1. Problemstellung
Die zunehmende Globalisierung sowie eine daraus resultierende dynamische Wirtschaft führen zu stetig steigenden Anforderungen, beispielsweise Flexibilität, von Seiten des Arbeitsmarktes. Entsprechend steigt die Nachfrage nach höheren Bildungsabschlüssen einerseits, andererseits wird die Kluft zwischen den verschiedenen Schichten der Bildungsnachfrager immer größer und daher sollen die Integration dieser Jugendlichen sowie die Chancengleichheit aller ebenfalls sichergestellt werden 1 . Zusätzlich rückten länderübergreifend anerkannte Qualifikationen ins Zentrum des Interesses, dem die Maastrichter Erklärung im Dezember 2004 mit dem Europäischen Qualifikationsrahmen nachkam: Der EQR verfolgt die „Vorstellung eines einheitlichen europäischen Bildungsraums mit uneingeschränkten Möglichkeiten der Mobilität von Personen auf freien Arbeits- und Bildungsmärkten. 2 “ Aktuell ist Ähnliches im Rahmen des Nationalen Qualifikationsrahmen (NQR) im Gespräch 3 . Betrachtet man die Länder Deutschland, Österreich und Frankreich, so findet man heute nicht nur ähnliche, aber auch ganz unterschiedliche Qualifikationswege und Zertifikate, sondern es fällt auf, dass sich alle drei Bildungssysteme aufgrund von historischen Entwicklungen herausgebildet haben. Vor diesem Hintergrund ist es gar nicht möglich „uneingeschränkte Mobilität“ zu erreichen: Gerade die Bildungsgeschichte und Mentalität der Franzosen gegen- über den Österreichern oder auch Deutschen ist so unterschiedlich, dass beispielsweise das duale System, wie es in Deutschland besteht, in Frankreich noch nicht implementiert werden konnte. Gleichzeitig bleibt fraglich, ob eine Vereinheitlichung überhaupt wünschenswert ist.
Diese Arbeit soll weniger auf die kritische Betrachtung der verschiedenen Qualifikationsrahmen eingehen, als vielmehr vor diesem aktuellen Hintergrund grundsätzlich die Möglichkeiten aber auch Grenzen des österreichischen wie auch französischen vollzeitschulischen Berufsbildungssystems darstellen. Solch eine Gegenüberstellung ist ebenfalls nützlich um die Vorzüge aber auch Baustellen des eigenen Berufsbildungssystems kritischer zu reflektieren und nicht Gefahr zu laufen, jedem „Trend“ nachkommen zu wollen. Im Folgenden wird daher nach Beschreibung der historischen Entwicklung des jeweiligen Bildungssystems zuerst kurz auf das gesamte, im besonderen das berufsbildende Bildungssystem eingegangen, um darin anschließend die vollzeitschulische Berufsbildung der beiden Länder im einzelnen zu platzieren. Nachfolgend werden die beiden Bildungssysteme anhand spezifischer Faktoren einander sowie Deutschland gegenüber gestellt.
1 Koch (1998), S. 14f
2 Deißinger (2009), S. 1
3 Hanf/ Rein (2007), S. 1ff
1
2. Das österreichische Berufsbildungssystem
2.1 Historischer Hintergrund
Die Ursprünge der Lehre, und somit letztendlich auch der beruflichen Ausbildung, gehen bis auf das Zunftwesen im Mittelalter zurück: Die Lehre wurde in den handwerklichen Betrieben entwickelt um den Nachwuchs im (Familien-)Betrieb zu sichern 4 . Während der Industrialisierung Mitte des 18. Jahrhunderts wurden die Zünfte von Genossenschaften ersetzt und mit der damit einhergehenden Gewerbefreiheit abgeschafft 5 .
