Inhaltsverzeichnis:
Einleitung S. 03
1. Preußen bis zum politischen Umschwung 1795 06
1.1 Preußen im Ersten Koalitionskrieg und die Zerschlagung Polens 06
1.2 Der Basler Sonderfriede 1795 und seine Folgen 10
2. Der Norddeutsche Neutralitätsverband 14
2.1 Die Anfänge der „Ruhe des Nordens“
S. 14
2.2 Der Schutz der Demarkationslinie 18
2.3 Die erste Besetzung Hannovers durch Preußen 1801 22
3. Das Ende der „Ruhe des Nordens“ und des Alten Reiches 1806
S. 28
Schlussbetrachtung S. 32
Anhang S. 35
Abbildungen S. 35
Literatur - und Quellenverzeichnis 40
Abbildungsverzeichnis S. 43
2
Einleitung
1789 - im Sturm auf die Bastille vom 14. Juli fand die Französische Revolution ihren symbolischen Anfang und leitete damit eine Zeitenwende ein. Aber nicht nur für Frankreich wurde dieses Jahr Richtung weisend, auch auf das Heilige Römische Reich Deutscher Nation warfen die Ereignisse im Nachbarland ihre Schatten und führten letztendlich zu seinem Ende.
Dass in der Folgezeit - im unmittelbaren Einflussbereich des beginnenden Umwälzungsprozesses in Frankreich stehend - nicht auch im Reich eine Revolution ausbrach, hatte vielfältige Gründe. Am ehesten sind diese wohl in der „politischen Zersplitterung des Reiches“ und dem „Fehlen eines echten Zentrums“ zu sehen, wobei es noch zahlreiche andere Faktoren gab, die den von Paris ausgehenden Dominoeffekt verpuffen ließen. Dennoch war die Informationslage über die Geschehnisse nach dem 14. Juli im Reich außerordentlich gut, da das Pressewesen ausführliche Artikel darüber veröffentlichte. Preußen und Österreich zeigten sich vom Beginn der Französischen Revolution wenig tangiert, waren doch die akute Türkengefahr, die Aufstände in Ungarn sowie Belgien und die zu klärende „Polen-Frage“ in dieser Zeit die dringlicheren Probleme. 1 Bereits seit 1763 war der preußisch-österreichische Dualismus im Reich fest etabliert, wobei beide Mächte um die Vorherrschaft rangen. Dieses Kräftemessen auf politischer Ebene hatte nach dem Ausbruch der Revolution größte Relevanz. Der Dualismus erreichte im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts seinen Höhepunkt. Da die zwei großen Mächte nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht waren, hatten sie am Erhalt des Reiches bald kein Interesse mehr. Die Reichsidee blieb lediglich in den Reichsstädten und den kleineren Territorien lebendig. 2 Der Historiker Samuel Pufendorf charakterisierte das Reich im 17. Jahrhundert wie folgt:
„Es bleibt uns also nichts anderes übrig, als das deutsche Reich, wenn man es nach den Regeln der Wissenschaft von der Politik klassifizieren will, einen irregulären und einem Monstrum ähnlichen Körper zu nennen, der sich im Laufe der Zeit durch die fahrlässige Gefälligkeit der Kaiser, durch den Ehrgeiz der Fürsten und durch die Machenschaften der Geistlichen aus einer regulären Monarchie zu einer so disharmonischen Staatsform entwickelt hat, dass es nicht mehr eine beschränkte Monarchie, wenngleich der äußere Schein dafür spricht, aber noch
1 DEMEL, WALTER: Reich, Reformen und sozialer Wandel 1763-1806 (Gebhardt Handbuch der deutschen
Geschichte Band 12; 10., völlig neu bearbeitete Auflage, Stuttgart 2005) S. 295f.
2 MÖLLER, HORST: Fürstenstaat oder Bürgernation. Deutschland 1763-1815 (Siedler deutsche Geschichte:
Die Deutschen und ihre Nation, Berlin 1994) S. 243.
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nicht eine Föderation mehrerer Staaten ist, vielmehr ein Mittelding zwischen beiden... Wir können also den Zustand Deutschland am besten als einen solchen bezeichnen, der einem Bund mehrer Staaten sehr nahe kommt, in dem ein Fürst als Führer des Bundes die herausragende Stellung hat und mit dem Anschein königli- cherGewalt umgeben ist.“ 3
Diese Aussage behielt bis 1806 Gültigkeit. Die „fahrlässige Gefälligkeit des Kaisers“ zeigte sich nach 1789 besonders darin, dass Franz II. die Interessen „seines“ Österreichs über die des Reiches stellte und 1804, auf die Kaiserproklamation Napoleons hin, den Titel „Kaiser von Österreich“ annahm und damit selbstverständlich mit dem Reichsrecht brach. Die „Disharmonie“ war vor allem durch das bestimmende Verhältnis zwischen Preußen und Österreich nicht weg zu diskutieren. Dennoch kämpften beide großen Mächte ab 1791 Seite an Seite gegen das revolutionäre Frankreich. Doch die Eintracht hielt nur kurze Zeit, da Preußen die im selben Jahr geschlossene Koalition schnell wieder verließ.
