INHALTSVERZEICHNIS
I. Einleitung 3
II. Kapitel 4: Die missglückte Verständigung (Botho in Lenes Welt) 3
III. Kapitel 5: Die missglückte Liebe (Botho und Lene) 7
IV. Zusammenfassung, Schlussfolgerungen und Ausblick 10
Benutzte Literatur 12
I. Einleitung
In den Kapiteln 4 und 5 des Romans "Irrungen, Wirrungen" zeigt sich schon deutlich, dass Bothos und Lenes Denken und Handeln, ihr Gefühlsleben, ihre Sprechweise und damit auch ihr Verhältnis zueinander durch ihre soziale Herkunft geprägt und bestimmt werden. Ihre aufrichtige Zuneigung, die bei beiden gleich stark zu sein scheint, wird daher immer wieder gestört und durchbrochen. Unter diesem Aspekt betrachtet, kommt diesen beiden Kapiteln des Buches daher eine Schlüsselfunktion zu. Sie können auch als Vorwegnahme bzw. Vorausdeutung späterer Entwicklungen im Verhältnis von Lene und Botho aufgefasst werden, wie zwei Steine eines Mosaiks, die schon viele Komponenten des Ganzen enthalten, das sich im Laufe der Zeit vervollständigt und klarere Konturen bekommt. Dies an konkreten Beispielen aufzuzeigen, ist ein Anliegen dieser Arbeit.
In Kapitel 4 tritt Botho zum ersten Mal als handelnde Figur in Lenes häuslicher Umgebung auf. Er verhält sich nicht - wie man erwarten könnte - als höflicher Besucher, der sich mit der für ihn neuen kleinbürgerlichen Welt vertraut machen will, sondern greift aktiv gestaltend und bestimmend in den Verlauf der Handlung ein. Im darauffolgenden Kapitel 5 bekommt der Leser erste Eindrücke davon, wie sich Botho und Lene verhalten, wenn sie allein sind. Auch hier scheint Botho derjenige zu sein, der die Thematik und die Richtung des Gespräch entscheidend bestimmt. Diese scheinbare Dominanz hält jedoch keiner kritischen Überprüfung stand. Bei genauerem Hinsehen erweist sich seine „Überlegenheit“ als Anmaßung, als bloßer Schein und reine Rhetorik, die von Lene erkannt, richtig gedeutet und wiederholt zurückgewiesen wird. Lene bezieht in ihren Äußerungen klare Positionen und erweist sich ihm zumindest ebenbürtig, in den entscheidenden Punkten sogar überlegen.
II. Kapitel 4: Die missglückte Verständigung (Botho in Lenes Welt)
Bei Bothos Auftritt in Kapitel 4 ist nicht zu übersehen, dass er aus einer anderen Welt kommt: In seiner Welt arbeitet man nicht, sondern vertreibt sich die Zeit mit Annehmlichkeiten, die das Leben verschönern. Man pflegt die Geselligkeit, z. B. im Club, erfreut sich am Spiel, schließt Wetten ab, genießt dazu anregende Getränke und hat seinen Spaß dabei. Aber man achtet auf die Form, d. h. man betrinkt sich nicht, jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit, sondern ist, wie Botho hier, allenfalls „angeheitert“ (21) (Hier wie in allen weiteren Zitaten aus „Irrungen,Wirrungen“ werden die Seitenzahlen jeweils in Klammern angegeben.) Botho gibt sich zunächst bescheiden, leutselig und jovial. Er beansprucht keinen „Ehrenplatz“ (21), will niemanden verdrängen und vermeidet elitäre Verhaltensweisen. Vordergründig versucht er, sich in die kleinbürgerliche Umgebung seiner Gastgeber
einzufügen, indem er an ihre Denk- und Verhaltensweisen anknüpft, die von nützlichen Tätigkeiten bestimmt werden. Er spricht zum Beispiel vom Wetter, weil ihm klar ist, dass es einen wichtigen Faktor im Leben eines Gemüsegärtners darstellt. Das Universalthema Wetter spielt auch in seiner Welt eine wichtige Rolle, allerdings überwiegend im Freizeitbereich, wenn es um Ausritte zu Pferde und Geselligkeiten im Freien geht. Alls Angehöriger des Adels sind der sportliche Umgang mit Pferden und die Pferdezucht ihm natürlich vertrauter als Obst- und Gemüseanbau. Hier und auch im weiteren Verlauf des Gesprächs zeigt sich, dass Botho als Vertreter seines Standes Universalbegriffe in einer ganz anderen Richtung ausdeutet als ein Angehöriger des Kleinbürgertums. Dem Leser wird klar, dass in Bothos Welt Maßstäbe gelten, die nicht vergleichbar sind mit den Normen der kleinbürgerlichen Welt, d. h. dass die Grundstrukturen seines Denkens und Verhaltens sich fundamental von denen seiner Gastgeber unterscheiden.