Mit der Schaffung der „K.k. Commerical Zeichnungsakademie“ wurde 1758 die erste berufsbildende Schule in Wien gegründet 6 . 1770 wurde mit der „K.k. Real-Handlungs-Academie“ durch Kaiserin Maria Theresia das kaufmännische Bildungswesen ins Leben gerufen 7 . Die Idee für eine realistischer ausgerichtete Bildung stammte vom Mathematiker Johann Georg, der allerdings bei der Ausführung seines Vorhabens zuvor zweimal gescheitert war 8 . Nur vier Jahre später wurde die allgemeine Schulpflicht eingeführt und folglich auch das öffentliche Schulwesen 9 . 1857 errichteten Großkaufleute und Industrielle spezielle höhere Schulen „in denen deren Söhne, fallweise auch andere fähige junge Menschen, zur Führung von Groß-handelsbetrieben und kaufmännischen Leitung von Industriebetrieben herangebildet werden sollten. 10 “ Bis dahin war der Besuch der höheren Schule ein kostspieliges Unterfangen oder schlichtweg nicht möglich, da Familien ihre Söhne zur beruflichen höheren Bildung nur nach Paris (1830) und Leipzig (1831) auf elitäre Schulen schicken konnten 11 . Die noch heute teilweise existierenden Privatschulen gehen also ebenfalls auf die Geschichte und die Initiativen von Interessenkreisen zurück. Anschließend, 1869, entwickelte Freiherr von Dumreicher ein Konzept für ein berufsbildendes Schulwesen, welches bereits viele der heutigen Aspekte enthielt 12 .
Bis nach dem ersten Weltkrieg hatten sich zwar im kaufmännischen Bereich weitere Schulen entwickelt, allerdings befanden sich viele noch in privaten Händen 13 und waren zudem als Weiterbildungsmaßnahme von Arbeitstätigen und daher in Form von Teilzeitschulen organisiert 14 . Erst nach dem zweiten Weltkrieg machte das berufsbildende Schulwesen Fortschritte in Richtung der Struktur, wie wir sie heute kennen: Bei den „ „Ischgler Tagungen“ wurde die
4 Rothe (2001), S. 221
5 ebenda, S. 141, 221
6 Dorninger/ Lauterbach/ Neubert (2003), S. 20-A
7 Schermaier (1999), S. 113
8 ebenda
9 Rothe (2001), S. 222
10 Schermaier (1999), S. 116
11 ebenda; Dorninger/ Lauterbach/ Neubert (2003), S. 20-A
12 Dorninger/ Lauterbach/ Neubert (2003), S. 20-A
13 Schermaier (1999), S. 108
14 ebenda, S. 28
2
Dreigliederung der nun möglichen Ausbildung - Allgemeinbildung und damit allgemeiner Universitätszugang, fachtheoretische Ausbildung und fachpraktische Ausbildung in praxisgerechten schulischen Werkstätten 15 “ beschlossen. Zudem wurden viele neue Schulen gegründet und bereits bestehende Schulen vom Bund, vor allem im gewerblich-technischen Bereich, übernommen 16 . Es waren die sogenannten „Bregenzer Empfehlungen“, bei welchen 1954 zum ersten Mal „Landesschulinspektoren, Fachinspektoren und Direktoren der Handelsakademien, Handelsschulen und kaufmännischen Berufsschulen 17 “ zusammen kamen und Änderungsvorschläge zur Verbesserung des Schulsystems erarbeiteten. Die hier entwickelten Konzepte wirkten sich auf das 1962 formulierte Schulorganisationsgesetz aus 18 : Zum einen schrieb die Verordnung eine einheitliche Ausbildung, die bis dahin noch nicht geregelt und daher nach individuellen Lehrplänen stattgefunden hatte, in ganz Österreich vor, zum anderen diente sie dem Abbau von „Bildungssackgassen“ und der Gestaltung der Durchlässigkeit von den Hauptschulen zu den mittleren und höheren berufsbildenden Schulen 19 . Im gleichen Jahr wurde mit dem Privatschulgesetz eine „Rechtsgrundlagen für die Errichtung und Erhaltung privater Unterrichtsanstalten“ geschaffen 20 . „1988 hatten die Reifeprüfungszahlen der BHS die der AHS (=allgemeinbildende Schulen oder Gymnasien) egalisiert. 21 “ Eine Reform im Jahr 1994 betonte neben der fachlichen auch die Bedeutung der sozialen und methodischen Kompetenzen, integrierte die EDV, wenn auch noch ohne Internet, und rief die Durchführung von Übungsfirmen ins Schulleben 22 . 2003 erschienen erneut neue Lehrpläne mit beispielsweise „IT-Bezug“, d.h. wieder mit entsprechender Anpassung an die Veränderungen der Zeit. Die letzte Anpassung des Schulorganisationsgesetzes von 1962 an die moderne Lebenswelt fand im Jahre 2008 statt 23 .
