Inhaltsverzeichnis
Vorwort und Danksagung 5
1. Einleitung 7
1.1 Motiv und Methode 7
1.2 Die sozialwissenschaftliche Bearbeitung von Intimität 13
1.2.1 Intimität im makrosoziologischen-politischen Kontext 13
1.2.2 Intimität im feministischen und interdisziplinären Kontext 15
1.2.3 Intimität im Kontext von tabuisierter Körperlichkeit und Psychologie 16
1.2.4 Intimität im mikro- und familiensoziologischen Kontext 18
2. Georg Simmels phänomenologische Betrachtung von Intimität 20
2.1 Gesellschaft zu Zweien: Intimität als individuell-exklusives Verhältnis. 22
2.2 Psychologie der Diskretion 25
2.3 Das Geheimnis 29
2.4 Die Philosophie des Geldes 32
3. Richard Sennetts Tyrannei der Intimität 36
3.1 Von der zivilen zur intimen Gesellschaft 37
3.2 Die intime Gesellschaft heute 42
3.2.1 Intimität als psychologisierte Ideologie 44
3.2.2 Intimität als Unzivilisiertheit 46
3.2 Persönliche Zweierbeziehungen in der intimen Gesellschaft 47
4. Luhmanns systemtheoretische Sicht auf Intimität 52
4.1 Intimität als zwischenmenschliche Interpenetration 54
4.2 Das Kommunikationsmedium Liebe 57
4.3 Das Funktionssystem Intimität 61
4.4 Das Familiensystem 64
5. Vergleich der Theoriekonzepte von Simmel Sennett und Luhmann 69
5.1 Historischer Entstehungskontext 69
5.2 Perspektiven der Individualität und Exklusivität 70
5.3 Intimität als Gefahr 71
5.4 Querbezüge zu Geschlechterverhältnissen und Sexualität 72
5.5 Synonyme und Metaphern 74
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6. Schlussfolgerungen: Intimität als „soziologischer“ Begriff 76
6.1 Intimität als soziologische Form 76
6.2 Versuch einer Neudefinition 78
6.3. Ausblick und weiterführende Überlegungen 81
Literaturverzeichnis 84
Vorwort und Danksagung
Nach dem ursprünglichem Interesse, mich in meiner Diplomarbeit der Untersuchung von Liebe und modernen Paarbeziehungen zu widmen, habe ich mich von dieser sachlich doch nur schwer fassbaren Thematik abgewandt und mein Hauptaugenmerk der nicht weniger kontroversen, aber soziologisch noch relativ unerforschten Semantik der Intimität zugewandt. Dies hat sich - so denke ich - letztlich als eine sehr lohnende Entscheidung erwiesen. Besonders danken möchte ich in diesem Zusammenhang meinem Betreuer Prof. Friedhelm Kröll, der mich mit seinen Seminaren und Vorlesungen schon immer höchst inspiriert und zum weiterdenken angeregt hat; er hat mich auch in der Phase meiner Abschlussarbeit gut begleitet. Als Assistentin bei seiner Einführungsvorlesung kam ich bis zuletzt in den Genuss, mich mit den „Grundlagen des Sozialwissenschaftlichen Denkens“ fundiert auseinander zu setzen.
Inspiriert haben mich im Zeitraum des Diplomarbeit-Schreibens aber auch Theaterstücke (u.a. das Burgtheater-Vestibül Beziehungsstück „Das wundervolle Zwischending“ und Schnitzlers „Reigen“) sowie die Ausstellung „True Romance -Allegorien der Liebe von der Renaissance bis heute“, die ich ergänzend besucht habe. Die genannte Ausstellung, welche im Herbst 2007 in der Kunsthalle Wien zu sehen war, zeigte bereits, welche Konstanten und Veränderungen die Darstellung von Liebe und Intimitäten im Wandel der Zeiten bestimmt haben und verhalf zur Reflexion im Alltag. Außerordentlich war für mich aber auch die Gelegenheit zwei der in dieser Literaturstudie zitierten AutorInnen persönlich kennen zu lernen. Zuerst war es die Soziologin Eva Illouz, welche am 26.1.2008 zur Präsentation ihres neuen Buchs nach Wien kam, und schließlich konnte ich am 26.02.2008 auch Richard Sennett bei einem Gastvortrag im Kreisky Forum besuchen.