As Botho sich neben die alte Frau Nimptsch setzt, reagiert sie verlegen. Er versucht ihr zu schmeicheln und ihren sozialen Status aufzuwerten, ihm Glanz und Bedeutung zu verleihen, indem er auf einen „berühmten Dichter“ hinweist, „der ein Gedicht auf seine alte Waschfrau gemacht hat“ (22). Dieses Verhalten wirkt aufgesetzt und unaufrichtig und wird von Frau Nimptsch mit Befremden und Ungläubigkeit aufgenommen: „Ist es möglich?“ (22). Es mag möglich sein, aber es ändert nichts am Status und am Selbstverständnis einer Wasch- und Plättefrau. Doch Botho insistiert nicht nur, er versteigt sich sogar zu der Behauptung, seine Gastgeber lebten „wie Gott in Frankreich“, eine Floskel, die in manchen Kreisen seiner Welt angebracht sein mag. Hier wirkt sie anmaßend und deplatziert. Sie offenbart, dass Bothogewollt oder ungewollt - Denk- und Sprachschemata aus seiner Welt in Lenes Welt transportiert, wo sie unpassend sind und nicht verstanden werden. 1) Obwohl Botho jede Bevorzugung ablehnt und Gleicher unter Gleichen sein will, dringen diese durch seine soziale Herkunft geprägten Schemata immer wieder durch, und zwar bis an die Grenze der Takt- und Geschmacklosigkeit. Das ist zum Beispiel der Fall, als er von einer „großen Herren- und Damenfête“ (23) - auch die Wortstellung spricht Bände! - ein Mitbringsel in Gestalt eines Knallbonbons präsentiert. Der kitschige Vers im Inneren verstärkt die Peinlichkeit der Situation, ohne dass Botho es zu merken scheint. Lene ist im wörtlichen Sinne getroffen („Lenes Zeigefinger blutete“, 23), ein äußerer Ausdruck ihrer offensichtlichen inneren Verletzung. Das Zerplatzen des Knallbonbons kann man als Vorausdeutung auf ihren zerplatzenden Traum von ihrer Liebe zu Botho auffassen. _______________________________
1) „ Die Hervorhebung des Standes dient den Angehörigen des Adels häufig nur der ‚Verschönerung’ des Daseins: man legt Wert darauf, etwas zu sein, man betont Statussymbole, die an sich nichts Lebensnotwendiges sind.“ (Müller-Seidel, Seite 254)
Lene überspielt jedoch diese Störung, indem sie die Aufmerksamkeit auf ein anderes Thema lenkt. Sie ist neugierig und möchte mehr über Bothos Welt erfahren, ein Wunsch, der bei Botho, in Bezug auf Lenes Welt, nur sehr schwach ausgeprägt zu sein scheint. Vordergründig auf Lenes Wunsch eingehend, inszeniert Botho eine Tischunterhaltung bei einer "Herren- und Damenfête", wobei er zugleich als Regisseur und Darsteller auftritt und seine Gastgeber als Mitspieler ins Geschehen einbezieht. In dieser Parodie entlarvt er das Gespräch unter seinen Standesgenossen als langweilige, nichtssagende, stereotype Pflichtübung. Indem er Lene die Rolle einer „Komtesse“ und Frau Dörr die einer „Baronin“ (25) zuweist, verwendet er wiederum Begriffe aus seiner Welt, die für die Menschen aus Lenes Welt reine Fantasieprodukte bleiben. Obwohl Botho sich durch die parodistische Form von dem förmlichen, gekünstelten Jargon dieser Unterhaltungen distanziert und sie sogar ins