Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Begriffsgeschichte 4
2.1 Diachrone Begriffsbestimmung 5
2.2 Synchrone Begriffsbestimmung 9
2.3 Zusammenfassung : Absage an eine Definition 20
3. Charlotte Roche: Feuchtgebiete 23
3.1 Zeitungsrezensionen 23
3.2 Leserrezeption 33
3.3 Der Titel: Feuchtgebiete 35
3.4 Die Fiktionalität des Romans 36
3.5 Autor, Leser und Erzähler: Verschiedene Ebenen 38
3.6 Fingierte Wirklichkeit 41
3.7 Wer ist die Erzählerin der Feuchtgebiete? 42
3.7.1 Ist Helen eine glaubwürdige Erzählerin? 44
3.7.2 Widersprüche und Brüche im Verhalten und in der Rede 50
3.7.3 Das Kindheitstrauma 52
3.7.4 Realitätskriterien 55
3.7.5 Die Relation zu gesellschaftlichen Normen 64
3.8 Faktizität der Handlung - was wird referenzialisiert? 69
3.9 Die sprachliche Vermittlung: Narration 70
3.9.1 Der fiktive Adressat 71
3.9.2 Der Erzählstil und die Illokution 74
3.9.3 Handlungsbeschreibungen und die Perlokution 79
3.10 Leere Räume - was nicht erzählt wird 81
3.11 Erkenntnis als Krisis 87
4. Zusammenfassung: Die Funktion der Sprache 91
5. Fazit 92
6. Literaturverzeichnis 95
7. Ehrenwörtliche Erklärung 102
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1. Einleitung
Im Mai 2008 erschien der Debutroman Feuchtgebiete von Charlotte Roche in Deutsch-land. Innerhalb kürzester Zeit löste er eine Diskussion aus, was Literatur darf und was nicht, und ob ein solches Buch lesenwert sei. Bemerkenswert ist dabei einmal, dass diese Diskussion nicht ausschließlich in den Feuilletons der Zeitungen geführt wurde, sondern, durch Talkshows und ausgedehnte Lesereisen der Autorin Charlotte Roche angefeuert, auch die Leserschaft und damit den Teil der Gesellschaft, der durch Zeitungen nicht angesprochen wird. Dabei spalteten sich diese in zwei gegensätzliche Lager, die einander ausschlossen: die einen finden das Buch absolut unlesbar und bekräftigten, es in der Mitte weggeworfen zu haben und die anderen meinen, dass Frau Roche endlich etwas ausgesprochen habe, das schon längst hätte ausgesprochen werden müssen. Die Mehrheit der Zeitungskritiker befand das Buch für schlecht geschrieben und inhaltslos und zogen teilweise stark polemisch über die Autorin und die Hauptfigur des Romans namens Helen her. Dagegen meinten einige wenige, hinter dieser eine verletzte Seele zu sehen, die sich gegen die Gesellschaft und deren Hygienewahn auflehnt. Die Zeitungen erweckten den Eindruck, der besagte Roman sei ein Skandalroman, der ein absolutes Tabu bräche, in diesem Fall die Sexualität einer jungen Frau und deren Körperlichkeit inklusive der biologischen Prozesse derselben, und dass sie Dinge sage, die heute wie auch früher nicht ausgesprochen, geschweige denn öffentlich geschrieben werden dürfen. Dennoch oder gerade deswegen verkaufte der Roman sich außerordentlich gut. Doch wird hier tatsächlich ein Tabu gebrochen und wenn ja, welches? Dies ist eine der Fragen, die in der folgenden Arbeit geklärt werden. Zudem stelle ich die These auf, dass die obszöne Sprache der Protagonistin Helen, also die benutzten Ausdrücke wie auch die beschriebenen Situationen, nicht nur dazu dient, den Leser zu schockieren, sondern darüber hinaus eine Funktion erfüllt. Da die Sprecherin dieser Sprache die Hauptfigur und gleichzeitig die einzige Erzählinstanz der Geschichte ist, werde ich besonders der Frage nach dem Erzähler, seiner Perspektive und seinem Standort nachgehen. Darauf aufbauend werde ich den Versuch einer hermeneutischen Deutung unternehmen. In der Rezensionsgeschichte wird deutlich, dass in der Leserschaft und unter den Kritikern durchgehend Helen (die Hauptfigur) mit Charlotte Roche (der Autorin) gleichgesetzt
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wird. Dies zog zum Teil heftige Angriffe auf die Schriftstellerin nach sich, die allerdings auch bereitwillig zugab, dass in Helen vieles von ihr stecke. Für die literarische Untersuchung ist dies jedoch nachrangig und ein solcher Ansatz kann den Blick auf die Hauptfigur verstellen. Daher habe ich bewusst auf eine autobiographische Interpretation verzichtet und versucht, die reale Autorin Charlotte Roche ganz von Helen zu trennen. Entsprechend der literaturwissenschaftlichen Prämisse, dass der Roman eine Fiktion ist und die Hauptfigur nicht nur nicht identisch mit der Autorin, sondern sogar ganz von dieser losgelöst betrachtet werden muss, habe ich den Versuch einer werkimmanenten Interpretation des Romans unternommen. Daher finden sich in dieser Arbeit auch keine biographischen Daten der Autorin.
Ebenfalls verzichten musste ich leider auf eine genauere Betrachtung der Motive Tod und Sterben im Roman und auf die Religionsmotivik bzw. die Frage nach der Religion und dem Glauben Helens. Beide Motive müssten innerhalb einer gesamtgesellschaftlichen Analyse erfolgen, die den Rahmen dieser Arbeit gesprengt hätten. Denn auch, wenn uns die Berichte in der Zeitung das glauben machen wollen, eine derbe Ausdrucksweise und bildliche Berichte über sexuelle und sehr körperliche Tätigkeiten sind in Schrift und Bild keineswegs neu, genauso wenig wie die Diskussion darüber. Das Obszöne hat in der Literatur eine lange Tradition und diente nicht nur der Abschreckung, sondern bediente vielmehr eine heimliche Lust am Verbotenen. Das Obszöne und das Pornographische, wie auch das Komische und das Kunstvolle, sind nicht immer klar von-einander zu trennen, gewisse Unschärfen diesbezüglich sind der Ambiguität der Begriffsgeschichte geschuldet, die ich vorangestellt habe.
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2. Begriffsgeschichte
Wie der Titel dieser Arbeit schon besagt, wird hier besonders auf einen bestimmten Aspekt in der Literatur eingegangen, nämlich auf das Obszöne. Obszönität ist kein spezifisch literaturhistorischer Begriff, er wird noch in anderen, vorwiegend künstlerischen Bereichen benutzt und hat auch seinen Platz in der Alltagssprache der Menschen. Aus diesem Grund möchte ich mich zuerst damit beschäftigen; Zum einen, um das Arbeitsfeld abzustecken und zum anderen, um eine möglichst genaue Begriffsabgrenzung vorzunehmen. Ersteres ist dabei einfacher: In dieser Arbeit konzentriere ich mich auf die Literatur. Sie ist diejenige Kunstform, die von der Vergleichbarkeit der wissenschaftlichen Kriterien her am nächsten der Naturwissenschaften liegt und sich dennoch exemplarisch für die Kunst allgemein behandeln lässt, wie die Geschichte der Literaturwissenschaft zeigt. Die Sprache ist eine der ältesten und am meisten verbreiteten Ausdrucks- und Kommunikations-formen. Sie ist sogar für Menschen mit angeborenem oder erlittenem Handicap meist zugänglich: Taube Menschen können sich über schriftliche Sprache verständigen und blinde Menschen über die mündliche Form. Literatur in Form vorgetragener oder geschriebener Sprache ist oft die erste Kunstform, mit der junge Menschen in Berührung kommen. Sie wird nicht nur vorwiegend passiv wahrgenommen, wie viele andere Kunstformen, etwa die Malerei oder das Theater. 1 Jeder Mensch, der lesen lernt, lernt auch schreiben und damit, sich schriftlich auszudrücken. Daher eignet sie sich besonders, Tendenzen in der Kunst repräsentativ darzustellen.