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Meiner Familie sowie meinen Freunden und KollegInnen möchte ich für das gezeigte Interesse an meiner Arbeit und für das gelegentliche Drängen auf deren Abschluss danken. Insbesondere Katharina Hottwagner gilt mein Dank fürs Korrekturlesen und für die kameradschaftliche Begleitung durch die letzte Phase meines Studiums.
1. Einleitung
1.1 Motiv und Methode
Intimität ist semantisch betrachtet ein sehr dehnbarer Begriff, dessen Bedeutung zwischen Alltagsverständnis und theoretischen Diskursen oft erheblich variiert. Auch innerhalb der Soziologie gibt es bislang noch keine einheitliche Definition, mit der gearbeitet wird. Ein deutliches Indiz dafür ist unter anderem ein Blick in gängige, deutschsprachige Fach-Lexika. Falls Intimität bzw. der Wortstamm „intim“ überhaupt als Eintrag vorkommt, dann vorwiegend nur in Form der „Intimgruppe“.
Im Wörterbuch der Soziologie von Karl Heinz Hillmann wird unter der Intimgruppe eine „besonders innige Form der sozialen Beziehung zwischen einer kleineren Anzahl von Menschen“ (Hillmann, 2007) verstanden. Auch im Wörterbuch der Soziologie, herausgegeben von Wilhelm Bernsdorf (1969), findet sich nur der Verweis auf Intimgruppen, diese werden dem Kontext von Familiensoziologie und der Soziologie von Gruppen zugeordnet und lassen sich synonym zur Primärgruppe verstehen. Einzig in der grundlegend überarbeiteten Version des Lexikons zur Soziologie (Fuchs-Heinritz, et al., 2007) wird neben der Intimgruppe auch Intimität definiert, sie wird dort als „Situation innerhalb persönlicher Beziehungen“ bezeichnet, „bei der die Kommunikation besonders eng ist und sich auch auf sonst geheim gehaltene Seiten erstreckt“. Möchte man den Begriff allerdings umfassender analysieren, kann ein Fremdwörterbuch eine noch differenziertere Vorstellung darüber vermitteln, was aktuell unter Intimität verstanden wird, als so manches Fachlexikon. Intimität, abgeleitet vom lateinischen Wortstamm „intimus“ als „innerst, vertrautest“ wird hier auf mehreren Ebenen definiert. Einerseits wird sie als „Vertrautheit“, oder als „Vertraulichkeit“ beschrieben, andererseits als „sexuelle, erotische Handlung“, als „gemütliche Atmosphäre“, oder als „Intimsphäre“. Der „Intimus“ wird als innerster, tiefster, geheimer Vertrauter; engster Freund betrachtet (vgl. Duden Fremdwörterbuch, 1982).
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Letztendlich fehlt jedoch sowohl m Allgemeinen, als auch im soziologischen Bereich eine ausreichend Bearbeitung des Intimitäts-Begriffs. „So viel von Intimität, Intimbeziehungen und Ähnlichkeiten gesprochen wird: Es gibt keinen theoretisch hinreichenden Begriff dafür.“ (Luhmann, 1996 S. 200) Die Unterbelichtung des Intimitätsbegriffs in der soziologischen Forschung bringt auch ein gewisses „Durcheinander im Gebrauch“ mit sich, es existieren sehr unterschiedliche, teils konfuse Definitionen und Anwendungen des Terminus. Er wird sowohl in mikrosoziologisch als auch in makrosoziologisch orientierten Theorien verwendet, für manche Wissenschaftlerinnen ist er Synonym für zwischenmenschliche Beziehungen, für manche ein Antonym zur Öffentlichkeit, und für wiederum andere AutorInnen markiert er einen individuellkörperlichen oder normativen Bereich des Schams oder des Tabus. In den sozialwissenschaftlichen Publikationen der letzten Jahrzehnte wurde zudem viel öfter mit den Schlagwörtern „Liebe“, „Sexualität“, „Familie“ und „Partnerschaft“ gearbeitet, als mit dem vermeintlichen Oberbegriff der „Intimität“, dieser wurde weitgehend vermieden oder nur unreflektiert verwendet.
