Abstract:
Der „Washington Konsensus“ prägte mit seinen Standardrezepten eine entwicklungspolitische Ära. Die Ursache seines Scheiterns wird in der Anwendung von „First Best Thinking“-Methoden gesehen, während die Anwendung von „Second Best Thinking“-Methoden adäquat gewesen wäre.
Diese Arbeit untersucht Mikrokredite als ein Instrument, welches sich von den standardisierten Handlungsmustern unterscheidet und als eine kontextspezifische Lösung im Kampf gegen Armut zu betrachten ist. Instrumente zur Überwindung von Agency-Problemen traditioneller Banken funktionieren für Arme in Entwicklungsländern kaum. Die Erkenntnis der Mikrofinanz ist, dass Arme bankfähig sind, wenn die richtige Kreditvergabetechnologie verwendet wird. Die vorliegende Arbeit prüft die innovativen Konzepte zur Minimierung der Agency-Probleme. Außerdem erforscht sie den Zielkonflikt, der entsteht, wenn auf der einen Seite die Ärmsten erreicht werden, auf der anderen Seite die Mikrofinanzinstitutionen subventionsunabhängig wirtschaften sollen. An-hand der politischen Lage Boliviens sowie den nationalen Mikrofinanzinstituten BancoSol und Los Andes wird ein Bezug zur Praxis hergestellt.
I
Inh haltsverz zeichnis
I
ZUS SAMMENF FASSUNG III
ABB BILDUNGS SVERZEIC CHNIS VII
TAB BELLENVE ERZEICHN NIS VIII
ABK KÜRZUNG GSVERZEIC CHNIS VIII
1. E EINLEITUN NG 1
2. T THEORETI ISCHER TE EIL 5
2.1 E ENTWICKLU OMISCHES U MDENKEN 5
UNGS ÖKONO
1 2.1.1 E ENTWICKLU K 5
UNGSPOLITIK
2 2.1.2 W WASHINGTO ON KONSEN SUS 6
3 2.1.3 P PARADIGME - POST WA ASHINGTON K KONSENSUS S 12
ENWECHSEL
2.1.3 3.1 L Learning fro om Reform der Weltba ank 13
2.1.3 3.2 A Augmented d Washingto on Konsensu us des
Internationa I alen Währun ngsfonds 15
2.1.3 3.3 „ „Millenium m Project“ de er Vereinten n Nationen 16
2.1.3 3.4 „ „Growth Di iagnostic Fr ramework“ nach Hausm mann-Rodri ik-Velasco 17
2.2 M MARKTVERS EN KREDITM MÄRKTEN 20
SAGEN AUF IMPERFEKT
1 2.2.1 F FINANZINTE ON 20
ERMEDIATIO
2 2.2.2 M MARKTVERS SAGEN 22
2.2.2 2.1 A Agency-The eorie 22
2.2.2 2.2 A Agency-Pro obleme auf K Kreditmärk ten 24
3 2.2.3 K KREDITRISIK MENT - STA SUNGEN 27
KOMANAGE ANDARDLÖS
2.2.3 3.1 K Kreditwürdi igkeitsprüfu ung (Credit Rating) 27
2.2.3 3.2 K Kreditsicher rung 29
3. M MIKROKR REDITE 31
3.1 M MIKROFINAN ANZ IN ENTW LÄNDERN 31
WICKLUNGSL
1 3.1.1 E ERLÄUTERU UNG 31
2 3.1.2 G GESCHICHTE E 32
3.1.2 2.1 M Mikrokredit te erster Ge neration 32
3.1.2 2 2 M Mikrokredit te zweiter G Generation 33
II
3.2 M MARKTVERSA DEN KREDITM MÄRKTEN A ARMER 34
AGEN AUF D
3.2.1 PR EHMENDER K KAPITALGR GE 34
RINZIP ABNE RENZERTRÄG
3.2.2 G GRÜNDE FÜR R DIE KAPITA 35
ALUNTERVE ERSORGUNG
3.3 IN EN DER MIK KROFINANZ - - KONZEPTE E 37
NNOVATIONE
3.3.1 G GRUPPENKRE EDITE 37
3.3.1. 1 G Gruppen- und d Individua alhaftung 37
3.3.1. 2 In nstrumentali isierung soz zialer Bindu ungen 38
3.3.1. 3 N Nachteile von n Gruppenh haftungsmod dellen 40
3.3.2 D DYNAMISCHE E ANREIZSY YSTEME - BE SKREDITE 41
EW ÄHRUNGS
3.3.3 U UNKONVENTI IONELLE SIC N 44
CHERHEITEN
3.3.4 A ANGEPASSTE E RÜCKZAHL E 45
LUNGSPL ÄNE
3.4 O OUTREACH - - SUBVENTIO ELLE NACHH T 47
ONEN KONTR RA FINANZIE HALTIGKEIT
4. FA ALLSTUDI IE BOLIVI IEN 51
4.1 EN CHE PERSPEK KTIVE BOLI IVIEN 51
