- 2 -Von Naphta als Gegenspieler Settembrinis gehen keinerlei Impulse aus, die Castorp auf seiner Suche nach Menschlichkeit ermutigen oder bestärken können. Thomas Mann hat ihn in seinen Betrachtungen als “anrüchigen Mystiker, Reaktionär und Advokaten der Anti-Vernunft“ beschrieben. Als äußerst vielschichtige, widersprüchliche Figur (er ist Ostjude, Jesuit und Kommunist) steht er für Mystik, Kontemplation, Askese, Krankheit und Leiden, Macht und Unterdrückung, Inquisition, Gewalt und Terror, soldatische Tugenden, Gehorsam, Bereitschaft zum Töten und den mit kriegerischer Gewalt und Terror erzwungenen totalitären Gottesstaat. Die mittelalterliche Idee des Gottesstaates auf Erden verbindet er mit der Idee einer kommunistischen Weltherrschaft. Er verkörpert den Typus eines nihilistischen, jegliche Werte verneinenden, inhumanen, revolutionären, religiösen und zugleich kommunistischen Jesuiten. Settembrini und Naphta verzetteln und verzehren sich in endlosen Streitgesprächen (Disputationen), wobei sie sich nicht nur gegenseitig widersprechen, sondern auch im Widerspruch mit sich selbst liegen (vgl. den Abschnitt „Vom Gottesstaat und von übler Erlösung“, 6. Kapitel, Seite 529 ff.). Sie lähmen Hans Castorp in seiner Suche nach einer neuen Menschlichkeit. Anstatt ihn zu beflügeln, führen sie ihn zu „große(r) Konfusion“ (ZB Seite 638). Seine Frage, wie man leben soll, bleibt unbeantwortet. Stattdessen zieht er sich in sein Zimmer zurück und träumt von einem „Hochgebild, genannt Homo Dei“, das „seinem inneren Auge vorschwebte“ (ZB Seite 563).
Nach der Niederlage Deutschlands im ersten Weltkrieg und dem Untergang des Kaiserreichs modifiziert Thomas Mann im Zuge seiner Hinwendung zur Demokratie Anfang der Zwanziger Jahre seine starke Polemik gegen die westlich-französische, bloß rhetorische Menschlichkeit. In seinen Essays und Vorträgen setzt er sich mit der Frage auseinander, wie unter den veränderten Bedingungen einer Republik das Leitbild der Humanität verwirklicht werden könne. Dabei vertritt der das Konzept einer „deutschen Mitte“ („Von deutscher Republik“, 1922), eine idealistische Vorstellung, die er schon in seinen „Betrachtungen“ vertreten hatte. Dort sprach er davon, dass das „deutsche Wesen“ in der Mitte zwischen West und Ost angesiedelt sei, sowohl politisch als auch im Sinne einer besonderen „Humanität“. Auf den „Zauberberg“ bezogen, stellt Clawdias russische „Mähnschlichkeit“ für Hans Castorps Suche nach einer „neuen Humanität“ einen wichtigen Bezugspunkt dar, später aber auch Settembrini, der gegen Ende des Romans mit Zügen echter Menschlichkeit ausgestattet wird (vgl. ZB Seite 975, wo Castorp Settembrini „wie ein Russe ... auf beide Wangen küsst“ und Settembrini das vertraute „Du“ und den Vornamen „Giovanni“ benutzt). Dadurch wird der Gegensatz zwischen dem Humanismus des westlichen „Zivilisationsliteraten“ und der „Mähnschlichkeit“ des Ostens miteinander versöhnt, wobei Castorp selbst - im Sinne einer „deutschen Mitte“ - durch seinen Wangenkuss sinnbildlich die Verbindung herstellt.
