Danksagung
Ein herzliches Dankeschön gebührt meiner Schwester Katharina Turecek (Medizinerin und Kognitionswissenschafterin), meinem Lebenspartner Mario Heller, meinem Ausbildungsleiter Dr. Hans Peter Bilek sowie meinem Lehrtherapeuten Thomas Schön. Sie alle standen mir während der Zeit des Schreibens mit zahlreichen Anregungen hilfreich zur Seite.
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Inhaltsverzeichnis
Danksagung. 3
Inhaltsverzeichnis....................................................................................................................... 4
Vorwort 7
Geleitwort zum Aufbau dieser Arbeit 8
Exkurs : Was ist Heilung? 9
Definition. 9
Einige „Heils“-Theorien im Überblick: 11
Zusammenfassung 14
1. Einleitung 15
2. Allgemeine Grundlagen der Psychotherapie. 16
2.1. Was ist Psychotherapie? 16
2.2. Entstehung psychischer Erkrankungen. 17
2.2.1. Erkenntnisse aus der Bindungstheorie und Säuglingsforschung. 17
2.2.2. Die Bedeutung der frühen Mutter-Kind-Beziehung. 19
2.3. Beispiel einer idealtypischen Mutter-Kind-Beziehung 20
2.4. Wie wirkt Psychotherapie? 22
2.5. Zusammenfassung 23
3. Theoretische Grundlagen der Integrativen Gestalttherapie. 24
3.1. Wurzeln der Integrativen Gestalttherapie. 24
3.1.1. Die Psychoanalyse. 24
3.1.2. Die Gestalttheorie/Gestaltpsychologie 24
3.1.3. Der Existentialismus und das Prinzip des „Hier und Jetzt“ 25
3.1.4. Psychodrama. 26
3.1.5. Satori, Wu Wei, Awareness und Mittlerer Bewusstseinsmodus 27
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3.2. Beziehungstheoretische Grundlagen der Integrativen Gestalttherapie. 29
3.2.1. Philosophische Einflüsse 29
3.2.2. Beziehungsorientierte Gestalttherapie. 32
3.2.3. Beziehungsorientierte Gestalttherapie in der Praxis. 34
3.3. Zusammenfassung 38
4. Neurobiologische Grundlagen. 39
4.1. Neuroplastizität - „Die Formbarkeit des Gehirns“ 39
4.1.1. Das Neuronennetz 39
4.1.2. Kommunikation im Nervennetz 40
4.1.3. Bildung des Nervennetzes 43
4.1.4. Umbau des Nervennetzes 46
4.1.5. Molekularbiologie der Neuroplastizität. 47
4.1.6 Implikationen für die Psychotherapie. 50
4.1.7. Zusammenfassung 52
4.2. Neuromodulatoren - „Die Hormone des Gehirns“ 53
4.2.1. Wie sich das Gehirn an die Umwelt anpasst 55
4.2.2. Dopamin und Belohnung. 58
4.2.3. Oxytocin und Bindung 60
4.2.4. Implikationen für die Psychotherapie. 61
4.2.5. Zusammenfassung 63
4.3. Spiegelneurone - „Das soziale Gehirn“ 63
4.3.1. Zielkodierung der Neuronen(-netze) 64
4.3.2. Erste Vorläufer der Entdeckung der Spiegelneurone 65
4.3.3. Die Entdeckung der Spiegelneuronen 66
4.3.4. Implikationen für die Psychotherapie. 68
4.3.5. Zusammenfassung 71
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4.4. Die rechte Hemisphäre - „Affektregulation und Reorganisation des Selbst“ 72
4.4.1. Entwicklungsorientierte Psychotherapie 72
4.4.2. Die emotionale Entwicklung beim Menschen. 73
4.4.3. Emotionale Fehlentwicklung. 74
4.4.4. Auswirkungen früher affektiver Interaktionen. 75
4.4.5. Implikationen für die Psychotherapie. 76
4.4.6. Zusammenfassung 78
5. Forschungsergebnisse und Falldarstellung. 78
5.1. Aktuelle Forschung 78
5.2. Falldarstellung 81
5.2.1. Anamnese 81
5.2.2. Therapieziel 82
5.2.3. Persönlicher Eindruck und Prognose. 83
5.2.4. Lebens- und Therapieverlauf seit Therapiebeginn 83
5.2.5. Feedback der Klientin. 85
5.2.6. Bisherige Therapieinhalte (noch einmal zusammengefasst) 85
5.2.7. Individuelle Therapiemethodik 86
5.2.8. Die Rolle der therapeutischen Beziehung 87
5.2.9. Vermutungen zu neurobiologischen Vorgängen aufgrund der Therapie 89
5.2.10. Beispiel einer Therapiesitzung 89
5.2.11. Zusammenfassung 94
6. Conclusio. 95
Abbildungsverzeichnis 97
Literaturverzeichnis. 99
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Vorwort
In meiner persönlichen Lebensgeschichte durfte ich mehrmals die Erfahrung machen, dass positiv erlebte Beziehungen eine besonders heilsame Wirkung haben können. Sie helfen, frühe Kindheitswunden zu verarbeiten und durch neue, positive Erfahrungen zu ersetzen. Ich erlebte „Heilung durch Beziehung“ durch ein kontinuierliches Beziehungsangebot der Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten während vieler Jahre Eigentherapie und Selbsterfahrung, durch die Unterstützung meiner Ausbildungsgruppe während der fünfjährigen Ausbildung zur Integrativen Gestalttherapeutin sowie durch die stabile, liebevolle und ehrliche Partnerschaft mit meinem Lebensgefährten. Meine Erfahrung und persönliche Überzeugung, welch wichtige Rolle der Beziehungsfaktor in der Heilung eines Menschen spielt, fand ich in den letzten Monaten und Jahren in der aktuellen Gehirnforschung bestätigt. 1 Diese faszinierende Erkenntnis sowie die Verknüpfung von Psychotherapie und Neurobiologie sollen daher Thema dieser Arbeit sein. Ganz besonders freut mich, dass das, was mich zur Wahl des Berufs Psychotherapeutin geführt hat - nämlich die Freude an der Wirkung durch das Arbeiten mit Beziehung - nun am Ende meiner Ausbildung durch neurobiologische Forschungsergebnisse belegt werden kann. Meine Ausbildung und Arbeit als Integrative Gestalttherapeutin erhält so ein in diesem Ausmaß bisher noch nicht da gewesenes wissenschaftliches Fundament. Abschließend möchte ich festhalten, dass mir das Schreiben der Arbeit große Bereicherung und persönliches Wachstum gebracht hat, dass ich meine Kenntnisse sowohl in der Theorie der Integrativen Gestalttherapie als auch auf dem Gebiet der Neurowissenschaften sehr vertiefen konnte und dass ich hoffe, allen Leserinnen und Lesern einen Denkanstoß in Richtung eines beziehungsorientierten Arbeitens und Lebens geben zu können.
