Inhaltsverzeichnis:
I. Einleitung 1
II. Die Komik. 2
1. Wann finden Kinder etwas komisch? 2
2. Die Komik in Bild und Text 5
3. Komik und Pädagogik in der Kinderliteratur 6
III. Der Struwwelpeter. 9
1. Der Struwwelpeter als komisch-didaktisches Kinderbuch 9
1.1 Sprachliche Besonderheiten im Struwwelpeter 11
2. Das eigentliche Titelblatt 12
3. Der Struwwelpeter - Der Titelheld 13
4. Die Geschichte vom bösen Friederich 14
5. Die gar traurige Geschichte mit dem Feuerzeug. 16
6. Die Geschichte vom schwarzen Buben. 18
7. Die Geschichte vom wilden Jäger 20
8. Die Geschichte vom Daumenlutscher 22
9. Die Geschichte vom Suppen-Kaspar 24
10. Die Geschichte vom Zappel-Philipp 26
11. Die Geschichte von Hans Guck-in-die-Luft 27
12. Die Geschichte vom fliegenden Robert. 30
13. Zwischenfazit Struwwelpeter. 31
IV. Wilhelm Busch - Max und Moritz 32
1. Max und Moritz - Eine Bubengeschichte in sieben Streichen 32
1.1 Sprachliche und gestalterische Besonderheiten bei Max und Moritz 34
2. Max und Moritz - das Vorwort 35
3. Erster Streich 37
4. Zweiter Streich 42
5. Dritter Streich 45
6. Vierter Streich 50
7. Fünfter Streich 52
8. Sechster Streich. 56
9. Letzter Streich. 60
10. Max und Moritz - der Schluß 63
V. Schlussbemerkungen. 65
Literaturverzeichnis : 66
Abbildungsverzeichnis : 67
ii
I. Einleitung
Sowohl Heinrich Hoffmanns Der Struwwelpeter als auch Buschs Bildergeschichte Max und Moritz zählen seit ihrem Erscheinen im 19. Jahrhundert nicht nur in Deutschland zu den beliebtesten Kinderbüchern. Ihre Geschichten erscheinen heute um einiges bekannter als Faust oder andere Klassiker der deutschen Literatur und so lassen sich ihre Auflagen mittlerweile ebenso wenig zählen wie ihre zahlreichen Parodien und Adaptionen.
Eine solche Beliebtheit ruft ebenso viele Kritiker hervor, welche die dargestellten Grausamkeiten als pädagogisch kontraproduktiv und gefährlich verurteilen. Dies wirft schließlich einige Fragen auf. Warum haben sich ausgerechnet diese beiden Werke etabliert und warum erfreuen sie auch heute noch Kinder, obwohl sie aus einer längst vergangen Zeit stammen?
Neben der Tradiertheit mit der Kinderbücher von Generation zu Generation weitergegeben werden, kann ein wesentlicher Bestandteil der Antwort auf diese Fragen sicherlich die Komik bilden, die in jenen in Erscheinung tritt und die dargestellten Grausamkeiten in den Hintergrund rücken lässt. Gerade jüngere Kinder, die in einer von Regeln bestimmten Welt leben, erfreuen sich an dem normverletzenden Verhalten der Protagonisten. Da jedoch angenommen werden muss, dass Kinder durch ihre unterschiedliche Erfahrungswelt auch eine unterschiedliche Auffassung vom Komischen haben, soll hier zunächst untersucht werden, wann Kinder etwas komisch finden. Desweiteren soll betrachtet werden wie dieses in den Bildergeschichten übermittelt wird um den komischen Effekt auszulösen.
Im Hinblick auf die bereits erwähnte Kritik stellt sich zudem die Frage, ob ein pädagogisches Werk komisch sein kann oder ob ein komisches Werk auch pädagogisch wertvoll sein kann. Vielleicht bedingt das eine das andere sogar um das Interesse des Kindes zu wecken.
Im Anschluss folgt der Hauptteil dieser Arbeit. Hier werden schließlich die einzelnen Geschichten und Episoden der Werke Der Struwwelpeter und Max und Moritz auf die Rezeption ihrer Komik hin untersucht. Hierbei stellt sich insbesondere die Frage, welche Art von Komik hauptssächlich vorliegt und wodurch sie ausgelöst wird.