Lächerliche zieht, leugnet er nicht ihren Reiz. Dadurch verstärkt sich der Eindruck, dass Botho mit seiner Welt, ihren Umgangsformen und Gepflogenheiten, untrennbar verwachsen und durch und durch von ihr geprägt ist. Sein Versuch, dieses Verhalten auf die Ebene seiner Gastgeber zu übertragen, muss daher von vornherein scheitern. Als Konzertmusik zu ihnen herüberklingt, zeigt sich erneut, dass Botho seine standestypischen Denk- und Verhaltensweisen nicht ablegen kann. Er übernimmt nun die Rolle eines Zeremonienmeisters und inszeniert mit seinen Gastgebern einen Tanz. Da Dörr ablehnt, als aktiver Tänzer mitzuwirken, weist Botho ihm die Aufgabe zu, den Takt zu schlagen. Die anderen übernehmen bereitwillig die ihnen zugeteilten Rollen. Botho agiert in einem militärischen Kommandoton („Und nun antreten, meine Damen und Herren ... Und nun Hans, aufwachen, flink, flink.“, 27), eine Verhaltensweise, die - ihm als Offizier natürlich vertrautwiederum nicht in die häusliche Welt des Kleinbürgers passt. Er degradiert die anderen zu Statisten, dirigiert sie hin und her wie Rekruten auf dem Exerzierplatz und behandelt sie wie Marionetten, deren Bewegungen er durch das Ziehen der Fäden kontrolliert. Dies wird besonders deutlich bei Hans, dem Gärtnerjungen, der „ sich maschinenmäßig und ganz nach Art einer Puppe hin- und hergeschoben“ (27) fühlt. Auch auf der sprachlichen Ebene erhebt Botho sich durch ein „feierliches Tanzmeister-Französisch“ weit über die Wirklichkeit seiner Umgebung. Dennoch springt der Funke über, besonders das Ehepaar Dörr scheint begeistert zu sein. Die alte Frau Nimptsch verspürt die „Lust früherer Tage“ und „wühlte mit dem Feuerhaken ... in der Kohlenglut umher, bis die Flamme hoch aufschlug“ (27). Die Wärme, die alle durch die Bewegung verspüren, wird aber - in den Worten Frau Dörrs - mit der Kälte der „feinen Leute“ kontrastiert, „denen im Winter das Deckbett an den Mund“ friert (28). Durch diese Kontrastierung mit der „kalten“, für die kleinbürgerliche Welt unerreichbaren höheren Sphäre der adligen Gesellschaft wird die Begeisterung der Mitwirkenden konterkariert. Der körperlichen Erwärmung folgt die Abkühlung durch das geöffnete Fenster. Das schnell verfliegende äußere Wärmegefühl korrespondiert mit dem inneren Kältegefühl. Die Freude
macht der Ernüchterung Platz. Daher verlangt Frau Dörr etwas „fürs Innerliche ..., so was für Herz und Seele ...“ (28). Lene serviert Kirschwasser, „ein feines Getränk“ (29), wie alle übereinstimmend finden, einschließlich Botho. Als solches darf es nicht zu stark verdünnt werden, denn „Wasser nimmt die Kraft“ (28), weiß Frau Dörr, die die übertriebene Sparsamkeit ihres Mannes kennt und nicht sehr schätzt. Aber auch hier prallen kleinbürgerliche Mentalität - das Kirschwasser wird aus großen und kleinen Gläsern serviert, in die jeder sich „nach Gutdünken“ (28) einschenkt - und das elitäre Gehabe Bothos und seiner Freunde im Club unvereinbar aufeinander. Die Verlockung, die von