1 Durch meine Schwester Katharina Turecek, die Medizin und Neurowissenschaften studiert hat und heute auf diesem Gebiet selbstständig tätig ist, hatte ich schon seit langem Zugang zu aktueller
neurowissenschaftlicher Literatur: die Erkenntnisse der Gehirnforschung - gerade auch in Hinblick auf meine
Ausbildung zur Psychotherapeutin - haben mich von Anfang an sehr interessiert.
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Geleitwort zum Aufbau dieser Arbeit
Der Arbeit vorangestellt wird ein Exkurs zum Begriff „Heilung“. Im ersten Kapitel folgt eine kurze Einleitung in die Arbeit. Anknüpfend werden im zweiten Kapitel die theoretischen Grundlagen der Psychotherapie allgemein vorgestellt, woraufhin im dritten Kapitel die Theorie der Integrativen Gestalttherapie - insbesondere in beziehungstheoretischer Hinsicht - genauer dargelegt wird. Im vierten Kapitel werden die für das Thema dieser Arbeit relevanten neurobiologischen und neurowissenschaftlichen Erkenntnisse erörtert, wobei besonders der neuronalen Plastizität und den Spiegelneuronen Beachtung geschenkt wird. Anschließend wird die Theorie der „Affektregulation und Reorganisation des Selbst“ (2003) von Allan N. Schore vorgestellt, da es ihm als einem der ersten Psychiater und Psychotherapeuten gelungen ist, eine Verknüpfung zwischen der Bedeutung der therapeutischen Beziehung und neurowissenschaftlichen Erkenntnissen herzustellen. Im letzten Kapitel wird kurz auf aktuelle Forschungsergebnisse zum Heilfaktor Beziehung eingegangen sowie eine Falldarstellung aus meiner psychotherapeutischen Praxis angeführt. Im Anhang findet sich das Abbildungs- und Literaturverzeichnis. Offensichtliche Fehler sowie die alte Rechtschreibung in Zitaten der von mir verwendeten Literatur wurden entsprechend der neuen Rechtschreibregeln korrigiert in die Arbeit übernommen.
Um die Vielzahl an Begriffen zu reduzieren, werden alle Personen, die durch Psychotherapeuten begleitet werden (Kinder, Jugendliche und Erwachsene beiderlei Geschlechts), als Klienten bezeichnet.
Konstruktionen wie "sie/er", "Klienten/innen" oder "Psychotherapeuten/innen" habe ich wegen ihrer Schwerfälligkeit vermieden im Sinne des folgenden Zitats: "Frauen sind gleichberechtigt: das sagt das Gesetz und meine eigene Überzeugung. Weder das Gesetz noch meine Überzeugung zwingen mich jedoch zu dem barbarischen `der (die) Leser(in)', `der (die) Student(in)'. `Der' Leser ist ebenso geschlechtsneutral wie `die' Geisel, und ich habe mich nicht dazu verstehen können, Artikelkapriolen unserer Sprache durch Sprachvandalismen aus eigener Schlachtung zu konterkarieren." (Heuser, 1989, 15) Ich erkläre, dass die vorliegende Arbeit von mir selbst verfasst wurde und dass ich keine anderen als die von mir angeführten Behelfe verwendet habe. Eine Kopie der vorliegenden Arbeit halte ich persönlich in Verwahrung.
