1. Einleitung
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema „Die Bedeutung der Aufgabenstellung für Lernprozesse im Sportunterricht“. Sie soll einen Einblick geben, welche Möglichkeiten der Lehrer durch die Auswahl der Aufgabenstellung auf die Motivation und die Identitätsentwicklung der Schüler hat. Diese Arbeit befasst sich im ersten Teil mit der Bedeutung der Aufgabenstellung im Sportunterricht. Ebenso werden hier die Ziele betrachtet, welche durch Erziehung erreicht werden sollen. Der Einfluss der beiden Wirklichkeitsebenen des Sportes auf diese Ziele wird in diesem Teil verdeutlicht. Im Anschluss wird der Schulsport und der Auftrag der Erziehung zur Sozialisation vorgestellt. Im zweiten Teil dieser Arbeit geht es um die Entscheidungsfreiräume im Sportunterricht. Nach der Definition von „Handlung“ werden die einzelnen Phasen einer Handlung betrachtet, um Einblicke in die Motivation der Schüler zu bekommen. Danach werden die Entscheidungsfreiräume anhand von vier Vermittlungstypen dargestellt. Abschließend erfolgt ein Fazit.
Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in dieser Arbeit auf die weibliche Personalform wie „Schüler“, „Lehrer“ etc. verzichtet.
2. Aufgabenstellung und der Auftrag der institutionalisierten Erziehung
Bei der Auseinandersetzung mit den Themen „Schule“ und „Aufgabenstellungen“ steht der Begriff „Erziehung“ im Mittelpunkt. Je nach Verständnis des Begriffes Erziehung unterscheiden sich die Erwartungen an die Schule und mit ihnen die Bedeutung der verwendeten Aufgabenstellungen. Daher ist die Begriffsklärung für die Aufgabenstellungen und Erziehung notwendig.
2.1 Die Bedeutung der Aufgabenstellung
Zu den Aufgabenstellungen zählen alle Interventionsmaßnahmen, die der Lehrer im Unterricht einsetzt, um seine Ziele zu erreichen. Hier kommt es zum direkten Kontakt mit dem Schüler. Mit der Aufgabenstellung legt der Lehrer seine bewussten und unbewussten Ansichten über den Sportunterricht offen. Die ausgewählten Aufgabenstellungen zeigen das Verständnis, welches der Lehrer dem Sport entgegenbringt. Auf der einen Seite können es institutionalisierte und organisierte Formen des Sportes sein und auf der anderen Seite die Bedeutung der Bewegungserfahrungen für die Identitätsentwicklung der Kinder. Die Art der
2
Formulierung der Aufgabenstellung ist somit verantwortlich für die erworbenen Erfahrungen der Kinder mit Bewegung und Bewegungsgestaltung. Die ausgewählte Form der Aufgabenstellung kann bei den Schülern unterschiedliche Gefühle hervorrufen. Zu einem das Gefühl die Anforderungen der gestellten Aufgabe nicht erfüllen zu können und zum anderen das Gefühl, die Aufgabe selbstständig gelöst zu haben.
„Eine zentrale Aufgabe der Schule ist es, die Selbstständigkeit des Kindes zu fördern, damit das Kind im Laufe der Zeit befähigt wird, sein Leben selbst zu gestalten.“ 1 Um dieser Aufgabe als Lehrer gerecht zu werden, sollten Aufgabenstellungen im Mittelpunkt stehen, welche selbstständige Erfahrungen und Anregungen zulassen. Die individuellen Voraussetzungen der Schüler müssen hier berücksichtigt werden, um diesen Prozess hervorzurufen. Zu diesen Voraussetzungen zählen die „Lebenssituationen“ der Kinder. Die Verhältnisse der Wohnräume, die Spiel- und Lebensumwelt, die Eigenarten, Fähigkeiten und Defizite der Kinder lassen sich hier einordnen. Diese Rücksichtnahme auf individuelle Entwicklungen sowie die gleichzeitige Gewährleistung von Entscheidungsfreiräumen, ermöglicht es nun, der zentralen Aufgabe der Schule gerecht zu werden. Die Auswahl der Aufgabenstellung ist somit eine entscheidende Grundlage dafür, welche Ziele mit welchem Inhalt sich umsetzen lassen. Die Methode entscheidet über Leistung oder Versagen der Schüler. 2 In der Aufgabenstellung darf nicht nur die Sichtweise des Lehrers im Vordergrund stehen, da hier nur die angestrebten Ziele berücksichtigt werden. Die Sichtweise der Schüler sollte ebenso Beachtung finden. Die ausgewählte Aufgabenstellung hat Einfluss auf das Repertoire an Qualifikationen, welche die sportlichen Fähigkeiten ausmachen. Sie hat aber auch entscheidende Auswirkungen auf die Identitätsentwicklung des Schülers, seinem Verhältnis zur Körperlichkeit und auf sein Verständnis von Sport. Die Aufgabenstellung stellt eine Verbindungskette zwischen den Intentionen des Lehrers und der Schüler dar. Somit ist diese eine wichtige Schnittstelle für institutionalisierte Erziehung.