NTWICKLUN NGSPOLITISC
4.1.1 ZA D FAKTEN 51
AHLEN UND
4.1.2 G GESCHICHTE 52
4.2 G GROWTH-DIA AGNOSTIC A APPROACH 55
4.2.1 G GROWTH DIA AGNOSTIC ST TUDIE DER W WELTBANK 55
4.2.2 IN RISCHE INITI ATIVE IN BO OLIVIEN 56
NVESTITIONE EN UND UNT TERNEHMER
4.2.3 B OX: DECISI ION TREE NA ACH GROWT
TH -
D DIAGNOSTIC- -APPROACH H - BOLIVIEN N 60
4.3 M MIKROFINAN NZMARKT - B BOLIVIEN 62
4.3.1 G GESCHICHTE 62
4.3.1. 1 En ntstehung d des Mikrofin nanzsektors s in Bolivien n 62
4.3.1. 2 En ntstehung d der BancoSo ol und der L Los Andes 66
4.3.2 PR SIGN DER BA ND DER LOS S ANDES 67
RODUKTDES ANCOSOL UN
4.3.3 O OUTREACH 71
5. SC CHLUSSBE EMERKUN NGEN 74
LITE ERATURVE ERZEICHN NIS IX
III
Zusammenfassung
John Williamson veröffentlichte 1989 einen Aufsatz, der zu einem Paradigmenwechsel der Entwicklungspolitik ab den 1950er Jahren Stellung nimmt und zehn zusammenfassende Punkte der Denkweise aller wichtigen Entwicklungseinrichtungen aus Washington enthält. Diese Aufstellung wurde in der Literatur als „Washington Konsensus“ bekannt und prägte eine Ära, deren Standardrezept „Stabilize, privatize, and liberalize“ lautete. Doch riefen zahlreiche Unruhen auf Märkten, die nach diesen Empfehlungen reformiert wurden, nach einer kritischen Neubewertung dieses Paradigmas. Der Re-formfortschritt à la Washington Konsensus geriet ins Stocken und ließ an der Wirksamkeit dieser Entwicklungsstrategie zweifeln. In der Veröffentlichung „One Economics, Many Recipes“ (Rodrik, 2007) wird das Scheitern der durch den Washington Konsensus geprägten Entwicklungspolitik sowie der Globalisierung der Finanzmärkte in einen Zusammenhang gebracht. Die Ursache des Scheiterns des Washington Konsensus wird in der Anwendung von „First Best Thinking“-Methoden gesehen, während die Anwendung von den „Second Best Thinking“-Methoden den vielfältigen Umständen in Entwicklungsländern besser entsprochen hätte.
Mitte der 2000er Jahre richteten sich die Diskussionen auf einen Paradigmenwechsel, weg von „One Size Fits All“-Washington Konsensus Strategien hin zu kontextspezifischen Lösungen. Die Arbeit stellt vier Veröffentlichungen vor, die sich mit einem Post-Washington-Konsensus beschäftigen und in der akademischen Literatur von besonderer Bedeutung sind. Die ersten drei Arbeiten stammen von den drei großen Washingtoner Entwicklungsorganisationen (Weltbank, Internationaler Währungsfonds und Vereinte Nationen) und die letzte von Skeptikern des Washington Konsensus, darunter auch Dani Rodrik.
Für eine solide Entwicklungspolitik nach dem Washington Konsensus empfiehlt Rodrik, Reformbereiche zu lokalisieren, die das beste Aufwand-Nutzen-Verhältnis haben, um die knappe Ressource Entwicklungshilfe effizient einzusetzen. Reformen sollten selektiv, sequentiell und unorthodox auf die wachstumshemmenden Faktoren abzielen und nicht aus einer lange Liste mit Standardreformen bestehen. Zur Analyse und Identifikation der wachstumshemmenden Beschränkungen entwickelten Hausmann, Rodrik und Velasco das sogenannte „Growth-Diagnostic Framework“. Der Ansatz soll Ent-
IV
scheidern helfen, die richtigen, an die lokalen Rahmenbedingungen angepassten, entwicklungspolitischen Instrumente auszuwählen.