1
Für die vorliegende Arbeit wurde die 2009 von Reclam neuherausgegebene 1859 erschienene 28. Auflage mit dem Titel Der Struwwelpeter. Lustige Geschichten und drollige Bilder als Grundlage verwendet. Diese Version, des ansonsten für seine politisch riskanten Schriften bekannten Rütten&Loening Verlages, scheint mir abgesehen von der Schriftart und einigen behutsam modifizierten Zeichnungen, die heute gängigste Version des Kinderbuchklassikers zu sein. Für Max und Moritz wurde die historisch-kritische Gesamtausgabe, die unter der Bearbeitung von Hans Ries 2002 erschien, zu Rate gezogen.
II. Die Komik
1. Wann finden Kinder etwas komisch?
Nach Neuß können neun komische Themengebiete gefunden werden, über die Kinder lachen können. 1 Die erste Kategorie stellt das Spiel mit der Sprache und deren Bedeutung dar. Hierunter fallen Wort- und Sprachspiele mit der Doppeldeutigkeit von Wörtern, aber auch Reime und Fäkalsprache. Außerdem lachen Kinder über Konflikte, die durch besonders schlagfertige oder listige Antworten gelöst werden. Hierbei siegt meist das „Kleine“ überraschend über das „Große“.
Eng damit verbunden ist auch das Spiel mit den Erwartungshaltungen. In dieser häufig vorkommenden Kategorie tritt etwas Unerwartetes, Überraschendes anstelle des Erwarteten auf. Das Unerwartete verhält sich entgegen der Norm. Hierzu zählen Missverständnisse oder Verwechslungen.
Zu der vierten Kategorie zählt das Streiche spielen. Diese Streiche belustigen sowohl, wenn sie aktiv vom Kind selbst ausgeführt werden, als auch, wenn sie stellvertretend, wie im Beispiel von Max und Moritz, nacherlebt werden. Das Kind überschreitet hier die normativen Grenzen, die ihm im Alltag gesetzt werden. Außerdem lachen Kinder über „heikle Themen“, die sie peinlich berühren und mit denen sie noch keine Erfahrungen haben. Als Beispiele können hier Sex aber auch Körpergeräusche sowie Wörter aus diesen Bereichen aufgeführt werden. Dies stellt
1 Neuß, Norbert: Humor von Kindern. Empirische Befunde zum Humorverständnis von
Grundschulkindern. In: Televizion 16/2003/1.
2
auch eine Normbrechung dar, da diese „heiklen Themen“ von Erwachsenen als verpönt angesehen werden oder mit Heimlichkeit belegt werden und somit keine öffentlichen Themen sind. 2 Insbesondere durch diese Art von Humor versuchen sich Kinder an neue Themen heranzuwagen und sie für sich zu erschließen. Auch die kleinen Unglücke anderer werden verlacht. Hierin kann ebenso ein kleiner Hang zum Grausamen, das komisch wirkt, bestehen. Es entsteht eine Schadenfreude beim Kind, wodurch ein anderer herabgesetzt werden soll. Das Ich erkennt die Normverletzung an und stellt die Norm wieder her. Es fühlt sich somit einem anderen gegenüber überlegen und eine Steigerung des Selbstwertgefühles findet statt. 3 Die Freude über die kleinen Unglücke scheint daher besonders groß zu sein, wenn die Leidtragenden Autoritätspersonen sind. Hierbei ist jedoch wichtig, dass die Unglücke keine realistisch schweren Folgen haben, so dass Mitleid mit dem Opfer entsteht. Die Folgen müssen demnach klein bleiben oder sie wirken wie im Struwwelpeter fiktiv und übertrieben. Diese Kategorie stellt schließlich die Hauptursache für das kindliche Lachen, insbesondere beim männlichen Geschlecht, dar.
Eine weitere Kategorie der kindlichen Komik ist die der Lebenslust und des Ideenreichtums. Hierzu zählen insbesondere der spielerische Humor und das Ausleben der Kreativität.
