wird, diente auch für Hobbes in einem gewissen Verständnis als Grundlage für die Ordnung des Staates. Denn durch diese Freiheit konnte der Mensch das tun, was er für richtig hielt 4 . Damit aber ein Zusammenleben gesichert werden könne, müsse der Einzelne seine unmittelbare Freiheit aufgeben und sich mit anderen Individuen auf einen Vertrag der Gegenseitigkeit einigen. Dadurch entstand ein Staat aufgebaut auf den kontinuierlichen Stufungen des individuellen auf Selbsterhaltung bedachten Eigenwillens 5 .
Doch wie kann aus der Heteronomie der Eigenwillen ein Zusammenleben organisiert werden? Oder anders:
„Wie konnte die Idee der volonté générale wirklicher Wille werden? [...] Damit eigennützige Interessen nicht antagonistisch, sondern vereinbar sind, muß ihnen ein der individuellen Kalkulation entzogener Zusammenhalt vorausliegen. Damit Verträge zustande kommen und gehalten werden können, muß es erst vertragsfähige Subjekte geben.“ 6 .
Es entstand demnach eine neue Problemlage, denn die Frage nach der Vertragsfähigkeit des Individuums konnte nicht mehr unter Berufung auf eine göttliche Instanz begründet werden.
Kant ist es, der eine vorläufige Antwort auf diese Frage gefunden zu haben scheint, indem er die Metaphysik der alten Ordnung „vom Sockel reißt“, und ein neues „Erkenntnisreich errichtet, in dem der menschliche Geist der Souverän ist, der der Natur die Gesetze ihres Erscheinens vorschreibt“ 7 .
1. Subjektivierung
Diese Umwälzung des Denkens, welches sich von den unwissenschaftlichen Dogmen der Kirche lösen will, indem der Verstand den Glauben ablöst, wird von Kant verheißungsvoll mit dem Titel „Kopernikanische Wende“ belegt. „Solange die Sonne am Firmamente steht und die Planeten um sie herumkreisen, war das nicht gesehen worden, daß der Mensch sich auf den Kopf, d.i. auf den Gedanken stellt und die Wirklichkeit nach diesem erbaut“ 8 , sind gut 30 Jahre später Hegels Worte für diese neue Situation. Vorbereitet wurde diese bereits durch die Einsichten und den Zweifeln, die Descartes in seinem ‚ego cogito’ ausdrückt. Demnach kann sich der Mensch nichts anderem mehr
Walter Jaeschke, ebd., S. 211. 4 Peter Furth, 2006, S. 180. 5 Ebd., S. 178-180. 6 Peter Furth, 2006, S. 320. 7 Hegel, 1970, S. 529. 8
absolut sicher sein, außer des eigenen Bewusstseins: das ‚Ich-denke’. Kurze Zeit später formuliert Leibniz den obersten und „mächtigsten Grundsatz“ des Denkens, und betont, dass nichts existiere, dass nicht durch den Menschen begründet werden könne. Er beschreibt damit einen grundsätzlichen Wandel im Denken. Es ist nämlich nicht nur eine Wende weg von einem metaphysischen Wesen, welches als Schöpfergott den Menschen die Welt zugänglich gemacht hat, sondern auch die Abkehr von einer Welt von „Gegen-ständen“ zu einer Welt von „Gegenwürfen“ 9 . Das ‚Ich’ stellt sich als Subjekt einem Objekt gegenüber. Als Souverän ist es Maßstab für das Dasein der Gegenstände. Es ist nicht mehr passiv und vernimmt als solches die für sich „stehenden“ Gegenstände, die durch eine kosmische Ordnung an ihren Platz gestellt worden sind, sondern es wird ein ‚aktives Stellen’ des Individuums, dessen Gedanken Vorraussetzung für das Dasein der Welt werden 10 . Das unmittelbare Bewusstsein wird ein „Subjekt“ und aus diesem heraus ent-wirft es das Objekt, dass nun nur noch Eigenschaften besitzt, welche vom Betrachter erkannt werden können. Diese Sicht auf die Gegenstände bestimmt das neuzeitliche Denken. Die Rationalität wird zum Fundament der Menschenrechte.
2. Ethisierung der Metaphysik
Hinter Kants „Kopernikanischen Wende“ verbirgt sich diese Hinwendung zum Subjekt. Die ganze Welt wird als dem Subjekt gegenübergeworfenes Objekt ‚vernünftig’ und erklärbar. Objekte gelten nur als solche, wenn sie durch das Subjekt erkannt werden können. Erkennbar ist das, was mithilfe des Verstandes überprüft werden kann. Das ansich-Sein der Gegen-stände ist lediglich abstrakt und leer. Das Individuum, welches sich aus der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ befreien möchte, muss erkennen, dass ein Gott, welcher nur an-sich ist, nicht existieren kann. Jede Metaphysik, die die Welt zweigeteilt hat, verliert durch Kant die Möglichkeit einer Begründung. Doch wodurch werden ethische Fragen, wie die Frage: Was soll ich tun? beantwortet, wenn nicht mehr durch die moralischen Gebote eines Gottes? Kant wusste um dieses Problem. In der Philosophie der Religion (1793) und später in der Schrift „Zum ewigen Frieden“ (1795) erweist er sich als Verteidiger der katholischen Kirche, und das, nachdem seine Hauptschriften zur Kritik der Urteilskraft auf dem Index der verbotenen Bücher gelandet sind.
Religion und Glaube bleiben bei ihm zwar Bereiche, die jenseits der Beweisbarkeit liegen, aber er kennt den natürlichen Glauben als allen egoistischen Trieben
Heidegger, 1997, S. 148-150.
9
Friedrich Kaulbach, 1982, S. 69. 10
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2010, Zusammenhang zwischen Subjektivität und Normativität, München, GRIN Verlag GmbH
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