Inhaltsverzeichnis
1. Themenstellung 3
2. Theoretischer Hintergrund
2.1 Zur Erläuterung des Minderheitenbegriffs 5
2.1.1 biologische Definitionen (merkmalsbedingter Begriffe) 5
2.1.2 ethnologisch/ideologische Definitionen 6
2.2 Einflussnahme im sozialen Kontext 7
2.2.1 Konformität vs. Konfliktauslösung 7
2.2.2 Dissensus statt Konsensus 8
2.2.3 Innovative Funktion von Minderheiten bei Moscovici 9
3. Chronologie eines Zivilaufstands
3.1 Kurze Geschichte der afroamerikanischen Bevölkerung
in den USA 10
3.2 Rahmenbedingungen der rassistischen Diskriminierung 13
3.3 Martin Luther King Jr., die Entstehung und Entwicklung einer
b ürgerlichen Rebellion 15
4. Sozialpsychologische Konklusionen: Soziale Einflussnahme und
allgemeine Folgen des Widerstandes 19
5. Literaturverzeichnis 22
2
Abstract
In the whole history of civilization it is easy to recognize that the conflict between different groups within a defined social organization always marked and changed decisively (peacefully or in a violent way) its interactional conditions. The really important and interesting point here is the question about the development of individual identity and social identification. Both factors determine the structural featuring of social actors, which is fundamental for the establishment of subjective roles, in this specific case acting in accord to the majority or in accord to some minority. This paper is focused to explain the mechanisms and processes of social influence in the relational context between majority and minorities. By means of the analysis of Martin Luther King Jr´s civil-rights movement in the US, I also aim to describe the phenomenon of progressive social change through the action of minorities.
1. Themenstellung
In der gegenwärtigen sozialpolitischen Szene, sei es in der Diskussion über den Irakkrieg, in den konstanten Auseinandersetzungen auf dem Balkan, in der Debatte über die Kurdenpolitik in der Türkei oder in den aktuellen weltweiten Protesten gegen die Menschenrechtsverletzungen in Tibet, kommt immer wieder der Begriff „Minderheit“ zur Sprache. In jeder Form selbstdefinierter bzw. formell abgegrenzter, sozialer Organisationen entstehen subjektive Ansprüche und Kriterien, die dem Zugehörigkeitsgefühl und der kollektiven Loyalität dienen. Hierbei ist von großer Bedeutung zu erwähnen, dass genau dieser Prozess für die Bildung von Identität und vor allem für die Stabilität einer sozialen Struktur eine entscheidende Rolle spielt. Individueller Gehorsam und kollektive Identifizierung sind Vorbedingungen für den Bestand einer sozialen Gruppe. Immer wenn sozial einheitliche Gruppen im Laufe der Geschichte aufeinander trafen z.B. als Folge einer Eroberung, Kolonisierung, massiver Migration oder einfach aus reinem Zufall, kam es zu intensiven Machtkämpfen (meistens von gewalttätigem Charakter), in denen am Ende die besiegte, beherrschte Gruppe in die Kategorie der Minderheit verschoben wurde, während die überlegene Gruppe sich zwangsläufig - als nicht unbedingt zahlenmäßige aber zumindest ideologische Mehrheit - durchsetze und rechtfertigte. Etablierte Machtverhältnisse führten dann zu einer sozialen Ordnungsstruktur, deren Stabilität immer nur relativ und bedingt war. Minderheiten spielten in diesem Rahmen eine entscheidende Rolle, denn sie bestimmten mit ihrem Handeln, bzw. mit ihrer passiven Zurückhaltung oder mit ihren „Ideen der Résistance“
3
(Sloterdijk, 1983) und Rebellionsbewegungen den Kurs der gesellschaftlichen und politischen Entwicklung. 1
Im heutigen gesellschaftlichen Kontext besteht noch die Frage über die Möglichkeit, ob Minderheiten auf die mehrheitliche Gesellschaft Einfluss ausüben können. In welchem Ausmaß das tatsächlich möglich ist und ob die Einflussnahme unter bestimmten Voraussetzungen erfolgreicher und effizienter wird, kann bis heute nicht endgültig beantwortet werden. Die Diskussion breitet sich von der Psychologie bis in die Politik aus und umfasst verschiedene Perspektiven und Sichtweisen, die aber alle in direkter oder indirekter Weise auf die Prämissen des demokratischen Systems hindeuten: 2 „Da kein Mensch natürliche Herrschaft über einen anderen besitz und weil Stärke kein Recht schafft, bleiben also die Übereinkünfte als Grundlage aller rechtmäßigen Autorität zwischen den Menschen“. (Rousseau, 1762)
Im folgenden Beitrag werde ich anhand einer zusammenfassenden Chronologie des in den fünfziger und sechziger Jahren ausgebrochenen Zivilaufstands der schwarzen Bevölkerung in den USA eine sozialpsychologische Analyse des - meines Erachtens nach - überzeugendsten, auswirkungsreichsten und letztendlich erfolgreichsten Fall von Minderheiteneinflüssen im letzten Jahrhundert durchführen. Dieser Ansatz hat auch die Absicht zu zeigen, in welcher Form Minderheiten beim dynamischen Prozess sozialen Wandels beteiligt sind, das heißt in wieweit sie durch ihre Haltung zur De-strukturierung und wiederum zur Re-strukturieung der sozialen Ordnung leisten.