Außerdem scheinen Kinder besonders sensibel auf abnormes Aussehen, wie es beispielsweise bei der Hexe in Hänsel und Gretel zu finden ist, sowie auf merkwürdigen Klang und Gesang, zu reagieren.
Die letzte Kategorie stellt das Lachen über sich selbst da. Hierbei wird über eigene Dummheiten gelacht. Das Lachen wirkt hier erleichternd, dass nichts Schlimmes passiert ist und löst die innere Anspannung. Zudem kann das Lachen auch als Reaktion „einer Befreiung von Fremdbestimmung, einengender Normen und Tabus“ angesehen werden. 4
2 Ebd. Neuß S.14.
3 Lachen als Akt der Selbstaffirmation: Thomas Hobbes. In: Bachmeier, Helmut (Hrsg.): Texte zur
Theorie der Komik. Stuttgart: Reclam, 2005. S.16.
4 Rathmann, Claudia: Was gibt’s denn da zu Lachen. Lustige Zeichentrickserien und ihre Rezeption
durch Kinder unter besonderer Berücksichtigung der präsentierten Gewalt. Hrsg.: Bilandzic, Helena;
Gehrau, Volker; Hasebrink, Uwe; Rössler, Patrick: Reihe Rezeptionsforschung Bd.3. München:
Reinhardt Fischer Verlag, 2004. S.27.
3
Es ist anzunehmen, dass Kinder leichter über kleine Regelwidrigkeiten lachen als Erwachsene, während ein Erwachsener beispielsweise von schlechtem Benehmen eher angewidert ist, verlachen jenes Kinder häufig. Das Verlachen ist gleichzeitig ein Zeichen dafür, dass eine Regelwidrigkeit stattfindet. Außerdem lachen Kinder oftmals bereits, wenn etwas komisch aussieht. In der Kinderliteratur wird dies ausgenutzt. Daher schildert sie häufig unschickliches Verhalten und zeigt viele bunte Bilder. Dennoch bestehen viele Parallelen zwischen Kinderlachen und Erwachsenlachen. In beiden Fällen scheint der Normbruch das hauptauslösende Moment des Komischen zu sein. Erwachsene lachen ebenso über Telefonstreiche im Radio, wie dies Kinder über ihre eigenen Telefonstreiche tun. Das grenzüberschreitende Element erweist sich also in beiden Fällen als gültig. Ein Unterschied kann jedoch in der Komplexität des Witzigen gefunden werden. Mit zunehmendem Alter scheint dieser subtiler zu werden. Auch scheint das Spektrum über was gelacht wird breiter zu werden, da nur Dinge, die sich mehr oder weniger in der Erfahrungswelt des Kindes befinden, wirklich komisch auf das Kind wirken können.
In den Kinderliteraturklassikern, die sich seit geraumer Zeit durchsetzen konnten, scheint jedoch nicht nur altersspezifische Komik enthalten zu sein. Es sind hier zum Teil auch Dinge dargestellt, die erst für einen erwachsenen Rezipienten komisch wirken. Dies kann zur Freude des Vorlesers beitragen, welche sich sogleich auf das Kind übertragen kann und sorgt damit für eine angenehme Atmosphäre, denn auch Kindern ist es sicherlich unangenehm alleine zu lachen. Wenn der Vorleser beispielsweise von den Grausamkeiten in Max und Moritz verschreckt wäre und sie ihn nicht erheitern würden, würde sich diese Stimmung auf das Kind übertragen. Aber im Falle Max und Moritz können die Streiche ebenfalls die Wunschvorstellungen eines Erwachsenen befriedigen, sei es nachträglich einem gemeinen Lehrer oder dem jetzigen Chef eins auszuwischen. Diese befreiende Komik ersetzt somit nicht nur das Wunschdenken des Kindes, sondern auch des Erwachsenen, der sich in bestimmten Normen seiner Lebenswelt gefangen oder unterdrückt fühlt.