Da dieses Missverhältnis und das damit verbundene begriffliche Chaos nach einer näheren Behandlung verlangen, möchte ich im Rahmen meiner Diplomarbeit einen klärenden Beitrag dazu leisten. Das Herausarbeiten einer brauchbaren Neu-Definition des Intimitäts-Begriffs stellt dabei eine besondere Herausforderung dar.
Der zweite Grund, warum ich mich mit dem Begriff der Intimität näher auseinander setzen möchte, ist seine mediale, gesellschaftliche und somit auch soziologische Brisanz. Sie wird gegenwärtig in den unterschiedlichsten Bereichen thematisiert: In populären Printmagazinen werden exklusive „Intim“-Interviews oder Berichte über das Privatleben von Prominenten angepriesen, um durch Entblößung die Auflage zu erhöhen. Die Fernsehindustrie und die Werbung bedienen sich der „sex - sells“ Strategie um bei den Rezipienten Aufmerksamkeit zu erreichen, und in aktuellen wissenschaftlichen Arbeiten wird
der Trend prognostiziert, dass Intimität und intime Beziehungen einen immer größer werdenden Stellenwert in unserer Gesellschaft einnehmen. Obwohl vermeintlich „intime“ Inhalte durch Medienkonsum und sozio-kulturellen Wandel ihre Monopolstellung in persönlichen (Zweier)- Beziehungen auch immer mehr zu verlieren scheinen, wird sowohl innerhalb der Familiensoziologie als auch von den Medien attestiert und propagiert, dass Partnerschaft und Familie weiterhin zentrale Bestandteile in unserer Gesellschaft sind. Laut einer repräsentativen Studie aus Deutschland (Generationenbarometer 2006) 1 ist die Bedeutung bzw. der Wert der Institution Familie in den letzten zehn Jahren sogar enorm angestiegen. Parallel dazu wird aber auch die These aufgestellt, dass private und öffentliche Rollen und Bereiche tendenziell immer ununterscheidbarer werden, sodass ehemals Intimes veröffentlicht wird und der Bereich des Öffentlichen und Politisches immer mehr personalisiert und „intimisiert“ wird. Eine Vermischung der beiden Sphären wird unter anderem auch durch moderne Medien wie dem Internet ermöglicht und gesteigert. Immerhin werden heute auch eine Vielzahl von „Intimbeziehung“ in öffentlich zugänglichen Chats oder Internetplattformen geschlossen oder sogar dort ausgelebt. Auch pornographische Inhalte, die im Alltagsgebrauch ebenfalls zum körperlich-„Intimen“ Bereich gezählt werden, finden durch elektronische Medien weite Verbreitung in der Öffentlichkeit. Talkshows oder Sendeformate wie beispielsweise „Big Brother“, in denen Privates offenkundig diskutiert und präsentiert wird, sind ein weiterer Beweis für das öffentliche Interesse am Intimen. Das mediale und individuelle Interesse beruht jedoch auch auf Gegenseitigkeit, denn der stetig wachsende „Markt der Selbstoffenbarung“ (Sennett, 1986) betont die Freiwilligkeit von intimen Darlegungen auf Seiten des Individuums.
Das freizügige Offenbaren des Privatlebens auf öffentlich einsehbaren Internet-Plattformen und die steigende Teilnahme an Kontaktbörsen sind nur zwei