dem Kirschwasser ausgeht, und das gemeinsame Anstoßen auf die Gesundheit können nicht darüber hinwegtäuschen , dass es „Bittermandelgift“ (29) enthält, vor dem man sich in großen Mengen hüten müsse, woraufhin Dörr zum Aufbruch drängt. Frau Dörr schließt sich - ernüchtert durch den für ihren Geschmack sehr turbulenten Abend - ihrem Mann an. Ihr Hinweis, man wolle „die Herrschaft behalten“ (29), ist natürlich nicht im elitären Sinne gemeint, sondern kann als Bewahrung von Selbstkontrolle und Würde interpretiert werden und setzt damit einen Kontrapunkt gegen die bei Botho immer wieder durchscheinenden Allüren und Floskeln aus der Welt des Adels. Die Unvereinbarkeit beider Welten zeigt sich in diesem Kapitel sehr deutlich auf verschiedenen Ebenen und, versteckter, in vielen Details, vor allem aber in Bothos Tendenz, das Geschehen zu beeinflussen, zu lenken und die Regie zu übernehmen. Die anderen werden wiederholt in eine reaktive Position gedrängt, sind Mitmacher, aber nicht wirklich Mitgestalter des Geschehens. Botho agiert daher in seiner Gastrolle - trotz seiner
anfänglichen Bescheidenheit und Jovialität - nicht überzeugend. Statt sich langsam in seine neue Umwelt einzufinden und mit ihr vertraut zu machen, wirkt er eher wie ein Eindringling, der seine Gastgeber in äußere Wallung versetzt, die Spielregeln ihrer Welt aber kaum wahrnimmt und nicht versteht. Er belehrt die anderen, lernt nur wenig von ihnen, hat aber für alles Erklärungen. Er transportiert seine Welt in die ihre, nimmt aber anscheinend nichts mit in die seine. Er verteilt Lob, beurteilt und bewertet („Ah, das hast du gut gemacht ... Hoch Lene!“, 28) , entzieht sich aber der Beurteilung durch die anderen. Ihnen bleibt nur die Bewunderung. Aber Botho gibt sich auch Blößen, indem er zum Beispiel den Gesprächsstil der adligen Gesellschaft folgendermaßen beschreibt: „Es ist alles ganz gleich. Über jedes kann man ja was sagen und ob’s einem gefällt oder nicht. Und ‚ja’ ist geradeso gut wie ‚nein’.“ (26)
III. Kapitel 5: Die missglückte Liebe (Botho und Lene)
In Kapitel 5 treten Botho und Lene zum ersten Mal allein auf. Auch hier zeigt sich die Inkongruenz ihrer Welten immer wieder deutlich. Ein „Schloß“ (29) - die Anführungszeichen signalisieren den nicht wörtlichen Sprachgebrauch - ist eigentlich ein Begriff aus Bothos Welt, der nicht in Lenes Welt gehört. Das „Schloß“ in ihrer Welt erweist sich in Wirklichkeit als „jämmerlicher Holzkasten“ (9). Und natürlich ist auch der winselnde „Sultan“, trotz seines Ehrfurcht gebietenden Namens, ein ganz gewöhnlicher Hund, der sich gehorsam in seine Hütte verkriecht. Der „Garten“ hält keinem Vergleich mit den großzügig gestalteten Außenanlagen der van der Straatens oder Treibels stand (vgl. Fontanes Romane "L'Adultera" und "Frau Jenny Treibel"). Er ist vor allem ein Nutzgarten, in dem man Gemüse, Obst und Blumen zum eigenen Verbrauch und zum Verkauf anbaut. Als solcher wurde er schon im zweiten Kapitel genauer beschrieben.
