ZUSAMMENFASSUNG
Der Autor dieser Arbeit war in verschiedene deutsch-indische IT-Projekte involviert, in denen er immer wieder Kommunikationsprobleme feststellte, die nicht nur auf einer unterschiedlichen Sprache gründeten, sondern vor allem auf unterschiedlichen Interpretationen gleicher Sachverhalte. Diese Arbeit soll einen Teil dazu beitragen, die Kommunikation zwischen beiden Kulturen zu verbessern.
Hintergrund und Fragestellungen
Vor dem Hintergrund stark wachsender deutsch-indischer Wirtschaftsbeziehungen hat das Thema rund um die Kommunikation dieser beiden Kulturen stark an Bedeutung zugenommen. Viele Forschungsarbeiten haben sich mit den kulturellen Unterschieden auseinandergesetzt, ihr akzeptieren und verstehen gelehrt, um Handlungsempfehlungen für ein besseres Miteinander geben zu können. Doch wie wirken sich diese Unterschiede in der konkreten Projektpraxis aus? Diese Arbeit fokussiert die Kommunikation zwischen Deutschen und Indern innerhalb von deutsch-indischen Projekten. Es wurde untersucht, wie verschiedene Medientypen eingesetzt werden, um unterschiedlich anspruchsvolle/gehaltvolle Wissenstypen zwischen deutschen und indischen Organisationen bzw. seinen Mitarbeitern während eines deutsch-indischen Projektes auszutauschen. Dabei wurde außerdem analysiert, inwiefern die Mediennutzung von bestimmten kulturellen Eigenschaften beeinflusst wird:
Eine prominente Theorie, welche die Mediennutzung in Abhängigkeit des zu transferierenden Wissens erklärt, ist die Media Richness Theorie - diese wurde im Rahmen dieser Arbeit auf ihre Anwendbarkeit auf die deutsche und indische Mediennutzung überprüft. Die unterschiedlichen Verhaltensweisen der Deutschen und Inder wurden analysiert, gegenübergestellt und in Handlungsempfehlungen für eine effiziente Kommunikation zwischen den internationalen Projektpartnern zusammengeführt.
Methoden
Um die oben angedeuteten Fragestellungen beantworten zu können, wurden die Daten von 77
deutschen und indischen Projektbeteiligten ausgewertet, die in einem Online-Fragebogen ermittelt wurden. Um die Wirkung der Wissenstypen auf die Mediennutzung zu überprüfen, wurden verschiedene Häufigkeits- und Regressionsanalysen durchgeführt. Die kulturellen Eigenschaften wurden ebenso mittels Häufigkeitsanalyen explorativ auf ihre Wirkung auf die Mediennutzung untersucht. Zur Bestimmung der Unterschiede zwischen Deutschen und Indern wurden die Häufigkeitsanalysen und Regressionsfunktionen miteinander verglichen. Des Weiteren wurden 16 Interviews mit Deutschen und Indern geführt, die in die selben Projekte involviert miteinander kommunizierten, um Rückschlüsse auf den Erfolg eines Projektes durch die Mediennutzung zu ziehen.
Ergebnisse
Hinsichtlich der Auswertungen der empirischen Untersuchungen ergab sich, dass die Deutschen für den Transfer von einfach verständlichem Wissen den Medientyp einsetzen, den die Inder für den Transfer von schwierig verständlichem Wissen nutzen. Auch in einer schwierigen Transfersituation setzen die Deutschen andere Medien ein als die Inder. Zusammengefasst heißt das, dass es nur wenig Übereinstimmung in der Mediennutzung der Deutschen und Inder gibt und somit noch sehr viel Optimierungsbedarf für eine „reibungslose“ deutsch-indische Kommunikation vorhanden ist. Die Anwendung der Media Richness Theory konnte bei den Indern, aber nicht bei den Deutschen nachgewiesen werden.
Hinsichtlich der erforschten kulturellen Unterschiede kann gesagt werden, dass sich Deutsche und Inder enorm unterscheiden. Die kulturellen Eigenschaften beeinflussen die Mediennutzung zwar nicht signifikant, liefern jedoch gute Erklärungsansätze, weshalb welche Medien genutzt werden. Die Interviews haben gezeigt, dass - unabhängig von den eingesetzten Medientypen - jede Art von Wissen effizient zwischen Deutschen und Indern vermittelt werden kann, wenn am Anfang gemeinsam eine Strategie für die Kommunikationsprozesse besprochen wird.
