Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Der Nahost-Konfikt und seine Akteure 2
3. Terrorismusbekämpfung aus Sicht der Wissenschaft 4
4. Israels Umgang mit der Hamas 7
5. Fazit 9
6. Literaturverzeichnis 11
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1. Einleitung
1571 Raketen, 1531 Granaten. Abgeschossen im Jahr 2008 vom Gaza-Streifen auf Süd-Israel, mutmaßlich durch die Partei und Terrororganisation Hamas. Sagt das israelische Außenministerium. 1 Ismail Haniyeh, Ex-Ministerpräsident der Palästinensischen Autonomiebehörde und in der Hamas-Führungsetage, sagt: "We in Hamas are for peace and want to put an end to bloodshed." 2
Zwei Konfliktparteien, zwei widersprüchliche Aussagen. Seit Jahrzehnten beschäftigt der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern den Nahen Osten und die Welt. Immer wieder werden Friedensbemühungen durch terroristische Anschläge, Ermordungen, militärische Aktionen oder politische Umschwünge torpediert, jüngstes Beispiel ist der Gaza-Krieg Anfang 2009.
Die vorliegende Arbeit stellt die Frage, ob Israel im Kampf gegen die palästinensische Hamas die richtige Strategie verwendet und ein Friedensschluss realisierbar scheint. Dazu werden zunächst die Historie des Konflikts dargestellt und dessen Akteure vorgestellt. Anschließend soll anhand des aktuellen Forschungsstands und Beobachtung der internationalen Medien unter Berücksichtigung der israelischen Anti-Terror-Strategie erörtert werden, ob diese Taktik erfolgsversprechend ist.
Die Arbeit konzentriert sich auf den Antagonismus Israel-Hamas. Andere Konfliktparteien, wie Syrien oder die palästinensische Partei des Westjordanlandes, Fatah, werden nicht berücksichtigt.
1 Israel Ministry Of Foreign Affairs, The Hamas terror war against Israel, 1. Januar 2009,
2 Ismail Haniyeh, A just peace or no peace, erschienen in: The Guardian Online, 31. März 2006,
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2. Der Nahost-Konflikt und seine Akteure
International verrufene Terrororganisation, Wohltätigkeits-Gesellschaft, beliebteste Partei der Palästinenser - die Hamas hat viele Gesichter. Hauke Friederichs identifiziert die Gruppierung folgendermaßen: "Hamas setzt auf Selbstmordattentäter und Sozialarbeiter, beschießt israelische Siedlungen mit selbst gebauten Raketen und versorgt Palästinenser in Flüchtlingslagern mit Wasser und Brot. Sie entführt israelische Soldaten und baut Schulen." 3 Diese Janusköpfigkeit ist charakteristisch für die Hamas, die erstmals 1987 per Flugblatt in Erscheinung trat. Seitdem agiert sie als Gegenspieler Israels, weigert sich, diesen Staat anzuerkennen und kämpft aktiv gegen ihn und seine Bewohner. 4 Der Name Hamas ist eine Abkürzung, dessen voller Wortlaut übersetzt "Islamische Widerstandsbewegung" bedeutet. 5
Schon 1978, war eine Art Vorgängerorganisation namens "Islamische Vereinigung" gegründet worden. Diese verfolgte vorrangig karitative Zwecke, sah sich selbst als Gegengewicht zur damals aus dem tunesischen Exil operierenden Terrororganisation PLO unter Yasser Arafat und wurde zunächst auch durch die Israelis relativ positiv beurteilt. Im Zuge der ersten Intifada militarisierte sich die nun als Hamas firmierende Bewegung zunehmend und spaltete sich später in einen politischen und militärischen Flügel. 6
Die strikte Ablehnung des israelischen Existenzrechts, so Peter Philipp, resultiert aus der Annahme, nicht nur die durch Israel 1967 eroberten Gebiete seien zu "befreien", sondern ganz Israel. In den Hamas-Statuten, dem "Islamischen Pakt", stehe geschrieben, dass Juden umgebracht werden müssten. Palästina sei ein islamisches Land. 7
An Wahlen in den palästinensischen Autonomiegebieten nahm Hamas, seit 2005 Partei, erstmals 2006 teil und wurde prompt stärkste politische Kraft. Staaten und Staatenbünde wie die Eropäische Union, Kanada, Australien und die USA akzeptieren dies nicht und stufen Hamas als terroristische Vereinigung ein 8 - zwar seien die Wahlen demokratisch verlaufen, doch die strikte anti-israelische Haltung der Hamas verbiete deren Anerkennung. 9
3 Hauke Friederichs, Was ist Hamas?, Zeit Online, 29. Januar 2008
4 Hauke Friederichs, Was ist Hamas?, Zeit Online, 29. Januar 2008
5 Peter Philipp, Hamas und Palästinensischer Islamischer Jihad, Bundeszentrale für politische Bildung, 19. September 2007,