Bei ihrem Spaziergang durch den Dörrschen Garten erleben wir Lene und Botho zum ersten Mal als Paar. Bisher war von ihnen nur aus der Perspektive von Frau Nimptsch und Frau Dörr die Rede oder sie traten in Gesellschaft mit Frau Nimptsch und dem Ehepaar Dörr auf (vgl. viertes Kapitel). Trotz ihrer offensichtlichen Zuneigung zueinander („Lene hatte sich in Bothos Arm gehängt ...“, 30), denken und empfinden sie ganz unterschiedlich. Lene bittet Botho, ihr „etwas recht Hübsches“ (30) zu erzählen. Sie ist gefühlsbestimmt. Botho will jedoch über die Menschen in Lenes Umgebung sprechen, ganz unter dem Eindruck der soeben gemachten Erfahrungen, um ihr Verhalten zu kommentieren. Er reagiert kopfbestimmt. Der Leser ist nicht überrascht, dass Lene nur halbherzig zustimmt: „Meinetwegen.“ (30). Aus ihren Äußerungen geht hervor, dass sie die Menschen ihrer Umgebung - hier zunächst Frau Dörrrealistisch und vorbehaltlos beurteilen kann. Sie ist keine naive Träumerin, sondern beobachtet die Menschen nüchtern und kritisch - zu kritisch, wie Botho meint. Er widerspricht, um ihr Urteil abzumildern, indem er eine stereotype Floskel verwendet: „Sie macht eine Figur.“ (30) Im Sprachgebrauch von Bothos Welt bedeutet das: sie stellt etwas dar und macht Eindruck. Lene führt seine Äußerung auf die konkrete, wörtliche Ebene, den ihr vertrauten Sprachgebrauch, zurück und präzisiert: „Sie macht eine Figur, aber sie hat keine.“ (30). Sie durchschaut die auf schönen Schein gegründete Denkweise Bothos und hält sie ihm vor. Zwar richtet sich ihr Vorwurf („Aber so was seht ihr nicht ...“, 31) nicht gegen Botho persönlich, sondern gegen seinen Stand allgemein. Aber das indirekte „Ihr“ schließt ihn natürlich mit ein. Obwohl Fontane den Gesprächston Lenes als „plaudernd“ und „neckend“ (31) beschreibt, ist ihre Kritik am Sprachgebrauch des Adels („’Stattlich’ ist immer euer drittes Wort...“, 31), der sich beschönigender, formelhafter Floskeln bedient statt sich an der konkreten, sichtbaren Realität zu orientieren, offen, aufrichtig und direkt und hebt sich von der Sprechweise Bothos deutlich ab. 2)
In einem weiteren Anlauf versucht Lene erneut, eine gefühlsbetonte Richtung einzuschlagen, indem sie verführerisch eine Erdbeere zwischen ihre Lippen nimmt. Dieser Verführung kann Botho sich natürlich nicht entziehen. Er geht sofort darauf ein, küsst ihr die Erdbeere von den Lippen und zeigt so seine Zuneigung. Diese Gefühlsbekundung hat jedoch eher den Charakter einer flüchtigen Geste. Gleich darauf wird er durch den blaffenden Sultan abgelenkt und sein Interesse richtet sich wieder auf Frau Dörr, statt Lene - wie sie es erwartet - seine ungeteilte Aufmerksamkeit zuzuwenden. 3)
Botho ist erstaunt, dass Frau Dörr eine „Vergangenheit“ hat (31). Dieser Begriff ist nach seinem Verständnis offensichtlich ambivalent: Als Vertreter des Adels ist für Botho
Vergangenheit im Sinne von Tradition ein seinen Stand auszeichnender Qualitätsbegriff. Gleichzeitig hat aber aus seiner Sicht die Vorstellung einer „Frau mit Vergangenheit“ etwas Anrüchiges, Skandalumwittertes. Diese Vermutung wird von Lene in gewisser Weise auch bestätigt: Vor ihrer Heirat mit ihrem jetzigen Mann hatte Frau Dörr ein Verhältnis mit einem anderen Mann („mein Graf“, wie sie ihn im ersten Kapitel nennt, S. 8). Über dieses Verhältnis, das man als Parallele zu Lenes und Bothos Beziehung betrachten kann, ist „viel, sehr viel geredet worden“ (31). Frau Dörr hat es selbst als „gräßlich“ (8) empfunden. Was Lene unangenehm ist („Und nun lassen wir die Frau Dörr..“, 32), findet Botho zum Lachen. Hierdurch wird im Grunde die für Lene erniedrigende Situation bei „Hankels Ablage“ (vgl. dreizehntes Kapitel), als Bothos Freunde mit ihren Liebschaften auftauchen, vorweggenommen. Was eine Kleinbürgerin kompromittiert und bloßstellt, ist für den Adel lächerlich, ein flüchtiges Abenteuer - eine Einstellung, die von Botho hier und auch später nicht explizit vertreten, aber durch sein Verhalten zumindest indirekt ausgedrückt wird. ________________________________
