Inhaltsverzeichnis
Einleitung. 1
I. Byblos
I.1 Geschichtliche Einführung. 1
I.2 Forschungsgeschichte. 2
I.3 Die Königsgräber. 2
I.3.1 Die Gräberguppe I (Grab I-IV)
I.3.1.a) Grab I. 3
I.3.1.b) Grab II. 4
I.3.1.c) Grab III. 5
I.3.1.d) Grab IV. 5
I.3.2 Die Gräbergruppe II (Grab V-IX)
I.3.2.a) Grab V. 6
I.4 Abschließender Datierungsversuch der Königsgräber von Byblos. 8
II. Qatna
II.1 Geschichtliche Einführung. 9
II.2 Forschungsgeschichte. 9
II.3 Die Grabanlage. 10
II.3.1 Der Korridor. 10
II.3.2 Die Vorkammer. 10
II.3.3 Die Hauptkammer (Kammer 1) 11
II.3.4 Die mittlere Seitenkammer (Kammer 3) 12
II.3.5 Die westliche Seitenkammer (Kammer 4) 13
II.3.6 Die östliche Seitenkammer (Kammer 2) 14
II.4 Interpretation der Befunde aus dem Hypogäum von Qatna. 14
III. Abschließender Vergleich der Königsgräber von Byblos und Qatna. 17
IV. Anhang.
21
IV.1 Abbildungsnachweis. 22
IV.2 Abbildungen. 26
IV.3 Literaturverzeichnis 46
Einleitung
Gräber stellen eine der wichtigsten archäologischen Quellen dar, da sich in der Art und Weise von Bestattungen insbesondere Glaubensvorstellungen und Gesellschaftsstrukturen widerspiegeln.
In dieser Arbeit sollen bronzezeitliche Königsbestattungen aus dem levantinischen Raum 1 verglichen werden, der im betrachteten Zeitraum aus politischer und nicht zuletzt auch kultureller Sicht ein recht uneinheitliches, durch einzelne Stadtstaaten geprägtes Bild liefert. Durch eine Gegenüberstellung zweier Fallbeispiele, der bereits seit langem bekannten Gräber von Byblos und der vor nicht allzu langer Zeit entdeckten Königsgruft von Qatna gilt es, Gemeinsamkeiten, Unterschiede, sowie mögliche Veränderungen und Entwicklungen von Bestattungssitten herauszuarbeiten.
I. BYBLOS
I.1 Geschichtliche Einführung
Das antike Byblos befindet sich im heutigen Libanon im Gebiet des modernen Ortes Jebail unmittelbar an der Levanteküste (Abb. 1). Durch die äußerst günstige Topographie der Stätte an einem natürlichen Hafen findet sich einerseits vom Neolithikum an eine permanente Siedlungsaktivität (Abb. 2), 2 andererseits bedingte diese Voraussetzung das Aufblühen der Stadt zum wichtigsten Handelsumschlagplatz zwischen Ägypten und der Levante in der Mittleren Bronzezeit, also etwa in der ersten Hälfte des 2. Jtsd. v. Chr. 3 Zwar war der Ort in diesem Zeitraum phönizischer Stadtstaat, stand aber sichtbar unter dem politischen und kulturellen Einfluss Ägyptens, wie noch deutlich werden wird. 4 Auch während der spätbronzezeitlichen zweiten Hälfte des 2. vorchristlichen Jahrtausends blieben enge Verknüpfungen bestehen, wobei Byblos nach der sogenannten „Amarna-Zeit“ der ägyptischen Chronologie (2. Hälfte des 14. Jhd. v. Chr.) - zumindest vorübergehendwieder unabhängig wurde. 5