6 Ebd.
7 Ebd.
8 Hauke Friederichs, Was ist Hamas?, Zeit Online, 29. Januar 2008
9 Peter Philipp, Hamas und Palästinensischer Islamischer Jihad, Bundeszentrale für politische Bildung, 19. September
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Die Streitigkeiten zwischen Israel und Hamas, Juden und Anhängern des Islam, fußen nicht nur auf religiösen Differenzen. Neben der grundsätzlichen Frage, ob sich ein jüdischer Staat inmitten des arabischen Nahen Ostens installieren lässt, offenbart schon die pure politische Geographie zahlreiche Probleme. So erklärt Michael Wolffsohn, die nach dem israelischen Unabhängigkeitskrieg 1948/49 entstandenen Grenzen seien gesetzlich nicht verankert wurden. In den folgenden Jahrzehnten ist Israels Landkarte zudem durch Annektionen, wie Ost-Jerusalems 1967 oder der Golan-Höhen 1981, und vor allem durch die Errichtung von Siedlungen in den besetzten Gebieten zunehmend zum Flickenteppich mutiert. 10
Die Kriege, die zu Gebietsveränderungen führten, belasten das jüdisch-arabische Verhältnis in der Region zusätzlich. "[...]1948/49 (Unabhängigkeitskrieg), 1956 (Sinai-Kampagne), 1967 (Sechs-Tage-Krieg), [...] 1973 (Jom-Kippur-Krieg, Krieg gegen die PLO). Das Gefühl, dass Juden bzw. Israelis von anderen Völkern verfolgt werden, verstärkte sich", sagt Wolffsohn. Erstmals 1982 sei mit dem Libanon-Krieg eine israelische Militäraktion von weiten Teilen der eigenen Öffentlichkeit als Angriffskrieg empfunden worden. 11 Gleichzeitig beschreibt Wolffsohn die Erfahrungen der Palästinenser seit der israelischen Staatsgründung als "eine Art Holocaust-Trauma, dessen Fernwirkungen politisch bedeutsam wurdem [...]." In der politischen Psychologie der palästinensischen Araber hätten die Ereignisse 1948/49, 1967 und 1982 "sicherlich den gleichen Stellenwert wie Auschwitz für die jüdischen Israelis". 12
Hamas zieht aus diesem vielschichtigen Konfliktpotential heraus seit nunmehr über zwei Jahrzehnten Antrieb für terroristische Aktivitäten. Die Beständigkeit der Gruppe resultiert dabei nicht zuletzt aus ihrer Fähigkeit, die politische und gesellschaftliche Situation mobilisierend zu deuten. "Terrorist groups like Hamas and Hizballah have been extraordinarily succesful in exploiting social conditions to win adherents", sagt Louise Richardson. 13 Nicht zuletzt dadurch ist der palästinensische Widerstand gegen die militärisch weit überlegenen Israelis seit so vielen Jahren möglich.