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Exkurs: Was ist Heilung? Definition
„Heilen“ beschreibt ein Geschehen, das schwer zu definieren ist. Es gibt keine allgemein gültige oder allgemein akzeptierte Definition von „heilen“, keine „Theorie der Heilung“ und auch Recherchen in diversen Lexika ergeben kein einheitliches Bild. Beispielhaft soll daher an dieser Stelle lediglich die sehr allgemeine und populärwissenschaftliche Definition des online-Lexikons Wikipedia zitiert werden: „Der Begriff Heilung bezeichnet den Prozess der Herstellung oder Wiederherstellung der körperlichen und seelischen Integrität aus einem Leiden oder einer Krankheit, bzw. die Überwindung einer Versehrtheit oder Verletzung durch Genesung. Während der Heilungsbegriff etymologisch eher durch ein ganz werden bestimmt ist (siehe „Heil“), bezeichnet genesen (von grch.: neomai) ursprünglich ein Davongekommensein aus einer Gefahr. Klassische Heilungsbegriffe der Antike wie griech. θεραπεία „Dienst, Heilung“, lat.: curatio; sanatio, salvatio, restitutio ad integrum, oder engl.: healing (e.g. by first intention; second intention) schwingen bei einer heutigen Begriffsbestimmung immer mit. Die Heilung im heutigen Sinn umfasst körperliche, psychische und soziale Aspekte (biopsychosoziales Modell) des Menschen.“
In der deutschen Sprache hat das Verb „heilen“ zwei unterschiedliche Bedeutungen: Einerseits kann „heilen“ transitiv gebraucht werden im Sinne von „gesund machen“; andererseits wird das Verb auch intransitiv benutzt im Sinne von „(wieder) gesund werden“. In letzterem Sinne gebraucht, bedeutet Heilung also, dass Gesundheit als Ziel des Heilens von selbst geschieht.
Der US-amerikanische Kardiologe Bernard Lown hat sich 2005 in dem Werk „Heilung-Energie-Geist. ‚Heilung’ zwischen Wissenschaft, Religion und Geschäft“ eingehend mit dem Begriff ‚Heilung’ auseinandergesetzt und sollen seine Überlegungen hier kurz vorgestellt werden (vgl. ebd, 33ff): Subjektivität des Heilens
Beim Erleben des Heilwerdens kommt es ganz entscheidend auf das subjektive Empfinden des zu Heilenden an. Damit entzieht sich das Heilwerden weitestgehend einer
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objektiven Definition und Sichtweise. Für einen Arzt ist es nicht immer klar zu entscheiden, ob ein Patient in medizinisch-naturwissenschaftlichem Sinne wirklich geheilt ist, oder ob er sich lediglich geheilt fühlt, also nur glaubt, geheilt zu sein. Vielfältige Beteiligungsfaktoren am Prozess des Heilens Heilung wird weltweit und traditionell als ein Zusammenwirken körperlicher, seelischer, sozialer und ritueller Faktoren verstanden. Dem „Heiler“ wird dabei vielfach große Bedeutung zugemessen. Dieser kann aus unterschiedlichsten Professionsgruppen stammen, beispielhaft aufgezählt mögen sein: Ärzte, Psychotherapeuten, Schamanen, Astrologen, Priester und Heilpraktiker. Vielfalt an unterschiedlichen Heilungsmethoden
Ebenfalls nur beispielhaft aufgezählt werden können die Akupunktur, Aromatherapie, Atemtherapie, Ayurveda, Bachblütentherapie, Bioenergie, Biofeedback, Familienaufstellung, Geistiges Heilen, Handauflegen, Homöopathie, Kinesiologie, Massagetechniken, Meditationspraktiken, Psychotherapie, Schamanisches Heilen, Schulmedizinische
Behandlungen, Taiji, die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM),... Die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen.
Heilen steht immer in einem kulturspezifischen Kontext
Es steht außer Zweifel, dass es zu allen Zeiten und in allen Ländern und Kulturen jeweils eine oder mehrere spezifische „Künste des Heilens“ gab und gibt; deshalb kann das, was unter „Heilen“ und „Heilung“ verstanden wird, nur immer wieder neu und innerhalb des jeweiligen Kontextes verstanden und diskutiert werden. „Heilung“ wird heute oft durch „Behandlung“ verdrängt
Die wissenschaftliche Revolution und die technischen Fortschritte in der Medizin verstärken heutzutage bei Patienten den Glauben, dass jede wie auch immer geartete Krankheit sofort behandelt werden könnte. Ebenso kommt es heute vielfach zu einer „Übertherapie“ durch Ausprobieren unterschiedlicher Behandlungsmethoden, Verschreibung einer Vielzahl von Medikamenten und Überweisung an unterschiedliche Ärzte. Ein Übermaß an erfolgten Untersuchungen, Befunden und (unterschiedlicher) Diagnosen ist die Folge.
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Die Fundamente des Heilens
Immer mehr Ärzte und Therapeuten, die sich mit den Wirkfaktoren erfolgreicher Behandlung beziehungsweise Heilung beschäftigen, vertreten mittlerweile die Ansicht, dass die Beziehung zwischen „Heiler“ und „Heil Suchendem“, also die Arzt-Patient-Beziehung beziehungsweise die Therapeut-Klient-Beziehung, den wichtigsten Faktor im Heilungsprozess darstellt. (vgl. Grawe, 2005; Begenau/Schubert/Vogd, 2009) Die zwei grundlegenden Fundamente des Heilens sind:
• eine gute Ausbildung und Fachkompetenz sowie Erfahrung und
• die Voraussetzung, zuhören zu können, Empathie, Beziehung.