Das Zweite, das ich vor Beginn meiner Ausführungen klären möchte, ist der Begriff obszön bzw. der der Obszönität. Was bedeutet obszön eigentlich? Ist das Bild eines Mannes, der ein ganzes Schwein verschlingt, obszön oder grotesk (Obelix)? Was ist mit dem Bild einer alten Dame in Unterwäsche und Strapsen? Oder dem eines jungen Mädchens im Krankenhaus, das an Hämorriden leidet?
1 Gemeint ist hier die bewusste Auseinandersetzung mit einer Kunstform, das kleinkindliche Malen und Verkleiden ist seiner kindlich ungewussten Rezeption wegen ausgenommen.
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Jede Übersetzung, sei es die sprachliche eines Begriffes oder die historische eines Kontextes, in die eigene Gegenwart impliziert eine Begriffsgeschichte. Rudolf Eucken hat in seiner „Geschichte der philosophischen Terminologie“ bereits 1879 deren methodische Unvermeidbarkeit exemplarisch für alle Geistes- und Sozialwissenschaften nachgewiesen. 2 Daher ist es sinnvoll, vor der inhaltlichen die begriffliche Frage nach der Obszönität zu stellen.
Es wird zu zeigen sein, dass der Begriff des Obszönen an die geltenden Sitten- und Moral-vorstellungen gebunden ist. Diese aber verändern sich im Laufe der Zeit und der Gesellschaft. Vor hundert Jahren galt Rülpsen bei Tisch noch als fein, heute ist ein solches Benehmen nicht mehr gesellschaftsfähig. Wenn man aber mit einem Begriff nicht nur rein deskriptiv etwas beschreiben, sondern darüber hinaus mit diesem und seiner Bedeutung arbeiten möchte, sollte man ihn vorher möglichst genau abgrenzen. Und zwar in zweifacher Hinsicht: Erstens muss der diachrone Sprachwandel nachgezeichnet und die Bedeutung etymologisch und verwendungstechnisch aufgezeigt werden. Zweitens werde ich mich bemühen, den Begriff der Obszönität in seinen verschiedenen Facetten zum heutigen Zeitpunkt aufzufächern und gegen benachbarte Begriffe mit ähnlichem Bedeutungsgehalt abzugrenzen. Da Sprache niemals statisch ist, sondern sich ständig verändert, erneuert, umwandelt und sich immer in Bewegung befindet, kann dieser Versuch nicht über ein Bemühen hinausgehen.
2.1 Diachrone Begriffsbestimmung
Das aktuelle Herkunftswörterbuch aus der Dudenreihe vermerkt folgenden Eintrag: obszön »unanständig. schlüpfrig. schamlos«. Das Adjektiv wurde um 1700 aus lat. obscoenus (richtiger: obscaenus, obscenus) »anstößig. unzüchtig« entlehnt, dessen etymologische Zugehörigkeit nicht eindeutig geklärt ist.“ 3 Damit ist die Abstammung der Lautfolge des Wortes, sprich die Herkunft des Signifikanten geklärt: das Wort kommt aus dem Lateinischen. Daraus lässt sich allerdings weder etwas über das Signifikat, also den Inhalt bzw. die Bedeutung des Zeichens aussagen, noch über die Referenz der beiden. 4 Die Worther-
2 Vgl.Eucken, Rudolf : Geschichte der philosophischen Terminologie: im Umriß dargestellt. Unveränd. Nachdr. d. Ausg. Leipzig 1879. Olms: Hildesheim 1960. 3 Herkunftswörterbuch Duden, S. 568.
4 Vgl. Kapitel 1.4 Das sprachliche Zeichen. In: L/N/P Studienbuch Linguistik, S. 30-36.
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kunft ist insofern schwierig zu eruieren, als die lateinische Sprache zwar auf die antike römische Gesellschaft zurückgeht, aber im Laufe der Jahrhunderte teilweise grundlegende Bedeutungsverschiebungen zu vermerken sind. Insbesondere im Mittelalter und in der frühen Neuzeit wurde die lateinische Sprache nicht nur als Gelehrtensprache, sondern auch als theologisch-kirchliche Sprache gebraucht. So ist sie auch heute noch die offizielle Sprache des Vatikanstaates.
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Die antike Gesellschaft hatte aber ganz andere Sitten- und Moralvorstellungen als die christliche, insbesondere diejenige, die durch die römischkatholische Kirche geprägt wurde. Deren Einfluss auf die lateinische Sprache über Jahr-hunderte hinweg darf nicht unterschätzt werden. Besonders macht sich das natürlich bei Begriffen bemerkbar, die eine nicht den kirchlichen Wertvorstellungen entsprechende Lebens- oder Verhaltensweise bezeichnen. Daher ist die Übersetzung des Substantives obscenum im aktuellen Langenscheidt Wörterbuch Lateinisch-Deutsch: „obscenum, i n.
3. fig. Unanständig, unzüchtig, unsittlich, anstößig, schamlos, zotig; […] 7 Die erste Bedeutung weist einen Bezug zu Vordeutungen und Vorahnungen auf, der von der Kirche damals wie heute abgelehnt wird, der bei den antiken Römern aber Teil ihrer Lebenswelt war. Ein bekanntes Beispiel ist das augurium, bei welchem ein Augur, ein römischer Beamter und oftmals auch Priester, unter anderem aus dem Flug und den Schreien von Vögeln den Götterwillen zu erkennen vorgab und verkündete. In Rom war es üblich, dass vor einem größeren Unternehmen ein solches augurium eingeholt wurde. 8
5 Vgl. exemplarisch dazu die Ordnung der Bischofssynode: Rescriptum ex Audientia (29. September 2006), 2. Teil, Kap. V. Art. 21: „In den Generalversammlungen der Synode und deren Akten ist die lateinische Sprache zu verwenden. […]“. Online verfügbar auf der Homepage des Vaticans unter: http://www.vatican.va/roman_curia/synod/documents/rc_synod_20050309_documentation-profile_ge.html (Stand 20.1.10).
6 Langenscheidt Schulwörterbuch Lateinisch-Deutsch, S. 854. 7 Ebd. S. 854.
8 Vgl. Werner Eisenhut: Augures. In: Der Kleine Pauly. Band 1, Sp. 734f.
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Solche Handlungen wurden unter der römisch-katholischen Kirche als „Aberglauben“ bezeichnet.