1 Vgl. Chatzopoulos, D.: Die Bedeutung der Aufgabenstellung für Lernprozesse im Sportunterricht, S. 11
2 Vgl. Chatzopoulos, D.: Die Bedeutung der Aufgabenstellung für Lernprozesse im Sportunterricht, S. 11
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2.2 Institutionalisierte Erziehung
Nach Meinberg ist Erziehung ein Grundphänomen des Menschen. Dieser ist das verzeihungsbedürftige und erziehungsfähige Geschöpf. Der Mensch wird in die Welt hineingeboren, die von den Generationen sozial und kulturell vorgeprägt ist. Seine Lernfähigkeit ermöglicht es ihm nun, sich in dieser Umgebung zu Recht zu finden. 3 Nach Beckers werden mit der Erziehung zwei Ziele verfolgt 4 :
1. Sozialisation: Vorbereitung auf die gesellschaftlich- kulturelle Realität
2. Individuation: Betrachtung des Menschen als individuelle Person Auf der einen Seite soll der Einzelne in die Gesellschaft hineinwachsen und sich sozial eingliedern, um sich Normen, Werte, Verhaltensstandards und gesellschaftliche Zwänge anzueignen. Auf der anderen Seite geht es darum das menschliche Individuum hervorzubringen. Erziehung verhilft dem Individuum zur eigenen persönlichen Identität und befähigt es zum selbstständigen Handeln. Nach Meinberg sind für das Verständnis von Erziehung sechs Merkmale charakteristisch 5 :
1. Erziehung ist eine Handlung, die zwischen mindestens zwei Personen abläuft.
2. Zwischen diesen Personen besteht ein Kompetenzgefälle: der eine (der Erzieher) ist der Überlegene, der andere (der Educand) ist der Unterlegene, wobei die Überwindung dieses Niveauunterschiedes angestrebt wird.
3. Der Kompetentere beeinflusst ganz absichtlich, also nicht zufällig, den Educandus.
4. Der Erzieher agiert im Erziehungsgeschehen vom Standpunkt der Verantwortung aus. Pädagogisches Handeln im engeren Sinne ist Handeln aus Verantwortung gegenüber dem noch nicht Kompetenten.
5. Erziehung strebt immer Ziele an.
6. Ziele müssen, wollen sie nicht bloße Aufforderungen bleiben, vermittelt werden, weshalb Erziehung notwendigermaßen ein Vermittlungsgeschehen ist.
Erziehung versteht sich als wechselseitiger Prozess, in dem der Erzieher nicht nur der Gebende und Unbeeinflussbare ist. Auch der Erzieher wird durch die Existenz des Educandus beeinflusst und geprägt.
3 Vgl. Chatzopoulos, D.: Die Bedeutung der Aufgabenstellung für Lernprozesse im Sportunterricht, S. 12
4 Vgl. Chatzopoulos, D.: Die Bedeutung der Aufgabenstellung für Lernprozesse im Sportunterricht, S. 12
5 Vgl. Chatzopoulos, D.: Die Bedeutung der Aufgabenstellung für Lernprozesse im Sportunterricht, S. 14
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2.3 Die Bedeutung der Leiblichkeit und der Bewegung für das Selbst- und Weltverhältnis des Menschen
„ Der Leib ist die Bedingung unserer Wahrnehmung, des Erlebens und des Erkennens unserer Selbst und der Welt. Unser Leib hat eine Mittlerrolle zu unserer Welt; er erschließt sich uns in jeweils spezifischen Hinsichten; durch ihn sind wir auf sie hin orientiert.“ 6
Durch unseren Körper haben wir „Zugang“ zu unserer Welt, zu den anderen Menschen und zu den Dingen. Umgekehrt können uns diese über unseren Körper erreichen.