Einige „Heils“-Theorien im Überblick: Heilung in den Schriften des Neuen Testaments
In der katholischen Theologie wird Jesus als Heiland der Menschen gesehen, der neben körperlichen Krankheiten vor allem von der Krankheit der Sünde befreit. Nach Meinung der Gläubigen zu Jesu Zeiten zeigten sich die Auswirkungen von Sünden in Form von körperlichen und/oder seelischen Gebrechen. Für Jesus bedeutete Heilung eines Menschen somit Heilung von körperlichen, seelischen und geistigen Gebrechen -Sündenvergebung ist Heilung von der Wurzel her. Dieses ganzheitliche Verständnis von Heilung wird deutlich in dem Satz Jesu: „Deine Sünden sind dir vergeben“ (Mt 9,2; Mk 2,5; Lk 5,20) im Anschluss an die Geschichte von der Heilung des Gelähmten. Die Heilungsgeste Jesu erfolgte meistens durch Händeauflegen auf den Kranken (z.B. Mt 8,3; Mt 8,15; Mt 9,29; Mk 1,41). (vgl. Dörnemann, 2003, 64) Heilung im Schamanismus
Im Mittelpunkt der spirituellen Praxis im Schamanismus steht die Kommunikation mit Geistwesen, wobei der Schamane als Vermittler zwischen seiner menschlichen Gemeinschaft (Sippe, Klan, Stamm,...) und der Welt der Geister auftritt. Dabei versetzt er sich mittels Tanz und Trommelbegleitung in einen Zustand der Ekstase, die als äußerer Anschein einer Seelenreise (z.B. ins Totenreich) oder als eine Inkorporation bestimmter Geister durch den Schamanen aufgefasst wird. Der traditionelle Aufgabenbereich eines Schamanen oder einer Schamanin liegt hauptsächlich in der Leitung von verschiedensten Ritualen (v.a.
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Übergangsriten vom Leben zum Tod) und der Heilung von Krankheiten, wobei die Krankheit als von Geistern verursacht verstanden wird.
Heilung im Taoismus und in der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) Heilung bedeutete im alten China "Ganzwerdung" - ein ausgewogenes Zusammenwirken aller Aspekte im Menschen. Körper und Seele werden als eine Einheit gesehen, eingebunden ins Universum. Die Organe des Körpers sind neben ihrer physiologischen Funktion verantwortlich für emotionale Prozesse. Ziel der traditionellen chinesischen Medizin ist es, den Körper zu harmonisieren und durch ein ausgeglichen fließendes Qi (=Lebensenergie) Heilung zu ermöglichen. Hierfür eignen sich neben Akupunktur, Akupressur und Shiatsu Zen-Meditation, Taiji und Qigong, bewusste Ernährung sowie verschiedene Kräuter. Heilung aus Sicht der Schulmedizin
„In der Schulmedizin gibt es den Begriff „restituo ad integrum“, der Heilung im Sinne von Wiederherstellung des Ausgangszustandes meint. Bleibt ein organischer oder funktioneller Restschaden, sprechen Schulmediziner von „Defektheilung“. Als Heilmittel werden vor allem pharmazeutische Medikamente und physikalische Behandlungen eingesetzt. Heilung in der Integrativen Gestalttherapie
Die Integrative Gestalttherapie sieht die Ursache für Probleme und die meisten Leiden in schädigenden Beziehungserfahrungen. Heilung ortet sie daher ebenfalls im Erleben von Beziehung. Diese Grundannahme des „Dialogischen Prinzips“ geht auf Martin Buber zurück und wurde von Fritz Perls (1893-1970, Begründer der Integrativen Gestalttherapie) aufgegriffen: „Du bist du, und ich bin ich. Erst muss ich mich finden, um Dir begegnen zu können. Ich und Du, das sind die Grundlagen zum wir. Nur gemeinsam können wir das Leben in dieser Welt menschlicher machen.“ (Perls, 1966) Heilung in der Philosophie
Die Auseinandersetzung mit Gesundheit, Glück und Heilung erfolgte in der Geschichte der Philosophie immer wieder und auf unterschiedlichste Weise - von den Stoikern über Epikur, Augustin und die mittelalterlichen Philosophen, über Descartes, Spinoza, Leibniz, Locke und Hume, über Kant, Fichte, Schleiermacher, Schelling, Hegel und
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Herbart, von Schopenhauer über Nietzsche bis Bergson - ein genaueres Eingehen auf die einzelnen Standpunkte würde den Rahmen dieses Exkurses bei weitem sprengen. Abschließend sollen daher lediglich einige ausgewählte Zitate angeführt werden, welche die persönlichen Überlegungen des Lesers zu diesem Thema anregen mögen und noch einmal aufzeigen können, wie unterschiedlich die Zugänge zum Begriff Heilung immer schon waren und sind:
„Ein Teil der Heilung war (schon immer) geheilt werden zu wollen.“ (Seneca) „Einige Heilmittel sind gefährlicher als das Übel.“ (Seneca)
„Kein besseres Heilmittel gibt es im Leid als eines edlen Freundes Zuspruch.“ (Euripides) „Man kann zu allen Zeiten Gott dienen und auf diese Weise sein Heil wirken.“ (Augustinus) „Denke nicht, dein Heil zu setzen auf ein Tun! Man muss es setzen auf ein Sein.“ (Meister Eckhardt)
„Leiden liegt in der menschlichen Natur; aber wir leiden nie, oder zumindest sehr selten, ohne die Hoffnung auf Heilung zu nähren; und die Hoffnung selbst ist eine Freude.“ (Giacomo Girolamo Casanova)
„Ich bin gesund, das heißt: ich bin nicht krank.” (Johann Wolfgang von Goethe) „Wer das helfende Wort in sich aufruft, erfährt das Wort, wer Halt gewährt, verstärkt in sich den Halt, wer Trost spendet, vertieft in sich den Trost, wer Heil wirkt, dem offenbart sich das Heil.“ (Martin Buber)
„Ich glaube an die Gewaltlosigkeit als einziges Heilmittel.“ (Mahatma Gandhi) „Die Zeit heilt nicht alles; aber sie rückt vielleicht das Unheilbare aus dem Mittelpunkt.“ (Ludwig Marcuse)
„Einen Kranken, der sich gesund hält, kann man nicht heilen.“ (Henri-Frédéric Amiel) „Sinn heilt Wunden.“ (Andreas Tenzer)
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Zusammenfassung
Gleichgültig, wie viele Zugänge zum Begriff Heilung vorgestellt und erläutert werden würden - alle Theorien führen zurück zu der schon einleitend vorgestellten Erkenntnis, dass es keinen eindeutigen und allgemein gültigen Heils-Begriff gibt und einen solchen (aufgrund der in diesem Exkurs eben dargestellten Aspekte) gar nicht geben kann. Die einzige gemeinsame Schlussfolgerung, die aus der Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Heilstheorien gezogen werden kann, ist diese: Alle Richtungen arbeiten mit bestimmten bewussten oder unbewussten Grundannahmen (- ohne sich unbedingt explizit mit dem Begriff „Heilung“ auseinander zu setzen).