1 Die Levante bezeichnet die am östlichsten Abschnitt der Mittelmeerküste gelegenen Länder.
2 REHM 2004, S. 3.
3 SADER 2009, S. 55.
4 PARROT / CHÉHAB / MOSCATI 1977, S. 39.
5 REHM 2004, S. 3.
1
I.2 Forschungsgeschichte
Erste Grabungen in Byblos fanden in den 1860er Jahren unter französischer Leitung von Ernest Renan statt. Erst 1921 wurden die Arbeiten durch den Ägyptologen Pierre Montet wiederaufgenommen und bis 1924 fortgeführt. Es folgten weitere Ausgrabungen unter Maurice Dunand, dem damaligen Direktor der "mission archéologique française au Liban" bis ins Jahr 1959, die im Anschluss von Maurice Chéhab, dem Direktor der libanesischen Antikenverwaltung bis 1975 fortgesetzt wurden, jedoch aufgrund des einsetzenden Bürgerkriegs ein abruptes Ende fanden. 6
Die Entdeckung der königlichen Grabstätten selbst erfolgte in den 1920er Jahren. Nach diesem Abschnitt der Forschungsgeschichte gab es trotz der genannten weiteren Grabungsaktivitäten bezüglich der Königsgräber leider keine grundsätzlich neuen Erkenntnisse mehr. Für die hier angestellten Betrachtungen muß also auf diese älteren - um nicht zu sagen veralteten - Ergebnisse zurückgegriffen werden.
I.3 Die Königsgräber
Im Nordwesten der Stätte kamen insgesamt neun unterirdische Grabkammern, sogenannte Hypogäen zutage (Abb. 2), die aufgrund von beschrifteten Beigaben als königliche Ruhestätten identifiziert werden können.
Schon allein aufgrund ihrer unterschiedlichen Lage lassen sich die Grüfte in zwei Gruppen unterteilen: Die erste Gruppe, die Grab I bis IV umfasst, befindet sich heute direkt am Steilhang zur Küste (Abb. 3, oben). Es besteht jedoch die Möglichkeit, daß im näheren Umfeld weitere Gräber existierten, die häufiger vorkommenden Felsabbrüchen in das Meer hinein zum Opfer gefallen sein könnten. 7
Im übrigen gelten die Gräber I-III als ungestört, alle weiteren, auch die der Gräbergruppe II, als beraubt. 8 Da die Grabungsaufzeichnungen jedoch nicht immer verlässlich sind, sollte besonders ersteres nicht unkritisch betrachtet werden.
Die zweite Gruppe, Grab V bis IX, liegt circa 25 Meter weiter entfernt von ersterer in Richtung des Stadtinnern (Abb. 2 und Abb. 3, oben). 9
Die Anlagen der Gruppe I sind größtenteils in eine Felsschicht eingearbeitet, in der Regel ist nur der Boden in die darunterliegende, natürliche Tonschicht eingetieft (Vgl. Abb. 4, links). Die Gräber der Gruppe II hingegen sind laut Beschreibungen in die unterhalb des
6 REHM 2004, S. 4.
7 Ebd., S. 6.
8 JIDEJIAN 1971, S. 26.
9 REHM 2004, S. 6.
2
Gesteins befindliche Tonschicht eingearbeitet und nur die Decke besteht aus dem darüberliegenden Fels. 10
Der Aufbau der Gräber beider Gruppen ist prinzipiell sehr einheitlich. Es handelt sich um Schachtkammergräber mit etwa quadratischen, senkrecht in den Fels gehauenen Schächten mit einer Seitenlänge von ungefähr fünf Metern und einer an heutigem Bodenniveau gemessenen Tiefe von bis zu 12 Metern (Abb. 3). Die Größe der am Ende jeden Schachts eingeschnittenen Kammer variiert je nach Grab. Der Kammergrundriss ist einzig mit Ausnahme von Grab V annäherungsweise rechteckig (Abb. 3, oben). 11 Nach den Bestattungen wurde meist eine Mauer zwischen Kammer und Schacht hochgezogen (Abb. 4, 10 und 19), der Schacht mit Schutt verfüllt und anschließend mit einer Steinpackung bedeckt (lediglich auf Abb. 10 gut dokumentiert). 12 Die Gräber scheinen also als unzugänglich angelegt worden zu sein. Mögliche Ausnahmen sollen später diskutiert werden. I.3.1 Die Gräbergruppe I (Grab I - IV)
