I.
Im wirklichen Leben ist “Vater Rhein” heute ein Clubhotel, rechtsrheinisch zwischen Linz und Neuwied am Rhein gelegen, gegenüber von Bad Breisig zwischen Remagen und Andernach.
Das weiß ich aus dem Netz. Über das ich mehr erfahren und bei Bedarf per Mail bei "info@vater-rhein.de” reservieren lassen könnte.
Damit sind wir aktuell und alltäglich mittendrin. Nicht im Rhein. Doch sowohl in der virtuellen wie reellen Wirklichkeit des heutigen Rheins. Der beides zugleich ist: Wirklich und unwirklich, Mythos und Realität, historische Virtualität des Mythos und aktuelle Realität des “word wide web”. Und wer immer diesertage nur mal die Schlüsselmetapher “Mythos Rhein” abgoogelt -also die Suchmaschine dieses Namens strategisch nutzt- müsste 100 online-Hinweise erhalten...bei “Vater Rhein” sind es 2.210 Netzfundstellen.
Der reale Rhein - fluvius Rhenus - war und ist ein Fluss. Kein plätschernder Bach. Kein reißender Strom. Er fließt etwa 1.320 km von der graubündner Quelle bei Schloss Reichenau bis zur Mündung nahe dem niederländischen Rotterdam, vornehmlich durch Deutschland und markiert als “Nationalsymbol” die Grenze zwischen diesem und Frankreich. Zugleich ist “Vater Rhein” Namenspatron zweier deutscher Bundesländer: Rheinland-Pfalz, das ihn als “romantischen Rhein”, zweihundert Jahre nach seiner Entdeckung, Ende Juni 2002 als weltweites UNESCO-Erbe feierte. Und Nordrhein-Westfalen mit dem antipreußischen Rheinland - wobei beide Bundesländer auch zum Rhein Besonderheiten aufweisen: Rheinland-Pfalz als Weinland mit weinministerieller Landesregierung, der größten Rheininsel Niederwerth, einem Dorf zwischen den beiden Rheinarmen nördlich von Koblenz und im Nordzipfel Rolandseck mit berühmten Bahnhofstoiletten, möglicherweise dort bald auch ein noch berühmteres Museum[1]. Nordrhein-Westfalen mit dem NZK/Narrenzentrum Köln[2], dessen antipodischer Landeshauptstadt Düsseldorf und einem knappen Drittel (28 von 89) aller Rheinbrücken in Deutschland; im NRW-Süden jene -angeblich- so “kleine Stadt am Rhein” (John le Carré), die faktisch fünf Jahrzehnte Bundeshauptstadt war, nun Bundesstadt ist und dem Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll (1917-1985) zufolge zwischen
Weintrinkern im Süden und Schnapstrinkern im Norden liegt...
II.
Das Rheinische also, das, wie der Rhein selbst, immer zwei Seiten hat: Linksrheinisch und/versus rechtsrheinisch, letztere kölsch “schääl sick” genannt. Weniger tümelnd mit Ernst Bloch (1885-1977) veranschaulichbar in der Konkurrenz zwischen dem industriebürgerlichrechtsrheinischen Mannheim und dem chemieproletarisch-linksrheinischen Ludwigshafen[3]. Zugleich verläuft die mit dem Rhein als Fluss markierte “natürliche” Grenze nicht nur etwa zwischen dem deutschen Kehl und dem französischen Strasbourg oder zwischen Frankreich und Deutschland. Sondern soll auch die zwischen Teutonen und Galliern, leichter und ernster Lebensart meinen:
“Ein echter deutscher Mann mag keinen Franzen leiden, doch ihre Weine trinkt er gern” -lässt Johann Wolfgang Goethe (1749-1832) in Auerbachs Keller einen angetrunkenen Studiosus lallen, nachdem Mephistopheles stichelte:
“Ich tränke gern ein Glas, die Freiheit hoch zu ehren, wenn Eure Weine nur ein bisschen besser wären”[4].
III.
Die Grenze: Sie kann nie hermetisch sein -dies wäre bestenfalls Ideologie, schlimmstenfalls Dystopie- sondern war und ist realhistorisch-empirisch immer durchlässig seis für Menschen seis für Waren und ihre -Händler genannten- Mittler. Auch dies wird am Rhein deutlich: Carl Zuckmayer (1896-1977) hat seinen dubiosen Helden Harras im “Teufels General” (1946) vom Rhein als Veranschaulichung rheinischer Geschichte, als ethnische Schmelztiegelpraxis, Wiege des Abendlands und zur Verlächerlichung des rassistischen Ariernachweispflicht des Nationalsozialismus sagen lassen [5]:
“Vom Rhein. Von der großen Völkermühle. Von der Kelter Europas ! Und jetzt stellen Sie sich doch mal Ihre Ahnenreihe vor - seit Christi Geburt. Da war ein römischer Feldhauptmann, ein schwarzer Kerl, braun wie ´ne reife Olive, er hat einem blonden Mädchen Latein beigebracht. Und dann kam ein jüdischer Gewürzhändler in die Familie, das war ein ernster Mensch, der ist noch vor der Heirat Christ geworden und hat die katholische Haustradition begründet. - Und dann kam ein griechischer Arzt dazu, oder ein keltischer Legionär, ein Graubündner Landsknecht, ein schwedischer Reiter, ein Soldat Napoleons, ein desertierter Kosak, ein Schwarzwälder Flözer, ein wandernder Müllersbusch vom Elsass, ein dicker Schiffer aus Holland, ein Magyar, ein Pandur, ein Offizier aus Wien, ein französischer Schauspieler, ein böhmischer Musikant - das hat alles am Rhein gelebt, gerauft, gesoffen und gesungen und Kinder gezeugt -und-und der Goethe, der kam aus demselben Topf, und der Beethoven, und der Gutenberg, und der Matthias Grünewald, und - ach was, schau im Lexikon nach. Es waren die Besten, mein Lieber ! Die Besten der Welt ! Und warum ? Weil sich die Völker dort vermischt haben. Vermischt - wie die Wasser aus Quellen und Bächen und Flüssen, damit sie zu einem großen, lebendigen Strom zusammenrinnen. Vom Rheindas heißt: vom Abendland.” [6]
IV.
Gegenüber diesem historischen Bogenschlag nimmt sich der neuzeitliche Mythos vom “Vater Rhein” bescheiden/er aus - greift dieser doch nur zwei Jahrhunderte zurück, genauer: Auf die deutsche Romantik als durch Weltschmerz, Sehnsucht und Verlangen gekennzeichnete Literarizität zu Beginn des 19. Jahrhundert. Der Rhein bot sich an als Projektionsobjekt oder Emotionscontainer für diese subjektiven Gefühlswelten und ästhetische Deutungen und wurde, anthropomorphisiert als “Vater Rhein”, entsprechend vernutzt von Clemens Brentano (1778-1842) - aus Ehrenbreitstein -, der gemeinsam mit seinem “Herzbruder” und Mitherausgeber der dreibändigen Volksliedsammlung “Des Knaben Wunderhorn” (1806-1808), Achim v. Armin (1781-1831), 1802 den Rhein bis Koblenz bereiste und später seine “Märchen vom Rhein” zur Stilisierung des Mittelrheins im “Rheinmärchen” mit seinem “Vater Rhein” schuf ... wobei unsre Romantiker immerhin anschließen k onnten an so
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Dr. Richard Albrecht, 2003, “VATER RHEIN” - Über einen Fluss als Mythos, Munich, GRIN Publishing GmbH
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