2) Cordula Kahrmann spricht von einer „Werteverteilung der gesellschaftlichen Aspekte - auf Bothos Seite Unnatur, Erstarrung, Tradition usw.; auf Lenes Seite Echtheit, Wahrheit, Eigenwilligkeit usw. ...“ (Kahrmann, Seite 154)
3) Die Unterschiedlichkeit auf der Gefühlsebene wird im elften Kapitel noch stärker verdeutlicht (68 ff.): Als Ausdruck seiner Liebe will Botho Lene einen Strauß Blumen pflücken. Er sieht aber keine Blumen, d. h. er ist blind für die Zeichen der Liebe, weil er nach Lenes Meinung zu anspruchsvoll ist, während sie selbst „Hülle und Fülle“ sieht und nicht wie er „Brauchbares und Unbrauchbares“ (69) trennt. Also pflückt sie sich selbst einen Strauß, den Botho einer kritischen Prüfung unterzieht. Er hat in Lenes Worten „keine Liebe dafür“, sondern sieht sich als „Botaniker“, der in Lenes Strauß „falsche“ Blumen, Unkräuter und allenfalls noch für den Verzehr geeignete, verwertbare Kräuter erkennt. Er kann sie auch mit lateinischem Namen, also einem wissenschaftlichen Fachwort, benennen, während es für Lene (gefühlsbetont) schlicht „gute“ Blumen sind. Statt ihrer Liebe auf gleicher Augenhöhe zu begegnen und sie zu erwidern, betrachtet er die wirklich schönen Dinge distanziert und kopfbestimmt, sozusagen von einer höheren Warte aus.
Lene versucht erneut, das Gespräch auf eine gefühlsbetonte Ebene zu bringen, indem sie auf die „Mondsichel“ hinweist und sich an Botho kuschelt. Dieser Moment erscheint ihr wie ein Traum, „der sich doch nicht festhalten ließ“ (32) Sie ist sowohl die Gefühlsbetontere als auch die Realistischere, während Botho ihr erneut ausweicht, indem er, scheinbar sentimentalen Gedanken aus seiner Jugendzeit nachhängend, ein weiteres für Lene beunruhigendes Element ins Spiel bringt. Dabei knüpft er an einen Lene auch aus ihrer Welt vertrauten Begriff an: einen „Küchengarten“. Hier handelt es sich natürlich um keinen gewöhnlichen Küchengarten, sondern den von „Schloß Zehlden“, wo er seine Jugend verbrachte. Die Beunruhigung entsteht für Lene durch die Erwähnung von Bothos Mutter. Sie erweist sich in seiner Rückschau als lebenspraktisch, streng und bestimmend. Lene spürt ihre Dominanz und ihren Einfluss auf Botho. Sie empfindet daher eine „Furcht vor ihr“ (32), die Botho zu zerstreuen sucht, die sich aber später als völlig begründet erweist. Lenes Bezugnahme auf „Kaiserin“ und „Hof“ ist überzogen, sie verstärkt aber den Eindruck der Unvereinbarkeit ihrer Welt mit der elitären Welt des Adels, woraufhin Botho sie prompt, scheinbar wohlwollend-scherzhaft, aber in den Kategorien seiner Welt denkend, als „kleine Demokratin“ abqualifiziert. Lene erkennt klar, dass Botho, den Gepflogenheiten seines Standes gehorchend und unter dem Einfluss seiner Mutter, eine „reiche Partie“ machen wird (33). Sie spürt, dass Botho „schwach“ ist, trotz seiner Liebesbeteuerungen, und dass seine Mutter und „die Verhältnisse“ als die stärkeren Kräfte ihn beherrschen werden.
Als eine dieses Kapitel abschließende symbolische Vorausdeutung steigen über dem Zoologischen Garten einige Raketen in den Himmel und zerplatzen wie Lenes „Traum“ von einem Leben mit Botho. 4)
__________________________________
4) Nach Cordula Kahrmann repräsentiert der Zoologische Garten „die Botho und Lene verschlossene Öffentlichkeit gegenüber der abschirmenden Privatheit der Gärtnerei. Diese Konfrontation bringt beiden die Instabilität ihres Glücks, insofern es ja gesellschaftlich nicht existiert, zum Bewusstsein.“ (Kahrmann, Seite 154) Dies gilt allerdings in erster Linie für Lene und nicht so sehr für Botho, der zu dieser Einsicht erst später gelangt.