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Die Vorsilbe
Aber-
leitet sich hierbei vom spätmittelhochdeutschen
aber
ab, das
Die zweite genannte Bedeutung hingegen ist eine Wertung des Bezeichneten. Wenn etwas als „schmutzig“ oder „ekelhaft“ bezeichnet wird, wird es damit negativ charakterisiert und der Sprecher drückt damit seine Ablehnung aus. Diese eindeutig negative und abwertend gemeinte Bedeutung ist bezeichnenderweise erst in der nachklassischen Zeit nachzuweisen, vorwiegend bei Dichtern. Zudem ist bei dem Wort zu seiner eindeutig negativ wertenden Funktion noch eine primär beschreibende Funktion hinzugetreten. Die Bezeichnung fig. bei der dritten Bedeutungsvariante meint eine figurative, also bildliche Bedeutung. Das Wort wurde offensichtlich auch im übertragenen Sinn benutzt und trans-portiert dann eine Wortbedeutung, welche der heutigen Verwendung des Wortes ziemlich nahe kommt. Leider ist nicht angegeben, welche Bedeutung sich wann etablierte bzw. wo sie nachzuweisen ist. Eine solche Nachforschung würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, weswegen hier darauf verzichtet werden muss. Das Metzler Literaturlexikon vermerkt unter dem Lemma Obszöne Literatur nicht nur
den Umstand, dass die Etymologie umstritten ist, sondern bietet als Möglichkeit eine Variante der lateinischen Bedeutung von obscena im Sinne von ob scena, also „von der Szene
weg, d. h. nicht auf der Bühne (öffentl.) zeigbar = anstößig, unzüchtig.“ 12
9 Vgl. Gladigow, Burkhard: Aberglaube. In: Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe. Band I, S.387f.
10 Vgl. Art: Aberglaube. In: Brockhaus Enzyklopädie. Band 1, S. 36.
11 Eine Diskussion über die Wertigkeit des Begriffes „Aberglaube“ und dessen Benutzung, wie auch die Erläuterung, was genau darunter zu verstehen ist und war, findet sich im Vorwort und dem Artikel „Aberglaube“ im Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Band 1, S. 3ff.
12 Art: Obszöne Literatur. In: Metzler Literatur Lexikon. Begriffe und Definitionen. Hg. v. Günther u. Irmgard Schweikle. 2., überarb. Aufl. Metzler: Stuttgart 1990. S. 330.
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Das Deutsche Fremdwörterbuch erweitert das Paradigma der Bedeutungen noch um die Wertung: „hässlich“ und verweist auf weiterhin gebräuchliche lateinische Fügungen, welche „bis weit ins 18. Jahrh. gebraucht [werden], z. B. obscoena verba“. 13 Zudem werden folgende Belege für das Vorkommen des Wortes obszön benannt:
Belege: z. B. Florin 1702 Hausvater I 52b obscoene, unflätige, und von Heidnischer Göt-
zen Namen angefüllte und damit befleckte Bücher. Rohr 1728 Zeremoniellwiss. I 280
eine gewisse obscoene Italiänische Benennung. Zedler 1740 XXIII 360 obscönen Positu-
ren. - Wezel 1777 Erzählungen I 14 Jupiter … neben einer dicken runden halbnackten
Viehmagd… - weil dieses… Gemälde etwas obscen ausgefallen war […]. Hermes 1778
Reise I 14. Müller 1778 Fausts Leben 71 … pfuy ein obscenes Jahrhundert! … Brentano
1800 Gustav Wasa 17. Gebucht bei Sperander 1727 Obscoen, garstig, unflätig, wüst. Bei
Lampe 1801. […] 14
Das entsprechende Substantiv muss ein wenig später um 1774 aufgetreten sein, da als Beleg für dieses angegeben wird: „Wezel 1774 Tob. Knaut II 82 Wenn ihr eine so feine Obscenität - unterdessen will ich es dem Sprachgebrauch gemäß so nennen - wenn ihr eine feine O. nicht ertragen könnt, ohne euch dafür zu schämen, […]“ 15 Das Deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm jedoch vermerkt im Jahre 1889 nach Obstzüchter das Lemma obtragen, 16 und auch die alternative Schreibweise obscene, die das Deutsche Fremdwörterbuch anbietet, wird im Grimmschen Wörterbuch nicht erwähnt: Auf o obsagen folgt obschon.
Für diesen Umstand bieten sich mehrere Deutungen an: Möglicherweise betrachteten die Brüder Grimm und Matthias von Lexer das Wort obszön oder obscene als Fremdwort und
nahmen es deshalb nicht in ihr Wörterbuch auf. Dem widerspricht allerdings die Erklärung Lexers im Vorwort des Wörterbuches, in welcher er die „aufnahme mancher unberechtigter lehnwörter“ damit entschuldigt, dass diese „von J. Grimm selbst zur aufnahme bereit gestellt waren“. 17 In selbigem Vorwort bedauert er auch, dass er „zur ergänzung des höchst mangelhaften […] zettelapparates“ keine „grosze bibliothek […] andauernd hätte
13 Vgl. Art.: Obszön. In: Deutsches Fremdwörterbuch, S. 231-232.
14 Ebd, S. 231. 15 Ebd, S. 231-232.
16 Vgl. Deutsches Wörterbuch der Brüder Grimm, Sp. 1127. 17 Lexer, Matthias von: Vorwort. In: Deutsches Wörterbuch, Band 7.
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benutzen können“ und die ihm zur Verfügung stehende „universitätsbibliothek konnte […] für das wichtige 16. und 17. Jahrhundert verhältnismäszig wenig bieten“. 18 Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass das groszes universallexicon von Zedler aus dem Jahre 1741 auch im sechsten Quellenverzeichnis des Wörterbuches der Brüder Grimm verzeichnet ist, wie auch Fausts Leben von Müller und Brentanos Gustav Wasa, in welchen das Wort dem Deutschen Fremdwörterbuch zufolge belegt ist. 19 Vielleicht war den Herausgebern des Deutschen Wörterbuches das Wort obszön doch zu unmoralisch konnotiert, dafür spräche auch, dass Obszönität in der Theologischen Realenzyklopädie nicht
als etwas Schlechtes beschrieben wird, wie man erwarten könnte, sondern gleichsam als Tabu nicht einmal erwähnt wird. 20
2.2 Synchrone Begriffsbestimmung
Das Große Sprach- und Fremdwörterbuch des lexikographischen Instituts Dr. Störig in München vermerkt folgenden Eintrag: obszön [lat.] »schamlos, unanständig«; Obszönität
w. […] nur Einzahl »Schamlosigkeit, Unanständigkeit«; 21 Bereits hier ergibt sich ein Beweis für die unterschiedliche Verwendung schon im grammatikalischen Bereich: es ist in den Medien durchaus üblich, die Mehrzahl Obszönitäten zu bilden. Die Google Suche verzeichnet ungefähr 37.200 Treffer für Obszönitäten auf Deutsch (Stand 31.1.2010, 20.09
Uhr). Einer davon ist sogar das Deutsch-Englische Wörterbuch dict.cc, 22 welches für den englischen Ausdruck „to commit obscenities“ als Übersetzung „Obszönitäten begehen“ anbietet. Dem entgegen bietet dieselbe Suchmaschine nur 54.000 Treffer für Obszönität auf deutschen Seiten. Ob dieser Befund der häufigen Verwendung des Plurals dem medialen Hang für Übertreibungen geschuldet ist oder den allgemeinen Sprachgebrauch wider-
18 Lexer,Matthias von: Vorwort. In: Deutsches Wörterbuch, Band 7.
19 Das widerspricht der Darstellung von Mertner, Edgar und Mainusch, Herbert: Pornotopia. Das Obszöne und die Pornographie in der literarischen Landschaft. 2. Auflage, Athenäum Verlag: Frankfurt 1970, S. 40f, nach welchen der Begriff erst in neuerer Zeit auftaucht und deswegen nicht in Grimms Wörterbuch steht. Möglicherweise ist das ja doch ein Beleg für den von Ludwig Marcuse angenommenen ‚Verdrängungskomplex’?