Exemplarisch werden Mikrokredite als ein Instrument untersucht, welches sich von den standardisierten Handlungsmustern des Washington Konsensus unterscheidet und als eine kontextspezifische Lösung im Kampf gegen Armut zu betrachten ist. Zum Verständnis der Funktionsweise von Kreditmärkten und Banken wird die Rolle der Akteure mit vermittelnder Funktion erörtert, deren Hauptfunktion das Bereitstellen von Geld für produktive Einheiten einer Volkswirtschaft ist.
In der neoklassischen Modellwelt wird ein Gleichgewichtspreis für Kredite, die wie andere Güter auf einem idealisierten Markt gehandelt werden, durch Angebot und Nachfrage bestimmt. Durch diesen Preismechanismus wird sichergestellt, dass Projekte zu ihrem individuellen, risikoadjustierten Zins finanziert werden. In Realität funktionieren Kreditmärkte weniger idealtypisch, daher leiden Finanzintermediäre unter Agency-Problemen, da der Markt empfindlich von Informationsasymmetrien gestört wird. Traditionelle Banken in der entwickelten Welt nutzen bewährte Instrumente, um die Kreditwürdigkeit und das Risikoprofil potenzieller Kreditnehmer einzuschätzen. Zu verbreiteten Instrumenten gehören Kreditwürdigkeitsprüfungen und Kreditsicherungen. Diese Instrumente funktionieren in Entwicklungsländern zur Bereitstellung von Finanzdienstleistungen für Arme allerdings kaum.
Mikrofinanzinstitutionen versuchen diese Versorgungslücke zu schließen, um armen Haushalten und Kleinstunternehmen Zugang zu Finanzdienstleistungen zu verschaffen, die aufgrund von zu geringen oder nicht vorhandenen Einkünften und fehlender Kre-dithistorie üblicherweise nicht von traditionellen Finanzinstituten versorgt werden. Für diese Kapitalunterversorgung lassen sich verschiedene Barrieren identifizieren, welche sich in Kostenfaktoren und anderen Risikofaktoren unterteilen lassen. So ist beispielsweise die Einschätzung des Risikoprofils potenzieller Kunden stark eingeschränkt, weil externe Informationssysteme wie Kreditbüros und interne Informationssystemen wie Kundendaten fehlen und die Einkommen der Kreditnachfrager sehr volatil sind. Fehlende Sicherheiten und Defizite im Rechtssystem erschweren die Kreditvergabe. Die Erkenntnis der neuen Mikrofinanz ist, dass Arme bankfähig sind, wenn nur die richtige Kreditvergabetechnologie verwendet wird. Einer der ersten Mechanismen waren Gruppenbürgschaften. Weitere Mechanismen wie beispielsweise dynamische Anreizsysteme, unkonventionelle Sicherheiten und individualisierte Tilgungspläne ent- standen und trugen zum heutigen Erfolg der Mikrofinanz bei.
V
Im Wesentlichen lassen sich Kredite in Individualkredite und Gruppenkredite einteilen, Gruppenkredite unterteilen sich wiederum in Kredite mit gemeinsamer und mit individueller Haftung.
In den letzten Jahren verlagerte sich das Forschungsinteresse von der Thematik Gruppen- kontra Individualhaftung hin zur Untersuchung von Anreizsystemen. Viele Mikrofinanzinstitute haben Bewährungsmechanismen in ihr Produktdesign integriert. Die beiden Hauptmechanismen sind das „Collateralizing the Asset of Future Access to Loans“ sowie das „Progressive Lending“.
Neben den bereits beschriebenen Mechanismen werden auch reale Sicherheiten von armen Kreditnehmern verwendet, auch wenn es sich dabei aus Bankensicht nur um symbolische Sicherheiten handelt. Der Wert der Sicherheit wird in diesem Falle an dem Nutzenverlust gemessen, der dem Kreditnehmer bei einer Beschlagnahmung entstehen würde. Des Weiteren werden Rückzahlungsmodalitäten der Mikrokredite an die Bedürfnisse der Armen angepasst, um die Rückzahlungsraten zu stimulieren.