2007,
10 Michael Wolffsohn, Israel, 7. Auflage, Wiesbaden, 2007, S. 14-34.
11 Michael Wolffsohn, Israel, 7. Auflage, Wiesbaden, 2007, S. 36
12 Ebd., S. 38. Hierzu ist zu sagen, das Michael Wolffsohn, Professor an der Münchner Bundeswehr-Universität, durchaus umstritten ist. Negative Reaktionen provozierte sein Antisemitismus-Vorwurf an Franz Müntefering während der "Heuschrecken-Debatte" und seine Aussage, im Kampf gegen Terrorismus sei Folter ein legitimes Mittel. Vergleiche hierzu: Stern Online, Konsequenzen für Wolffsohn gefordert, 4. Mai 2005,
13 Louise Richardson, What Terrorists Want - Kernthesen des Vortrags von Louise Richardson anlässlich der Präsentation ihres gleichnamigen Buches am 4. Juli 2007 im Dachsaal der Urania, Wien,
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3. Terrorismusbekämpfung aus Sicht der Wissenschaft
Mit dem ersten Aufkommen des politischen Terrorismus in den 1970er Jahren begann die Suche nach Möglichkeiten, der Bedrohung wirksam entgegenzutreten. In der Wissenschaft offenbart sich dabei ein Problem, das Ekkart Zimmermann bereits im größeren Zusammenhang der gesamten Terrorismus-Forschung angeprangert hat: Die Liste ergiebiger Theorien auf diesem Gebiet ist kurz. 14 So war es die politische Klasse, die Richtung und Deutungshoheit bei der Terrorismusbekämpfung übernahm - auch bedingt durch die notwendige zeitliche Verzögerung einer jeden fundierten wissenschaftlichen Theorie in Bezug auf das erstmalige Auftreten des untersuchten Objekts.
Seit den Anschlägen des 11. September 2001 in den USA hat in diesem Kontext, vorrangig geprägt durch den damaligen US-Präsidenten George W. Bush, die Phrase des „war on terror“ Konjunktur. Der Krieg gegen die Terroristen sei, so Bush, eine neuzeitliche Analogie zu den „großen Schlachten“ des 20. Jahrhunderts zwischen Totalitarismus sowie Demokratie und mit dem zweiten Weltkrieg vergleichbar. 15 Mit entsprechenden Mitteln, nämlich militärischen, wird der Kampf von US-Administration und Verbündeten wie Großbritannien, Deutschland oder Israel (zum Teil mit Unterstützung der Vereinten Nationen 16 ) an Schauplätzen wie Afghanistan, dem Irak und eben den Palästinensergebieten auch ausgefochten.
In der Terrorismus-Forschung gibt es gegen diesen Ansatz teilweise starken Widerspruch. So sagt Louise Richardson: „I am convinced that when the history of these years is written the declaration of a war on terrorism will be seen to have been a colossal mistake.“ 17 Die Harvard-Politologin sieht die kriegerische Auseinandersetzung mit Terroristen eher als zusätzliches ins Feuer gegossene Öl. „Declaring a war on terrorism“, so Richardson, „is playing directly into their hands.“ 18
Sie argumentiert, dass alle Terroristen zumindest drei Ziele teilen: Rache, Ruhm und das
14 Ekkart Zimmermann, Forms an Causes of Political Terrorism: What Do We Know?, Paper presented at the Meeting of the European Public Choice Society in Jena, 27.-30. März 2008.
15 BBC News, Bush: War on terror 'like WWII',
16 Vereinte Nationen, Resolution 1373 vom 28. September 2001, in: Resolutionen und Beschlüsse des Sicherheitsrates 1. Januar 2001 - 31. Juli 2002, Offizielles Protokoll, S. 316-319,
17 Louise Richardson, What Terrorists Want - Kernthesen des Vortrags von Louise Richardson anlässlich der Präsentation ihres gleichnamigen Buches am 4. Juli 2007 im Dachsaal der Urania, Wien,
