Schamanen selbst oder geben seine Stimme wieder (Stubbe 1987: 47). „Zur psychotherapeutischen Funktion des brasilianischen Medizinmannes“, der auch Priester, Zauberer und Wahrsager sei (Stubbe1987: 46), bemerkt Stubbe, dass dieser als Regulator und Ventil der Gruppenseele charakterisiert werden könne, dessen Funktion es sei, alle Missstände, Schwankungen und Störungen innerhalb des Kollektives auszugleichen, zu verhüten und zu heilen (Stubbe 1987: 47).
Das Wirken des brasilianischen Medizinmannes umfasst nicht nur körperliche Leiden, sondern soll vor allem die Ängste, in denen der Einzelne und die Gruppe ständig leben. Die psychische ist also viel wichtiger als die äußerliche Behandlung der Krankheit. Die Angst dreht sich vor allem darum, von seinen Feinden auf magische Weise geschädigt zu werden, weshalb der eigene Medizinmann dem feindlichen Zauber einen noch stärkeren entgegensetzen muss. Man wendet sich vor allem aufgrund von Bedrücktheit, schlimmen Ahnungen, bedrohlichen Naturerscheinungen, Angstzuständen und allgemeinen Nöten an den Medizinmann, der die Verfassung seines Patienten im visionären Zustand oder im Traum ergründet. In der Wachvision bemüht er sich um Abhilfe. Dann muss er sich durch Konzentration und unter Anwendung von narkotisierenden oder betäubenden Mitteln in Trance versetzen, um dem Übel begegnen zu können (Stubbe 1987: 49).
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Arbeit zitieren:
M.A. Carina Bauer, 2010, Schamanische Psychotherapie, München, GRIN Verlag GmbH
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