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1. Einleitung
Es ist weitreichend bekannt und durch zahlreiche Ergebnisse der Psychotherapie-Forschung erwiesen, dass Psychotherapie wirkt 2 . Interessant ist heute zu ergründen, wie Psychotherapie wirkt.
In den meisten Heilverfahren (- seien diese nun als Psychotherapie benannt oder anders -) lässt sich die heilsame Wirkung vor allem auf die Beziehung zwischen Therapeut und Klient (zwischen Behandelndem und zu Behandelndem) zurückführen. 3 Im Gegensatz zur Psychoanalyse, welche ihre Wirkung der Bewusstmachung und (objektiven) Analyse innerpsychischer Konflikte zuschreibt (- und hier daher aufgrund ihrer historischen Bedeutung für alle Psychotherapiemethoden jedenfalls erwähnt werden soll-), sah und sieht die Gestalttherapie die therapeutische Beziehung und die Begegnung zwischen Therapeut und Klient als den wesentlichen Wirkfaktor in der Psychotherapie. 4 Diese sehr frühe Prämisse der Gestalttherapie kann heute neurowissenschaftlich erklärt werden. Dieser neurowissenschaftliche Nachweis des Prinzips „Heilung durch Beziehung“ hat für die Praxis der Psychotherapie enorme Bedeutung und ergeben sich daraus weitreichende Konsequenzen für viele andere Professionen (z.B. Medizin, Pädagogik, etc.). In der vorliegenden Arbeit wird die neuartige Verknüpfung von Psychotherapie und Neurowissenschaften in Bezug auf die Bedeutung von Beziehung dargestellt und von verschiedenen Standpunkten aus beleuchtet. Die Tragweite dieser Ergebnisse und die sich daraus ergebenden Konsequenzen für zahlreiche Professionen - insbesondere natürlich für die Psychotherapie - sollen dadurch ins Bewusstsein gerufen werden.
2 vgl. Studien berühmter Psychotherapieforscher, u.a. Fonagy, 2004/2008, Grawe, 1994-2005, Greenberg, 1979/1981, Kernberg, 2008, Orlinsky, 1994,…
3 Auf diese Theorie wird im Kapitel „Allgemeine Grundlagen der Psychotherapie“ sowie im Exkurs zum Begriff „Heilung“ ausführlich eingegangen.
4 Mehr dazu lesen Sie im dritten Kapitel „Theoretische Grundlagen der Integrativen Gestalttherapie“.
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2. Allgemeine Grundlagen der Psychotherapie
2.1. Was ist Psychotherapie?
Etymologie: Der Begriff „Psychotherapie“ stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet ursprünglich „Heilung der Seele“. Gemeint ist, durch Psychotherapie den ganzen Menschen, seine Seele, sein Gemüt, seinen Verstand, seine Lebenskraft, zu unterstützen, zu heilen, zu pflegen und auszubilden.
Psychotherapie gab es schon immer, jedoch war sie in früheren Zeiten nicht als eigene Berufstätigkeit sondern eher als Gabe einzelner bekannt - meist in ärztlichem, priesterlichem, spirituellem oder pädagogischem Kontext. (vgl. Trüb, 1962) Mit Sigmund Freud (1856-1939) und der Begründung der Psychoanalyse wurde für die Psychotherapie als Beruf und Behandlungsmethode der Startpunkt gesetzt.
Im Österreichischen Bundesgesetz vom 7. Juni 1990 über die Ausübung der Psychotherapie (Psychotherapiegesetz) wird Psychotherapie folgendermaßen definiert: „§ 1. (1) Die Ausübung der Psychotherapie im Sinne dieses Bundesgesetzes ist die nach einer allgemeinen und besonderen Ausbildung erlernte, umfassende, bewusste und geplante Behandlung von psychosozial oder auch psychosomatisch bedingten Verhaltensstörungen und Leidenszuständen mit wissenschaftlich-psychotherapeutischen Methoden in einer Interaktion zwischen einem oder mehreren Behandelten und einem oder mehreren Psychotherapeuten [Hervorh. d. Verf.] mit dem Ziel, bestehende Symptome zu mildern oder zu beseitigen, gestörte Verhaltensweisen und Einstellungen zu ändern und die Reifung, Entwicklung und Gesundheit des Behandelten zu fördern.“
In der vom Bundesministerium für Gesundheit und Frauen herausgegebenen Broschüre „Psychotherapie - Wenn die Seele Hilfe braucht“ heißt es: „Das Ziel einer Psychotherapie ist es, seelisches Leid zu heilen oder zu lindern, in Lebenskrisen zu helfen, gestörte Verhaltensweisen und Einstellungen zu ändern und die persönliche Entwicklung und Gesundheit zu fördern.