4
2. Die Komik in Bild und Text
Die Zeichnungen der beiden Werke erscheinen karikierend und stellen damit das Geschehen oder Gegenstände übertrieben dar. Während Hoffmanns Zeichnungen mit Absicht dilettantisch wirken und sie zum Teil daher als fratzenhaft angesehen werden, sind die Zeichnungen Buschs, der Kunst in Düsseldorf, Antwerpen und München studierte, von künstlerischer Qualität. Aber auch hier sind die Zeichnungen auf die Konturen des Darzustellenden beschränkt. Dennoch oder gerade aufgrund der Einfachheit werden die besonderen Wesenszüge der Figuren meist auf den ersten Blick sichtbar.
Es lässt sich leicht eine „Gestaltkomik“ ausfindig machen, die allein schon in der Differenz der Nachahmung zum eigentlichen Gegenstand in der Realität gefunden werden kann. 5 Je interessanter dabei die Differenz zur Norm ist, desto größer ist der komische Effekt, zumindest solange die Wiedererkennung mit dem Realen noch bestehen bleibt und beziehungsweise oder neue Wiedererkennungen geschaffen werden (zum Beispiel durch Personifikation bei Tieren). Daher reicht es bei einer bestimmten Eigenschaft zu übertreiben um die Komik auszulösen. Auch bestimmte Charaktereigenschaften können durch ihre Betonung und die Reduktion anderer Züge hervorgehoben werden. Diese Konzentrierung auf einzelne Elemente kann zusätzlich im Text erfolgen und somit unterstützend wirken. Zur Komik in Bildergeschichten kann außerdem die Überraschung beitragen, wenn diese durch die Bildabfolge ausgelöst wird.
In den uns hier vorliegenden Bildgeschichten Max und Moritz und der Struwwelpeter zeigt sich, dass sowohl Bilder nicht ohne Text als auch der Text ohne die entsprechenden Bilder ansprechend rezipiert werden können. Beides scheint abhängig voneinander zu sein, denn nur im Zusammenspiel der beiden Elemente entsteht die groteske Wirkung und die Situationskomik. Nach Schopenhauer zu urteilen, bedarf das Anschauliche im Gegensatz zum Abstrakten, dem Gedachten, keinen Denkprozess und somit keiner Bestätigung von außen. Damit kann dem Anschaulichen unzweifelhaft Recht gegeben werden. In einem hierin resultierenden Konflikt kann schließlich die Komik gefunden werden. 6 Daher sind im Text des
5 Ebd. Ries S.87f.
6 Inadäquate Subsumtion: Arthur Schopenhauer. Bachmeier, Helmut (Hrsg.): Texte zur Theorie der
Komik. Stuttgart: Reclam, 2005. S.46.
5
Struwwelpeters häufig konkrete Hinweise zu finden, welche die Aufmerksamkeit auf die Zeichnung lenken sollen, um den Aufwand der Denkleistung zwischenzeitlich im Interesse der Komik einzusparen. Ebenso wie in Max und Moritz ist die Abfolge der Bilder hier nahezu filmähnlich.
Zwar kann beispielsweise in der Geschichte des Suppenkaspars anhand der Bilder das Geschehen erschlossen werden, doch nur durch die Verse können diese Bilder zusätzlich mit Informationen versehen werden. Ebenfalls kann der Text durch das Bild bestätigt werden. Doch stört es nicht, wenn „die Logik des Bildaufbaus der Logik der Geschichte widerspricht“. 7 Daher können einzelne Bildelemente, wie lachende Gesichter, trotz der Erwähnung von Trauer gefunden werden . Die Verse machen zudem die Identifikation mit den Figuren möglich und bauen die Dynamik auf. Da es sich sowohl in Der Struwwelpeter als auch Max und Moritz um Paarreime handelt, wird zudem das Erraten des zweiten Reimwortes ermöglicht. Zusätzlich dient die Sprache häufig als distanzierender Kommentar, der das Mitleiden verhindern soll. 8 Erst dadurch kann die Komik, die in solchen Fällen beispielsweise in Schadenfreude besteht, ermöglicht werden. Jedoch muss bemerkt werden, dass das Bild sowohl im Struwwelpeter als auch bei Max und Moritz dem Text in der Rezeption meist vorangeht.