Dietrich und Landau unterscheiden die Leiblichkeit in 7 :
• Leib sein (der Mensch ist sein Leib) und
• Leib haben (distanzierte Betrachtung, der eigene Körper wird als Mittel und Instrument eingesetzt und entwickelt)
Dies bildet die Voraussetzung und Bedingung sein eigenes „Ich“ zu definieren. Das eigene Ich ist die Voraussetzung für die „Verfügbarkeit“ und „Erlebbarkeit“ des Körpers und das Ich bringt diese Verfügbarkeit und Erlebbarkeit hervor. Das menschliche Dasein ist dafür bestimmt, dieses Verhältnis stets neu zu definieren. Die Entwicklung der eigenen Identität ist auf diese anthropologische Tatsache angewiesen.
Selbsterfahrung und Welterfahrung sind an Bewegungen gebunden. Über die Bewegung ist die Selbsterfahrung in der Umwelterfahrung und umgekehrt möglich.
2.4 Sport und Erziehung
Der Sport lässt sich in zwei Wirklichkeitsebenen unterteilen, die miteinander verbunden sind, sich aber unterschiedlich akzentuieren. Diese Wirklichkeitsebenen:
1. Sport als körpergebundenes Phänomen und
2. Sport als regelgeleitetes und leistungsorientiertes System können je nach Interesse und Zielsetzung unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Mit dem Hochleistungssport wird eher die zweite Ebene unterstützt. Mit nichtanstrengenden Bewegungen (z.B. joggend die Natur genießen) wird der Blick auf die erste Ebene gerichtet.
6 Vgl. Chatzopoulos, D.: Die Bedeutung der Aufgabenstellung für Lernprozesse im Sportunterricht, S. 15
7 Vgl. Chatzopoulos, D.: Die Bedeutung der Aufgabenstellung für Lernprozesse im Sportunterricht, S. 15
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Die beiden Wirklichkeitsebenen des Sportes stimmen mit den beiden Aufgaben der Erziehung (Sozialisation und Individuation) überein. Diese bieten ideale Voraussetzungen der Aufgabe der Erziehung in den beiden Bereichen gerecht zu werden. Sport als regelgeleitetes und leistungsorientiertes System beinhaltet genau die Strukturen, die der gesellschaftlich- kulturellen Realität entsprechen. Somit unterstützt der Sport die Strukturierung des Denkens, Fühlens und Handelns. Dadurch legitimiert sich der Sportunterricht, der sich auf die Alltagsrealität bezieht. Die Schüler sollen spezifische Fähigkeiten erwerben, womit die Teilnahme am öffentlichen Sport ermöglicht wird. Damit ist der Zugang zum sozialen und kulturellen Leben möglich und die Erziehungsaufgabe der Sozialisation ist erfüllt. Die Individuation (zweite Erziehungsaufgabe) unterstützt die Entfaltung der individuellen Persönlichkeit, indem sie zeitunabhängige und subjektive Potentiale fördert. Dieses Ziel lässt sich mit der ersten Wirklichkeitsebene, Sport als körpergebundenes Phänomen, verwirklichen. Hier fließen zeitunabhängige anthropologische Befindlichkeiten und individuelle Möglichkeiten des Menschen ein. Durch eine einseitige Betonung der sportlichen Wirklichkeitsebenen würde der Lehrer der zweifachen Aufgabe der Erziehung nicht gerecht werden können.
2.4.1 Schulsport und der Auftrag der Erziehung zur Sozialisation Der Auftrag der Erziehung zur Sozialisation wird in der Fachliteratur häufig mit den Begriffen „soziale Kompetenz“ oder „soziales Lernen“ beschrieben. Unter sozialem Verhalten im allgemeinen Sinne wird „das Verhalten mit und zu anderen Personen“ angenommen.
Nach Müller und Petillon hat sich das Sozialverhalten der Kinder im Grundschulalter ungünstig entwickelt, was auf empirische Untersuchungen zurückzuführen ist. Hier wird deutlich, dass es viele Einzelgänger in den Klassen gibt. Bei vielen Schulanfängern ist bereits eine starke Ich- Bezogenheit festzustellen. Diese äußert sich häufig durch aggressives Verhalten. Als besonders wichtig wird bei den Schülern die Fähigkeit „sich nichts anmerken zu lassen“ angesehen. Durch diese „cool“ - Imagepflege wächst das entgegengebrachte Misstrauen und die Erkenntnis, seine eigene Identität nicht ausleben zu können. Bestmögliche
Ausgangsbedingungen für positive soziale Kontakte sind somit nicht gegeben. 8
8 Vgl. Chatzopoulos, D.: Die Bedeutung der Aufgabenstellung für Lernprozesse im Sportunterricht, S. 20
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Arbeit zitieren:
Marek Hofmann, 2008, Die Bedeutung der Aufgabenstellung für Lernprozesse im Sportunterricht, München, GRIN Verlag GmbH
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