Neben den innovativen Konzepten zur Minimierung der Agency-Probleme auf Kreditmärkten in Entwicklungsländern, wird eine weitere wichtige Debatte aufgegriffen, die sich mit der Nachhaltigkeit und Wirksamkeit von Mikrofinanzprogrammen beschäftigt. Diese Debatte teilt sich in zwei Lager. Auf der einen Seite steht der „Financial System Approach“ und auf der anderen der „Poverty Lending Approach“. Eine genauere Betrachtung dieser Frage zeigt die Existenz eines Zielkonflikts zwischen dem Erreichen der Ärmsten und subventionsunabhängigem Wirtschaften von MFIs. Aufgrund der Agency-Kosten, die mit dem Armutsgrad zunehmen, ist die Kreditvergabe an Ärmste mit mehr Kosten verbunden als eine Vergabe an Arme. Dieser Zielkonflikt lässt darauf schließen, dass die ärmsten Schichten nicht ohne Subventionen erreicht werden können, während weniger arme Schichten von finanziell nachhaltigen MFIs versorgt werden können.
Zur Verdeutlichung der Thematik des Washington Konsensus sowie der Mikrofinanz eignet sich Bolivien, da es trotz seines Reichtums an Bodenschätzen als das ärmste Land Südamerikas gilt, gleichzeitig aber ein ausgeprägter Mikrofinanzsektor vorzufinden ist.
Spätestens der Regierungsantritt von Präsident Evo Morales Anfang 2006 stellt einen starken politischen Richtungswechsel in Richtung gesellschaftlicher Neuorientierung
VI
und der Abkehr von wirtschaftsliberalen Reformen nach Dogma des Washington Konsensus dar. Die Weltbank führte im Jahre 2005/2006 zwölf an den Growth-Diagnostic-Ansatz angelehnte Fallstudien durch und analysierte mit Hilfe dieses Modells auch die Lage in Bolivien.
Es wird geschätzt, dass der informelle Sektor bis zu 25% des bolivianischen BIPs ausmacht und über 60% der beschäftigten Bevölkerung im informellen Sektor arbeitet. Dies stellt eine große Zielgruppe für die Mikrofinanz dar. Die Mikrofinanz in Bolivien hat durch ihre Aktivitäten im Dienste der Armen internationales Renommee erlangt. Außergewöhnlich ist, dass es vielen bolivianischen MFIs gelingt, wirtschaftliche Nachhaltigkeit zu erreichen und dabei weiterhin einen positiven sozialen Einfluss zu bewahren.
Zwei bolivianische Mikrofinanzinstitute heben sich deutlich von der Masse ab, die „BancoSol“, eine der bekanntesten profitablen Mikrofinanzinstitute und die „Caja Los Andes“, ein profitabler Konkurrent der BancoSol.
BancoSol bietet Kredite in stark standardisierter Form, abgesichert durch Gruppenhaftung, während die Los Andes als Konkurrent mit Krediten mit Individualhaftung in den Markt eintrat. Vor allem in der Intensität der Screeningprozesse unterscheiden sich beide Institute enorm.
Der Zugang zu Kreditmärkten für Arme hat sich in Bolivien, besonders in Ballungsgebieten, seit Anfang der 1990er Jahre enorm verbessert. Einer der Hauptfaktoren für diese Entwicklung ist die Einführung von neuer Mikrokredittechnologie. Der Vergleich der Kundengruppen der beiden MFIs ist besonders interessant, da sich so auch eine Aussage zur Wirksamkeit der jeweiligen Technologie zur Armutsbekämpfung ableiten lässt.
VII
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Anzahl von Menschen mit weniger als 1,25 US-Dollar pro
Tag (in Millionen)
Abbildung 2: Grad wirtschaftlicher Freiheit (0-100) als Indikator für
Konformit ät mit dem Washington Konsensus
Abbildung 3: Decision Tree „Growth Diagnostic Framework“
Abbildung 4: Erwartete Rendite einer Bank abhängig von der Zinshöhe
vergebener Kredite
Abbildung 5: Grenzertrag von Unternehmern nach Kapitalausstattung
Abbildung 6: Zeitreihe Inflation in Bolivien.