3. Komik und Pädagogik in der Kinderliteratur
Im Gegensatz zur Erwachsenenliteratur wird Kinderliteratur nicht von der eigentlichen Zielgruppe, den Kindern selbst, gekauft. Eltern oder Verwandte wählen die Bücher für Kinder aus und entscheiden dabei unter anderem nach pädagogischen Kriterien, während das Komische womöglich eher im Interessengebiet der Kinder liegt. Bücher, die als erfolgreich gelten sollen, müssen daher sowohl Kindern als auch Eltern gefallen. Dies scheint auf Der Struwwelpeter und Max und Moritz zu zutreffen.
Hier finden, wie auch in anderen Kinderbüchern, Normverletzungen statt, um einerseits das Komische hervorzurufen, aber auch um eine pädagogische Wirkung
7 Ebd. Der Struwwelpeter, Nachwort S.74.
8 Ebd. Rathmann S.34.
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zu erzielen. Dies würde Lipps widersprechen, der festgestellt hat, dass Komik nur wenig Didaktisches beinhalten kann. 9
Im Beispiel des Struwwelpeters würde dies bedeuten, dass das Gefühl des Komischen der Katastrophe überwiegt und somit ein Lustgewinn stattfinden kann. Dem Kind ist es angenehm zu lachen, denn Lachen ist die „Erwartung von Wohlbefinden“ und wirkt zudem „gesundheitsfördernd“ 10 . Dennoch wäre es möglich, dass es die pädagogischen Botschaften wahrnimmt. Wenn es sich über die Figuren erhebt, kennt es die dort verletzten Normen entweder schon und sie werden durch Wiederholung verfestigt, oder es erahnt die Moral, die hier geschildert wird im Verlauf der Erzählung. Die Normen können folglich durch die Beobachtung des Gegenteils erlernt werden. Daher ist auch der Aufbau der Geschichten meist gleich und ähnelt dem eines Dramas. Zunächst findet eine Einleitung statt. Eine Situation wird geschildert. Es ist hier meistens schon zu erkennen welcher Normbruch, begangen wird. Ebenso ist an dieser Stelle das Szenario noch realitätsnah. Schließlich kommt es durch einen oder mehrere Normbrüche zur Katastrophe. Durch den normwiderherstellenden Gegner findet gleichzeitig eine Bestrafung des regelwidrigen Verhaltens statt. Hier wird besonders im Struwwelpeter die Fiktivität durch phantastische Elemente betont. Die Bestrafung lässt dennoch die Konsequenzen von Zuwiderhandlungen beim Kind deutlich werden und erzeugt zugleich eine Angst vor dieser. Diese Angst kann als eine moralische Entwicklungsstufe angesehen werden. Zugleich könnte das erzeugte Lachen jedoch ebenfalls eine Befreiung von Angst darstellen und eine Distanz zu den übertriebenen Strafen aufbauen.
Doch scheint nach näherer Betrachtung im Struwwelpeter immer eine Balance zwischen dem erzieherischen Element und der Komik vorzuherrschen. Nur durch ein Gleichgewicht ist die Möglichkeit gegeben, dass die Folgen des Handelns sehr wohl erkannt werden aber ein komischer Effekt bleibt. Würde die Komik generell überwiegen bestünde die Gefahr, dass die Folgen des Dargestellten ins Nichts verkehrt werden. Dieser Ausgleich zwischen Grausamkeit und Komik wird mit einer abschließenden Strophe gefestigt, in der die Folgen geschildert werden und die Figur noch einmal verlacht werden kann. Allerdings sind die Meinungen hierzu ambivalent.
9 Die Befriedigte und enttäuschte Erwartung: Theodor Lipps. In: Bachmeier, Helmut (Hrsg.): Texte zur
Theorie der Komik. Stuttgart: Reclam, 2005. S.90.
10 Auflösung gespannter Erwartung: Immanuel Kant. In: Bachmeier, Helmut (Hrsg.): Texte zur Theorie
der Komik. Stuttgart: Reclam, 2005. S.24.