2.2 Die Struktur des österreichischen Bildungswesens
Mit dem Alter von sechs Jahren beginnt in Österreich eine neunjährige Schulpflicht 24 , die in den ersten acht Jahren durch den Besuch allgemeinbildender Schulen erfüllt wird: Nach vierjähriger Volksschule besteht die Wahlmöglichkeit zwischen der Hauptschule und der allgemeinbildenden höheren Schule (AHS) 25 . Nach dem Besuch der vierjährigen Hauptschule, die hier anders als in Deutschland keine „Restschule 26 “ sondern eine Regelschule darstellt, oder nach vierjährigem Besuch der AHS besteht zum ersten Mal die Möglichkeit einen beruflichen
15 Dorninger/ Lauterbach/ Neubert (2003), S. 21-A
16 ebenda; Schermaier (1999), S. 106
17 Schermaier (1999), S. 107f
18 ebenda
19 ebenda, S. 130
20 ebenda, S. 25f
21 Dorninger/ Lauterbach/ Neubert (2003), S. 21-A
22 Gramlinger (2005), S.97
23 BM:UKK (2008/ 2009), Bundesgesetz vom 25. Juli 1962 über die Schulorganisation
24 Gramlinger (2005), S. 80
25 ebenda
26 Schneider (1997), S. 5
3
Bildungsweg einzuschlagen 27 . Derzeit ermöglicht auch die Neue Mittelschule (NMS) die vierjährige Sekundarstufe I (die in Österreich die Schuljahre 5 bis 8, in Deutschland hingegen die Schuljahre 5 bis 9 umfasst 28 ) erfolgreich zu absolvieren; der Modellversuch soll die frühe Trennung von Kindern hinsichtlich ihrer Berufskarriere vermeiden 29 . Für das Erfüllen der nun noch einjährig verbleibenden Schulpflicht, vorausgesetzt der Schüler hat bisher kein Schuljahr wiederholen müssen, bestehen nun mehrere Möglichkeiten: Das verbleibende Jahr kann durch den Besuch einer Polytechnischen Schule oder einem einjährigen Besuch einer berufsbildenden mittleren Schule absolviert werden um anschließend eine duale Ausbildung zu beginnen. Gleichzeitig besteht natürlich auch die Möglichkeit über die Schulpflicht hinaus eine weiterführende Schule zu besuchen: Das österreichische Bildungssystem weist eine „4+4+4(5)-Grundstruktur“ auf 30 . Es existieren keine Realschulen, die eine mittlere Reife, wie beispielsweise in Deutschland, zertifizieren 31 . (Eine detaillierte Darstellung des Österreichischen Bildungssystems befindet sich im Anhang, Abbildung 1.)
Für das allgemeine wie auch das berufliche Bildungssystem gilt eine Differenzierung der Zuständigkeiten: Zwar liegt die Kompetenz für die Gesetzgebung und die Verwaltung des Bildungssystems grundsätzlich beim Bund, allerdings liegen in der Praxis auch viele Kompetenzen bei den Ländern 32 . Für die Lehrabschlussprüfung sind beispielsweise die Landeskammern zuständig. Außerdem scheint insgesamt eine enge Zusammenarbeit mit den verschiedenen Unternehmen zu bestehen, welche aus beidseitigem (schulischem und betrieblichem) Interesse beruht.