18 Ebd.
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Provozieren einer Reaktion. Kriegerische Aktionen gegen Terroristen würden all diese Bedürfnisse bedienen: Sie liefern Grund für Rache, lenken die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die Terroristen und zeigen, dass sich politische Handlungsträger tatsächlich zu Handlungen drängen lassen. Ob diese Reaktionen aus Sicht der Terroristen positiver Art sind, sei dabei egal, so Richardson. „So long as there is a reaction the terrorist purpose is served.“ 19 Der Krieg gegen den Terror verschaffe den Terroristen zudem - aus Sicht der vom Terrorismus bedrohten Staatenunerwünschte Aufmerksamkeit. „When the most powerful countries in the world declare a war on what was, after all a motley collection of extremists living under the protection of one of the most impoverished countries in the world, they elevate the stature of these terrorists to a height of which they could have only dreamt.“ 20
Das Ziel defensiver Kriegsführung müsse sein, dem Feind die Möglichkeit zu nehmen, seine Ziele zu erreichen. "But by declaring war on terrorism we conceded the very obejectives they were trying to achieve: revenge renown and reaction and thereby ensure that it was a war we could not win", so Richardson. 21
Sie schlägt eine alternative Strategie zur Terrorismusbekämpfung vor: "Containing the threat from terrorism." Dies sei, so Richardson, durch sechs Grundsätze möglich, die sich aus der Erfahrung jener demokratischer Staaten ergeben hätten, die dem Terrorismus erfolgreich entgegengetreten seien. Diese Grundsätze sind: Ein defensives und erreichbares Ziel verfolgen; den eigenen Prinzipien treu bleiben; über den Feind Bescheid wissen; Terroristen von ihren Gemeinschaften und Netzwerken trennen; Verbündete suchen; Ruhe und stets die eigene Perspektive bewahren. "Ultimately our democracy cannot be derailed by someone placing a bomb in our midst. It can only be derailed if conclude that it is inadequate to protect us", erklärt Richardson. 22
Ekkart Zimmermann bringt in seiner Analyse einen Mittelweg ins Spiel. Platziere ein Staat sein anti-terroristisches Verhalten zwischen den Extremen "under-reaction" und "over-reaction", ständen die Chancen der Terroristen in den meisten Fällen schlecht. 23 Ausnahmefälle seien allerdings
19 Louise Richardson, What Terrorists Want - Kernthesen des Vortrags von Louise Richardson anlässlich der Präsentation ihres gleichnamigen Buches am 4. Juli 2007 im Dachsaal der Urania, Wien,
20 Ebd.
21 Ebd.
22 Ebd.
23 Ekkart Zimmermann, Forms an Causes of Political Terrorism: What Do We Know?, Paper presented at the Meeting of the European Public Choice Society in Jena, 27.-30. März 2008.
Seite 7
nationalistische, anti-ausländische und -koloniale terroristische Bewegungen. 24 Nimmt man die zuvor erläuterten Motive der Hamas zur Hand, lassen sie sich durchaus in dieses Raster einsetzen.
Eine interessante Untersuchung hat der indische Politikwissenschaftler Kumaraswamy angefertigt. Er vergleicht die israelisch-palästinensische mit der indisch-pakistanischen Problematik und wirft die Frage auf, ob Indien im Umgang mit den pakistanisch stämmigen, islamischen Terroristen die israelischen Erfahrungen nutzen könne. Kumaraswamy kommt zu dem Schluss, dass es zahlreiche Differenzen gibt, die Indien bei einem derartigen Vergleich beachten müsse. Gleichzeitig fällt er ein warnendes Urteil über die israelische Strategie. "Ultimately military campaign alone will not stop the Hamas violence. [...] Above all, military success rarely ensure political victory. [...] Thus even if it achieves the impossible 'victory' over Hamas, Israel's search for peace would be settled only in the negotiating table." 25
Zusammenfassend ist in Anbetracht dieser Analysen zu sagen, dass aus wissenschaftlicher Sicht die militärische Karte alleine nicht ausreichend scheint, um das "Spiel" gegen die Terroristen zu gewinnen. Wie die israelische Strategie im Umgang mit der Hamas aussieht, wird folgend erläutert.
4. Israels Umgang mit der Hamas
Eine Rakete des Typs Katyusha, 17 des Typs Kassam und 79 Mösergranaten haben die palästinensischen Terroristen in den vergangenen Tagen auf israelisches Gebiet geschossen. Am Donnerstag explodierte morgens am Grenzübergang Erez auf palästinensischer Seite ein Lastwagen, später fanden israelische Soldaten bei Sajaya auf einem Schulhof einen Granatwerfer und Anti-Panzer-Munition. Einen Tag später kam es im südlichen Gaza zu einer Schusswechsel zwischen Palästinensern und israelischen Soldaten. Ein Israeli wurde verletzt, "moderately wounded", mehrere Palästinenser getroffen, "identified hitting", so heißt das im israelischen Militärjargon. Schusswechsel gab es ebenfalls am 24. März, drei Tage später Granaten-Angriffe auf israelische Soldaten, die anschließend 13 Verdächtige verhafteten.