7
Kritiker merken bereits seit 1852 (zum Beispiel im pädagogischen Jahresbericht für Deutschlands Volksschullehrer) an, dass dieses Bilderbuch „die Autorität des Erziehers untergrabe“ und „die Erfolge freundlicher Mahnungen wie ernsthafter Warnungen, Drohungen, ja sogar Strafen...“ vereiteln würden sowie den „guten Geschmack“ verderbe. 11 In den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts hingegen wurde das angsteinflößende Element hervorgehoben und Der Struwwelpeter galt als Musterbeispiel der „schwarzen Pädagogik“. 12
Steinlein hingegen sieht nur in einigen Geschichten das Lachgefühl überwiegen, durch welches die „Komik der Befreiung“ gegeben ist, die gleichzeitig „eine Befreiung vom Primat der pädagogischen Funktion einschließt“. 13 In anderen Geschichten ist seiner Meinung nach die Abschreckungspädagogik vorherrschend. Anders verhielte es sich hingegen bei Max und Moritz, weil hier die schwarze Pädagogik satirisch verwendet wird, indem die Erwachsenen zunächst gestraft werden. Eventuell ließe sich jedoch beides am besten unter dem Begriff schwarzer Humor charakterisieren, weil seine speziellen Merkmale des Grausamen, Makaberen und des Tabubruchs in den Geschichten anzutreffen sind.
Eine These könnte allerdings ebenso lauten, dass Kinder dadurch, dass die Figuren ihre normbrecherischen Wünsche ersatzweise ausleben, sie nicht mehr das Bedürfnis haben sich regelwidrig zu verhalten.
Denkbar wäre demnach, dass sich Kinder in die Figur hineinwünschen, die ihre Wünsche auslebt. Der Text und das Phantastische der Geschichte schaffen jedoch gleichzeitig eine Distanz zum Geschehen, weswegen die Kinder ihre Identifikationsfigur zugleich verlachen können. Damit können sie erkennen, dass sie sich selbst bei einem solchen regelwidrigen Verhalten verlachen würden. Dies wird von Hutchesons Komiktheorie unterstützt, in der niemand „Objekt des Lachens oder des Spotts“ sein möchte. 14 Folglich müssten sie zunächst auch das fehlerhafte Verhalten als solches Erkennen können. Somit könnte der Komik eine pädagogische Wirkung zukommen.
Auch die Tatsache, dass Parallelen im Aufbau der Moraldidaktik und des Komischen gefunden werden können, unterstützt die These, dass beide erfolgreich nebeneinander existieren können. Beim Kind wird zunächst eine Situation der
11 Ebd. Handbuch zur Kinder- und Jugendliteratur von 1800-1850, Sp.476.
12 Ebd. Handbuch zur Kinder- und Jugendliteratur von 1800-1850, Sp.477.
13 Ebd. Steinlein S.20.
14 Sittenverfeinerung und Konversation: Francis Hutcheson. In: Bachmeier, Helmut (Hrsg.): Texte zur
Theorie der Komik. Stuttgart: Reclam, 2005. S.22f.
8
Forderung mit dem Geschehen und dem in Wirklichkeit richtigen Handeln geschaffen, eine Verblüffung erzeugt, wie sich das Geschehen durch den Normbruch auflöst und schließlich wird der komische Effekt ausgelöst. 15 Daher muss sich beides nicht gegenseitig ausschließen und Didaktik und Komik können koexistieren. Die Ernsthaftigkeit der Geschichten hätte somit durchaus eine Wirkung auf das lachende Kind. Die Freude des Kindes steigert zudem das Interesse am Buch. Durch sie wird die Aufmerksamkeit geweckt, die notwendig ist, um einen Lerneffekt erzielen zu können.