I.3.1.a) Grab I
Im Zentrum der Kammer von Grab I wurde ein Kalkstein-Sarkophag geborgen (Abb. 4 und 5). Sein an den Langseiten leicht abgerundeter Deckel weist eine Art Zapfen an den Ecken auf, wobei vermutet wird, daß zu Zwecken des Deckeltransports Seile um diese gewickelt werden konnten. 13
In seinem Innern (Abb. 6, unten) befanden sich spärliche Skelettreste angeblich männlichen Geschlechts, sowie offenbar als Nahrungsopfer beigegebene Tierknochen. Zu den weiteren Beigaben zählen ein Sichelschwert (Abb. 6, unten), sowie eine Obsidianvase (Abb. 7), die die Inschrift von Amenemhet III., einem Pharao der 12. Dynastie trägt, dessen Regierungszeit etwa am Übergang vom 19. zum 18. Jhd. v. Chr. angesiedelt wird, was zugleich eine ungefähre Datierung des Grabs möglich macht. 14 Auch über die Kammer verteilt befanden sich Beigaben, darunter bronzene Dreizacke (Abb. 8), die als Waffe, als Statussymbol oder auch als Kombination beider Dinge interpretiert werden könnten. 15 Auch ein beigegebenes Gefäß, daß aufgrund seiner Form als „Teekanne“ bezeichnet wird
10 JIDEJIAN 1971, S. 26.
11 Ebd.
12 REHM 2004, S. 6.
13 Ebd., S. 7.
14 Da die Regierungszeiten einiger Pharaonen äußerst umstritten zu sein scheinen, sollen sie hier nur sehr allgemein aufgeführt werden.
15 JIDEJIAN 1971, S. 26 f.
3
(Abb. 9), soll kurz Erwähnung finden, da diese für den Vergleich mit noch folgenden Gräbern, sowie die Klärung der Identität des Toten aus Grab I wichtig werden wird. I.3.1 b) Grab II
In Grab II (Abb. 10) befand sich kein Steinsarkophag. Vorstellbar wäre jedoch ein Exemplar aus Holz. 16 Auch in dieser Kammer fanden sich reiche Beigaben mit ägyptischen Bezügen. Zu nennen wäre unter anderem ein Pektoral aus Gold und Edelstein mit zentral positioniertem Falken - Symbol für den ägyptischen Gott Horus - und zwei Darstellungen eines Pharaos mit der weißen Krone, die nach der gängigen Ikonographie Oberägypten symbolisiert (Abb. 11). 17 Interessanterweise handelt es sich hierbei um eine fehlerhaft dargestellte Ikonographie, da der oberägyptischen weißen Krone traditionellerweise die rote Krone Unterägyptens gegenübergestellt wird, die hier aber fehlt. Deshalb ist davon auszugehen, daß dieses Stück lokal gefertigt wurde. 18 Ein weiteres ägyptisch anmutendes Schmuckstück ist ein Goldblechpektoral in Falkenform mit Horusköpfen (Abb. 12). 19 Auch entdeckte man ein Kästchen mit Goldeinfassung, das die Inschrift Amenemhets IV. trug (Abb. 13), einem Pharao, der ebenfalls der 12. Dynastie angehörte und etwa zu Beginn des 18. vorchristlichen Jahrhunderts regierte, sowie eine steinerne Vase mit der Inschrift desselben Pharaos (Abb. 14). 20 Besonders anhand der bislang aufgeführten Funde aus Grab II wird also der kulturelle Einfluss Ägyptens auf Byblos deutlich, der sich schließlich auch in den einzelnen Objekten niederschlägt. Bei diesen dürfte es sich teilweise um Geschenke ägyptischer Provenienz von Pharaonen handeln, wie die Anbringung von Namen derselbigen indizieren, teilweise auch um phönizische Nachbildungen, wie oben beschrieben. 21 Der Name des in dieser Grabkammer ruhenden Toten ist - wohlgemerkt in Hieroglyphenauf einem Sichelschwert (Abb. 15) zu lesen, das sich heute im Nationalmuseum Beirut befindet: Es handelt sich um König Ibshemuabi. Besonders auffallend ist dessen Bezeichnung mit dem ägyptischen Fürstentitel „Haty-a“. Auch diese Tatsache bezeugt die enge Bindung von Byblos zu Ägypten. 22
Da Grab I und II durch einen Gang verbunden sind (Abb. 16) und einige der Fundstücke