1 FORUM FAMILIE STARK MACHEN (Hrsg.) Generationen-Barometer 2006.
Eine Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach, Aufl./Jahr: 1. Aufl. 2007
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Beispiele dafür, dass sich unsere Gesellschaft aktuell in einem Prozess befindet in dem auf unterschiedlichen Ebenen eine Intimisierung stattfindet. Methode
In dieser kurzen Darlegung wurden bereits vielfältige Kontexte deutlich, in denen der Ausdruck intim oder Intimität aktuell verwendet wird. Umso wichtiger erscheint es also herauszufinden, was es mit diesem Terminus letztlich auf sich hat. In jedem Fall ist der Begriff ein relationaler, dessen Bedeutungen und Definitionen sich natürlich auch im Laufe der Geschichte ständig verändert haben. Die vorliegende Diplomarbeit kann somit auch niemals dem Anspruch gerecht werden, vollständig zu erfassen, was Intimität jemals war, ist oder sein kann. Es soll aber versucht werden exemplarisch und mit Fokus auf den Bereich der Soziologie eine theoretische Annäherung zu schaffen. Für meine Arbeit sollen dazu hauptsächlich die themenrelevanten Werke bzw. Texte der Autoren Simmel, Sennett und Luhmann herangezogen werden. Ihre Theorien lassen sich auf unterschiedliche Paradigmen und Richtungen der Soziologie zurückführen, wodurch eine fruchtbare Basis für einen Vergleich hergestellt werden kann. Auch liegt in den unterschiedlichen Titeln oder Untertiteln ihrer Niederschriften - implizit oder explizit - immer ein Bezug zur Intimität oder deren Ausgestaltungsformen vor. Obwohl es sich bei den Autoren um drei durchaus bekannte und unterschiedliche Vertreter des Fachs handelt, können ihre Publikationen zum Thema Intimität klarerweise kein vollständiges Abbild dessen liefern, was von anderen Soziologen und Soziologinnen in der aktuellen europäischen und amerikanischen Wissenschaftslandschaft dazu gearbeitet wurde. Die gewählte Basisliteratur soll lediglich zur beispielhaften Darlegung der begrifflichen Variabilität dienen.
Die Haupttexte werden in Hinblick auf den verwendeten Intimitätsbegriff analysiert und miteinander in Bezug gesetzt. Auch sollen die verwendeten
Konzepte unter Berücksichtigung aktueller Wissenschaftstrends und unter Einbezug weiterführender Publikationen diskutiert werden. Fragestellung
Im Mittelpunkt der Arbeit stehen folgende Forschungsfragen: • Welche Definitionen und Konzepte der Intimität lassen sich in den genannten soziologischen Werken finden und worin bestehen deren Unterschiede und Gemeinsamkeiten?
• Welche Beispiele lassen sich für die Weiterführung der in dieser Arbeit vorgestellten, impliziten oder expliziten Definitionen von Intimität finden? • Lässt sich in den unterschiedlichen theoretischen Herangehensweisen an die Intimität so etwas wie ein kleinster gemeinsamer Nenner finden, oder etwas genuin „soziologisches“?
Damit schränke ich meinen Untersuchungsbereich in wissenssoziologischer Perspektive auf die Begriffs- und Ideenwelt der Intimität ein. Es soll hier nicht primär um die Erklärung von intimer Praxis, sondern vielmehr um die thematischen und semantischen Inhalte des Terminus „Intimität“ gehen, sowie um die Frage, wie dieses Konstrukt von Vertretern des Faches bearbeitet wird. Die vorliegende Diplomarbeit soll all jenen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen von Nutzen sein, die im Bereich der privaten oder intimen Beziehungen forschen, oder forschen wollen. Ich möchte durch die Verwendung unterschiedlicher Zugänge der Soziologie neue Aspekte und Querverbindungen herausarbeiten, die vielleicht wertvolle Impulse für die weitere Auseinandersetzung mit diesen Themen liefern.
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Aufbau
Während im nächsten Teil noch näher auf Theorie, Begriffe und wissenschaftliche Kontexte eingegangen wird, bzw. ein Überblick über die gegenwärtige Bearbeitung von Intimität in der Soziologie gegeben wird, folgt in den Kapitel zwei, drei und vier jeweils eine nähere Ausführung der Konzepte von Simmel, Sennett und Luhmann. Weitere Autoren und Autorinnen, die an die genannten Werke anschließen, werden innerhalb der drei Hauptkapitel, aber auch später an geeigneter Stelle behandelt.