Psychotherapie ist ein eigenständiges Heilverfahren im Gesundheitsbereich für die Behandlung von psychischen, psychosozialen oder auch psychosomatisch bedingten Verhaltensstörungen und Leidenszuständen. Sie besteht gleichberechtigt neben anderen Heilverfahren, wie z. B. der medizinischen oder der klinisch-psychologischen Behandlung.
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Die Ausübung der Psychotherapie ist seit 1991 gesetzlich geregelt.
Psychotherapie findet in der Beziehung zwischen der Psychotherapeutin bzw. dem Psychotherapeuten und der Patientin bzw. dem Patienten statt. [Hervorh. d. Verf.]“ Martin Buber (1878-1965) schreibt in seinem Vorwort zu Hans Trübs „Heilung aus der Begegnung“ über den Beruf des Psychotherapeuten: „…dieser hier, der „Psychotherapeut“, dem es aufgetragen ist, Warter und Heiler kranker Seelen zu sein, begegnet jeweils der nackten Abgründigkeit des Menschen, seiner abgründigen Labilität, der schlimmen Zugabe, die bei der Erwerbung jenes der Natur unbekannten Prozesses mit in den Kauf genommen werden musste, den man im spezifischen Sinne als Psychik bezeichnen darf; und zwar begegnet er ihr nicht wie der Priester mit heiligem Gnadengut oder doch heiligem Wortgut ausgerüstet, sondern als bloße Person, über nichts anderes verfügend als über die Tradition seiner Wissenschaft und die Theorie seiner Schule. (…) …dass von ihm gefordert ist,…dass er zunächst den Fall aus der methodengerechten Versachlichung ziehe und selber, aus der in langer Lehre und Übung errungenen und durch sie verbürgten professionellen Überlegenheit tretend, in die elementare Situation zwischen einem anrufenden und einem angerufenen Menschen eingehe. (…) …und ist mit jenen in die Luft der Welt getreten, wo Selbheit der Selbheit ausgesetzt ist.“ (Trüb, 1962, 9ff)
2.2. Entstehung psychischer Erkrankungen
2.2.1. Erkenntnisse aus der Bindungstheorie und Säuglingsforschung Nach aktuellem Forschungsstand der modernen Bindungstheorie und
Säuglingsforschung ist erwiesen, dass (neben möglichen genetischen Prädispositionen für bestimmte Krankheiten) gewisse Formen der Interaktion in der frühen Mutter-Kind-Beziehung 5 sowohl einen positiven als auch einen negativen Einfluss auf die psychische Entwicklung des Menschen haben.
5 Selbstverständlich haben auch spätere Beziehungs- und Bindungserfahrungen sowie die Beziehung zu anderen Bezugspersonen als zur leiblichen Mutter erheblichen Einfluss auf die menschliche
Persönlichkeitsentwicklung, jedoch ist die erste und wichtigste Bezugsperson eines Kindes in der Regel die
Mutter und hat daher die frühe Mutter-Kind-Beziehung prägende Auswirkungen auf das gesamte Leben.
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Zum näheren Verständnis der immensen Bedeutung, welche die Erkenntnisse aus der Bindungstheorie und Säuglingsforschung für die Psychotherapie (und im speziellen für das therapeutische Beziehungsgeschehen) haben, sollen die Pioniere dieses Forschungsgebietes sowie deren Theorien im folgenden kurz dargestellt werden. John Bowlby (1907-1990), ein britischer Kinderarzt, Kinderpsychiater und Psychoanalytiker, machte bereits in den 50er Jahren darauf aufmerksam, dass Säuglinge und Kleinkinder aufgrund von Deprivation und Unterbringung in Heimen und anderen Institutionen Entwicklungsschäden davontragen können. Er beschäftigte sich in Folge in seinen zahlreichen Studien sowohl mit den schädlichen Folgen der Mutterentbehrung als auch mit fördernden Faktoren in der Mutter-Kind-Beziehung. Gemeinsam mit Mary D. Salter Ainsworth gilt Bowlby als Begründer der Bindungsforschung und Bindungstheorie. Mary D. Salter Ainsworth (1913-1999) begann ihre Forschungstätigkeit in den 50er Jahren unter der Leitung von John Bowlby und führte später selbständig eine Reihe von bis heute höchst bedeutungsvollen Studien über die Mutter-Kind-Bindung durch. Diese Untersuchungen sind heute unter dem Begriff "Strange Situation Test" (deutsch: „Fremde Situation Test“) bekannt und ist dieser zu einem Standard Test zur Beurteilung der Bindung von Kindern geworden:
Im sogenannten „Fremde-Situations-Test“ wird eine künstliche Trennungssituation zwischen Mutter und Kind hergestellt und das Verhalten des Kindes beobachtet. Je nach der Reaktion des Kindes wird das Verhalten in drei Kategorien eingeteilt: Kinder mit sicherer Bindung, Kinder mit unsicher-vermeidender Bindung und Kinder mit unsicher-ambivalenter Bindung. Nachträglich wurde eine vierte Kategorie eingeführt für Kinder mit desorganisiertem Verhaltensmuster.