16 REHM 2004, S. 7.
17 JIDEJIAN 1971, S. 27.
18 PARROT / CHÉHAB / MOSCATI 1977, S. 42.
19 Ebd., S. 39-41.
20 JIDEJIAN 1971, S. 27.
21 PARROT / CHÉHAB / MOSCATI 1977, S. 39.
22 JIDEJIAN 1971, S. 27.
4
typologisch recht ähnlich sind, wie das genannte Sichelschwert und darüber hinaus ebenfalls eine silberne „Teekanne“ (Abb. 17) sowie bronzene Dreizacke (Abb. 18), wird davon ausgegangen, daß diese zeitlich näher beieinanderliegen und es sich des Weiteren um die Gräber von Vater und Sohn handelt. Schlußfolgernd könnte der Verstorbene aus dem bereits aufgeführten Grab I möglicherweise Abishemu sein, der als Ibshemuabis Vater bekannt ist. 23 I.3.1. c) Grab III
In Grab III (Abb. 19) fanden sich weder Inschriften von Pharaonen, noch ein Steinsarkophag. Der Boden der Kammer war im Gegensatz zu dem der anderen gepflastert. Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal der Grabkammer - sofern man sich auf die nach anthropologischen Gesichtspunkten eher unbefriedigend ausgearbeiteten Unterlagen verlässt - ist das Vorhandensein von Überresten zweier Skelette anstatt einem. 24 Zu den Beigaben zählt auch hier ein falkenförmiges Goldblechpektoral, dessen Ausläufer als Horusköpfe gestaltet sind (Abb. 20). Ebenfalls konnte ein Sichelschwert (Abb. 21) geborgen werden. Es handelt sich also abermals um Gegenstände, die Parallelen zu Grab I und II aufweisen, was eine annähernd ähnliche Datierung implizieren dürfte. Funde zur Feindatierung sind in Grab III allerdings nicht vorhanden. 25
Zur Klärung der Identität des Toten aus Grab III gilt es vorerst erneut, genauer auf das daneben befindliche Grab einzugehen: I.3.1. d) Grab IV
In Grab IV (Abb. 22) war parallel zum Eingang ein Steinsarkophag (Abb. 23) aufgestellt, in dem sich offenbar eine Einzelbestattung befand. Er besaß keinen steinernen Deckel, es fanden sich aber Holzreste, die zu einer Abdeckung gehört haben könnten. Beigaben waren in dem ohnehin als geplündert geltenden Grab spärlich. Jedoch tauchte auf einem Siegel der Name "Yantin" auf, der offenbar Yantinammu, einem aus Texten bekannten Prinzen von Byblos entspricht, der etwa in der zweiten Hälfte des 18. Jhd. v. Chr. lebte. Ansonsten ist über ihn leider kaum etwas bekannt. Von der Theorie ausgehend, daß es sich in Grab IV um ebendiesen Prinzen handeln könnte, wurde weiterhin die Hypothese aufgestellt, daß der Verstorbene aus Grab III dessen Vater Yakin-El sei. Allerdings bleibt diese These im