2.3 Die berufliche Erstausbildung in Österreich
2.3.1 Allgemeiner Überblick
Die oben bereits kurz erwähnte Polytechnische Schule dauert ein Jahr und ist als „Bindeglied“ zwischen der Sekundarstufe I und der dualen Ausbildung gedacht 33 . Die Schüler werden hier durch Allgemeinbildung, Berufsorientierung und Berufsgrundbildung auf das Berufsleben vorbereitet 34 . Einen positiven Abschluss dieser Schule können sich die betroffenen Schüler an der mittleren Schule anrechnen lassen und damit dort ohne Zeitverlust in die zweite Klasse der entsprechenden Fachrichtung einsteigen. Ebenfalls entfällt die Aufnahmeprüfung um Zugang zu einer berufsbildenden höheren Schule zu erhalten 35 . Allerdings wird diese Bildungsoption, ähnlich wie das BVJ in Deutschland, eher als „Sammelbecken“ für leis-
27 Lassnig(1998), S. 81
28 Gramlinger (2005), S. 80
29 BM:UKK (2008/ 2009), Modellversuche Neue Mittelschule
30 Aff (2006), S. 125
31 ebenda
32 Dorninger/ Lauterbach/ Neubert (2003), S. A-13
33 BM:UKK (2008/2009), Polytechnische Schule
34 ebenda
35 BM:UKK (2008/2009), Polytechnische Schule
4
tungsschwache Schüler betrachtet, da deren Zugang keinen erfolgreichen Abschluss und auch keine Aufnahmeprüfung voraussetzt 36 . Selbst wenn daher im Anschluss an die Schulpflicht eine berufliche Ausbildung im dualen System angestrebt wird, so bevorzugen die Eltern trotzdem ihre Kinder für ein Jahr auf eine mittlere oder höhere berufsbildende Schule zu schicken 37 .
Die beruflichen Vollzeitschulen, die im Folgenden noch ausführlicher betrachtet werden, treten vor allem in Konkurrenz zur dualen Ausbildung, der Verknüpfung der beiden Lernorte Betrieb und Schule. Zwar teilen Deutschland und Österreich das Entstehen der Lehre aus dem Handwerk 38 , trotzdem weisen die beiden Länder in der dualen Ausbildung bemerkenswerte Unterschiede auf: Während in Deutschland Ausbildungsberufe wie Bankkaufmann/frau oder Versicherungskaufmann/-frau größtenteils von Abiturienten wahrgenommen werden, ist eine Lehre für einen Hochschulberechtigten in Österreich mit 1 % (zum Vergleich Deutschland: 15 %) völlig unüblich 39 . In Deutschland beträgt der Anteil des dualen Systems 67 % am gesamten Ausbildungsmarkt, wohl auch wegen der fehlenden Alternative, in Österreich dagegen fällt dieser mit nur 40 % wesentlich geringer aus 40 . In Österreich ist das duale System vergleichsweise einer großen Konkurrenz durch die berufsbildenden Vollzeitschulen ausgesetzt, die unter anderem ebenfalls rechtliche, den Lehrausbildungen gleichgestellte, Abschlüsse ermöglicht 41 .
Im Anschluss an die Sekundarstufe II ermöglichen verschiedene Wege, sei es direkt nach der berufsbildenden Schule durch eine Hochschulreife oder beispielsweise nach einer Berufsreifeprüfung, in ein Studium überzugehen. Universitäten und seit den 90iger Jahren auch Fachhochschulen oder Kollegs bieten eine Vielzahl von attraktiven Weiterbildungsmöglichkeiten und Studiengängen 42 .