René Arpad Spitz (1887-1974) war ein österreichisch-amerikanischer Psychoanalytiker und Wegbereiter der Säuglingsforschung und Entwicklungspsychologie. Am bekanntesten sind seine Untersuchungen in Waisenhäusern der 40er Jahre in Wien, in denen Säuglinge ihre Mutter unterschiedlich lang entbehren mussten und daher keine oder zu wenig Zuwendung bekamen. Dies führte in Folge zu massiven Deprivationserscheinungen und in letzter Konsequenz sogar zum Tod. (vgl. Spitz, 1945/1946) Mittels empirischer Untersuchungsmethoden (direkte Beobachtung, Filmaufnahmen, Säuglingstests und Verbindung von Langzeitstudien und Quervergleichen) und unter
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Heranziehung von Kulturvergleichen des frühkindlichen Erlebens konzentrierte sich Spitz im Laufe seiner wissenschaftlichen Laufbahn vor allem auf die Entwicklung der zwischenmenschlichen Kommunikation, den Erwerb von Sprache und die Entwicklung der Beziehung zwischen Mutter und Kind im ersten Lebensjahr. Die Wechselbeziehung zwischen Mutter und Kind war für Spitz die prägende Erfahrung zur Entwicklung von späteren sozialen Beziehungen. Große Beachtung erlangten seine empirischen Untersuchungsergebnisse der gestörten Mutterbeziehungen des Säuglings bei inkohärenten Stimuli wie aktive und passive Ablehnung des Kindes, Überfürsorglichkeit, abwechselnde Feindseligkeit und Verwöhnung oder mit Freundlichkeit verdeckte Ablehnung. Solche Bedrohungen der Objektkonstanz führen in Folge je nach Art der gestörten Objektbeziehung zu verschiedenen psychischen und psychosomatischen Störungen beim Kind (z.B. Säuglingsekzeme, anaklitische Depression, psychotoxische Störung, Hospitalismus) 6 . (vgl. Spitz, 1992)
2.2.2. Die Bedeutung der frühen Mutter-Kind-Beziehung
Hans Trüb schrieb über die Ursachen für die Entstehung von Neurosen bereits 1951, „dass das kindliche Selbst sich doch dereinst mit holdseligem Vertrauen in die echte Beziehung zur Welt schon eingelassen hatte! Erst am Unverständnis und an den sinnlosen Schranken dieser partnerisch ihm zubestimmten, aber sich ihm versagenden Welt, insbesondere des Elternhauses, ist es irre geworden…“ (1962 [1951], 77) Rich Hycner (Gestalttherapeut) definiert „Psychopathologie“ als Ergebnis eines „früh abgebrochenen Dialogs“. (vgl. Hycner, 1989, 60).
Martin Buber 7 (Philosoph) vertrat eine ähnliche Sichtweise und formulierte diese mit folgenden Worten: „Die Krankheiten der Seele sind Krankheiten der Beziehung.“ (1965, 155)
6 Diese Erkenntnisse aus der frühen Bindungsforschung wurden später immer wieder durch neuere Untersuchungen bestätigt, z.B. ganz aktuell in Langzeitstudien an Adoptivkindern aus rumänischen
Waisenhäusern (vgl. Marshall, 2008; Nelson, 2007a,b; Zeanah et al., 2009)
7 Mehr zu Martin Buber lesen Sie im dritten Kapitel „Theoretische Grundlagen der Integrativen Gestalttherapie“
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2.3. Beispiel einer idealtypischen Mutter-Kind-Beziehung
Jean Liedloff, eine aus Amerika stammende Publizistin und Psychotherapeutin, schrieb nach fünf Expeditionen zum indigenen Volk der Yequana in Venezuela ihre ethnologischen Feldbeobachtungen in dem Buch „Continuum concept“ 8 nieder, das 1977 zum ersten Mal veröffentlicht wurde und dessen Grundlagen hier zusammengefasst werden sollen: Bei den Yequana gilt - wie bei vielen Naturvölkern - die Geburt als Teil des Lebens und wird von der Frau alleine oder im Beisein einer oder mehrerer anderer Stammesfrauen vollzogen. Anschließend wird dem neugeborenen Säugling sofort nach dem Austritt aus dem Mutterleib ein enger Körperkontakt gewährt. Liedloff beschreibt dieses Ereignis mit folgenden Worten:
„Wenn es selbständig zu atmen begonnen hat, und friedlich auf seiner Mutter ausruht, nachdem es von ihr gestreichelt wurde bis es ganz ruhig ist, und wenn die Nabelschnur gänzlich aufgehört hat zu pulsieren und danach durchgeschnitten wurde, wird das kleine Wesen an die Brust gelegt, ohne Verzögerungen irgendeiner Art - sei es zum Waschen, Wiegen oder Untersuchen, oder was auch sonst. Genau zu diesem Zeitpunkt, sobald die Geburt vollendet ist, wenn die Mutter und das Baby sich zum ersten Mal als getrennte Einzelwesen begegnen, muss das erfolgreiche Ereignis der Prägung stattfinden.“ (Liedloff, 1986, 81) 9
In Folge wird der Säugling praktisch das ganze erste Lebensjahr von der Mutter oder anderen Stammesmitgliedern an der Brust oder auf dem Rücken getragen. So kann das Kind überall hin mitgenommen werden und ist sein Leben geprägt von ständiger Nähe, unterschiedlichen Reizen und zahlreichen Anregungen. Die direkte Zugriffsnähe zur Mutterbrust ermöglicht dem Säugling, sich bei Bedarf selbst zu nähren und so Sicherheit, Vertrauen und Autonomie zu erfahren. Durch diese intensive und von Sicherheit getragene Beziehung zur Mutter entwickelt sich die Selbstsicherheit des Kindes, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst wahrgenommen, jedoch später auf selbstverständliche Weise im Erwachsenenleben genützt werden kann.