Diese Arbeit beschäftigt sich mit der preußischen Politik dieser Zeit und deren Auswirkungen auf das Reich sowie den gesamteuropäischen Kontext. Die innerpreußische Entwicklung muss hierbei vernachlässigt werden. Der Hohenzollernstaat gründete mit französischer Absegnung einen Norddeutschen Neutralitätsverband, der die Teilung des Reiches herbeiführte. Auf europäischer Ebene manövrierte sich Berlin durch seine neutrale Haltung in eine außenpolitische Isolation. Mit der Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt gingen Preußen und damit auch der Neutralitätsverband zugrunde. Unter der zentralen Fragestellung, ob die preußische Politik jener Jahre ein Fehler war, werden in der vorliegenden Arbeit die relevanten Ereignisse analysiert. Der erste Abschnitt umfasst den Zeitraum 1791-1795. Zunächst geht es um den Ersten Koalitionskrieg und die preußischen Gründe, diesen zu verlassen, wobei ein besonderes Augenmerk auf der Entwicklung in Polen liegen wird. Preußen schloss 1795 in Basel einen Separatfrieden mit Frankreich, der einen Norddeutschen Neutralitätsver-band unter preußischer Führung begründete. Der Friedenschluss hatte für das gesamte Reich und Europa weit reichende Folgen, weshalb ihn viele Historiker später als den größten Fehler der preußischen Politik jener Jahre bezeichneten - eine Wertung, die zu beurteilen sein wird.
Der zentrale Teil widmet sich anschließend dem Norddeutschen Neutralitätsver-band 1795-1801, im Detail vor allem seinen Anfängen und seinem Schutz. Besondere
3 Vgl. EBD.: S. 240.
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Bedeutung erhielt das Einbeziehen Hannovers in die Neutralität. Für deren Aufrechterhaltung wurde schnell zum Problem, dass Hannover durch Personalunion mit Großbritannien verbunden war. Durch Berlins außenpolitische Isolation, war Preußen 1801 gezwungen, Hannover zu besetzen. Dieser komplexe Zusammenhang wird ausführlich dargelegt. Im Vorfeld boten sich für den Hohenzollernstaat jedoch mehrere Möglichkeiten, aus seiner Neutralität herauszutreten, zu nennen wäre beispielsweise der Zweite Koalitionskrieg, was letztlich sehr wahrscheinlich nicht nur die Okkupation Hannovers verhindert hätte. Bei jedem dieser Ereignisse gilt es genau zu analysieren, ob es für Berlin zum beschrittenen Weg bessere Alternativen gegeben hätte oder preußischerseits richtig gehandelt wurde.
Die letzte Passage behandelt das Ende des Norddeutschen Neutralitätsverbandes und des Alten Reiches, also den Zeitraum 1801-1806. Frankreich wurde für beide im Laufe der Zeit immer mehr zur Bedrohung. Auch nach 1801 gab es für Berlin diverse Gelegenheiten, von der neutralen Haltung abzurücken und wieder in ein festes Bündnis mit einer europäischen Großmacht zu treten, wohl damit verbunden, sich der französischen Gefahr zu entledigen. Vorrangig ein Bündnis mit dem Zaren konnte derartige Ziele realisierbar machen. Jedoch entschied sich der damalige König Friedrich Wilhelm III. zu spät für eine engere Bindung an Russland und stand deshalb in der Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt - abgesehen von den verbündeten Sachsen - Napoleon allein gegenüber.
Abschließend wird ein Urteil über die Politik Berlins jener Jahre gefällt und damit die Ausgangsfrage beantwortet: Handelte Preußen richtig oder falsch? Preußen war zwar die erste der beiden Großmächte im Reich, die offenkundig auf die Auflösung des Reiches hinarbeitete, aber auch Österreich verfolgte adäquate Ziele. Letztlich beschleunigten beide das Herannahen des Reichsendes, jedoch hatte der Hohenzollernstaat den „Schwarzen Peter“ bekommen, weil er den ersten Schritt in diese Richtung machte. Bei der Literaturlage zum behandelten Thema muss leider konstatiert werden, dass es an neueren Darstellungen speziell zum Thema mangelt. Die zentralen Werke entstanden Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts, wobei besonders die Arbeiten von Bailleu und Trummel hervorzuheben sind. Die Überblicksdarstellungen entstammen erwartungsgemäß jüngerer oder jüngster Zeit. Bei diesen erwies sich die preußische Geschichte Clarks als außerordentlich ergiebig.