All das passierte innerhalb einer Woche. Die Berichte stammen aus der wöchentlichen
24 Ebd. Hierbei zitiert Zimmermann Paul Wilkinson .
25 P.R. Kumaraswamy, The Israeli model,
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Zusammenfassung des israelischen Verteidigungsministeriums über die Aktivitäten im Gaza-Streifen, Datum: 30. März 2008. 26 Sie zeigen: Israel und palästinensische Terroristen befinden sich in dauerhaften, permanenten Auseinandersetzung militärischer Art, sprich: Im Krieg.
Wie darauf zu reagieren ist, beschäftigt Wissenschaftler und Politiker seit Jahrzehnten, vor Ort und weltweit. Ein wesentliches Mittel, welches Israel im Anti-Terror-Kampf einsetzt, ist Gewalt. Einerseits als Reaktion auf Angriffe, wie bei oben erwähntem Lastwagen-Anschlag, in dessen Folge ein Fahrzeug der mutmaßlich Beteiligten durch israelische Soldaten angegriffen wurde.
Andererseits verfolgen die Israelis auch präventive militärische Methoden. "In the past week, IDF ground forces, with the assistance of the air rorce [sic!], continued to operate in the Gaza strip in order to distance terrorist organizations, particularly Hamas, from the security fence [...]." Auch dieses Zitat stammt aus dem Wochenbericht vom 30. Mai 2008.
Die militärische Option ist nicht Israels einzige, wohl aber dominante. Im bereits erwähnten Israel-Indien-Vergleich Kumaraswamy erwähnt dieser die enorme Stärke der Israelis im geheimdienstlichen Bereich - und betont zugleich, dass auch diese Fähigkeiten militärisch genutzt werden. "Israel was able to launch an aggressive campaign because of its cast and at times unparalleled intelligence base." 27
Auf diplomatischer Ebene wird seit Jahren weltweit über das so genannte Zweistaaten-Modell diskutiert, das heißt die friedliche Nachbarschaft zweier international anerkannter Staaten Israel und Palästina. Innerhalb Israels gibt es in diesem Zusammenhang zwei politische Bewegungen, "Tauben" und "Falken". Michael Wolffsohn beschreibt ihre Motive vereinfacht so: "Die Tauben sagen 'Frieden statt Gebiete' bzw. 'Land für Frieden', die Falken 'Frieden mit Gebieten'." 28
Die Trennlinien bilden sich anhand der Frage, ob Israel die in den vergangenen Jahrzehnten besetzten und teils besiedelten Gebiete oder zumindest Teile an einen Palästinenserstaat abgeben solle oder nicht. Michael Wolffsohn sagt, diese Siedlungsfrage isoliere Israel international und spalte das Land innerlich in jene zwei ungefähr gleich großen Lager aus Tauben und Falken. 29
26 Die wöchentlichen Berichte der Israelischen Armee finden sich auf der Internetseite des israelischen Außenministeriums
27 P.R. Kumaraswamy, The Israeli model, 2009,
28 Michael Wolffsohn, Israel, 7. Auflage, Wiesbaden, 2007, S. 152-177.
29 Ebd.
Seite 9
Er attestiert, dass dabei allerdings in den vergangenen Jahrzehnten sukzessive "der Anteil der Falken, also der Rückgabe-Unwilligen, [...] insgesamt deutlich zurückgegangen", Israel "weicher" geworden sei. Gleichzeitig blickt er skeptisch auf die jüngeren Entwicklungen, vor allem in Bezug auf den Hamas-Wahlsieg 2006. "Der Sieg der islamistischen Hamas, der von ihr gebilligte Dauerbeschuss israelischer Städte [...] und der Libanonkrieg könnten diesen Konsens [einen Palästinenserstaat zu billigen; Anm. d. A.] wieder erschüttert haben." Er belegt dies mit Zahlen: Im Dezember 2005 akzeptierten 67 Prozent der jüdischen Israelis den Palästinenserstaat, nach der Hamas-Wahl im Januar 2006 nur noch 55 Prozent. 30
Wolffsohn sagt weiter, die öffentliche und politische Stimmung in Israel in Bezug auf den Palästinenserstaat und die Siedlungs-- und Rückgabeproblematik unterliege Wellenmustern: Nach Verkündigung einer Intifada, dem Aufruf zum Aufstand gegen Israel 31 , folge "zunächst Verhärtung, dann zunehmende Kompromissbereitschaft; die Einsicht, dass sich der Konflikt letztlich nur politisch lösen lasse." Bei Palästinensern seien zwar ähnliche Wellenbewegungen in der Bewertung festzustellen, doch überlagerten sich die Stimmungskurven beider Völker nur selten - so kämen sich beide Seiten kaum näher. 32
Weit entfernt von einem Friedensabkommen, gar einer zweistaatlichen Lösung haben sich die Konfliktparteien Israel und Hamas auch Anfang 2009 im Gaza-Krieg. "[...] die Entwicklungen der vergangenen Monate lassen daran zweifeln, dass künftige Verhandlungen zu den Bedingungen möglich sind, die in den neunziger Jahren mit den Abkommen von Oslo so etwas wie einen Beinahe-Frieden gebracht haben", ist in der Zeitschrift "Die Zeit" zu lesen. "Eines der größten Probleme ist, dass die Friedensgegner sowohl auf israelischer als auch auf palästinensischer Seite in der Lage sind, jedwede Einigung zu boykottieren." 33