In Kapitel fünf werden die unterschiedlichen Theoriekonzepte miteinander verglichen und Unterschiede bzw. Gemeinsamkeiten und Überschneidungen herausgearbeitet. In Hinblick auf die gestellten Forschungsfragen werden verwendete Denkmuster, theoretische Verortungen und mögliche Bezüge auf Geschlechtsverhältnisse analysiert. Es werden dabei sowohl der historische Entstehungskontext der Werke, als auch Perspektiven der Individualität und Exklusivität miteinbezogen. Auch wird der Frage nachgegangen, inwiefern sich Intimität auch als Gefahr darstellt.
Schließlich erfolgt dann im Kapitel sechs unter Einbezug der „formalen Soziologie“ eine Synthese der verschiedenen Überlegungen und es wird eine soziologische Neudefinition von Intimität versucht. Weiterführende
Überlegungen und Denkanstöße für weitere Forschung bilden sodann das Ende meiner Schlussfolgerungen.
1.2 Die sozialwissenschaftliche Bearbeitung von Intimität
Das Durcheinander im Gebrauch des Terminus „Intimität“ zeigt sich schon bei einer ersten Literatur- und Internetrecherche. Um ein wenig Ordnung in das definitorische Chaos zu bringen, soll nun eine Beschreibung der begrifflichen Variabilität anhand verschiedener Kategorien erfolgen. Es wurden dabei folgende thematische Bereiche identifiziert: Intimität im makrosoziologisch politischen Kontext, im feministischen Kontext und in Überschneidung mit Sozialpsychologie und anderen Wissenschaftsdisziplinen, im Kontext von tabuisierter Körperlichkeit, und schließlich Intimität im mikrosoziologischen und familiensoziologischen Zusammenhang.
1.2.1 Intimität im makrosoziologischen-politischen Kontext
In stärker makrosoziologisch 2 orientierten Werken wird der Begriff Intimität oftsynonym mit Privatheit - als Abgrenzung zum Öffentlichen oder zur zivilen Welt verwendet. Meist geht es hierbei um einen gesellschaftlichen Wandel sowie um die Entstehung der Grenzziehungen zwischen privater und öffentlicher Kommunikation. In einem soziologischen Wörterbuch (Hillmann, 2007) wird Privatheit als jener „Bereich sozialer Beziehungen und individueller Lebensgestaltung“ bezeichnet, „der noch Möglichkeiten der Selbstdarstellung, eigenen Interessensentfaltung und ungezwungener Kontakte bietet“. Dieser Definition mögen wohl nicht alle Theoretiker auf diesem Gebiet zustimmen, besonders Sennett kritisiert diese Grenzdefinition explizit in seinem Werk (1986 334f); jedoch wird in zahlreichen klassischen Werken eine Differenzierung dieser beiden Sphären vorgenommen. Zu nennen wäre hier neben dem eben genannten Werk von Sennett über den Verfall des öffentlichen Lebens, welches im Hauptteil noch ausführlich behandelt werden wird, auch
2 Gemeint sind jene Forschungsbereiche, die sich mit „den Strukturen, Entwicklungen und
gegenseitigen Einflussnahmen von größeren sozialen Gebilden und kollektiven Prozessen
befassen“ (Hillmann, 2007)
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Jürgen Habermas’ „Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft“ (1962). Aber auch Hannah Arendt ist bereits 1958 in ihrem bekannten Werk „Vita activa oder vom tätigen Leben“ (Arendt, 2005) der Bedeutung und dem historischen Werdegang der Begriffe Öffentlichkeit und Privatheit bzw. Intimität nachgegangen: „Für uns umschreibt das Private eine Sphäre der Intimität, wie sie uns aus dem griechischen Altertum schlechterdings unbekannt ist, (…) die aber jedenfalls in ihrer Vielfalt und Mannigfaltigkeit keiner Epoche vor der Neuzeit bekannt war“ (Arendt, 2005 S. 48)
In diesen eher makrosoziologisch verorteten Werken, die Intimität behandeln, werden häufig die fehlenden Möglichkeiten aktiver Partizipation am öffentlichen Leben kritisiert, auch geht es oft um die Personalisierung und Privatisierung des Politischen, oder um umgekehrt die Politisierung des Privaten. Einen guten Überblick hierzu bietet der Sammelband von Kurt Imhof und Peter Schulz (1998) mit dem bezeichnenden Titel „Die Veröffentlichung des Privaten und die Privatisierung des Öffentlichen“. Hier werden nicht nur die öffentlichen Diskurse über das Private behandelt und der Verlust der Diskretion durch neue Rundfunk- und Fernsehformate thematisiert, sondern es wird auch die Frage nach der Instrumentalisierung des Privaten aufgeworfen und den Ursachen der Personalisierung in der politischen Kommunikation nachgegangen. Einer politischen Terminologie bedient sich auch Anthony Giddens (1993), wenn er die Veränderungen des Privaten analysiert. Für ihn stellt der Wandel der Intimität in Richtung einer „reinen Beziehung“ eine neue Chance für Demokratie dar. Er versteht die sexuelle Emanzipation als einen Prozess, der zu einer „radikalen Demokratisierung des Persönlichen“ (ebd., S. 197) führen kann. Das Persönliche, bzw. die Art wie intime Beziehungen geregelt sind, wirkt sich laut dem britischen Soziologen auch auf die umfassende soziale Ordnung aus (vgl. ebd., S. 211).