20 Vgl. die Nichtexistenz des Lemmas: Obszönität / obszön in der Theologische Realenzyklopädie. Band 24 endet bei dem Lemma „Obrigkeit“ und Band 25 beginnt mit „Ochino“. Der Artikel müsste also zwischen beiden Bänden stehen und ist quasi herausgefallen. 21 Großes Sprach- und Fremdwörterbuch, S. 553.
22 Hemetsberger, Paul: dict.cc. Deutsch/Englisch-Wörterbuch. Online verfügbar unter: http://www.dict.cc/deutsch-englisch/Obsz%C3%B6nit%C3%A4ten+begehen.html (Stand 31.1.10, 19.55 Uhr). Dieses Online Wörterbuch enthält Übersetzungen von der TU_Chemnitz, sowie Mr. Honey's Business Dictionary (Englisch/Deutsch).
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spiegelt, kann hier nicht geklärt werden. Festgehalten werden kann, dass der allgemeine Gebrauch des Wortes nicht dem festgeschriebenen Standard dieses Wörterbuches entspricht. Daraufhin stellt sich die Frage, wie das Wort genau gebraucht wird. Ludwig Marcuse hat mit Obszön. Die Geschichte einer Entrüstung 23 versucht, das Obszöne in der Literatur nachzuzeichnen. Ganz allgemein definiert er: „obszön ist, wer oder was irgendwo irgendwann aus irgendwelchem Grund zur Entrüstung getrieben hat.“ 24 Diese Beschreibung ist zu allgemein, um als Definition zu gelten, welche aber dringend zur Eingrenzung und Bestimmung des Obszönen nötig ist. Insbesondere, wenn es um eine juristische Abgrenzung geht, mittels derer obszöne Inhalte von Kunst geschieden werden sollen.
Bei der Suche nach einer Definition geht Marcuse von zwei Gruppen aus, die an der „Identifizierung (des Obszönen) schon professionell interessiert sind: Die Juristen und die Moral-Philosophen.“ 25 Erstere aber noch mehr, weil „die ewigen Probleme auf Lösungen warten können, die Verbrecher aber nicht. Sie sterben weg, bevor man das zuverlässige Gesetz gemacht hat, nach dem sie ihre verdiente Strafe erhalten.“ 26 Marcuse sucht also eine juristisch haltbare Definition des Obszönen, anhand derer Literatur verurteilt werden kann. Im Zuge dessen zitiert er die Definition eines Leipziger Doktoranten namens Johannes Schreiber aus dem Jahre 1688. In seiner Dissertation mit dem Titel „De libris obscoenis“ nennt dieser alle Schriften obszön, „deren Verfasser sich in deutlich unzüchtigen Reden ergehen und frech über die Geschlechtsteile sprechen oder schamlose Akte wollüstiger und unreiner Menschen in solchen Worten schildern, daß keusche und zarte Ohren davor zurückschrecken.“ 27
23 Marcuse, Ludwig: Obszön. Geschichte einer Entrüstung. List Verlag: München 1968. 24 Marcuse: Obszön. S. 9. (Die Interpunktion wurde aus dem Original übernommen.) 25 Ebd. S. 11. 26 Ebd. S. 11.
27 Schreber, Johannes David : De libris obscoenis. Leipzig, Diss. 1688. [nicht eingesehen]. Zitiert nach Ludwig Marcuse: Obszön. S. 13.
Die Dissertation im Original ist seit Jahren verschollen [vgl. Glaser, Horst Albert: Libri obscoeni - ein philologisches Divertimento statt einer Einleitung. - In: Wollüstige Phantasie. Sexualästhetik der Literatur. Hg. v. Horst Albert Glaser. Hanser: München 1974. S. 8.]. Jens von Fintel zeigt in seiner Magisterarbeit: 'Pornographie': Ästhetik, unästhetisch. Der Begriff des Pornographischen in der Diskussion um 1970. (Online verfügbar unter: http://www.vonfintel.de/texte/geisteswissenschaft/pornographie.htm [Stand 17.7.2009]) aus dem Jahre 1996 auf, dass Iwan Bloch 1907 die Dissertation noch vorgelegen haben muss. Möglicherweise wurde sie im Zuge der Bücherverbrennung des Dritten Reiches vernichtet. Einer der Punkte auf der „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“, die ab 1935 vom Reichsministerium für Volksaufklärung und
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Obwohl über 300 Jahre alt, hat sich an dieser Eingrenzung bis heute nichts wesentlich verändert. Marcuse belegt dies zum einen durch die Definition von Papst Leo XIII. (im Amt von 1878 bis 1903), welcher den Index der verbotenen Bücher 28 herausgab. Dort heißt es: „Bücher, welche schmutzige und unsittliche Dinge planmäßig (ex professo) be-handeln, erzählen oder lehren, sind streng verboten.“ 29 Und zum anderen die Definition des amerikanischen Law Institute: „Etwas ist obszön, wenn es vor allem der Unzucht dient - zum Beispiel einem schändlichen, morbiden Interesse am Nackten, am Geschlecht oder am Exkrement.“ 30 Das Problem an der ursprünglichen wie auch an den beiden nachfolgenden Definitionen ist die Unbestimmtheit: Wenn das Obszöne außerplanmäßig be-handelt wird oder das Interesse am Nackten nicht morbide ist, ist es dann nicht obszön? Die genannten Definitionen arbeiten nicht ontologisch, sondern rezeptionsästhetisch: Wenn Literatur oder Teile derselben vom Leser als unsittlich oder schändlich empfunden werden, dann muss die Literatur das wohl auch sein. Eine solche Interpretationsweise wird in der philosophischen Logik als post hoc ergo propter hoc 31 bezeichnet bzw. als logischer Fehlschluss. 32 Zudem setzt eine solche Definition eine homogene und unwandelbare Rezipientenschicht voraus. Der Geschmack aller Leser müsste derselbe sein und dürfe sich auch nicht ändern. Dies ist aber soziologisch und historisch gar nicht möglich. Eine andere Herangehensweise böte die Frage nach dem Schöpfer der vermeintlichen Obszönität. Marcuse bringt es auf den Punkt durch die Frage (nach Emil Orlik): „Ein Bei-
Propagandaherausgegeben wurde, nannte explizit „Schriften der Sexualpädagogik und zur sexuellen Aufklärung“.