Dieser Gedanke der „Mitte“ und des Vermittelns spiegelt sich im „Schneetraum“ wider, in dem Castorp die Kontrahenten Settembrini und Naphta als „Schwätzer“ (ZB Seite 676) entlarvt und als starrsinnige, unverbesserliche Verfechter unvereinbarer Systeme, die es zu überwinden gilt. Stattdessen gelangt er zu dem Schluss: „in der Mitte ist des Homo Dei Stand ... zwischen mystischer Gemeinschaft und windigem Einzeltum“ (ZB Seite 676). „Mystisch“ verweist dabei auf Naphtas Religiosität und „windig“ auf Settembrini Rhetorik, der von ihm mehrfach abwertend als „Windbeutel“ bezeichnet wird (vgl. z. B. ZB Seite 651). Er entwirft das Ideal einer menschlichen Gesellschaft, die zwischen dem von Naphta ersehnten Kommunismus und der von Settembrini vertretenen westlichen Demokratie angesiedelt ist und in etwa Thomas Manns Überlegungen in „Goethe und Tolstoi“ entspricht. In seinem „Traumgedicht vom Menschen“, der in dem Satz gipfelt „Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tod keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken“ (ZB Seite 677), wird die Vision einer neuen Menschlichkeit mit den Begriffen „Güte“ und „Liebe“ verknüpft. Es ist eine dem Tod entgegengesetzte Liebe, die
- 3 -bisher im Roman kaum eine Rolle gespielt hat. In einem Gespräch mit Hofrat Behrens Ende des Abschnitts „Humaniora“ (von lat. „studia humaniora“d. h. die geisteswissenschaftlichen Fächer) im fünften Kapitel hatte Hans Castorp noch formuliert: „Und wenn man sich für das Leben interessiert, ... so interessiert man sich namentlich für den Tod.“ (ZB Seite 366). (Thomas Mann selbst hatte in einem Brief an seinen Bruder Heinrich vom 8. November 1913 von seiner „wachsende(n) Sympathie mit dem Tode, mir tief eingeboren ...“ gesprochen.) Nun wird das Gewicht vom Tod zum Leben verlagert. Durch Hans Castorps Formulierung „Denn alles Interesse für Tod und Krankheit ist nichts als eine Art von Ausdruck für das am Leben ...“ (ZB Seite 675) erfolgt eine Hinwendung zum Leben, wobei beide Bereiche wechselseitig aufeinander bezogen bleiben. In seinem „Traumgedicht“ gelangt Hans Castorp daher zu der Einsicht: „Tod und Liebe -das ist ein schlechter Reim“ (ZB Seite 677). Konkreten Ausdruck findet diese Erkenntnis in dem sich wandelnden Verhältnis zu Clawdia, mit der er einen Bund für Peeperkorn eingeht, ein Bund, der nicht auf Eros, sondern auf Caritas, also einer sich zuwendenden Fürsorge, gegründet ist. Damit wird sein Verhältnis zu Clawdia nach Hermann Kurzke (S. 189) „enterotisiert“. Im Unterschied zu Peeperkorn, der in seiner Potenzgläubigkeit und seinem übersteigerten Männlichkeitswahn ironisiert und lächerlich gemacht wird, überwindet Hans Castorp die Kategorie der reinen „Männlichkeit“. Zwischen Clawdia und ihm entwickelt sich eine neue Form ganzheitlich männlich-weiblicher, androgyner Menschlichkeit, ein dem Leben verbundener Humanitätsentwurf, lebensbejahend und lebenszugewandt. Der Grundstein zu diesem lebensbejahenden Begriff der Humanität wird schon im ersten Teil des „Zauberberg“ im Abschnitt „Hippe“ (ZB 4. Kapitel, Seite 159 ff.) gelegt, in dem Hans Clawdia und Hippe als „androgynes Doppelbild“ sieht. Dieser Wandel drückt sich sinnbildlich auch durch Hans Castorps Stirnkuss aus, den unerotischen Verwandten- und Familienkuss, (ZB Seite 856), der den stark erotisch geprägten Liebeskuss des ersten Teils, der leitmotivisch durch Clawdia mit Krankheit und Tod assoziiert ist, ablöst.
Obwohl Hans Castorp einen grundlegenden inneren Wandel vollzogen hat, erhält er keine Gelegenheit, seine gewonnen Erkenntnisse in eine umfassende Handlungsmaxime umzusetzen. Vielmehr muss er, der sich als „Zivilist“ versteht, in die Rolle seines Vetters Joachim schlüpfen, dem diese Pflicht erspart blieb, und, ganz gegen seine Natur, in den Krieg ziehen mit Schuberts Lindenbaumlied auf den Lippen, das deutsche Innerlichkeit und Tiefe symbolisiert und mit „Rückneigung“ bzw. Rückwärtsgewandtheit und Tod assoziiert ist. Ob sein „Traum von Liebe“ und Humanität sich erfüllt, lässt der Autor zum Schluss des Romans offen, deutet sie allenfalls indirekt als zukünftige Perspektive an. Auf die Vision des Schneetraums verweisend, gibt er die Frage an den Leser weiter und ihm damit die Möglichkeit, diese für sich selbst zu beantworten. Benutzte Literatur 1. Texte von Thomas Mann
Der Zauberberg. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch, 1993 Gesammelte Werke in zwölf Bänden (GW). Frankfurt a. M.: S. Fischer, 1960 Betrachtungen eines Unpolitischen. GW Band 12
Goethe und Tolstoi. In: Werke - Briefe - Tagebücher. Frankfurt a. M.: S. Fischer 2001 Von deutscher Republik. In: Werke - Briefe - Tagebücher ...
2. Sekundärliteratur
Koopmann, Helmut (Hsg.): Thomas-Mann-Handbuch. Stuttgart: Kröner, 1990 Kurzke, Hermann: Thomas Mann, Epoche - Werk - Wirkung. München: Beck, 1985 Langer, Daniela: Thomas Mann - Der Zauberberg. Stuttgart: Reclam, 2009
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Hans-Georg Wendland, 2010, Die Entwicklung des Begriffes der "Menschlichkeit" bzw. der "Humanität" bei Hans Castorp im Roman "Der Zauberberg" von Thomas Mann, München, GRIN Verlag GmbH
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