2.3.2 Vollzeitschulische Ausbildung
Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich in Österreich ein positiv herausragendes, in sich gegliedertes Berufsbildungssystem, welches technische, gewerbliche und kunstgewerbliche sowie kaufmännische Schulen, humanberufliche Schulen als auch land- und forstwirschaftliche Schulen umfasst 43 . Die jeweiligen Abschlüsse der mittleren und höheren Schulen schließen mehrere Ausbildungsberufe ein, beispielsweise entspricht der Abschluss einer technischen Berufsschule mehreren Ausbildungsabschlüssen der Handwerkliste 44 . Die in vielerlei Hinsicht differenzierte Gestaltung des (vollzeitschulischen) Berufsbildungssystems trifft, auch
36 Dorninger/ Lauterbach/ Neubert (2003), S, A-27; Rothe (2001), S. 157
37 Dorninger/ Lauterbach/ Neubert (2003), S. A-27
38 Gramlinger (2005), S. 82
39 Schneider (1997), S. 3, 7
40 Aff (2006), S. 136; Gramlinger (2005), S. 85
41 Rothe (2001), S. 160; Schneider (1997), S. 7
42 Rothe (2001), S. 164
43 Gramlinger (2005), S. 85; Rothe (2001), S. 421
44 Schneider (1997), S. 7
5
im Vergleich zum allgemeinbildenden Gymnasium, auf entsprechende Resonanz bei den Jugendlichen: Die berufliche Sekundarausbildung wird von 80% aller Schüler und Schülerinnen wahrgenommen, davon entscheiden sich 43% für eine vollzeitschulische Ausbildung: Der Besuch einer Vollzeitschule scheint somit auch attraktiver als eine duale Ausbildung (37%) 45 . Innerhalb der beruflichen Vollzeitschulen wiederum entscheiden sich rund 60% für die wirtschaftliche und 40% für die technisch-gewerbliche Sparte 46 . Die Option der beruflichen Vollzeitschule eröffnet beispielsweise für einen Schüler aus der Hauptschule die Möglichkeit das neunte Schuljahr in einer berufsbildenden höheren Schule zu absolvieren sowie viele weitere Karrierechancen: Nach dem Absolvieren der BHS kann der Schüler zwischen einem Studium oder einem Direkteinstieg in die Arbeitswelt wählen 47 . Sollte sich der Besuch der berufsbildenden höheren Schule als nicht erfolgreich erweisen, kann der Schüler in den ersten drei Jahren ohne Zeitverlust, da die Schulen inhaltlich sehr ähnliche Lehrpläne verfolgen, auf eine berufsbildende mittlere Schule wechseln 48 . Hierzu muss er meist seine gewohnte Schulumgebung nicht verlassen, da die beiden Schulen häufig an einem gemeinsamen Standort angesiedelt sind. Möchte der Schüler dagegen eine duale Ausbildung beginnen, so kann er auch direkt die berufsbildende mittlere Schule besuchen und hat, verglichen mit dem polytechnischen Bildungsgang, bessere Voraussetzungen 49 .
Nach dem Absolvieren der AHS Unterstufe oder der Hauptschule eröffnen sich den Jugendlichen damit drei berufsorientierte Wege: Neben der Lehre im dualen System besteht die Möglichkeit einer Berufsausbildung in einer vollzeitschulischen berufsbildenden mittleren Schule oder einer berufsbildenden höheren Schule, hier in Kombination mit dem Abitur 50 .