Abbildung 7: Zeitreihe Wirtschaftswachstum Bolivien
Abbildung 8: Investitionsaktivitäten relativ zum BIP von 1990 bis 2004
Abbildung 9: BOX - Decision Tree nach Growth-Diagnostic-Approach
Abbildung 10: Kosten der Korruption in Bolivien
Abbildung 11: Kapitalmarktbedingungen im internationalen Vergleich
Abbildung 12: Anteil von Krediten nach Kreditsumme von 1999-2008
Abbildung 13: Auszug aus dem Tarifblatt der BancoSol (Stand 2010)
Abbildung 14: Auszug aus dem Tarifblatt der Los Andes (Stand 2010)
Abbildung 15: Verteilung der Kreditnehmer nach Armutskategorie in
Abbildung 16: Zusammensetzung des Kreditportfolios nach
Kreditsumme in
VIII
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Augmented Washington Konsensus ..................................................... 15
Abkürzungsverzeichnis
CCT Conditional Cash Transfer Ebd. Ebenda FDI Ausländischen Direktinvestition FFP Fondo financiero privado GDF Growth-Diagnostic-Framework IMF International Monetary Fund MFI Mikrofinanzinstitution NGO Nichtregierungsorganisation SBEF Superintendencia de Bancos y Entidades Financieras SDI Subsidy Dependence Index TVE Township and Village Enterprises UN Vereinten Nationen WTO Welthandelsorganisation
1
1. Einleitung
„Das Leben von Politikberatern großer Entwicklungsinstitutionen muss zu Washington-Konsensus-Zeiten ziemlich einfach gewesen sein…“ In Anlehnung an Dani Rodrik, 2006
So würde es Dani Rodrik, einer der bekanntesten Washington-Konsensus-Kritiker, wahrscheinlich ausdrücken, wenn man ihn zu der entwicklungspolitischen Praxis ab den 1990er Jahren befragen würde. Tatsächlich gibt dieser Zehn-Punkte-Plan namens „Washington Konsensus“ das entwicklungspolitische Handlungsmuster aller großen Entwicklungsinstitutionen dieser Zeit wieder. Es wurden Reformen angeschoben, die zu einer Privatisierungs-, Deregulierungs- und Liberalisierungswelle führten. Doch nach über einem Jahrzehnt dieser Reformausrichtung, welche vielen Entwicklungsländern in massenabfertigungsähnlicher Weise aufgestülpt wurden, setzt sich seit Anfang der 2000er Jahre immer mehr das Bewusstsein durch, dass sich diese Strategie nicht als erfolgreich erwies. Einen einheitlichen Konsens der großen Entwicklungsinstitutionen zu einer neuen entwicklungspolitischen Strategie gibt es bislang nicht, doch ist man sich weitgehend einig, dass standardisierte Handlungsmuster von kontextspezifischen Lösungen abgelöst werden sollten.
„The poor stay poor, not because they are lazy but because they have no access to capital.” Milton Friedman, Nobelpreis 1976
Besonders in Entwicklungsländern bleibt Bevölkerungsteilen mit geringem Einkommen ein Zugang zu Basisfinanzdienstleistungen (Kredite und Sparen) regelmäßig verwehrt, da Armen Kreditsicherheiten fehlen und schwach ausgeprägte rechtliche Rahmenbedingungen es Gläubigern erschweren, ihr Ausfallrisiko ausreichend zu minimieren. Außerdem machen hohe Fixkosten das Verleihen von kleinen Summen meist unprofitabel. In vielen Entwicklungsländern wurde der entwicklungspolitische Versuch unternommen, arme Haushalte mit staatlich geführten Kreditprogrammen zu versorgen, doch führten diese Programme nicht zu dem gewünschten Erfolg.
Aus diesen Misserfolgen entstand die Grundlage für den Erfolg der Mikrofinanz. Sie gilt als vielversprechender Weg der Armutsbekämpfung, indem Finanzintermediation
2
für Arme neu definiert und unter neuer entwicklungspolitischer Implikation in Entwicklungsländern implementiert wird.
Die Agency-Theorie liefert einen wichtigen Erklärungsansatz für die Unvollkommenheit der Kreditmärkte. Während Kreditanbieter in Industrieländern weitgehend Instrumente entwickelt haben, um Agency-Probleme zu überwinden, haben Kreditanbieter in Entwicklungsländern erst durch die Entwicklung innovativer Instrumente eine Grundlage geschaffen, um den mangelhaften Zugang zu Finanzdienstleistungen auch in Entwicklungsländern zu überwinden und auch unterste Einkommensschichten versorgen zu können.