5
1. Preußen bis zum politischen Umschwung 1795
1.1 Preußen im Ersten Koalitionskrieg und die Zerschlagung Polens
Mit Beginn des Jahres 1791 gab Friedrich Wilhelm II. seine geheimen Anstrengungen auf, eine Allianz mit Frankreich zu erreichen. Preußen suchte stattdessen die Annäherung an Kaiser Leopold II. und damit an Österreich. Berlin schickte mit Johann Rudolf von Bischoffwerder umgehend einen Verfechter dieses Vorhabens nach Wien - den Krieg gegen das revolutionäre Frankreich fest im Blick. Mit dem Abkommen vom 25. Juli 1791 schlossen die beiden großen Mächte des Reiches ein gemeinsames Bündnis. Einen guten Monat später folgte mit der Deklaration von Pillnitz am 27. August eine unmissverständliche Erklärung über Sinn und Zweck der Allianz an Frankreich. Friedrich Wilhelm II. und Leopold II. drohten den Revolutionären, falls König Ludwig XVI. etwas zustoßen sollte. 4
Die französische Kriegspartei nutzte diese Aussagen um im Land die Kriegslust weiter anzuheizen 5 , indem sie darin die Ankündigung eines Einmarsches der Koalitionstruppen hervorhob. Für Berlin und Wien jedoch sollte Pillnitz zunächst „lediglich“ eine Drohkulisse aufbauen. Durch Frankreichs forcierte Kriegsbestrebungen begann per Kriegserklärung vom 20. April 1792 der Erste Koalitionskrieg. Sie erging an den König von Böhmen und Ungarn, den designierten Kaiser Franz II., der nach dem Tod seines Vaters im März noch nicht zum Oberhaupt des Reiches gewählt worden war. Hob Pillnitz zwar die monarchische Solidarität hervor, so waren es doch vor allem machtpolitische Gründe, die Berlin und Wien die Ziele im gerade beginnenden Krieg vorgaben. Beide wollten weniger die Revolution rückgängig machen, als vielmehr territoriale Zugewinne einstreichen. 6
4 CLARK, CHRISTOPHER: Preußen: Aufstieg und Niedergang 1600-1947 (5. Auflage, München 2007), S.
335f.
5 Frankreich steuerte ungebremst auf einen Krieg mit den Koalitionsmächten. Die konservativen
Feuillants, die die Revolution beenden wollten, verloren in der Nationalversammlung die Macht an die
linken Girondisten, die die Revolution um jeden Preis fortführen wollten. In der weisen Einsicht den
Krieg nicht mehr verhindern zu können, waren auch die Feuillants für diesen zu gewinnen. Sie erhofften
sich durch einen Sieg eine abgeschwächte Radikalität der Revolution. Sogar Ludwig XVI. wünschte sich
infolge der fortgeschrittenen Ereignisse die Auseinandersetzung mit Preußen und Österreich. Er rechnete
fest mit der Niederlage der französischen Truppen und dadurch mit der Restauration der alten Machtver-
hältnisse vor 1789. Allein fehlte Ende 1791 der Grund für eine Kriegserklärung. Paris wurde auf dessen
Suche recht schnell fündig. Revolutionsgegner verließen seit geraumer Zeit ihre Heimat und emigrierten
ins benachbarte Rheinland. Am 20. November 1791 folgte eine Aufforderung an den Kaiser, die Emig-
rantenansammlungen im Kurfürstentum Trier zu untersagen. Mit dem Verstreichen eines am 24. Januar
1792 gestellten Ultimatums hatte Paris den gesuchten Grund gefunden. (KALT, MONICA: Europa im ersten
Koalitionskrieg und der Frieden von Basel, in: SIMON, CHRISTIAN: Basler Frieden 1795. Revolution und
Krieg in Europa (Basel 1995) S. 17-53, hier S. 25f).