23 REHM 2004, S. 7 f.
24 Ebd., S. 8.
25 Ebd.
5
Rahmen der Spekulation und ist nicht nachweisbar. 26
I.3.2 Die Gräberguppe II (Grab V -IX)
Bedauerlicherweise sind die Gräber VI bis IX bei Montet nur sehr schwach publiziert, insbesondere was Fundumstände und Details betrifft. Des Weiteren wurden offenbar alle Gräber dieser Gruppe geplündert. 27 Aus diesem Grund kann lediglich Grab V exemplarisch aufgeführt werden: I.3.2 a) Grab V
Im oberen Teil des Füllschutts des zu Grab V führenden Schachts fanden sich zahlreiche Fragmente von Importkeramik der Spätbronzezeit II (ca. 1400-1200 v. Chr.), darunter zyprische Ware vom Typ White Slip II Ware (Abb. 24, oben), sowie mykenische Ware (Abb. 24 unten). Des Weiteren wurde auf dem Schachtboden eine Alabastervase mit dem Pharaonennamen Ramses II. geborgen (Abb. 25), der zwischen 1279-1213 v. Chr. regierte. 28 Jedoch kam innerhalb des Schachts ebenfalls Keramik der ersten Hälfte des 1. Jahrtausends v. Chr (Abb. 26), also bereits eisenzeitliche, zutage. 29 Nach Entfernen des Schutts wurde an der Südwand in ca. 3 m Tiefe eine kurze phönizische Inschrift sichtbar (Abb. 27, links), die lange Zeit als Warnung an Eindringlinge vor drohendem Unheil mit dem Wortlaut "Vorsicht! Hier unten lauert dein Verderben!" übersetzt wurde. 30
In der Ost- und der Westwand waren Nischen angebracht (Abb. 27, rechts und Abb. 28), in denen sich Spuren von Holzbalken abzeichneten. Für deren Funktion existieren mehrere Vorschläge, darunter eine Vorrichtung zur Abdeckung der Gruft, eine zum Herablassen von Sarkophagen oder auch eine eingezogene Treppe. 31
Durch das Vorhandensein dieser Holzkonstruktion, sowie im übrigen auch durch den nierenförmigen anstatt etwa quadratischen Grundriss der Kammer (Abb. 29) unterscheidet sich das Grab also deutlich von allen anderen.
Einen nächsten Anhaltspunkt zur Datierung liefert ein weiteres Alabasterfragment mit dem
26 REHM 2004, S. 8.
27 Ebd.
28 Ebd., S. 22.
29 Ebd.
30 JIDEJIAN 1971, S. 30.
31 REHM 2004, S. 19.
6
Namen Ramses II. (Abb. 30), das in der Kammer selbst entdeckt wurde. 32 Diese enthielt insgesamt drei Sarkophage, alle mit gleicher Ausrichtung (Abb. 29): zwei davon weisen keine Verzierungen auf, der kleinere trägt jeweils einen seitlichen Zapfen (Abb. 31, oben und Abb. 32), der größere jeweils zwei (Abb. 31, unten). 33 Die Form dieser beiden unverzierten Sarkophage unterscheidet sich zwar aufgrund der Deckelwölbung und der seitlichen Zapfen klar von demjenigen aus Grab I der ersten Gräbergruppe (Abb. 5). 34 Eine Datierung dieser Sarkophag-Formen, wie sie durchaus vorgenommen wurde, 35 soll hier jedoch nicht stattfinden, da solch schlichte Formen sicherlich auch über längere Zeit bestanden haben könnten.
Der dritte Sarkophag, der sogenannte „Ahiram-Sarkophag“, heute im Nationalmuseum Beirut, dessen Inschrift den Namen ebendieses Königs nennt, hebt sich insbesondere durch das Vorhandensein von Verzierungen von allen anderen der Stätte ab (Abb. 35). Was seine zeitliche Einordnung betrifft, ist diese äußerst umstritten. Von philologischen Untersuchungen seiner Inschriften her siedelt sie sich eher im 10. Jhd. v. Chr., also bereits in der Eisenzeit an. Hierzu würden auch die aufgeführten eisenzeitlichen Keramikfunde passen. Diejenigen der Spätbronzezeit müßten in diesem Fall aber aus älteren Schuttschichten stammen, was in Byblos aufgrund massiver Störungen der Stratigraphie durchaus möglich wäre. 36
Dennoch wird der Ahiram-Sarkophag anhand kunsthistorischer Gesichtspunkte tendentiell ins 13. Jhd. v. Chr., also einhergehend mit den gefundenen spätbronzezeitlichen Gefäßformen datiert. 37 Was die eisenzeitlichen Funde im Schacht betrifft, müßten diese wiederum nachträglich in den Schacht geraten sein, zum Beispiel bei der Plünderung. 38 Einen Lösungsvorschlag für dieses Dilemma liefert nun die philologische Untersuchung Reinhard Lehmanns. Einerseits erfolgte durch ihn eine Neuübersetzung der Schachtinschrift, die diese nicht mehr als Warnung, sondern im Sinne einer Aufforderung sieht, sich niederzuwerfen: "In Bezug auf Erkenntnis: hier nun demütige dich jetzt in diesem Untergeschoss!". 39 Diese Übersetzung impliziert gewissermaßen die Ausübung eines Rituals innerhalb des Grabraums, würde also diejenige Deutung der Holzkonstruktion im Schacht als Treppenhaus zur Gewährleistung der Begehbarkeit