Zu intensiv behandelten Themen in der Mikrofinanzliteratur gehören die Frage der optimalen Zinshöhe, die Diskussion, ob Mikrokredite mit Gruppen- oder Individualhaftung strukturiert werden sollten, der Zielkonflikt zwischen der Kommerzialisierung und dem Erreichen ärmster Bevölkerungsteile, Kredit-Scoring in Entwicklungsländern sowie die Kreditvergabebeziehung mit Kunden.
Die wichtigsten Innovationen der Mikrofinanz werden in dieser Arbeit von den oben genannten Themengebieten abgeleitet. Außerdem wird vertieft auf den Zielkonflikt zwischen finanzieller Nachhaltigkeit und dem Erreichen ärmster Bevölkerungsteile eingegangen.
Die bekannteste Innovation der Mikrofinanz sind Gruppenkredite. Zu Innovationen, welche in der Öffentlichkeit einen nicht so hohen Bekanntheitsgrad erreichen, die aber dennoch eine wichtige Rolle für die Mikrofinanz darstellen, gehören dynamische Anreizsysteme, unkonventionelle Sicherheiten sowie angepasste Rückzahlungspläne.
Zu den Themen rund um den Washington Konsensus, die Mikrofinanz sowie die Diskussion des Zielkonflikts zwischen finanzieller Nachhaltigkeit und dem Erreichen ärmster Bevölkerungsteile eignet sich Bolivien hervorragend als Fallbeispiel. So galt das Land in den 1990er Jahren einerseits als Vorzeigereformer nach Implikationen des Washington Konsensus, andererseits entwickelte sich eine leistungsfähige Mikrofinanzindustrie mit subventionsunabhängigen Mikrofinanzinstituten.
Die Arbeit ist in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil wird mit einem Blick aus der Makroebene auf globale entwicklungspolitische Strategien und der allgemeinen Funktions- weise der Finanzintermediation begonnen. Im zweiten Teil wird dieser Blick
3
auf die Mikroebene gelenkt: auf die Finanzintermediation in Entwicklungsländern allgemein. Im dritten Teil zoomt der Blick tiefer in die Mikroebene und erörtert die entwicklungsökonomische Situation im Kontext der Mikrofinanz anhand des Entwick-lungslandes Bolivien.
Der erste Teil (Kapitel 2: Theoretischer Teil) vermittelt Basiswissen über den entwicklungsökonomischen Paradigmenwechsel der großen Entwicklungsinstitutionen rund um den Washington Konsensus und erörtert verschiedene Post-Washington-Konsensus-Ansätze. Unter anderem wird das Growth-Diagnostic-Framework als eine Alternative zu den Standardansätzen der entwicklungspolitischen Implikationen vorgestellt.
Außerdem werden mit Hilfe der Agency-Theorie Grundlagen der Finanzintermediation sowie Konzepte traditioneller Finanzinstitute zur Überwindung von Prinzipal-Agenten-Problemen bei der Finanzintermediation, im engeren Sinne bei der Kreditvergabe, diskutiert.
Der zweite Teil beschäftigt sich mit Mikrokrediten (Kapitel 3: Mikrokredite) als entwicklungspolitisches Instrument. Zunächst werden Grundlagen der Mikrofinanz sowie Gründe der Kapitalunterversorgung Armer in Entwicklungsländern erörtert. Darauf aufbauend hebt die Arbeit hervor, durch welche Produktinnovationen es Mikrofinanzinstituten gelingt, Agency-Probleme zu überwinden, die durch Konzepte traditioneller Finanzinstitute ungelöst bleiben, und wie diese Innovationen einen besseren Kreditzugang für arme Bevölkerungsteile besonders in Entwicklungsländern herstellen. Nach einer detaillierten Untersuchung der erfolgreichsten Produktdesigns wird die Frage diskutiert, inwieweit Mikrofinanzinstitutionen subventioniert werden sollten und ob sich eine Unabhängigkeit von Subventionen negativ auf die Wirksamkeit von Mikrokrediten in der Bekämpfung von Armut auswirkt.