Dass die Definition von 1688 auch heute noch von Bedeutung ist, zeigt sich daran, dass Reinhart Döhl diese in seinem Artikel über Pornographische Literatur [In: Metzler Literatur Lexikon. Begriffe und Definitionen. Hg. v. Günther u. Irmgard Schweikle. 2., überarb. Aufl. Metzler: Stuttgart 1990. S. 359.] zur Abgrenzung der Pornographie zu den libri obscoeni heranzieht.
28 Der sog. Index Librorum Prohibitorum wurde erstmals 1564 durch eine Kommission zur Beurteilung verdächtiger od. verderbl. Bücher veröffentlicht.In der Folge hat die Kirche auch allgemeine Vorschriften über Bücherzensur und Bücherverbote erlassen. Benedikt XIV. erließ dazu genauere Richtlinien in der Konstitution Sollicita ac procida; deren Neufassung durch Leo XIII. , die Konstitution „Officiorum ac munerum“ wurde gegeben am 25.1.1897. Nähere Informationen finden sich bei Hörmann, Karl: Büchervorschriften der Kirche. In: Lexikon der christlichen Moral (LChM) 1976, Sp. 168-174. Online verfügbar unter: http://stjosef.at/morallexikon/buecherv.htm (Stand 17.7.2009). 29 Zitiert nach Marcuse: Obszön. S. 12. 30 Ebd. S. 12.
31 Art.: Post hoc, ergo propter hoc. In: Phillex. Lexikon der Philosophie. Powered by Uwe Wiedemann. Online verfügbar unter: http://www.phillex.de/posthoc.htm (Stand 17.7.2009).
32 Vgl. dazu den Art.: Logik. In: Philosophie. Das Fischer Lexikon. hrsg. von Alwin Diemer und Ivo Frenzel, mit einer Einl. von Helmuth Plessner, Fischer: Frankfurt 1958. S. 147-160.
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schlaf, von Rembrandt gezeichnet, ist ein moralisches Kunstwerk?“
33
Die Grauzone zwischen Kunst und Obszönität ist bis heute verwischt und unscharf. Papst Leo XIII. reagierte auf diese Problematik der „unanständigen Welt-Literatur“
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mit der Erklärung: „Die Bücher Älterer und Neuerer, die als Klassiker gelten und von jenem Schmutz nicht frei sind, werden mit Rücksicht auf die Eleganz und Reinheit der Sprache gestattet, doch nur solchen, deren Amt oder Lehrberuf diese Ausnahme heischt.“
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Faktisch ist dies aber wiederum keine Zustandsbeschreibung des Obszönen! Es bedeutet nur, dass das Ansehen des Literaten entscheidet, ob seine Werke obszön sind oder nicht. Die Brisanz dieser Definition belegt Marcuse anhand eines Briefes von Friedrich Schiller, in welchem dieser sich positiv äußert über diese ‚heftig sinnliche Natur’ des Werkes
Coeur humain devoilé
von Rétif und anhand eines Werkes des - wie auch Schiller - unbestritten als Weltliteraten bezeichneten Johann Wolfgang Goethe namens
Hanswursts Hochzeit.
Dieses Werk umgibt den Nimbus des Geheimnisvollen: Allein in der Chronik
Goethe und seine Zeit
wird es kurz erwähnt, offensichtlich der Vollständigkeit halber: „Weitere Werke Goethes in seinem letzten Frankfurter Jahr sind das Singspiel
Claudine von Villa Bella
und die Posse
Hanswursts Hochzeit oder der Lauf der Welt.“
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Und obwohl Goethe einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller ist, wird dieses Werk in der Forschung nahezu nicht berücksichtigt. Die
Bibliographie der deutschen Sprach- und Literaturwissenschaft
verzeichnet unter beiden Namen keinen Eintrag!
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Auch im Goethe-Artikel in Killys Literaturlexikon findet sich kein Hinweis auf die Posse. Lediglich von einer „Reihe der Fastnachtsspiele u. Hanswurstiaden“
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im Jahre 1775 ist die Rede. Der Inhalt besagter Posse oder Farce muss sehr drastische Schilderungen der Gedanken eines ungeduldigen Bräutigams enthalten. Zudem besteht die dramatis personae aus „Ekelnamen“ wie Marcuse ei-
33 Marcuse:Obszön. S. 24.
34 Ebd. S. 24. 35 Zitiert nach Marcuse: Obszön. S. 25.
36 Goethe und seine Zeit. Eine biographisch-synoptische Darstellung mit 300 Farbbildern. Hrsg. Von Christoph Wetzel und Gerhard Wiese. Andreas & Andreas: Salzburg 1982. S. 96.
37 Bibliographie der deutschen Sprach- und Literaturwissenschaft. Begr. v. Hanns W. Eppelsheimer. Fortgef. v. Clemens Köttelwesch. Hrsg. v. Bernhard Koßmann. Klostermann: Frakfurt a. M. 1957ff. Die Onlineversion ist verfügbar unter:
http://www.bdsl-online.de/bdsldb/templates/template.xml?vid=CAC7B8FC-820F-4366-B035-042845A8528D&contenttype=text/html&Skript=home (Stand 19.1.2010).
38 Hölscher-Lohmeyer, Dorothea: Goethe, Johann Wolfgang von. In: Autoren- und Werklexikon. Killy Literaturlexikon (vgl. Killy Bd. 4, S. 196- 256). S. 6575. Online verfügbar unter: http://www-fr.redi-bw.de/session/DBKilly-2eb59e00.html (Stand 24.1.2010).
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nen leider nicht namentlich benannten Goethe-Forscher zitiert. Offensichtlich passt es nicht in das Bild über den Poeten, ein obszönes und anstößiges Stück zu schreiben und es wird demnach schlicht vergessen. 39
Marcuse kommt über die Versuche, die Schaffung des Obszönen und dessen Wirkung einzugrenzen, nicht hinaus. Er resümiert schließlich, dass „das Obszöne […] immer schon die Lockerung einer gesellschaftlichen Ordnung“ 40 anzeigt und je mehr sich die Gesellschaft entrüstet, umso mehr wird es am Leben erhalten. Dies habe sich bis heute nicht geändert und auch „die öffentliche Sexual-Moral hat sich kaum geändert“. 41 Damit beschreibt er die Spaltung der Gesellschaft in öffentlich und privat. Obwohl die Tatsache, dass die Menschheit nicht ausgestorben ist, dafür spricht, dass der Geschlechtsakt zum (privaten) Leben gehört, wird dieser (öffentlich) nicht oder zumindest nur verschämt thematisiert. Das andere Extrem ist die übertriebene öffentliche Thematisierung, die aber meist dem Zweck des Auffallens oder des Protests dient. Einen vorurteilfreien, öffentlichen Diskurs über Sex gibt es bis heute nicht.
