Juliane Dube
Grammatik I
WS 2010/2011 Abgabedatum: 11.01.2011
Sprachstandsfeststellung mithilfe der Profilanalyse von W. Grießhaber Mit dem Ziel, komplexe sprachliche Strukturen im Kontext einer Momentaufnahme zu messen und sprachlichen Defiziten bereits in jungen Jahren entgegenzutreten, bieten Sprachstandstests die Möglichkeit zur Evaluierung der altersadäquaten sprachlichen Entwicklung. Um diese Analyse durchzuführen, muss zunächst einmal evaluiert werden, welche Norm dem Test zugrunde gelegt werden soll. Ausgehend von den Untersuchungen durch Clahsen/Meisel/Pienemann (1983/1985), die u.a. an erwachsenen Deutschlernern (Vgl. ZISA 1983) die Reihenfolge des Erwerbs grammatischer Strukturen untersuchten, definiert Pienemann vier Erwerbsstufen, die jeder Zweitsprachenlerner des Deutschen durchlaufen muss. Hierbei zeigte sich, dass die sprachliche Kompetenz vor allem durch die Wortstellung in Abhängigkeit von der Stellung des finiten Verbteils definiert wird. 1 1985 überträgt Clahsen die Spracherwerbsstufen auf das Deutsche. Zusätzlich differenziert er die Anordnung und ergänzt weitere Stufen, zum Beispiel um die Fähigkeit, Nebensätze mit Verbendstellung, Fragesätze und negierte Äußerungen zu konstruieren.
In einem weiteren Schritt werden Erhebungs- und Auswertungsverfahren simplifiziert und in einem neuen Modell durch Grießhaber zusammengestellt (2002-2006). Für die Durchführung dieser Version erhalten die Kinder einen visuellen Impuls als Gesprächsanreiz. Um fehlerhafte Notationen zu vermeiden, werden die Äußerungen mit einem Tonband aufgezeichnet und anschließend durch die Lehrperson den entsprechenden Stufen zugeordnet. Hierzu werden die Äußerungen in minimale syntaktische Einheiten zerlegt und entsprechend bewertet. Die Profilstufe mit den meisten Nennungen liefert schlussendlich die Auskunft über die vorhandene Sprachkompetenz des Probanden.
1 Da die Untersuchungen zum Zweitsprachenerwerb bei Pienemann nur sehr kleine Kohorten umfassen, so z. B:
eine einjährige Beobachtung des Deutscherwerbs von drei achtjährigen italienischen Grundschülerinnen, müssen
die Ergebnisse einer festen Reihenfolge des Erwerbs von Satzstrukturen mit großer Vorsicht bewertet werden.
Juliane Dube
Grammatik I
WS 2010/2011 Abgabedatum: 11.01.2011
Erläuterung einzelner Stufen
1. Die erste Stufe beschreibt mit der Abfolge von Aktor, Aktion (Prädikat) und Objekt der Aktion eine typische Wortstellung in mitteleuropäischen Sprachen. 2. Äußerungen auf der zweiten Stufe umfassen die für das Deutsche charakteristische Trennung von finitem Verb und infiniten Verbteilen. Der Schüler ist somit in der Lage, eine Vielzahl differenzierter Aussagen zu treffen. Hierzu zählen Satzkonstruktionen, in denen Modalverben verwendet werden, das Beschreiben von Ereignissen im Perfekt unter der Zuhilfenahme des Hilfsverbs sowie die Verwendung von Verben mit abtrennbarer Vorsilbe. Bereits diese Stufe verlangt eine hohe Konzentration des Sprechers, da die gesamte Information in mehrere Wörter aufgeteilt werden muss. Lexikalische und morphologische Informationen werden demnach bis zur späteren Realisierung in einem Zwischenspeicher präsent gehalten. Dennoch haben Untersuchungen gezeigt, dass - obwohl die Sprecher Vergangenheitstempora bilden können - ihnen die Mittel zur Verknüpfung der einzelnen Sätze zu einer kohärenten Erzählung noch feh- len.
Juliane Dube
Grammatik I
WS 2010/2011 Abgabedatum: 11.01.2011
3. In der dritten Stufe verwendet der Sprecher Adverbiale als Satzbeginn und zeigt mit dem Vertauschen von Verb und Subjekt, dass er eine weitere Eigentümlichkeit des Deutschen beherrscht. Ebenso verfügt der Schüler über den Einsatz der häufig grammatisch bedingten Inversion von Subjekt und Finitum, bei der die kanonische Abfolge von Verb und Subjekt vertauscht wird. Doch auch auf dieser Stufe ist der Lernende noch nicht in der Lage, mit komplexen Syntaxstrukturen, wie sie bei subordinierten Konstruktionen erforderlich sind, umzugehen,
4. Satzkonstruktionen auf der vierten Stufe beinhalten schließlich Nebensätze mit Endstellung des finiten Verbs. Auch diese Wortstellungsregel mit der Variation des Finitums je nach Status des Satzes stellt eine deutsche Besonderheit dar. In der Erweiterung von Grießhaber 2006-2009 werden zwei weitere Stufen für Schüler in der Sekundarstufe entwickelt:
5. Schüleräußerungen auf der fünften Stufe beinhalten das typische Strukturmuster der Insertion eines Nebensatzes in ein Satzgefüge.
6. In der sechsten Stufe fügt der Sprecher erweiterte Partizipialattribute links vom Substantiv ein.
Grenzen und Chancen der Profilanalyse Grenzen
Als nachteilig für den Einsatz in der Schule erweist sich die hohe grammatische Kompetenz, die die Lehrperson zur Auswertung der Daten benötigt. Auch wenn die Beherrschung der deutschen Grammatik der Grundstein für die optimale Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationsgeschichte stellt, zeigt sich vermehrt ein defizitäres Wissen auf Seiten der Lehrkräfte. Demnach sollte die Profilanalyse nicht uneingeleitet und unreflektiert und somit ohne vorbereitende Workshops im Kollegium verwendet werden. Um dieser Problematik entgegenzuwirken, hat Grießhaber im Förderprojekt
Arbeit zitieren:
Juliane Dube, 2011, Sprachdiagnostik bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationsgeschichte, München, GRIN Verlag GmbH
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