8 Dt.: Jean Liedloff, Auf der Suche nach dem verlorenen Glück: Gegen die Zerstörung unserer Glücksfähigkeit in der frühen Kindheit, 1986
9 In der modernen Geburtspraxis wird versucht, diese Erkenntnis zu integrieren.
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„In der Phase des Getragenwerdens, in der Zeit zwischen der Geburt und dem freiwilligen Beginn des Krabbelns, gewinnt ein Säugling Erfahrungen und erfüllt damit seine ihm angeborenen Erwartungen; von hieraus gelangt er zu neuen Erwartungen oder Wünschen, die er dann ihrerseits erfüllt. Wenn er wach ist, bewegt er sich sehr wenig und ist gewöhnlich in entspanntem und passivem Zustand. Seine Muskeln haben Spannkraft; er ist nicht in der stoffpuppenähnlichen Verfassung, in der er schläft, aber er wendet nur das Minimum an Muskelaktivität auf, das erforderlich ist, um die Dinge zu tun, die in dem jeweiligen Stadium getan werden müssen: zu essen oder defäkieren.“ (ebd., 71) Die Kinder der Yequana werden am Körper getragen, bis sie von selbst zu kriechen, dann zu krabbeln beginnen und so nach und nach ihre Umwelt erkunden. Dabei wird ihnen ein großes Maß an Autonomie und Selbstverantwortung zugemutet beziehungsweise zugestanden. Sie schlafen gemeinsam mit den Eltern, bis sie selbst aus dem Familienbett ausziehen, meist zwischen dem dritten und fünften Lebensjahr. Liedloff konnte keinerlei Ermahnungen oder Tadel durch Eltern oder andere Stammesmitglieder beobachten, wie sie bei uns in der Erziehung üblich sind.
Liedloffs Beobachtungen nach wachsen Yequana Kinder zu freundlichen, friedlichen und selbstbewussten Menschen heran und sind psychische Krankheiten dem Volk unbekannt. „Wenn man so lebt, wie es die Evolution bestimmt hat, verläuft die eigene Lebensgeschichte ganz anders. Die Wünsche der Säuglingszeit weichen jenen der aufeinander folgenden Phasen der Kindheit; und jede erfüllte Reihe von Wünschen macht der nächstfolgenden Platz. (…) Jede Lebensphase hat besondere Freuden; (…) Schmerz und Krankheit, der Tod jener, die man liebt, und die Unbequemlichkeiten und Enttäuschungen beeinträchtigen die glückliche Norm, jedoch ändern sie nichts daran, dass Glücklichsein tatsächlich die Norm ist, noch beeinträchtigen sie die Bestrebung des Kontinuums, diese nach jeder Störung wiederherzustellen, zu heilen.“ (ebd., 190f.) Zusammenfassend kann der Schluss gezogen werden, dass die von Liedloff beschriebene Mutter-Kind-Beziehung im Stamm der Yequana eine für die menschliche Entwicklung idealtypische ist. Ihre Beobachtungen stellen somit eine bedeutungsvolle Erkenntnisgrundlage für die Psychotherapie (- sowie natürlich auch für andere Wissenschaften wie die Pädagogik, Entwicklungspsychologie u.a. -) dar.
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Eine positiv und sicher erlebte Mutter-Kind-Beziehung in den ersten Lebensmonaten und -jahren stellt den stärksten Schutzfaktor für eine gesunde Entwicklung von Körper, Geist und Seele des Menschen dar. Primäres Anliegen von Psychotherapie muss daher die Heilung beziehungsweise Wiedergutmachung der als ungenügend erlebten Mutter-Kind-Beziehung (beziehungsweise anderer negativer Beziehungserfahrungen) des Klienten sein.
2.4. Wie wirkt Psychotherapie?
Als Hans Jürgen Eysenck (1916-1997), ein britischer Persönlichkeitspsychologe deutscher Herkunft, in seiner Abhandlung von 1952 "The Effects of Psychotherapy" die Wirksamkeit von Psychotherapie generell in Frage gestellt hatte 10 , begann bald darauf die empirische und statistisch orientierte Psychotherapieforschung. Diese beschäftigt sich seitdem mit der Wirksamkeit und Wirkweise psychotherapeutischer Verfahren mittels empirischer wissenschaftlicher Methoden und Meta-Analysen und wird seit einigen Jahren ergänzt durch Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften (auf diese wird in den folgenden Kapiteln noch detailliert eingegangen).
Klaus Grawe (1942-2005), einer der bekanntesten Psychotherapieforscher des deutschen Sprachraumes, hat über die unterschiedlichen Therapieschulen hinweg grundlegende Wirkfaktoren der Psychotherapie erkannt und nachgewiesen: Therapeutische Beziehung: Die Qualität der Beziehung zwischen dem Psychotherapeuten und dem Klienten trägt signifikant zu einem besseren oder schlechteren Therapieergebnis bei.
Ressourcenaktivierung: Die Eigenarten, die ein Klient in die Therapie mitbringt, werden als positive Ressource für das therapeutische Vorgehen genutzt. Das betrifft vorhandene motivationale Bereitschaften, Fähigkeiten und Interessen des Klienten. Problemaktualisierung: Die Probleme, die in der Therapie verändert werden sollen, werden unmittelbar erfahrbar. Das kann z.B. dadurch geschehen, dass Therapeut und Klient
10 1993 revidierte er diese Ansicht in Eysenck, H. J.: Creativity and personality: Suggestions for a theory, 1993
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Arbeit zitieren:
Dipl. Soz.päd. Elisabeth Turecek, 2010, Heilung durch Beziehung, München, GRIN Verlag GmbH
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