Was allerdings obszön ist und was nicht, was dieses Wort genau bedeutet, das benennt Marcuse nicht. Er nähert sich beispielhaft an, indem er juristische Prozesse beschreibt, in welchen Literatur angeklagt wird, unzüchtig zu sein. In diesen wird abgewogen, ob das behandelte Werk mehr Kunst ist (die gelesen und verbreitet werden darf) oder mehr Pornographie (welche weder gelesen, noch mit der Post befördert werden darf 42 ) ist. Einen ähnlichen Weg geht auch Hans Giese: er diskutiert vier Gutachten über literarische Werke, die in den Literaturprozessen benutzt wurden. Seine „Erörterung über das obszöne Buch“ 43 stellt er in den größeren Rahmen des Obszönen in der Kunst; Die Literatur dient ihm als Beispiel für Kunst. Hans Giese war nicht nur Literaturwissenschaftler, sondern auch promovierter Mediziner, der 1949 das Institut für Sexualforschung gründete, welches heute als Institut und Poliklinik für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie
39 Auch Karl Mandelkow hat in seiner umfassenden Übersicht: Goethe in Deutschland. Rezeptionsgeschichte eines Klassikers. 2 Bde. C.H. Beck: München 1989. dieses eine Werk unbeachtet gelassen. 40 Marcuse: Obszön. S. 38. 41 Ebd. S. 35.
42 Vgl. dazu auch die Ausführungen über das „Comstock-Gesetz“ bei Hyde, Montgomery, H.: Geschichte der Pornographie. Eine wissenschaftliche Studie. Hans E. Günther Verlag: Stuttgart 1965. S. 26. 43 Giese, Hans: Das obszöne Buch. Enke Verlag: Stuttgart 1965 (= Beiträge zur Sexualforschung 35).
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ein Teil der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf ist. 44 Giese leitete das Institut seit der Integration in das Universitätsklinikum Hamburg 1959 bis zu seinem Tod im Jahr 1970 als Sexualwissenschaftlers und Psychiater, der sich „speziell mit der Sexualität des Menschen, genauer gesagt, mit Störungen und Konflikten aus diesem Bereich“ 45 beschäftigte. Aus dieser Perspektive heraus begreift Giese das „obszöne, d. h. sittenwidrige Sexualverhalten“ des Menschen „als ‚Form der Wahrheit’, die es zu interpretieren gilt“. 46 In ähnlicher Form werde ich in dieser Arbeit das Verhalten der Romanfigur Helen aus Feuchtgebiete auf die Frage hin untersuchen, was sie uns durch ihre Handlungen und Aussagen mitteilen möchte.
Doch auch bei Giese stellt sich wieder die Frage nach den Sitten und Gebräuchen der Menschen bzw. der Gesellschaft. Welches Verhalten ist sittenwidrig und welches (noch) nicht? Giese begründet diese Fragestellung einerseits mit einem wissenschaftlichen Interesse, nämlich dem Unterschied zwischen gesund und krank; und andererseits mit der Konsequenz, die daraus zu ziehen ist: ob und inwieweit jemand für seine Taten verant-wortlich ist. Für den Sexualwissenschaftler stellt die „sexuelle Perversion 47 eine Art von ‚Suchtkrankheit’ dar, bei der es therapeutisch darauf ankommt, eine individuell gemäßigte Form der Einordnung, soweit sozialisierbar, zu finden.“ 48
Perversion wird hier als Krankheit geschildert, nicht als Passion. Das besondere an Gieses Ausführung ist die deutliche Abgrenzung krankhafter und behandlungsbedürftiger Aus-formungen, die möglicherweise andere Menschen schädigen können, von anderen, nicht der Behandlung bedürftigen Vorlieben des Menschen. Giese betont die Notwendigkeit der wissenschaftlichen, also weitgehend wertneutral gehaltenen Herangehensweise an obszöne Literatur und auch die Nutzung der Vorarbeiten der Sexualwissenschaft, wie „die Ein-
44 Vgl.Zur Geschichte des Instituts für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie. Online verfügbar unter:
http://www.uke.de/institute/sexualforschung/index.php?id=-1_-1_-
1&as_link=http%3A//www.uke.de/zentren/30167.php&id_link=3_0_0&as_breadcrumb=%3Ca%20href%3D %22/index.php%22%3E|%20Home%3C/a%3E%20%3E%20%20%20Institute%20im%20%26Uuml%3Bberb lick (Letzte Änderung: 26.02.2007, Stand 22.1.2010). 45 Giese: Obszönes Buch. Vorwort. 46 Vgl. ebd.
47 Giese diskutiert den Begriff der „sexuellen Perversion“ ansatzweise und vermerkt, dass ein einheitlicher Krankheitsbegriff nicht existiert. Für diese Arbeit benutze ich die von Giese präferierte Definition der sexuell abnormen Handlungen mit dem Merkmal der Süchtigkeit (vgl. Giese: Obszönes Buch. S. 15). 48 Giese: Obszönes Buch. S. 15.
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sicht, dass nicht alles sog. ‚Regelwidrige’, konventionell verstanden, von psycho-pathologischer Relevanz ist“. 49 Als Beispiel nennt er die Masturbation: „Regelwidrig ist beispielsweise, trotz aller faktischer Häufigkeit, die Masturbation. Sie ist ein prinzipiell infertiles Tun und akzentuiert überdies die Genusskomponente der Sexualität. Aber erst im Einzelfall […] kann solche Betätigung das Symptom sein für eine sexuelle Perversion im engeren Sinne.“ 50 Nach Giese ist gewöhnlich nicht das Regelwidrige selbst krankhaft, sondern entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Antwort auf eine Situation, die anders und evtl. auffällig ist: „Die Antwort gilt als ‚gesund’ einzusehen, wenn sie der Situation angemessen ist - gleichwie man sie sonst bewerten mag. Sie ist umso angemessener, je situationsüberlegener sich jemand dabei erweist, je mehr Souveränität er dabei zu erkennen gibt.“ 51
Mit diesen Hinweisen möchte Giese ein „Blitzlicht über dem Problem obszöner Sachverhalte“ 52 zünden. Dass eine Differenzierung nur im Einzelfall möglich ist und es sicherlich um Niveaufragen geht, „verschleiert aber die Problematik mit dem Gerede von Toleranz“. 53 Giese schlägt Strenge als „adäquate Geisteshaltung“ 54 vor, die mit der Anstrengung korrespondieren muss, „die es bedeutet, etwas zu tun, das sittenwidrig und zugleich nicht krankhaft, sondern voll verantwortlich ist“. 55 Zudem kommt noch die Hilflosigkeit gegenüber der menschlichen Natur: In dieser Art angestrengt zu leben - das ist der Anstoß, den das Obszöne eigentlich gibt.“ 56
Hans Gieses Erläuterungen über das Obszöne sind auf den Alltag eines Mediziners bezogen, also auf reale Menschen. Dennoch kann man unter der Prämisse, dass die Fiktion etwas darstellt, das möglich sein könnte, diese Hinweise auch auf literarische Figuren beziehen. Dann müsste man sich fragen, warum eine Figur obszöne Reden und Handlungen begeht: Was sind ihre Beweggründe und auf welche besondere Situation sind diese die Antwort? 57
