1. Einleitung
Der Kulturvergleich liegt in der menschlichen Natur. Ständig vergleicht man sich mit anderen Personen. Ein Kulturvergleich eröffnet somit auch der Kulturwissenschaft neue Möglichkeiten. Er hilft zum Beispiel dabei Phänomene der fremden aber auch der eigenen Kultur besser zu erkennen und zu verstehen. Stereotype werden analysiert und herausgebildet. Außerdem kann man durch ihn Fettnäpfchen vermeiden, die Missverständnisse und Konflikte auslösen können.
In der vorliegenden Arbeit werden die Themen der italienischen und deutschen Prosa der 60er Jahren deskriptiv verglichen, um zu zeigen was die Nationen zu der Zeit bewegte. Aufgrund des Umfangs beschränkt sich diese Arbeit nur auf die Prosa der 60er Jahre. Es geht also darum, vergleichend darzustellen, was die italienischen und deutschen Autoren der Bundesrepublik berührte, worüber sie nachdachten, was sie erzählten und was sie letztendlich kritisierten. Es soll herausgestellt werden, ob es Gemeinsamkeiten gibt und in welchen Punkten sich die Themen der erzählenden Literatur unterscheiden.
Zunächst soll der Zusammenhang zwischen Literatur und Kultur betrachtet werden. Beide Begriffe werden kurz definiert, um anschließend zu zeigen, in wie fern Literatur ein Kulturgut ist. Danach werden die Prosathemen der beiden Länder, Italien und Deutschland, einzeln betrachtet, um dann den Vergleich durchzuführen, dessen gewonnenen Erkenntnisse zum Schluss zusammenfassend dargestellt.
Diese Arbeit basiert hauptsächlich auf Werken, die die Literaturgeschichte des jeweiligen Landes zusammenfassen, wie zum Beispiel „Geschichte der italienischen Literatur“ von Manfred Hardt oder die die „Neue deutsche Literaturgeschichte“ von Peter J. Brenner. Man findet viele solcher Werke, doch Literatur, die bereits einen Vergleich vollzieht, habe ich nicht gefunden. Demnach, denke ich, ist diese Arbeit ein erster Ansatz für solch einen Vergleich.
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2. Kultur und Literatur
Kultur ergibt sich aus dem menschlichen Handeln, die durch Symbole, Rituale, Werten und Normen zum Ausdruck kommen. 1 Es ist also all jenes, was Teil des menschlichen Lebens ist und nicht von der Natur gegeben ist. Sie wird somit als eine individuelle Errungenschaft angesehen. 2 Kultur soll zu dem ihr Wissen über Literatur, Sprache, Kunst, Medien, sozialen Lebens- und Handlungsformen zusammenfassen und ihre Zusammenhänge erklären, also die in den zeichen-und symboltheoretisch begründeten Kulturwissenschaften unterschiedenen Dimensionen (material, sozial und mental) untersuchen. 3
Die materiale Dimension umfasst alle Artefakte einer Gesellschaft, wie mediale Ausdrucksformen, also Literatur, Kunst, Theater und Filme, aber auch Architektur, Kleidung und andere Gebrauchsgegenstände gehören dazu. Diese materiellen und ökonomischen Aspekte werden in der italienischen Kulturwissenschaft als civilizazione bezeichnet. Die geistige Dimension einer bestimmten Epoche nennt man hier civiltà, die dann noch weiter in incivilmento, die fortschreitende Entwicklung der civiltà und der cultura, das intellektuelle Leben und die Selbstreflexion einer Gesellschaft zu einer bestimmten Epoche. 4 Dies entspricht also der mentalen Dimension, die alle Mythen, Werte, Normen, religiösen und politischen Überzeugungen etc. vereint. Die soziale Dimension beinhaltet unter anderem die gesellschaftlichen Handlungsweisen, Rituale, Kommunikationsformen und gesellschaftliche Institutionen. 5
Als Literatur werden im Allgemeinen alle schriftlich überlieferten Zeugnisse bezeichnet. 6 Literatur kann aber auch als eine Form von Kommunikation, und
1 Vgl. Sommer, Roy: Grundkurs Cultural Studies/ Kulturwissenschaft Großbritannien. Stuttgart: Ernst Klett Sprachen GmbH, 2003, S.8.
2 Vgl. Baasner, Frank/ Valeria Thiel: Kulturwissenschaft Italien. Stuttgart: Ernst Klett Sprachen GmbH, 2004, S.7, S.11.
3 Vgl. Sommer, Roy (2003), S.8f. ; Baasner, Frank (2004), S.7.
4 Vgl. Baasner, Frank (2004), S.10.
5 Vgl. Sommer, Roy (2003), S.8.
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zwar als alle geschriebene Kommunikation, definier werden. Somit ist sie in die soziale Dimension einordbar. 7 Als mediale Ausdrucksform, die Literatur durch ihre Verschriftlichung wird, ist sie auch immer ein Artefakt und folglich Teil der civilizazione bzw. der materialen Dimension.