III. Der Struwwelpeter
1. Der Struwwelpeter als komisch-didaktisches Kinderbuch
Im Jahr 1845 erschien erstmals das von Dr. Heinrich Hoffmann verfasste Kinderbuch Der Struwwelpeter. Später wurde dieses Urmanuskript noch mit der gar traurigen Geschichte mit dem Feuerzeug und der Geschichte vom Zappel-Philipp (beide zweite Auflage) und den letzten beiden Geschichten Hans Guck-in-die-Luft sowie vom Fliegenden Robert (beide fünfte Auflage) ergänzt, so dass sich insgesamt die zehn Geschichten, welche Kinder noch heute erheitern, finden lassen. Der Titelheld wechselte auf besonderen Wunsch der Kinder mit der dritten Auflage von der letzten auf die Titelseite. Ebenso ist in dieser erstmals die heutige Reihenfolge der Geschichten zu finden. Die Umstellung des Druckes 1858 nutze Hoffmann, um die Bilder vollständig zu bearbeiten. 16
Der Frankfurter Kinderarzt und Psychiater Hoffman versuchte mit diesem Werk ein pädagogisch wertvolles Vers- und Bilderbuch zu erschaffen, da ihm die zeitgenössische Kinderliteratur nicht sonderlich kindgerecht schien. So kam es, dass er durch seine Arbeit als Kinderarzt die dilettantischen Zeichnungen anfertigte und sie mit einfachen Reimen versah, welche seine kleinen Patienten beruhigten und erfreuten. Worin jedoch die Begeisterung für gerade dieses Werk liegt, dass es zu
15 Das Komische - Ein Kipp-Phänomen: Wolfgang Iser. In: Bachmeier, Helmut (Hrsg.): Texte zur
Theorie der Komik. Stuttgart: Reclam, 2005. S.117ff.
16 Handbuch zur Kinder- und Jugendliteratur von 1800-1850. Brunken, Otto; Hurrelmann, Bettina;
Pech, Klaus Ulrich (Hrsg.). Stuttgart: Metzler, 1998. Sp. 464f.
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einem solchen Klassiker wurde, lädt die Wissenschaft zu Spekulationen ein, denn der Erfolg läuft den Theorien der fortschrittlichen Pädagogik zuwider. 17 Ebenso mag die Aussage Hoffmanns verblüffen, dass Kinder den Struwwelpeter zerstören können müssen, um damit einen normbrecherischen Akt wie ihn dessen Charaktere begehen, vollziehen zu können, da dies ein „kindlicher Entwicklungsgang“ ist, den es zu fördern gilt. 18
Auch für einen Erwachsenen, der sich nur noch dunkel aber positiv aus seiner Kindheit an die Geschichten erinnert, scheint zunächst die Grausamkeit mit der Hoffmann seine Erzählungen versieht zu überraschen. Doch jene Grausamkeiten werden von Kindern nicht in dem gleichen Maße wahrgenommen. Es kann angenommen werden, dass diese in Ihrer Erfahrungswelt noch zu sehr von der Realität entfernt sind. Sie scheinen daher für sie um einiges übertriebener als für einen Erwachsenen, welcher vergleichbare Dinge aus der Wirklichkeit kennt. Zudem wird durch die naiven Zeichnungen, den Geschichten die Ernsthaftigkeit genommen. Dennoch war Hoffmanns Anspruch nicht nur ein vergnügliches Kinderbuch zu erschaffen, sondern auch ein didaktisch wertvolles. Da Kinder insbesondere durch das Auge lernen, versuchte er mit dem Struwwelpeter einen Lerneffekt beim Kind zu erzeugen, indem er die Folgen des Unrechttuns abbildete, anstelle wie in bisherigen Kinderbüchern moralische Vorschriften und Mahnungen aufzuzählen. 19
Insbesondere Kinder im Vorlesealter schenken diesen Zeichnungen große Beachtung, da sie durch diese den Text ‚mitlesen’ können. Daher handelt es sich bei dem Werk Der Struwwelpeter tatsächlich um lustige Geschichten und drollige Bilder mit 15 schön kolorierten Tafeln für Kinder von 3 - 6 Jahren, wie uns der Titel des Urmanuskriptes verrät, schließlich ist ein Kind bereits ab drei Jahren fähig Widersinniges zu erkennen. 20 Insbesondere das Adjektiv „drollig“ scheint hier auf den naiv-unschuldigen kindlichen Charakter hinzuweisen. 21
17 Ebd. Der Struwwelpeter (Reclam), S.60.
18 Ebd. Der Struwwelpeter (Reclam), S.68f.
19 Ebd. Handbuch zur Kinder- und Jugendliteratur 1800-1850, Sp.466.
20 Feuerhahn, Nelly: Das Lachen des Kindes. In: Ewers, Hans-Heino (Hrsg.): Komik im Kinderbuch.
Erscheinungsformen des Komischen in der Kinder- und Jugendliteratur. Weinheim, München: Juventa
Verlag, 1992. S.34.