49 Giese: Obszönes Buch. S. 4.
50 Ebd. S. 4. 51 Ebd. S. 4. 52 Ebd. S. 5. 53 Ebd. S. 5. 54 Ebd. S. 5. 55 Giese: Obszönes Buch. S. 5. 56 Ebd. S. 5.
57 Vgl. dazu diese Arbeit ab Kapitel 3 am Beispiel des Romans Feuchtgebiete.
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Auf der Suche nach einer allgemeingültigen Definition bieten sowohl Ludwig Marcuse als auch Hans Giese nur Umschreibungen. Marcuse begrenzt das Obszöne auf die Rezeptionsästhetik, Giese begrenzt es auf das Sexualverhalten. Beiden gemein ist nur, dass sie auf Sitten und Gebräuche einer nicht näher definierten Gesellschaft Bezug nehmen, ohne diese historisch oder soziologisch einzugrenzen. 58 Möglicherweise liegt da das große Problem der Definition: Sie bezieht sich zu sehr auf andere Faktoren, die nicht allgemein bestimmt werden können. Vielleicht ist obszön kein ontologisch zu bestimmender Wert, sondern ein ästhetisches Urteil wie gut oder hässlich, um nur zwei Beispiele zu nennen. Doch auch, wenn keine feste Definition gefunden werden kann, so kann man das Bedeutungsfeld doch eingrenzen, in dem man es abgrenzt gegen anderes. In den Literaturprozessen wurde das Obszöne abgegrenzt gegen die Kunst. Stark vereinfacht gesagt: Kunst ist, was gefällt… Und Obszönes gefällt nicht. Zumindest ist das nicht das primäre Anliegen des Obszönen. Am anderen Ende der Bedeutungsvariationen steht das Pornographische. Diese Abgrenzung ist schwierig, weil auch im wissenschaftlichen Bereich die Begriffe obszön und pornographisch oft synonym benutzt werden. Lynn Hunt beschreibt in ihrer Abhandlung „Obszönität und die Ursprünge der Moderne“ 59 die Geschichte der Pornographie. Sie definiert diese als „die Abbildung von Geschlechtsteilen oder sexueller Praktiken, die darauf zielen, sexuelle Stimulation zu erzeugen“. 60 Hier wird die Intention des Autors oder Zeichners in den Vordergrund gestellt. Hunt verweist außerdem auf Peter Wagners Definition von Pornographie: „die geschriebene oder visuelle Repräsentation eines realistisch genitalen oder sexuellen Verhaltens, das absichtlich die bestehenden und akzeptierten moralischen und sozialen Tabus erschüttern wollte.“ 61 Dies wiederum zielt sehr auf die Wirkung. Man sieht, dass bei dem Prozess der Definitionsfindung von Pornographie dieselben Schwierigkeiten auftreten wie bei der von Obszönität. Eine eindeutige Unterscheidung hat Montgomery Hyde getroffen in seiner Geschichte der Pornographie:
58 Auf das Fehlen einer soziologischen oder sozialpsychologischen Analyse bei früheren Pornographen hat bereits Peter Gorsen: Sexualästhetik. Zur bürgerlichen Rezeption von Obszönität und Pornographie. Rowohlt: Reinbeck bei Hamburg 1970. S. 53. hingewiesen.
59 Hunt, Lynn: Obszönität und die Ursprünge der Moderne. In: Die Erfindung der Pornographie. Hrsg. von Ders. Fischer Taschenbuch: Frankfurt 1994. S. 7-43. 60 Hunt: Pornographie. S. 7.
61 Wagner, Peter: Eros Revived: Erotica of the Enlightenment in England and America, London 1988. S. 7. Zitiert nach Hunt: Pornographie. S. 22.
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„Wenn auch Pornographie immer obszön ist, so gilt dies nicht für die Umkehrung des Begriffes. Mit anderen Worten, obszöne Dinge, die ein Gefühl des Ekels hervorrufen, können, müssen aber nicht pornographisch sein.“ 62 Im Gegenteil, die Reizung des sexuellen Triebes kann beim Obszönen (im Gegensatz zum Pornographischen) komplett wegfallen. Jean-Paul Sartre beschreibt das Obszöne gar als das sexuell Reizlose:
Wird ein solches [d.h. ein der Situation nicht angepasstes] Fleisch enthüllt, dann ist es in be-sonderer Weise obszön, denn es entdeckt sich einem, der nicht imstande ist, zu begehren, und
ohne seine Begierde zu reizen. Eine besondere Unangepasstheit, […] die mir das träge Aufblü-hen des Fleisches als eine jähe Erscheinung unter der dünnen, sie verhüllenden Bekleidung aus
Bewegungen darbietet, während ich selbst in bezug auf dieses Fleisch nicht imstande bin zu
begehren: das nenne ich das Obszöne. 63
Sartre versucht genauer einzugrenzen, was obszön ist und was nicht: „Das Obszöne wird sichtbar, wenn der Leib Stellungen einnimmt, die ihn seines Tuns völlig entkleiden und die Trägheit seines Fleischs enthüllen. Der Anblick eines nackten Leibes von hinten ist nicht obszön. Aber manche unwillkürlichen Bewegungen des Hinterteils sind obszön.“ 64 Er beschreibt das Beispiel eines Ganges, bei welchem der Hintern aufreizend geschwungen wird. Da der Zweck des Ganges offensichtlich das Gehen ist, ist das Schwingen eine „nicht zu rechtfertigende Faktizität, es ist «überzählig», wie jedes kontingente Seiende“. 65 Diese Ausführungen des Obszönen treffen explizit auf …
[…] alle Fälle zu, in denen der ganze Leib Fleisch wird, sei es infolge einer seltsamen Weich-heit seiner Bewegungen, die aus der Situation heraus nicht erklärt werden kann, sei es infolge
einer Mißbildung […], die uns eine Faktizität sehen läßt, die überreichlich ist im Vergleich
mit der realen, von der Situation geforderten Anwesenheit von Faktizität. 66
Als Maßstab für die Definition des Obszönen legt Sartre nicht eine Intention des Verursachers oder eine Reaktion des Bewertenden, sondern eine relative Angemessenheit an die
62 Hunt: Pornographie. S. 12.
63 Sartre, Jean-Paul: Das Sein und das Nichts. Versuch einer phänomenologischen Ontologie. 1., vollständige deutsche Ausgabe, Rowohlt: Hamburg 1962. S. 514. 64 Sartre: Das Sein und das Nicht. S. 513. 65 Ebd. S. 514.
66 Ebd. S. 514.
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Situation an. Dies ist vordergründig ein objektives Kriterium, da es nicht den Wunsch oder das Empfinden des einzelnen und betroffenen Menschen in den Vordergrund stellt, sondern die Situation an sich. Zudem ist diese Vorgehensweise insofern praktikabler, weil sie eine objektive Analyse der Situation nach (idealerweise) vorher festzulegenden Kriterien fordert und demnach transparent und nachvollziehbar wird. Allerdings müssen diese Kriterien wiederum von einer Instanz festgelegt werden und das kann der unüberschaubaren Menge der Möglichkeiten wegen nicht verallgemeinert geschehen. 67 Und zusätzlich muss in jedem Einzelfall noch über die Angemessenheit entschieden werden. Auch wenn die Situation an sich weitgehend objektiv analysiert werden könnte, so gilt das nicht für die relative Angemessenheit. Denn diese wird wieder durch die subjektive Einschätzung (also die Gefühle) von Menschen bewertet. Sartres Ansatz geht also nicht von der phänomenologischen Seite aus (Wie erscheint es uns?), sondern von der ontologischen (Wie ist es?), aber in der Anwendung birgt er dieselben Schwierigkeiten wie die vorherigen Definitionsversuche.