6 EBD.: S. 21, 25f.
6
Die preußischen Ziele waren ambivalent, was für die folgenden Jahre bestimmend werden sollte. Oberste Priorität hatte in Berlin die Ausdehnung nach Osten, wobei das bereits 1772 verkleinerte Polen unfreiwillig erneut zur Disposition stand. An einer terri-torialen Erweiterung hing das Wohlwollen Ludwigs XVI., das durch die militärische Intervention erwirkt werden sollte. Zudem hoffte Preußen „Aufwandsentschädigungen“ in Form von Gebietsabtretungen zu erheischen. Dieser Kausalzusammenhang macht rückblickend deutlich, dass mit einem Rückzug aus der Koalition preußischerseits gerechnet werden konnte oder gar musste, sobald diese Ziele erreicht worden waren. Österreichs Absicht war es, bei Preußen Bayern gegen Belgien einzutauschen. Zudem wollten sich die Habsburger im Elsass Territorien einverleiben. 7 Im bekanntesten Gefecht des Krieges, der Kanonade von Valmy, gelang es den Revolutionären den Koalitionstruppen standzuhalten und diese zum Rückzug zu bewegen. Die Wende im Krieg zugunsten Frankreichs war vollzogen. Diese Sachlage und eine für Preußen günstige Entwicklung im Osten verringerten Preußens Engagement in der Koalition, der sich nach der Ermordung Ludwigs XVI. im Frühjahr 1793 unter anderen Großbritannien, Spanien, Portugal, Sardinien, Neapel und das Reich 8 angeschlossen hatten. Durch die neue Verfassung vom Mai 1791 war es dem Königreich Polen gelungen sich innerstaatlich zu konsolidieren, was weder Preußen noch Russland gefallen konnte. Im Mai 1792 schickte Zarin Katharina II. daraufhin 100.000 Soldaten nach Polen. Nach
7 EBD.: S. 28.
8 Der Beitritt des Reiches zur Koalition stand am Ende langer und zäher Verhandlungen der Reichsstände.
Folgende Fragen waren dabei von zentraler Bedeutung: die Kriegserklärung, die Kriegsziele, und damit
verbunden die Kriegskostenentschädigungen, das Neutralitätsverbot für die Reichsstände und der Ab-
bruch der Handelsbeziehungen zum revolutionären Frankreich. Preußen und Österreich versuchten
selbstverständlich ihre jeweiligen Präferenzen in den einzelnen Punkten durchzusetzen. Aber vor allem
Hannover und Bayern leisteten massiven Widerstand. Bezüglich des ersten Punktes verzichtete das Reich
auf eine Kriegserklärung, sondern kam zur folgenden Einigung:
„[…] [D]er von Frankreich gegen das deutsche Reich wirklich angefangene Krieg sei‚ für einen all- gemeinenReichskrieg zu achten’.“
(Vgl. HÄRTER, KARL: Reichstag und Revolution 1789-1806. Die Auseinandersetzung des immerwähren-
den Reichstags zu Regensburg mit den Auswirkungen der französischen Revolution auf das Alte Reich
(Schriftenreiche der historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften Band
46, Göttingen 1991) S. 271). Die Kosten des Krieges übernahmen die Reichsstände. Die Entschädigungen
sollten aber zulasten Frankreich gehen, wobei Hannover extremen Weitblick bewies. Es entstand schnell
Einigkeit, den Westfälischen Frieden und alle nachgefolgten Friedensschlüsse mit Frankreich zu annullie-
ren. Dies bedeutete die Rückforderung aller seither abgetreten Gebiete (unter anderen Elsass und Lothrin-
gen) sowie Rechte und formulierte die Kriegsziele. Für den Fall, dass diese Ziele nicht erreicht würden,
gab es keine Regelungen. Hannover rechnete zu Recht damit, dass die kleinen Reichstände zur Kompen-sation für die großen herhalten müssten, und schob dieser Eventualität durch eine Erklärung einen Riegel
vor. Die Neutralitätsfrage war vor allem für die Frankreich nahen Stände von Bedeutung. Österreich, das
gegen jedwede Neutralität war, konnte sich nicht durchsetzen. Solange die Stände ihre Reichspflichten
erfüllten, durften sie sich gegenüber Frankreich neutral erklären. Handel und Kommunikation mit den
Franzosen wurden weitgehend eingeschränkt. Bezeichnend für die gesamten Verhandlungen war, dass
Preußen und Österreich die militärische Auseinandersetzung mit Frankreich im Folgenden bestimmten
und das Reich diesbezüglich seiner Selbstständigkeit beraubt war. (EBD.: S. 271-285).