30 Michael Wolffsohn, Israel, 7. Auflage, Wiesbaden, 2007, S. 152-177.
31 Wiebke Eden-Fleig, Zu viele Friedengegner, Zeit Online, 29. Januar 2008,
32 Michael Wolffsohn, Israel, 7. Auflage, Wiesbaden, 2007, S. 152-177.
33 Wiebke Eden-Fleig, Zu viele Friedensgegner, Zeit Online, 29. Januar 2008,
Seite 10
5. Fazit
Wie realistisch ist also Frieden im Nahe Osten? Wie fern die Koexistenz eines israelischen und eines palästinensischen Staates? Die Aussagen der Terrorismus-Forscher und politischer Beobachter geben wenig Anlass zur Hoffnung. Besonders die militärische Option wird kritisch betrachtet, und doch ist sie stärkster Trumpf der Israelis. Die moralische Legitimation steht hier nicht zur Debattedie Frage ist, ob auf rationaler Ebene Erfolgsaussichten bestehen.
Folgt man Richardson und unterwirft ihr angesprochenes Sechs-Punkte-Programm dem Vergleich mit der israelischen Strategie, gibt es zwar durchaus Übereinstimmungen. Israel "punktet" dank fortschrittlichem Geheimdienst und Einbindung in internationale Allianzen vor allem bei den Forderungen "know your enemy" und "engage others with you in the campaign against terrorists". Aber was ist mit dem defensiven Ziel, der gebotenen Ruhe, der Prinzipientreue? Zu wechselhaft scheint die israelisch Palästinenser-Politik im wechselnden Flügelschlag von Falken und Tauben, um diese Forderungen Richardsons zu erfüllen. 34
Kumaraswamy hält einen israelischen Sieg über die Hamas, wie bereits erwähnt, für unmöglich. Ob die israelische Strategie Vorbild für Indiens Anti-Terror-Kampf sein könnte, ist für ihn vage. "For some, India has more valid grounds für an aggressive response than Israel; and for others Israel is a far too controversial und unsavoury model." Er schließt mit den Worten: "Thus war is still an option. But look before you fire." 35
Internationale Medien beargwöhnen aktuell die jüngsten Entwicklungen in Folge des Gaza-Krieges und der Wahl-Mehrheit der israelischen Rechten im Parlament Knesset. 36 Zwar gibt es Überlegungen über einen neuerlichen Waffenstillstand. Doch die New York Times merkt an: "Israel and Hamas had a six-month cease-fire mediated by Egypt starting last June [2008; Anm. d. A.], but it was repeatedly violated and after it ended Israel launched a three-week air, land and sea assault on Gaza aimed at stopping the rockets and weakening Hamas. Some 1,300 Palestinians were killed and thousands of buildings and homes destroyed. Thirteen Israelis, including three civilians, also died."