2.3.2.1 Vollzeitschulische Berufsbildung ohne Hochschulzugangsberechtigung Die berufsbildenden mittleren Schulen (BMS) dauern ein- bis vier Jahre 51 : Eine Ausbildungsdauer von ein- bzw. zwei Jahren vermittelt eine teilweise Berufsausbildung, eine Ausbildungsdauer von drei bzw. vier Jahren eine abgeschlossene Qualifikation 52 . Die vollzeitschulische abgeschlossene Ausbildung einer BMS steht mit der Lehre zu einem Facharbeiter bzw. einem mittleren Angestellten 53 auf einer gemeinsamen Stufe; allerdings ist die vollzeitschulische Ausbildung wesentlich breiter gefächert und daher auf ganze Berufsgruppen ausgerichtet, wohingegen die Lehre fachlich enger ausgerichtet ist 54 . BMS gibt es unter anderem
45 Aff (2006), S. 126
46 ebenda
47 Gramlinger (2005), S. 87
48 ebenda
49 Lassnig (1998), S. 104f
50 Rothe (2001), S. 162
51 ebenda, S. 421
52 BM:UKK (2008/2009), Berufsbildende Mittlere Schulen
53 Dorninger/ Lauterbach/ Neubert (2003), S. 38-A
54 Gramlinger (2005), S. 85f; Rothe (2001), S. 158, 161, 285ff
6
in den Bereichen Maschinenbau, Elektrotechnik, Glas sowie Handel oder sie ermöglichen die Kombination zweier Bereiche, beispielsweise Hauswirtschaft mit einem kaufmännischen Beruf 55 .
Vollqualifizierte Absolventen der BMS haben die Möglichkeit die Meisterprüfung abzulegen oder anhand von Aufbaulehrgängen das Bildungsziel der nächsthöher gelegenen Stufe, der berufsbildenden höheren Schule, zu erreichen 56 : Ein zweijähriger Aufbaulehrgang am Kolleg ermöglicht dem BMS Absolventen nach bestandener Reifeprüfung das Erreichen des Bil-dungsstandes der BHS 57 .
Grundsätzlich existieren seit 1997 keine Aufnahmeprüfungen mehr für den Besuch einer BMS 58 . Allerdings müssen Schüler bei Bildungsgängen mit besonderen Anforderungen im künstlerischen oder sportlichen Bereich eine Eignungsprüfung sowie Schüler der schwächsten Leistungsgruppe der Hauptschule eine Aufnahmeprüfung in den Fächern Deutsch, Englisch oder Mathematik ablegen um Zugang zu den BMS zu erhalten 59 .
2.3.2.2 Vollzeitschulische Berufsbildung mit Hochschulzugangsberechtigung Die berufsbildende höhere Schule (BHS) gilt in Österreich laut einer Presseumfrage als der beliebteste Bildungsgang der Sekundarstufe II 60 . Die Gründe hierfür liegen offensichtlich an der polyvalenten Ausrichtung des Bildungsganges und der damit einhergehenden Aussicht auf eine zu erlangende Doppelqualifikation.
Mit „polyvalent“ ist die Kombination aus allgemeiner und berufsbezogener Bildung gemeint: „die integrierte Vermittlung einer umfassenden Allgemeinbildung und einer höheren kaufmännischen Bildung, die sowohl zur Ausübung von Berufen in allen Zweigen der Wirtschaft und Verwaltung als auch zum Studium an Akademien, Fachhochschulen und Universitäten befähigt. 61 “ Dementsprechend schreibt der Pflichtlehrplan für die Schulpraxis ungefähr 40% berufsorientierte und 60% allgemeinbildende Unterrichtsinhalte vor 62 . Gleichzeitig zielt die obige Definition auch bereits auf die Doppelqualifikation ab: Die Jugendlichen nehmen gerne eine um ein Jahr längere Schulzeit (4+4+5 statt 4+4+4) in Kauf um anschließend eine arbeitsrechtlich facheinschlägige abgeschlossene berufliche Lehrausbildung und gleichzeitig eine uneingeschränkte Hochschulreife zu besitzen 63 . Damit unterscheidet sich Österreich deutlich von Deutschland: Das BHS tritt in starke Konkurrenz zu dem dualen Ausbildungs-
55 Dorninger/Lauterbach/ Neubert (2003), S. 39-A
56 Rothe (2001), S. 161
57 Schermaier (1999), S. 14f
58 ebenda, S. 159
59 BM:UKK (2008/2009), Berufsbildende Mittlere Schulen
60 Rothe (2001), S. 277
61 BGBl. (1994), S. 6583, in: Schneider (1997), S. 13
62 Schneider (1997), S. 13
63 Gramlinger (2005), S. 86; Schneider (1997), S. 6
7
system wohingegen in Deutschland derzeit noch keine Möglichkeit zur Erlangung einer solchen staatlich anerkannten Doppelqualifikation besteht 64 .