7
anfänglichen Überlegungen den polnischen Widerstand zu unterstützen, entschied sich Berlin doch für die von Sankt Petersburg angebotene Teilung vom 23. Januar 1793. Polen schrumpfte auf ein Minimum der ursprünglichen Fläche. 9 Während im Westen der Krieg unvermindert weiterging, nahm die preußische Aktivität im Osten immer mehr zu. Den seit März 1793 erneut aufkommenden aktiven polnischen Widerstand war Berlin gewillt sofort zu unterbinden, um damit bestenfalls sein Territorium weiter ausdehnen zu können. Doch Preußen versagte auf ganzer Linie, was Russland und auch Österreich auf den Plan rief. Mit der dritten und letzten Teilung Polens vom 24. Oktober 1795 verschwand das Königreich von der Landkarte und Berlin sah sein Ziel im Osten weitgehend erreicht. 10
Seine Zweigleisigkeit hatte Preußen und vor allem seiner Staatskasse schwer zugesetzt. Bereits im Herbst 1793 wandte sich Friedrich Wilhelm II. mit der Bitte um Subsidien an die Niederlande und Großbritannien. Beide gewährten mit dem Haager Subsidienvertrag vom 19. April 1794 Zahlungen an Preußen, die sich monatlich auf 900.000 Reichstaler in Gold beliefen. Doch auch mit dieser Summe konnten die militärischen Ausgaben keineswegs gedeckt werden. Das Abkommen nutzte Berlin wenig später, um - vermeintlich das Gesicht wahrend - aus dem Koalitionskrieg auszuscheiden. Im Reich und vor allem in Preußen wurde der Friedensruf nach 1793 immer lauter. Selbst die Minister des Generaldirektoriums, der höchsten Verwaltungsbehörde in Preußen, unterstützen die Forderung, die durch zahlreiche Gründe immer vehementer wurde. Das wichtigste Motiv war die bereits angesprochene akute Finanznot, in der sich Berlin befand, weshalb auch verstärkt Anleihen aufgenommen werden mussten. Die Kosten des Krieges waren vom Volk kaum noch aufzubringen, sodass erste Unruhen zum Beispiel in Schlesien aufkamen. Ferner war mit der Teilung Polens das wichtigste außenpolitische Ziel erreicht. Alles drängte auf einen Frieden mit Frankreich, doch König Friedrich Wilhelm II. war entschlossen, an der Koalition festzuhalten. Infolgedessen bildete sich eine Art Verschwörung gegen den König. Von allen Seiten versuchten ihn seine Minister zum Friedenschluss mit Frankreich zu drängen, was jedoch neuerlich misslang. 11
Der Haager Subsidienvertrag bot dabei einen Ausweg. Dessen Zahlungen verwendete Preußen weniger zum Krieg gegen Frankreich, als viel mehr im Osten zur Be- 9 SieheAbbildung 1, S. 35.
10 Siehe Abbildung 2, S. 36.
CLARK: Aufstieg, S. 339, S. 342.
11 BAILLEU, PAUL: König Friedrich Wilhelm II. und die Genesis des Friedens von Basel, in: Historische
Zeitschrift 75, 1895, S. 237-275, hier S. 238-245.
8
kämpfung des polnischen Aufstandes. Sein Missfallen darüber offenbarte London mit der vorübergehenden Aussetzung der Subsidien im Juli 1794. Die „preußische Friedenspartei“ wusste dies zum Erreichen ihres Zieles gekonnt auszunutzen. Die britischen Geldleistungen wurden noch verstärkter als ohnehin schon im Osten eingesetzt. Zudem verlagerte Berlin seine Truppen im Westen nicht weiter gen Frankreich. Aufgrund dieser bewussten Provokationen stellte London am 5. Oktober 1794 endgültig die Subsidienzahlungen ein. „Die Torpedierung des Haager Subsidienvertrages“ hatte Erfolg ge- habt.Wenige Tage später lenkte Friedrich Wilhelm II. ein und gab den Befehl zum Rückzug aus dem Westen. 12 Unmittelbar danach begannen die Verhandlungen mit Frankreich. 13 Diesen Schritt begründete Berlin gegenüber den anderen Mächten vor allem mit unzureichenden Finanzmitteln.
12 HOLZAPFEL KURT: Preußen im Vorfeld des Friedens von Basel. Zur Torpedierung des Haager Subsidi-
envertrags durch die "preußische Friedenspartei" (1794-1795), in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft
28, 1980, S. 851-861, hier S. 855ff.
13 Friedrich Wilhelm II. schwankte sehr in seiner Politik. Er konnte sich lange nicht entscheiden, ob er an
der Koalition festhalten oder in Verhandlungen mit Frankreich treten sollte. So erfolgten Befehle in die
eine und auch in die andere Richtung, die nicht selten zurückgenommen wurden. (BAILLEU: König, S.
266-274.
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Arbeit zitieren:
Florian Heunemann, 2008, Der Baseler Sonderfriede 1795 und die "Ruhe des Nordens", München, GRIN Verlag GmbH
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