Anhand einer Fallstudie (Kapitel 4: Fallstudie Bolivien) betrachtet der dritte Teil In-formationen und Erkenntnisse der beiden vorangegangenen Teile aus der praktischen Perspektive. Es wird sowohl die allgemeine entwicklungspolitische Lage in Bolivien erörtert als auch das im ersten Teil vorgestellte Growth-Diagnostic-Framework auf Bolivien übertragen.
Anschließend wird die Entstehung des Mikrofinanzsektors sowie zweier wichtiger boli- vianischer Mikrofinanzinstitute, der BancoSol und der Los Andes, erörtert. Es wird auf
4
Erfahrungen der beiden Mikrofinanzinstitute eingegangen und ein detailliert Blick auf das verwendete Produktdesign geworfen. Abschließend wird die Diskussion von Subventionen aus dem zweiten Teil aufgegriffen. Inwiefern sie die Armut wirksam bekämp- fen können, wird hier mit Zahlen aus Bolivien unterlegt.
5
Entwick klungsöko onomisch hes Umden nken 2.1
2.1.1 Entwick 1 klungspolit tik
Maß ßnahmen zu ur Weiterent twicklung w weniger entw wickelter Lä änder sind i internationa al weit verb breitet. Der Inhalt diese er Maßnahm men umfass t die Mobil lisierung un nd Allokatio on von Ress sourcen, de en Aufbau von Institu utionen sow wie die Tran nsformation n von Volk kswirtscha aften und G esellschafte en. Zu den A Akteuren ge ehören Reg gierungen de er weniger e entwickel lten Länder als Empfän nger; Sende er und Koor rdinatoren s sind Regieru ungen der s stärker entw wickelten L Länder, eine e Vielfalt an Nichtreg gierungsorg ganisationen n (NGOs) sowie inter rnationale z zwischensta aatliche Org ganisationen n wie beisp pielsweise O Organe der Welt-kgruppe
1
un ionen
2
oder bank nd der Ver reinten Nati r die Welth handelsorga anisation (W WTO). Letz ztere spielen n eine Vorr reiterrolle in n der entwi cklungspoli itischen Pra axis (Gore, 2000, S. 78 89). Eine e zentrale F Fragestellun ng in der En ntwicklungs spolitik besc chäftigt sic h mit den U Unterschi eden der Ei inkommen u und den Wa achstumsrat ten zwische en entwicke elten und w eniger entw wickelten L ändern. In den 50er u und 60er Jah hren herrsch chte die Me einung vor, Arme seien n genauso w wie Reiche, , nur mit we eniger Kapi ital und Hum mankapital ausgestatte et. Seinerz zeit glaubte man, das A Allheilmitte el läge darin n, die Resso ourcen der E Entwicklun ngsländer z zu vergröße ern, entwed der durch K Kapitaltransf fer oder dur rch Erhöhun ng der Spar quote. Ents sprechend d der Denkwe eise dieser Z Zeit wurde b bis Ende de er 60er haup ptsächlich K Kapital in E ntwicklung gsländer tran nsferiert (Sc chliwa, 2004 4, S. 1). Theo oretisch mü üsste der Ka apitalgrenze ertrag in Ent twicklungsl ländern bei Kapitalknap ppheit denj jenigen der besser entw wickelten Lä änder um ei in vielfache es übersteig en, was zu einem stark ken Kapital fluss in Ric chtung weni iger entwick kelter Länd der führen m müsste. Die Realität z zeigte aber e ein anderes Bild (Stigli itz, 1989, S. 197). Nur langsam w wurde klar, d dass Entwic cklungshilfe e in Form r reiner Trans sferzahlung gen für wen niger entwic ckelte Länd der daran sc cheiterte, d ass deren M Märkte kau um funktion nierten und die individ duellen Rahm menbedingu ungen nicht t berücksich htigt wurde en. So unter rschei-
1
Im 2 Der
6
det si ich die wirt tschaftliche Organisatio on von Lan nd zu Land d sehr stark, , ebenso die e Art und W Weise, wie Individuen n miteinande er interagie eren. Beson nders groß i st dieser U Unterschied d zwischen Entwicklun ngsländern u und entwick kelten Länd dern (ebd.).