Diese makrosoziologische Herangehensweise an die Intimität eröffnet somit auch Querverbindungen mit den Politikwissenschaften und gelegentlich auch mit der Philosophie.
1.2.2 Intimität im feministischen und interdisziplinären Kontext Überschneidungen mit den makrosoziologisch-politischen Verwendungen des
Intimitätsbegriffs finden sich auch in den feministischen Theorien. Hier wird der Terminus Intimität zum politischen Begriff umgewandelt, mit dem um gesellschaftliche Gleichheit und Freiheit gekämpft wird. Denn Intimität und besonders auf das Ideal der romantische Liebe gegründete Beziehungen unterliegen oft Ausbeutungsverhältnissen zu Lasten der Frauen. Die feministische Kritik umfasst aber vor allem die kulturell geschaffene Sphärenteilung von Öffentlichkeit als männliche Sphäre und Privatheit bzw. Intimität als weibliche Sphäre, welche neben der geschlechterspezifischen Arbeitsteilung zusätzlich Ausschlussmechanismen der Frauen aus dem öffentlich, politischen Geschehen bewirkt. Diese beiden Bereiche sind immanent mit der hierarchischen Struktur im Geschlechterverhältnis verbunden, und es wird von einer Marginalisierung von Frauen in der Öffentlichkeit ausgegangen.
Eva Kreisky und Birgit Sauer (1997) beschreiben die „vermeintliche Trennbarkeit von öffentlich und privat“ als „patriarchalen Herrschaftsmodus” der grundlegend von feministischen Theoretikerinnen in Frage gestellt wird (vgl. ebd., S.17). Die kulturevolutionäre Parole der neuen Frauenbewegung in den 60 Jahren „Das Private/Persönliche ist politisch!” steht exemplarisch für diese Kritik, welche nachhaltig die politische Kommunikation veränderte. Der gesetzlich geschaffene und kulturell definierte Bereich der Privatheit wird als Ort von gesellschaftlichen Machtverhältnissen und als Teil eines
Herrschaftsdiskurses thematisiert (vgl. auch Cohen, 1994). Der deutsche Soziologe Michael Meuser (1998) spricht in diesem Zusammenhang von einer „politischen Vergesellschaftung der Intimität“, welche im Zuge des feministischen Diskurses entstanden ist. Die „Entzauberung von Liebesverhältnissen als Herrschaftsverhältnisse“ lässt Intimität explizit zum politischen Handeln werden und belastet diese dadurch auch (vgl. ebd., S.228).
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Bei der sozialwissenschaftlichen Bearbeitung von Intimität gibt es neben Verschmelzungen mit der Politikwissenschaft und dem Feminismus aber auch interdisziplinäre Überschneidungen mit den Kommunikationswissenschaften; beispielsweise wenn es um die Inszenierung und Darstellung von Privatheit/Intimität in den Massenmedien geht oder um öffentliche Personen und deren mediale Konstruktion. In diesem Schnittfeld bewegt sich auch der Kommunikations- und Sozialwissenschaftler Jo Reichertz, wenn er in seinem Werk „Liebe (wie) im Fernsehen“ die medialen Theatralisierungstendenzen bei der Darstellung von Intimität und deren soziokulturelle Auswirkungen untersucht (vgl. Reichertz, et al., 2002).