34 Louise Richardson, What Terrorists Want - Kernthesen des Vortrags von Louise Richardson anlässlich der Präsentation ihres gleichnamigen Buches am 4. Juli 2007 im Dachsaal der Urania, Wien,
35 P.R. Kumaraswamy, The Israeli model, 2009,
36 Spiegel Online, Lieberman will Netanjahu zum Premier machen, 19.2.2009,
37 Ethan Bronner, Hamas Sees Cease-Fire Within Days; Israel Demurs, The New York Times Online, 13. Februar 2009,
Seite 11
Der britische Guardian beobachtet nach den israelischen Angriffen auf Gaza eine propalästinensische Mobilisierung sogar innerhalb des Vereinigten Königreiches. "Tacit British support for Israel's onslaught on Gaza has radicalised a whole new swath of young Muslims and non-Muslims alike." 38
Al-Jazeera kritisiert gleichzeitig die planlose Fixierung der palästinensischen Terroristen auf das Druckmittel Gewalt und die überzogene israelische Reaktion. "If there is a bright spot for Palestinians in the horrific violence of the last few weeks, it is that Israel's deployment of disproportionate and indiscriminate violence in Gaza has revealed the abnormality of the occupation for millions of people who previously had been unable to perceive it. This revelation offers Hamas, and the Palestinian leadership more broadly, the chance to change the larger terms of the debate over the future of Israel/Palestine. It could help move Palestinian society (and with it Israeli society, however reluctantly) away from the paradigm of two nationalist movements engaged in a competition over territory and towards a common future." Doch der Autor schränkt weiter ein: "This process can only begin with the conversion of Israelis and Palestinians to the idea of sharing sovereignty, territory and even identity in order to achieve the greatest good for the most members of the two societies." 39
Ein Kommentator spricht unterdessen vom "Ende der Zweistaatenlösung", die auch der einseitigen, pro-israelischen Politik der EU und der USA geschuldet sei: "Europa hat die Bildung eines palästinensischen Staates sogar aktiv unterminiert, indem es eine frei gewählte Regierung der Palästinenser nicht anerkannt hat und danach ohne ein Wort des Protestes zuschaute, wie der Gaza-Streifen von Israel stranguliert wurde. [...] entweder meint es keiner ernst [mit der Zweistaatenlösung], oder keine ist bereit, das Nötige zu tun, nämlich Druck auf Israel auszuüben. Darum wird der Nahe Osten weiter im permanenten Kriegszustand leben." 40
Eine bittere Analyse, die allerdings wohl umso wahrscheinlicher wird, je weiter sich die Gewaltspirale im Nahen Osten dreht. Denn abseits aller Unterschiede findet sich doch in allen in dieser Arbeit zitierten Meinungen eine kohärente Ansicht: Gewalt wird die Probleme der Israelis und Palästinenser nicht lösen - und erst recht keinen Frieden schaffen.
38 Seumas Milne, Rimington is right. This is a recipe for creating terrorists, Guardian Online, 19.2.2009,
39 Mark LeVine, Who will save the Palestinians?, Al Jazeera Online, 20. Januar 2009,
40 Ulrich Ladurner, Das Ende der Zweistaatenlösung, Zeit Online, 20. Januar 2009,
Seite 12
6. Literaturverzeichnis
Ethan Bronner,
Hamas Sees Cease-Fire Within Days; Israel Demurs, The New York Times Online, 13. Februar 2009,
Wiebke Eden-Fleig,
Zu viele Friedensgegner, Zeit Online, 29. Januar 2008,
Hauke Friederichs,
Was ist Hamas?, Zeit Online, 29. Januar 2008
Israel Ministry Of Foreign Affairs,
The Hamas terror war against Israel, ohne Autor, 1. Januar 2009,
P.R. Kumaraswamy,
The Israeli model, 2009,
Mark LeVine,
Who will save the Palestinians?, Al Jazeera Online, 20. Januar 2009,
Louise Richardson,
What Terrorists Want - Kernthesen des Vortrags von Louise Richardson anlässlich der Präsentation ihres gleichnamigen Buches am 4. Juli 2007 im Dachsaal der Urania, Wien,
Spiegel Online,
Lieberman will Netanjahu zum Premier machen, ohne Autor, 19.2.2009,
Vereinte Nationen,
Resolution 1373 vom 28. September 2001, ohne Autor, in: Resolutionen und Beschlüsse des Sicherheitsrates 1. Januar 2001 - 31. Juli 2002, Offizielles Protokoll, S. 316-319,
Ekkart Zimmermann, Forms an Causes of Political Terrorism: What Do We Know?, Paper presented at the Meeting of the European Public Choice Society in Jena, 27.-30. März 2008.
Seite 13
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Stefan Brieger, 2009, Gewalt im Nahen Osten, München, GRIN Verlag GmbH
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