2. Theoretischer Hintergrund
Um das Phänomen des sozialen Einflusses von Minderheiten so präzise wie möglich zu beschreiben und analysieren zu können, ist es erforderlich, in einem ersten Schritt das Konzept von Minderheit sowie deren theoretischer Implikationen zu definieren. Abgeleitete Begriffe und theoriebedingte Konstrukte, die für unseren Zweck auch hilfreich sind, müssen dann in diesem Bezug ebenfalls erklärt werden.
1 Im Sinne solcher politisch-symbolischer Dynamik ist hier das Beispiel eines im Laufe der Zivilisationsgeschichte andauernd unterdrückten und als Minderheit betrachteten Volkes mustergültig, nämlich das jüdische Volk. Es gilt bis heute als das mächtigste Muster des Widerstands gegen Übermächte in unserer Zivilisation. (vgl. Sloterdijk, 1983, S. 425 f.)
2 Die Entwicklung von völkerrechtlichen Mechanismen für den Minderheitenschutz hat eine lange Tradition. Vor der Durchsetzung des demokratischen Rechtstaates gab es schon zahlreiche Schutzverträge, die als Vorläufer der Menschenrechtsschutzsytems gelten, wie etwa der Augsburger Religionsfrieden vom 1555. (vgl. Pircher, 1979, S, 54 f.) Nach dem ersten Weltkrieg gestaltete der Völkerbund Alternativen internationalen Charakters, die den Minderheitenschutz verbessern sollten. Erst nach dem zweiten Weltkrieg wurde ein definiertes Schutzsystem von Minderheiten im formellen internationalen Rahmen (UNO)beschafft und etabliert. (vgl. Bils, 1995, S. 8 f.)
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2.1 Zur Erläuterung des Minderheitenbegriffs
Der Terminus „Minderheit“ wird im alltäglichen Vokabular sehr häufig verwendet und weist auf verschiedene Attributionen und Semantiken auf. Es gibt keine absolute endgültige Minderheitendefinition und aus diesem Grund soll in den Sozialwissenschaften zwischen Verwendungsweisen des Begriffes unterschieden werden.
Die von der Sozialpsychologie am häufigsten verwendeten Definitionen sind drei: 1)Minoritäten werden einerseits rein numerisch betrachtet als unterlegene kleine Gruppen im Vergleich zur Majorität, 2)andererseits als Subgruppen definiert, die von der Mehrheit als minderwertig gesehen werden. 3)Eine dritte Begriffsdefinition umfasst Kategorien, die sich auf sozialen Einflussprozessen zwischen Gruppen beziehen. Hierbei entsprechen Minoritäten Gruppen, die gegenüber der Majorität deviante Einstellungen vertreten. (vgl. Erb, Bohner, 2002, 2006) Die zuletzt genannte Gebrauchsausprägung ist die relevante und am wichtigsten für diesen Beitrag, wobei auch andere Aufteilungsmuster und Kategorisierungen des Minderheitenkonzeptes berücksichtigt werden müssen um sich gerade einen besseren Überblick über das Thema zu verschaffen. Alle formellen Definitionen können im Allgemeinen und aus praktischen Gründen in den zwei folgenden Oberbegriffen unterteilt werden.