2.1.2 Washing gton Konse nsus
John Williamson n veröffentl lichte 1989 einen Aufs fsatz, der zu um Paradigm menwechse el der Entw icklungspol litik seit den n 1950er-Ja ahren Stellu ung nimmt. Dieser Auf fsatz enthält t eine Aufst tellung von n zehn Punk kten zur St trukturanpa assung, die einen Kon nsens der n neuen Denk kweise aller wichtigen Entwicklun ngseinrichtu ungen in W Washington d darstellen so ollte. Diese e Aufstellun ng ging in die Literat ur als der sogenannte e „Washingt ton Konsen nsus“ ein. Um W Wirtschaftsw wachstum z zu stimulier en, Armut z zu reduziere en und Eink kommensvo orteile zu nivellieren n, wurde na ach dem W ashington K Konsensus vielen Reg ierungen la ateinameri ikanischer L Ländern em mpfohlen, ih hre Politik z zu reformier ren, indem s sie im weite esten Sinne e (Gore, 200 00, S. 789):
-m makroökon omische Sta abilität durc ch Kontrolle e der Inflati ion und Red duz zieren der H Haushaltsde efizite erreic chen,
-d durch Liber ralisieren de es Handels-und Kapita alverkehrs d die Wirtscha aft f für den Res st der Welt ö öffnen und
-L Liberalisier rung allgem mein anstrebe en.
„Stab bilize, priv vatize, and liberalize “ oder „B Bring die H Handelsbilan nz in Ordn nung, nimm m den Staat aus der Wi irtschaft un d gib dem M Markt freie en Lauf“ wu urde zum M Motto einer Generation n von Wash hington Kon nsensus-„Te echnokraten n“, wie sie s später von K Kritikern t tituliert wer rden sollten n (Rodrik, 20 006, S. 973) ). Das K Konzept zu ur Struktura anpassung w war deutlich h und bedu urfte wenig er Innovati ionen oder Experimen nte. Die z zehn Empf fehlungen des Wash hington Ko onsensus la auten (Will iamson, 199 90):
7
1. Haushaltsdisziplin,
2. Priorität der öffentlichen Ausgaben: Bildung, Gesundheit und Infrastruktur sowie Abbau von Subventionen,
3. Steuerreformen zur Senkung der Steuersätze und Erweiterung der Bemes-sungsgrundlage,
4. vom Markt bestimmte positive Zinsraten, um Kapitalflucht zu verhindern und um ausländisches Kapital anzuziehen,
5. kompetitive Wechselkurse, die der Wettbewerbsfähigkeit der Exportwirtschaft zuträglich sind,
6. Liberalisierung der Handelspolitik, um die inneren Märkte für ausländische Anbieter zu öffnen,
7. Offenheit und Verbesserung der Konditionen für ausländische Direktinvestitionen,
8. Privatisierung öffentlicher Unternehmen und Einrichtungen, 9. Deregulierung und Entbürokratisierung sowie Abbau staatlicher Einflussnahme
10. Schutz des Privateigentums.
Durch den Washington Konsensus wurde eine Welle von Reformen in Lateinamerika und auch dem subsaharischen Afrika angeschoben. Die politische Landschaft wurde dadurch in diesen Ländern enorm verändert. Mit dem Fall der Berliner Mauer und dem Zusammenbruch der Sowjetunion machten viele der zuvor sozialistisch orientierten Länder einen Sprung in Richtung freier Marktwirtschaft. In Lateinamerika und Osteuropa fand vermutlich mehr Privatisierung, Deregulierung und Liberalisierung statt als jemals zuvor in der Geschichte (Rodrik, 2006, S. 1).
Erwähnenswert in diesem Kontext ist, dass Williamson, der Verfasser des Washington Konsensus, seinerzeit mit der Aufstellung von zehn Punkten keinesfalls ein Paradigma beabsichtigte. Es handelte sich dabei lediglich um eine Generalisierung der neuen Denkrichtung der großen Entwicklungsorganisationen in Washington. Kritiker hingegen bezeichnen den Washington Konsensus als einen Versuch, den Entwicklungsländern Neoliberalismus und Marktfundamentalismus aufzuoktroyieren. Williamson aber argumentiert, dass seine ursprüngliche Version des Konsenses so oft von diversen Ländern in verschiedensten Ausprägungen adaptiert und seine Theorien verzerrt worden seien. Besonders die Liberalisierung der Finanzmärkte und dadurch
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Maxim Rabkin, 2010, Mikrofinanz als Instrument der Entwicklungspolitik am Beispiel Boliviens, München, GRIN Verlag GmbH
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