Auch wenn man, die „Grunddefinition“ von Kultur betrachtet, kann man Literatur als Kulturform identifizieren. Demnach ist Kultur alles, was vom Menschen geschaffen wurde und nicht naturgegeben ist. Literatur als schriftliches Zeugnis oder Kommunikationsform braucht immer einen Verfasser, der einen Text verfasst, welcher an einen Leser adressiert ist. 8
Literarische Texte sind also von Menschen für Menschen gemacht und kann somit als Kulturprodukt angesehen werden.
3. Die italienische Prosa während der 60er Jahre
Anfang der 40er Jahre bis Mitte der 50er Jahre war die Zeit des Neorealismus. Es gab fortschrittliche Momente der Realitätsbewältigung. Themen dieser Literaturbewegung sind vor allem die Widerstandsereignisse des Krieges, die Resistenza und der Partisanenkrieg 9 , wobei Umgangs- und Alltagssprache, sowie regionalen und dialektalen Elemente, verwendet wurden, um Volksnähe hervorzurufen. 10 So erschien 1950 die Erzählung „ La Garibaldina“ von Elio Vittorini, die von den Abenteuern und Liebschaften einer Baronin unter Garibaldis 11 Gefolge handelt. 12 Ein weiteres Beispiel dafür wäre auch der Erzählband „Racconti della guerra civile“ von 1949, der 1952 unter dem Titel „ I ventitre giorni della città di Alba“ neu erschien. Die Titelgeschichte beinhaltet die Befreiung der Stadt Alba durch die Partisanen und ihre darauffolgende Regierung,
6 Vgl. Liebhold, Christine/ Martin Werner (Hrsg.): Das neue große farbige Lexikon. Niederhausen: Bassermann, 1988. S.416.
7 Vgl.Nünning, Ansgar/ Vera Nünning: An Introduction to the Study of English and American Literature. Stuttgart: Klett Lernen und Wissen GmbH, 2008, S.11.
8 Vgl. Ebd.
9 Partisanen: bewaffnete Kämpfer, die nicht zur regulären Streitmacht des Staates gehören
10 Vgl. Hardt, Manfred: Geschichte der italienischen Literatur. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Düsseldorf: Artemis & Winkler, 1996, S. 716f.
11 Garibaldi: Protagonist der italienischen Einheitsbewegung
12 Vgl. Hardt, Manfred (1996), S. 723.
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die 23 Tage dauerte. 13 Auch Italo Calvino widmete sich, in seinem ersten Roman „Il sentiero dei nidi di ragno“ von 1947 dem Partisanenkrieg 14 Neben den Neorealismus etablierte sich Mitte der 50er die Neoavantgarde. Der Neorealismus wurde langsam von einer Gruppe selbstbewusster Intellektueller, die einen ständigen Umsturz des geistigen und gesellschaftlichen Lebens wollten, verdrängt. 15 Ziel dieser Wende war es die intellektuelle Diskussionen im Italien der Nachkriegsjahre zu entprovinzialisieren. 16
Trotz der neoavantgardistischen Bemühungen sich am Fortschritt zu orientieren, blieben der Krieg, die Nachkriegszeit und dem Partisanenkrieg Themen der italienischen Prosa der 60er Jahre. 1959 veröffentlichte der in Alba geborene Beppe Fenoglio den ersten von zwei Romanen über den Widerstandskämpfer Johnny in den Jahren 1943-1945: „Primavera di bellezza“. 1963 wiederum erschien die dritte Auflage seines wohl schönsten Werkes „Una questione privata“, in dem der Partisanenkrieg mit den intimen Liebesbeziehungen von drei jungen Menschen verbunden wird. Protagonist ist ein Student, der unter dem Namen Milton im Partisanenkrieg um Alba kämpft. In Rückblenden denkt Milton an seine vergangene Liebe Fulvia. Sehnsucht nach ihr treibt ihn letztendlich auch zu ihr, wo er Gerüchte hört, dass sie jetzt mit seinem besten Freund zusammen sei. Daraufhin ist er so besessen davon seinen Freund zu treffen und von ihm die Wahrheit zu erfahren. Da jedoch sein Freund von den Faschisten gefangen genommen wurde, bezwingt er einen Gegner, um diesen mit seinen Freund austauschen zu können. Diesen muss er doch dann wegen einem Fluchtversuch erschießen. Schließlich gibt er auf und begibt sich noch einmal zu Fulvia. 17 Letztendlich
„ […] sieht (er) sich […] mit Faschisten konfrontiert und findet den Tod. Damit aber wird auch Milton zu einem verzweifelten, einem absurden Helden, der in mörderischer Realität und unter extremen inneren Spannungen seinen persönlichen
13 Vgl. Ebd., S. 731.
14 Vgl. Hösle, Johannes: Die italienische Literatur der Gegenwart. Von Cesare Pavese bis Dario Fo. München: Beck, 1999, S. 128.
15 Vgl. Hösle, Johannes (1999), S. 92.
16 Vgl. Ebd. S.114
17 Vgl. Hardt, Manfred (1996), S. 734f.
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Arbeit zitieren:
Kristin Hofer, 2009, Die Themen der italienischen und deutschen Prosa in den 60-er Jahren, München, GRIN Verlag GmbH
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