2.1.1 Biologische Definitionen (merkmalsbedingter Begriff) Innerhalb einer heterogenen sozialen Einheit spielen physische, biologisch bedingte Charakteristiken der sozialen Akteure in vieler Hinsicht eine bestimmende subjektive Rolle für die Gruppenbildung. Physische, angeborene Merkmale wie Hautfarbe, Gesichtszüge oder Körperkonstitution können als Affinitätskriterien beim Bildungsprozess der Gruppenidentität eintreten. Das physische Aussehen bildet in diesem Rahmen einen referenziellen Charakter im kognitiven Vorgang, welcher bei Assoziationsstrukturen maßgebend ist. Der Begriff „Rasse“ wird hier von den Naturwissenschaften angewandt um die Menschen nach ihren physischen Merkmalen zu klassifizieren. Abgeleitet davon wird dann eine gesellschaftliche Minderheit als eine Anzahl von Personen bzw. Individuen innerhalb der Gesamtgruppe bezeichnet, die ein oder mehrere besondere, abweichende physische Merkmale im Vergleich zur Mehrheit aufweist und die diese Besonderheiten schützen möchte. (vgl. Kneer, 1997). Eine solche Betrachtung von Minderheiten ist eng mit der symbolischen Gesinnung verknüpft, die eine bestimmte Gruppe als biologisch ungebrochene und genetisch verwandte Kontinuität darstellt und auf die oft spezifische Besonderheiten der Gruppe zurückgeführt werden. (vgl. Volkan, 1997, S. 31)
5
Viele von den Sozialwissenschaften behandelte Phänomene deuten genau auf solche gesellschaftliche Verhältnisse hin und somit sind Minderheitendefinitionen, die sich nach diesen Kriterien orientieren, für die Gesellschaftsanalyse sehr hilfreich.
2.1.2 Ethnologisch/ideologische Definitionen
Eine andere zu unterscheidenden Bezeichnung von Minderheiten bezieht sich nicht auf vorgegebene, physische Eigenschaften der Individuen, sondern auf ideenkräftige Überzeugungen von Gruppengemeinsamkeiten, die die Gruppenbildung prägen. Das Konzept von Ethnizität gewinnt hierdurch eine große Bedeutung, sofern es als ein für den Identitätsbildungsprozess wesentlichen Konstrukt von Semantiken verstanden wird. Gruppenbildung und Gruppenerhaltung erfolgen unter der Bedingung kommunikativer Reproduktion semantischer und symbolischer Elemente, die als „erfundene gemeinsame Wirklichkeit“ bezeichnet werden können. Eine ethnische Gemeinschaft kann sich nur über Generationen hinweg durchsetzen wenn der konstante Glaube an primordiale konstitutiven Faktoren vorhanden ist. Die intersubjektiven Gemeinsamkeiten werden folglich von diesen fiktiven bzw. imaginären gruppalen Faktoren vorausgesetzt, die man im Sinne von Georg Elwert als geschichtliches Konstrukt oder „Erfindung der Ethnie“ beschreiben kann. (Elwert, 1989, S. 447) Diese spezifische Elemente, die die Idee der Ethnie ausmachen, sind: der Glaube an eine gemeinsame Geschichte sowie an einen Ursprungsort, eine gemeinsame Abstammung, das Gefühl historischer Kontinuität, Sprache und religiöse Praktiken. (De Vos, 1995) Auf der Basis dieser sozialen Strukturen werden Minderheiten sehr häufig als ethnische Gruppen begriffen, die über eine gemeinsame Reihe von Traditionen verfügen, die nicht von Anderen, mit denen sie in Kontakt stehen, geteilt werden. (ebd, 1995) Alle Minderheitenbegriffe, die diese Konnotationen verwenden, stehen im direkten Verhältnis mit der Behauptung, dass gruppale bzw. ethnische Identitäten ein Produkt ideologischer, selbst erzeugter Gesinnungen sind. 3 Sie relativieren das Ethnizitätskonzept, indem sie Ethnizität als eine Art zu denken und nicht als eine Kategorie der Natur bezeichnen. (Stein, 1990) Mit Hilfe der zwei definitorischen Oberbegriffe (dem biologischen und dem ethnologischen) kommt man zu einer zusammenfassenden Betrachtung von Minderheit, die alle Definitionen vereinbart und das Konzept detaillierter behandelt.
Der konstruktivistische Minderheitenbegriff versteht Minderheit als soziale Einheit, die sozial erzeugt, hervorgebracht und konstruiert wird, die auch diskriminiert, benachteiligt und
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Als Ergänzung zu dieser Bezeichnung wird in den Sozialwissenschaften das Argument hervorgebracht, dass die Minderheit nicht nur eine gedankliche Einheit darstellt, sondern dass sie prinzipiell durch soziale Prozesse erzeugt wird. Mit anderen Worten, heißt das, dass die Konstruktion der Minderheit in der sozialen Interaktion erfolgen wird. (Kneer, 1997)
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Arbeit zitieren:
Omar Castillo, 2008, Sozialer Wandel durch Minderheiten, München, GRIN Verlag GmbH
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