Von Intimsphäre und deren Schutz ist im Kontext der Medienkritik, der Techniksoziologie aber auch in Bereichen des Rechts die Rede. In diesen Zusammenhängen geht es sowohl um die Entgrenzung der beiden Sphären Öffentlichkeit und Intimität durch moderne Kommunikationstechnologien wie Mobiltelefone oder Internet, als auch um die Möglichkeiten der sozialen Kontrolle öffentlicher Räume, die durch elektronische Überwachungstechniken geschaffen werden.
1.2.3 Intimität im Kontext von tabuisierter Körperlichkeit und Psychologie Eine ganz anders verstandene Form der Intimität ist jene, die als individuellkörperlicher oder normativen Bereich der Schams oder des Tabus beschrieben wird. So wird auch Sexualität, Nacktheit und Körperlichkeit allgemein - sofern sie noch als etwas Schamhaftes empfunden wird - oft mit Intimität in Zusammenhang gebracht.
Der Historiker Jean Claude Bologne unterscheidet in diesem Kontext zwischen dem individuellen und dem sozialen Schamgefühl, wobei sich letzteres vor allem im 17. Jahrhundert im Rahmen von schichtspezifischem Respekt herausbildete. Die individuelle Schamhaftigkeit kam erst im Bürgertum des 19. Jahrhundert im Zuge des Zivilisationsprozesses auf und wurde im Selbstzwang durch das eigene Gewissen und aus Gottesfürchtigkeit hervorgerufen (vgl. Bologne, 2001).
Auch der Begriff der „Intimsphäre“ als höchstpersönlicher, körperlicher oder nur individuell zugänglicher Raum tritt im Zusammenhang dieser Publikationen und Forschungsarbeiten verstärkt auf. Gelegentlich werden auch einfach jene Dinge als intim bezeichnet, die als geheim und entblößend gelten. Die Rolle und der Reiz von Diskretion und Geheimhaltung werden in diesem Zusammenhang auch noch im Hauptteil dieser Arbeit zur Sprache kommen, wenn die „sozialpsychologischer Skizze“ von Simmel über „das Geheimnis“ (1993) behandelt wird.
Generell wird diesem Verständnisbereich von Intimität in der soziologischen Literatur aber relativ wenig Aufmerksamkeit entgegengebracht; zu nennen wären jedoch noch zwei Werke über den Zivilisationsprozess der Soziologen Norbert Elias (1980) und Hans Peter Dürr (1998) sowie die phänomenologischen Untersuchungen zu Scham und Macht von Hilge Landweer (1999).
Letztere Autorin beschäftigte sich in den letzten Jahren auch intensiv mit der Philosophie von Gefühlen allgemein, sie unterstreicht hierbei vor allem auch die soziale Konstruiertheit von Emotionen. Liebe und Intimität werden notabene auch von Luhmann als Konstruktionen bzw. als ein kultureller Code verstanden. Wenn es um Intimität im Kontext von Gefühlen geht, gibt es aber vor allem innerhalb der Psychologie oder Psychotherapie eine Vielzahl entsprechender Theorien und Arbeiten. Es wird hier auch oft zwischen „sozialer“, „emotionaler“ und „sexueller“ Intimität unterschieden. Der Psychotherapeut und Schriftsteller Tom Levold fügt dieser Kategorisierung sogar noch die Dimensionen „intellektuelle“, „ästhetische“, „spirituelle“ und „freizeitbezogene Intimität“ hinzu (Levold, 1998).
Auch die Organisationssoziologie und Sozialpsychologie stellen Brücken zu neuen Definitionen von Intimität dar. Hier wird von Intimität oft auch im Sinne eines Gemeinschaftgefühls innerhalb von Gruppen gesprochen. Ob man diese Konzepte eher der Psychologie oder der Soziologie zurechnen soll ist wohl eine
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Arbeit zitieren:
Regina Gottwald, 2008, Intimität als soziologischer Begriff, München, GRIN Verlag GmbH
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