32 REHM 2004, S. 22.
33 Ein vergleichbares Exemplar befand sich darüberhinaus in Grab VII (Abb. 33 und 34).
34 REHM 2004, S. 19
35 Ebd., S. 22.
36 JIDEJIAN 1971, S. 32 f.
37 REHM 2004, S. 22.
38 Ebd.
39 LEHMANN 2005, S. 50.
7
wahrscheinlich machen. 40 Aus typologischer Sicht datiert die Schachtinschrift wohl ins 11. vorchristliche Jahrhundert. 41
Die Inschrift des Ahiram-Sarkophags hingegen scheint im Vergleich ein wenig jünger und eher dem 10. Jhd. zuzuordnen zu sein. Außerdem wurde festgestellt, daß diese über eine Bruchkante hinweg verläuft, also offenbar im Nachhinein angebracht wurde (Abb. 36). 42 So könnte - wie Lehmann vorschlägt - eine Sekundärbelegung des Sarges eines vorherigen Herrschers aus Byblos stattgefunden haben, um die Herrschaft eines möglichen Usurpators zu legitimieren. 43
I.4 Abschließender Datierungsversuch der Königsgräber von Byblos
Bei Betrachtung der Gräbergruppe I ergibt sich also besonders aufgrund der vorhandenen Herrschernamen eine Datierung in das 19. und 18. vorchristliche Jahrhundert in die Übergangszeit von Mittlerer Bronzezeit I und II.
Eine genaue Datierung der zweiten Gruppe ist wie erläutert sehr kompliziert. Zwar wird oftmals angenommen, daß die Anlage bereits im 17. Jhd. (MBZ II), also unmittelbar auf Gruppe I folgend entstand. 44 Allerdings finden sich handfestere zeitliche Anhaltspunkte erst für das spätbronzezeitliche 13. Jhd. v. Chr. (SBZ II), einerseits in Form der stilistischen Ausprägung des Ahiram-Sarkophags, andererseits unterstützend hierzu in Form von Gefäßen, wobei letzteres anhand möglicher stratigraphischer Störungen ebenfalls mit Vorsicht betrachtet werden sollte. Eine chronologische Einordnung der Gräbergruppe II kann also nur lückenhaft mit Hilfe des vergleichsweise gut dokumentierten Grabes V stattfinden.
Was dessen Datierung betrifft, dürften die Thesen Reinhard Lehmanns - auch wenn man den Ergebnissen ohne eingehende Kenntnisse der phönizischen Sprache recht hilflos gegenübersteht - einige der bisherigen Streitfragen klären. Es gab offenbar eine spätere Nutzung der Gruft. Allerdings sollte angemerkt werden, daß diese zugunsten von Datierungsfragen aufgeführt wurde, jedoch nicht uneingeschränkt - da eine sichere zeitliche Einordnung erst für die Eisenzeit vorliegt - in den Vergleich der hier relevanten, bronzezeitlichen Bestattungssitten einfließen kann.
Schlussendlich werfen aber auch die Beobachtungen zur weiteren Nutzung der Gruft
40 LEHMANN 2005, S. 42.
41 Ebd., S. 47.
42 Ebd., S. 8.
43 Ebd., S. 26.
44 REHM 2004, S. 9.
8
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Anna Gosslar, 2010, Die Königsgräber von Byblos und Qatna im Vergleich, München, GRIN Verlag GmbH
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