IV. Zusammenfassung, Schlussfolgerungen und Ausblick
In den beiden untersuchten Kapiteln von „Irrungen, Wirrungen“ erfahren wir schon viel über Lene und Botho und ihr Verhältnis zueinander. Sie können sich den Bedingungen, die auf sie einwirken, nicht entziehen. Lene fasst diese Erkenntnis in folgende Worte zusammen: „Man muß allem ehrlich ins Gesicht sehn sicc und sich nichts weis machen lassen ...“ (34). Auch sich selbst gegenüber muss man aufrichtig sein: „ ... und vor allem sich selber nichts weismachen.“ (34)
Ihre Liebe zu Botho trübt nicht ihren Blick für die Realität, die auch die Zukunft mit einschließt: „Es heißt immer, die Liebe mache blind, aber sie macht auch hell und fernsichtig.“ (33) Da sie sich selbst und Botho nichts vormacht, kann sie zwischen Wunsch und Wirklichkeit unterscheiden. Lene ist nicht unglücklich, aber sie weiß, dass ihr momentan empfundenes Glücksgefühl nicht von Dauer sein wird. Während sie sich dieser Einsicht stellt, weicht Botho in allgemeine Formulierungen aus: „Ach, Lene, du weißt gar nicht, wie lieb ich dich habe.“ (33) Deshalb ist er trotz seiner Beschönigungs- und Überlegenheitsrhetorik der eigentlich Unterlegene. Lene bezeichnet ihn daher zu recht als „schwach“ (33). Kapitel 5 endet in einer resignativen Stimmung. Es gibt keinen Grund zu Optimismus: Lene wird kalt, die Musik spielt das „Schlußstück“, im „Schloß“ brennt kein Licht mehr und Sultan hat „bloß mürrische Gedanken“ (34). Lene erkennt schon früh, was Botho erst aus der Distanz mit zeitlicher Verzögerung bewusst wird. Das auslösende Moment dieser Bewusstwerdung ist der Brief seiner Mutter in Kapitel 14. Botho wird unausweichlich klar, dass er keine Wahl hat: Er muss sich den Regeln seiner Welt fügen, wenn er nicht aus der Ordnung fallen will, die sie repräsentiert. Er merkt mit aller Deutlichkeit, dass er den finanziellen Schwierigkeiten, die ihm drohen, nichts entgegenzusetzen hat. Angesichts dieser Zwangslage wird sein Selbstwertgefühl erschüttert: „Wer bin ich? Durchschnittsmensch aus der sogenannten Obersphäre der Gesellschaft. Und was kann ich? Ich kann ein Pferd stallmeistern, einen Kapaun tranchieren und ein Jeu machen. Das ist alles.“ (96) Im Verlauf dieser Selbstreflexion offenbart sich ihm auch die Geschraubtheit und Nichtigkeit der konventionalisierten Umgangsformen seiner Welt, die er in Kapitel 4 bereits parodiert hat, ohne sie allerdings in Frage zu stellen. Hier kommen sie ihm nicht mehr lächerlich vor, sondern er verspürt eine offensichtliche Aversion: „Ich habe eine Gleichgiltigkeit gegen den Salon und einen Widerwillen gegen alles Unwahre, Geschraubte, Zurechtgemachte. Chic, Tournure, savoir-faire - mir alles ebenso hässliche wie fremde Wörter.“ (98) Das subjektive Werturteil, das in dieser Formulierung enthalten ist, wäre in den Augen seiner Mutter eine krasse Provokation oder sogar ein Skandal. Es korrespondiert mit einer von Lene schon in Kapitel 4 geäußerten Sichtweise von Botho und Seinesgleichen, der er damals noch halbherzig widersprach und die er jetzt zu bestätigen scheint: „Ihr kennt ja nur euch und euren Club und euer Leben. Ach, das arme
bißchen Leben.“ (34) Lene ist die einzige ihres Standes, die zu einer solchen Bewertung fähig ist, weil sie nicht zu Botho aufblickt, ihn in seiner scheinbaren Überlegenheit nicht bestätigt und sich durch sein Imponiergehabe nicht beeindrucken lässt. Ihre Mitbewohner verhalten sich entweder zustimmend und bewundernd oder sie äußern Unverständnis, Befremden bzw. Ungläubigkeit. Ihre Reaktionen lassen keine Beurteilung oder Bewertung erkennen. Lene besitzt dagegen Augenmaß und Urteilsvermögen, die sie in ihren Äußerungen immer wieder zur Geltung bringt. Ihre Kritik ist direkt und eindeutig. Da sie Botho liebt, ist diese jedoch im Ton nicht verletzend, sondern liebevoll „verpackt“, scherzend, neckend und teils auch provozierend.