21 Steinlein, Rüdiger: Kinderliteratur und Lachkultur. Literarhistorische und theoretische Anmerkungen
zu Komik und Lachen im Kinderbuch. In: Ewers, Hans-Heino (Hrsg.): Komik im Kinderbuch.
Erscheinungsformen des Komischen in der Kinder- und Jugendliteratur. Weinheim, München: Juventa
Verlag, 1992. S.19.
10
Im naiv-kindlichen Charakter der Figuren in Der Struwwelpeter scheint auch der Grund der Normverletzungen, die sie begehen, zu liegen. Kinder können sich gut mit den Protagonisten des Bilderbuchs identifizieren, da sie so ihre geheimen normbrecherischen Wünsche ausleben können und das Außerhalb der Norm kennenlernen. In diesen Normverletzungen und ihrer Wiederherstellung kann sogleich das Komische gefunden werden.
1.1 Sprachliche Besonderheiten im Struwwelpeter
Als sprachliche Besonderheit fällt im Struwwelpeter die durchgängige Verwendung des Paarreimes auf. Diese Reime können sich außerdem in den Geschichten wiederholen („Miau! Mio! Miau! Mio! /...lichterloh!“), 22 wodurch die Merkfähigkeit erhöht wird. Zudem wirken die Verse auf Kinder nicht kompliziert und verschlüsselt, wie dies bei Gedichten normalerweise der Fall ist, sondern sogar verständlicher als die Alltagssprache. 23 Die meist unterschiedliche Länge der Strophen trägt außerdem zum Spannungsaufbau bei.
Desweiteren erhalten die einzelnen Texte durch die Verwendung einer bestimmten Assonanz oder Alliteration ihre spezifische Textgestalt („ Brunnen, bitterböse, biss, Bein, bis, Blut, bitterböse, bitterlich, Bett, Bein, bittre“ 24 ). 25 Sie weisen somit einen sprachspielerischen Charakter auf.
Eine weitere Eigenheit in Der Struwwelpeter ist sicherlich das Diminutiv. Dieser wird häufig eingesetzt um Dinge oder Personen kleiner erscheinen zu lassen, sie werden in Relation zu dem anderen herabgewertet. Dies lässt zugleich Sympathien entstehen und unterstützt die amüsierende Wirkung. Ähnliches gilt für die vorkommenden Lautmalereien. Ebenso finden sich Interjektionen, welche die Situationen dramatisieren („Doch, weh!“) 26 . Auch Elemente des Bänkelliedes („Seht“) 27 , welche eine Aufforderung darstellen den Blick auf die Zeichnungen zu
22 Die gar traurige Geschichte mit dem Feuerzeug, Strophe 2, 4 und 6.
23 Lypp, Maria: Die Kunst des Einfachen in der Kinderliteratur. In: Günter Lange (Hrsg.): Taschenbuch
der Kinder- und Jugendliteratur. Bd. 2. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren, 2000.
S.834.
24 Die Geschichte vom bösen Friederich, Strophe 2 und 3.
25 Könneker, Marie-Luise: Dr. Heinrich Hoffmanns „Der Struwwelpeter“. Untersuchungen zu
Entstehungs- und Funktionsgeschichte eines bürgerlichen Bilderbuchs. Stuttgart: Metzler, 1977. S.94.
26 Ebd. Die gar traurige Geschichte mit dem Feuerzeug, Strophe 5.
27 Ebd. Die Geschichte vom Zappel-Philipp, Hans Guck-in-die-Luft, fliegenden Robert.
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Kerstin Lammer, 2010, Komik in der Kinderliteratur - Eine Betrachtung des Komischen im "Struwwelpeter" und in "Max und Moritz", München, GRIN Verlag GmbH
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