Lynn Hunt verwendet die Begriffe Obszönität und Pornographie synonym, 68 demnach gelten ihre Auslegungen auch für das Obszöne. Den einzigen Unterschied macht sie darin, dass sie - nicht explizit, aber durchgehend - den Begriff des Obszönen weniger für die Handlungen, sondern für die Sprache benutzt:
Um bestimmte Effekte zu erzielen, spielt die obszöne Sprache mit verschiedenen sozialen
Sprachregistern […]. Um bestimmte soziale Grenzen zu überschreiten, fetischierte die obszöne
Sprache bestimmte Worte, die im Zusammenhang mit Sex standen. Das obszöne Wort stand
für einen bestimmten Körperteil, erlangte aber im Laufe der Zeit den Status eines Fetisch. 69
67 In der historischen Realität wurde das bisher von den Gerichten geleistet, welche in den bereits erwähnten Literaturprozessen nach unterschiedlichen Kriterien festlegten, welche Bücher Kunst und welche keine Kunst sind.
68 Diese Gleichsetzung lässt sich auch bei anderen Autoren betrachten, teilweise sogar bei solchen, die sich mit der Untersuchung der Pornographie und deren Abgrenzung beschäftigen. So hat Morris L. Ernst in seinem Vorwort zur amerikanischen Ausgabe der „Geschichte der Pornographie“ von Hyde zwar gefordert „ein für allemal Definition und Auslegung des Begriffes der Obszönität festzulegen“ (Hyde: Geschichte der Pornographie. S. 7 ), aber im weiteren dann die Begriffe Obszönität und Pornographie synonym gebraucht.
69 Hunt: Pornographie. S. 34.
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Gespräche über oder zwischen Huren waren ein Hauptthema der frühen Pornographie und dienten dazu, die „Hypokrasie 70 der konventionellen Moral offenzulegen“. 71 Damit übte die Pornographie offen Kritik an „bestehenden sozialen und sexuellen Bindungen“. 72 Pornographie und Obszönitäten als Kulturkritik? Das überrascht ebenso sehr wie die Deutung Gieses des Obszönen als gesunde Abwehrreaktion. Beiden Deutungen gemein ist allerdings, dass sie das Obszöne als Symptom sehen und nicht als Ursache. Die zuvor genannten Definitionen nehmen das Obszöne als gegeben hin und fragen nach der Wirkung. Karl Rosenkranz setzt diese Wirkung gleich mit dem „Sein“ des Obszönen als Un-terkategorie des von Ihm systematisch analysierten Hässlichen; In seiner Ästhetik des Hässlichen 73 schreibt er: „Das Obszöne besteht aus der absichtlichen Verletzung der Scham.“ 74 Was genau diese Scham ist, mag historisch und gesellschaftlich unterschiedlich sein, aber nur, wenn eine Darstellung absichtlich, also intentional, die Scham des anderen verletzt, gilt diese als obszön. Damit ist die Kunst, die eine andere Intention als diese Verletzung hat, entschuldigt, wie auch kleine Kinder oder unwissende Menschen: „Schon eine zufällige oder unabsichtliche Entblößung weckt Verlegenheit, vielleicht einen peinlich komischen Moment, aber sie ist nicht obszön.“ 75 Besonders Tiere und deren instinktives Verhalten beschreibt Rosenkranz als ‚natürlich’ und demnach nicht obszön. Die Voraussetzung für obszönes Verhalten ist also das Bewusstsein „seines [des Menschen] Unterschiedes zur Natur“ 76 und daraus resultierend die Entwicklung der Scham. Doch obwohl „auch die Schamglieder […] an sich ein ebenso natürliches, gottgeschaffenes Organ als Nase und Mund [sind]“, 77 definiert Rosenkranz: „Alle Darstellungen der Scham und der Geschlechtsverhältnisse in Bild oder Wort, welche nicht in wissenschaftlicher oder
70 Der Begriff Hypokrasie ist weder in der Brockhaus Enzyklopädie noch im Wortschatzportal der Universität Leipzig erklärt (http://wortschatz.uni-leipzig.de/). Vermutlich liegt eine Verwechslung bzw. ein Druck-
fehler vor und gemeint ist die Hypokrisie [griech.]: »Heuchelei, Scheinheiligkeit«. 71 Hunt: Pornographie. S. 36. 72 Ebd. S. 36.
73 Rosenkranz, Karl: Ästhetik des Hässlichen. Hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Dieter Kliche. Philipp Reclam jun.: Stuttgart 2007. 74 Rosenkranz: Ästhetik des Hässlichen. S. 222-223. 75 Rosenkranz: Ästhetik des Hässlichen. S. 223. 76 Ebd. S. 222. 77 Ebd. S. 223.
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ethischer Beziehung, sondern der Lüsternheit halber gemacht wird, ist obszön und hässlich, denn sie ist eine Profanation der heiligen Mysterien der Natur.“ 78 Dabei muss man bedenken, dass nach Rosenkranz das Hässliche, zu welchem er das Obszöne zählt, zwischen dem Schönen und dem Komischen verortet werden muss und zwar nicht im Sinne eines Maßstabes, sondern als Kausalkette: „[…] das Hässliche kann nur begriffen werden als die Mitte zwischen dem Schönen und dem Komischen. Das Komische ist ohne ein Ingredienz von Hässlichkeit, das von ihm aufgelöst und in die Freiheit des Schönen zurückgebildet wird, unmöglich.“ 79 Anders gesagt: Das Hässliche (und damit das Obszöne) hat keinen eigenen Wert, sondern bildet immer nur das Nichtvorhandensein des Schönen ab. Rosenkranz benennt dies als das „Negativschöne“. 80 Das Schöne kann als solches auch ohne seine Folie, das Negative, existieren, es ist ein Absolutes, während das Hässliche nur relativ zum Schönen gesetzt werden kann. Es existiert nicht aus sich heraus, sondern ist quasi ein Übergangsstadium zum Komischen. 81 Demnach wäre das Hässliche ein Prozess, immer in Relation zu dem, was als wahr gesetzt und verstanden wird. Die Abbildung dieses Prozesses und besonders der jeweiligen Position zum Schönen auf der einen Seite und zum Komischen auf der anderen Seite muss eine bestimmte Funktion haben: Es muss einen Grund geben, das Obszöne so abzubilden, wie es getan wird. Und diese Funktion des Obszönen ist, aufmerksam zu machen auf das, was dahinter liegt. Sie stellt die ewige Frage des Wissenschaftlers: warum?
2.3 Zusammenfassung : Absage an eine Definition
Das Obszöne in der Literatur ist keine moderne Erscheinung. Seit des Beginns der Aufzeichnungen in Schrift und Bild werden Situationen dargestellt, die bei Lesern und Zuschauern Gefühle der Scham auslösen können. Und dies nicht nur in heimlich gehandelten und sorgsam verborgenen Büchern, sondern ganz öffentlich wie folgendes Beispiel zeigt:
Wie schön ist dein Gang in den Schuhen, du Fürstentochter! Deine Lenden stehen gleich anei-nander wie zwei Spangen, die des Meisters Hand gemacht hat. Dein Schoß ist wie ein runder
78 Ebd. S. 223.
79 Ebd. S. 7. 80 Ebd. S. 15.
81 Vgl. ebd. die Einleitung, bes. S. 16-17.
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