Zurückblickend wird Botho klar, welche Werte Lene für ihn verkörpert, Werte, die wenig zählen in einer Gesellschaft, wo es vordergründig um Rang, Namen und Besitz geht. In Abwesenheit seiner Frau Käthe stößt er auf Lenes Briefe (vg. Kapitel 22) und liest sie mit innerer Bewegung, ein Zeichen seiner aufrichtigen Zuneigung. An dieser Stelle wird noch einmal deutlich, dass Lene für ihn nicht nur oberflächlicher Zeitvertreib war. Trotz ihrer geringer ausgeprägten formalen Bildung hatte „alles, was sie sagte, ... Charakter und Tiefe des Gemüts“ (153). Von seiner jetzigen Warte aus gesehen, stellt dies einen höheren Wert dar als die formale Bildung, die er selbst genossen hat: „Arme Bildung, wie weit bleibst du dahinter zurück.“ (153) Durch diese rückschauende Selbst-Reflektion erlebt Botho einen inneren Entwicklungs- und Reifeprozess und gelangt zu einer Neu-Bewertung seiner Situation. Diese Weiterentwicklung seiner Persönlichkeit bildet einen Gegensatz zu seiner äußeren Umkehr an seinen angestammten Platz.
Durch das Verbrennen der Briefe will Botho sich von der Erinnerung lösen, aber er zweifelt, dass er dazu fähig ist und dass er es überhaupt will. Er ist in die äußere Ordnung seiner Welt zurückgekehrt und hat sich, höherer Gewalt aber auch eigener Einsicht folgend, von Lene und ihrer Welt abgewandt. Dafür bekommt er Sicherheit statt Unsicherheit, Zufriedenheit statt „Glück“, gesellschaftliche Anerkennung statt Ächtung, also das, was seine Mutter und die Repräsentanten seiner Welt - und schließlich auch er selbst - für richtig und normal halten. Lene und Botho beugen sich letztlich beide der Einsicht, dass sie nicht gemeinsam von ihrer Liebe, sondern jeder nur für sich in den geordneten Verhältnissen seiner Welt leben kann, so wie es von der Gesellschaft vorgesehen wird. Dennoch spürt Botho, dass er nicht wirklich frei ist. Sein innerer Konflikt bleibt bestehen. 5) In der Erinnerung wird er sich weiter an Lene gebunden fühlen: „Ob ich nun frei bin ...? Will ich’s denn? Ich will es nicht. Alles Asche. Und doch gebunden.“ (154) _______________________________
5) Es mag sein, dass der Konflikt, wie Müller-Seidel meint, „in erster Linie“ ein gesellschaftlicher Konflikt ist. In diesem Moment erlebt Botho ihn jedoch vor allem als seinen persönlichen Konflikt. (vgl. Müller- Seidel, Seite 252)
Benutzte Literatur
Aust, Hugo (Hsg.): Fontane aus heutiger Sicht: Analysen und Interpretationen seines Werks,
Nymphenburger Verlagshandlung, München 1980
Fontane, Theodor: Irrungen,Wirrungen, Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 2003
Kahrmann, Cordula: Idyll im Roman: Theodor Fontane, Wilhelm Fink Verlag, München 1973
Müller-Seidel, Walter: Theodor Fontane: Soziale Romankunst in Deutschland, Stuttgart-Weimar
1994
Schmidt-Brümmer, Horst: Formen des perspektivischen Erzählens, Wilhelm Fink Verlag,
München 1971
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Hans-Georg Wendland, 2010, Die Unvereinbarkeit zweier ungleicher Welten, München, GRIN Verlag GmbH
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