Die Doppelqualifikation ermöglicht entweder einen Direkteinstieg in die Arbeitswelt oder ein anschließendes Studium. Sie bietet daher gerade bildungsferneren Schichten die Möglichkeit einen hohen Bildungsgrad zu erreichen ohne unbedingt die schwer kalkulierbaren Kosten eines Studiums fürchten zu müssen 65 , die nach einem allgemeinen gymnasialen Bildungsgang gewöhnlich anfallen. In Deutschland ist es nicht unüblich, dass man mit einer Hochschulzugangsqualifikation eine duale Ausbildung absolviert; in Österreich ist dies jedoch extrem untypisch und ein zwanzigjähriger Auszubildender käme sich eher deplatziert vor 66 . Wie jedoch gerade ausführlich beschrieben, bietet Österreich mit der Doppelqualifikation hier auch ganz andere und zeitlich knappere Möglichkeiten. Seit kurzem besteht sogar die Möglichkeit mit einem Abschluss auf BHS Niveau an Kollegs den Bachelor in kürzerer Zeit zu erlangen 67 .
Aufnahmeprüfungen sind grundsätzlich für Schüler der unteren Leistungsstufe sowie der mittleren Leistungsstufe der Hauptschule, bei weniger herausragenden Leistungen, verpflichtend; im gewerblichen Bereich müssen Befähigungsnachweisprüfungen entsprechend den Regelungen erbracht werden 68 .
Die Erstausbildungsmöglichkeiten sowie die große Vielfalt an Weiterbildungsmöglichkeiten und die, vergleichen mit Frankreich, bereits verhältnismäßig gut ausgebaute vertikale und horizontale Durchlässigkeit des österreichischen Bildungssystems, schlägt sich in einer generell sehr niedrigen Arbeitslosenquote von in diesem Jahr lediglich 4,5 % (siehe Anhang, Abb. 2) nieder. Österreich steht damit an zweitletzter Stelle vor den Niederlanden. Auch die Jugendarbeitslosigkeit ist mit 9,5 % im Jahr 2004 (siehe Anhang, Abb. 5) relativ gering.
2.4 Probleme des österreichischen Ausbildungssystems
Bei der Strukturierung des österreichischen Schulsystems spielt die Historie eine wichtige Rolle (siehe Kapitel 2.1). Wie in anderen Ländern auch, stellen verschiedene Interessensgruppen unterschiedliche Anforderungen an das Bildungssystem und somit auch an den Bildungskanon. Staat und Wirtschaft sind nur zwei der großen Interessensgruppen, nicht jedoch zu vergessen die Schüler, die möglichst alle nach der Schulpflicht den Anreizen der Weiterbildung erliegen sollten um hohe Arbeitslosenraten in der Zukunft zu vermeiden. Sozialisation, Allgemeinbildung, Berufsvorbereitung sowie Berufsbildung stellen nur eine geringe Auswahl der vielfältigen Anforderungen an ein Bildungssystem dar. Das österreichische Berufsbildungssystem hält durch seine starke Differenzierung bereits verschiedene Möglich- 64 Aff(2006), S. 127
65 ebenda, S. 133f
66 Schneider (1997), S. 17
67 Rothe (2001), S. 163
68 BM:UKK (2008/2009), Berufsbildende Höhere Schulen
8
Arbeit zitieren:
Susanne Metzger, 2009, Vollzeitschulische Berufsbildung in Europa, München, GRIN Verlag GmbH
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