Diskussion
In der Diskussion wird darauf hingeführt, wie eine deutsch-indische Projektkommunikation verbessern werden könnte. Es wird gezeigt, welche Unterschiede es in der Mediennutzung gibt und inwiefern diese für eine Misskommunikation verantwortlich sind. Die Ergebnisse lassen vermuten, dass sich eine Kommunikation dann effizienter gestalten lässt, sobald Inder zu Projektbeginn und Deutsche während des Projektes häufiger Medien einsetzen, die eine direkte Kommunikation ermöglichen.
Nicht zuletzt aufgrund der Interviewergebnisse wird davon ausgegangen, dass eine bestimmte Vorgehensweise in der Projektkommunikation dazu beiträgt, Medien insofern effizienter einzusetzen, dass sie schneller zu einem Projekterfolg führen - diese Vorgehensweise wird in der Diskussion erläutert.
INHALTSANGABE
Zusammenfassung I
Inhaltsverzeichnis II
Abbildungsverzeichnis III
Tabellenverzeichnis IV
Abkürzungsverzeichnis V
E Einleitung 1
1. Einleitende Worte 1
2. Geltungsbereich 2
3. Anleitung, diese Arbeit zu lesen 6
T Theorie 7
1. Wissenstypen und Wissenstransfer 8
1.1. Wissenstypen 8
1.1.1. Explizites vs. implizites Wissen 8
1.1.2. Kanonisches vs. äquivokes Wissen 10
1.2. Wissenstransfer 13
1.2.1. Wissenstransfermechanismen 14
1.2.2. Barrieren 16
2. Mediennutzung 18
2.1. Media-Richness-Theory 19
3. Kulturelle Eigenschaften 21
3.1. Was ist Kultur? 21
3.2. Analyse und Operationalisierung kultureller Unterschiede 23
Machtdistanz zum Vorgesetzten 26
Individualität vs. Kollektivität 27
Polychromes vs. Monochromes Zeitverständnis 29
Hohe vs. Niedrige Kontextorientierung 30
Harmoniebedürftigkeit 31
Kommunikations-Empfangsgewohnheiten 32
3.3. Zusammenfassung: Kulturelle Unterschiede von deutscher und indischer Kultur 34
4. Zusammenfassung 35
Empirische Analyse von deutsch-indischen Kooperationsprojekten:
Z Zielstellung und Fragenstellungen bzw. Forschungsfragen 37
1. Zielstellung 37
2. Fragenstellungen 38
2.1. Welche Typen von Wissen werden in Projekten zwischen
Deutschland und Indien ausgetauscht? 38
2.2. Welche Medien werden in welchem Ausmaß verwendet? 39
2.3. Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Einsatz
verschiedener Medientypen und der Wissenscharakteristika? 40
2.4. Inwieweit wird die Mediennutzung von kulturellen
Eigenschaften (in dem Zusammenhang: Unterschiede) beeinflusst? 40
2.5. Wie werden Medien von Deutschen und Indern genutzt,
die jeweils im selben Projekt beteiligt miteinander/untereinander kommunizieren? 41
M Methode 42
0. Triangulation 43
1. Online-Fragebogen (FF1 bis FF4) 43
1.1. Untersuchungsplan 44
1.2. Operationalisierung der unabhängigen Variable Mediennutzung 45
1.3. Hypothesenableitung 47
1.4. Gestaltung des Fragebogens 48
1.5. Design und Untersuchungsgruppe 52
2. Persönliche Interviews (FF5) 53
2.1. Leitfaden 54
2.2. Durchführung 55
A Ergebnisse und Auswertungen 56
1. Onlinefragebogen 56
1.1. Forschungsfrage 1 (deskriptive Analysen) 56
1.1.1. Zusammenfassung 59
1.2. Forschungsfrage 2 (deskriptive Analysen) 59
1.2.1. Projektstart 60
1.2.2. Während des Projektes 62
1.2.3. Erwartungen 65
1.2.4. Privatleben 66
1.2.5. Zusammenfassung 67
1.3. Forschungsfrage 3 (Hypothesenanalyse) 69
1.3.1. Häufigkeitsdarstellungen 69
1.3.2. Hypothesenauswertung 71
1.3.3. Auswertung und Vergleich 78
1.3.4. Grafische Darstellungen 81
1.3.5. Zusammenfassung 82
1.4. Forschungsfrage 4 (explorative Datenanalyse) 83
1.4.1. Zusammenfassung 91
1.4.2. Kulturelle Eigenschaften der Deutschen und Inder 92
2. Forschungsfrage 5 (Interviews) 93
2.1. Zusammenfassung 101
D Diskussion 102
1. Zusammenführung und Interpretation der Ergebnisse 102
1.1. Projektkommunikation zwischen Deutschen und Indern 104
1.2. Medieneinsatz bei verschiedenen Wissenstypen 105
1.3. Kulturelle Unterschiede von Indern und Deutschen 107
2. Schlussfolgerung - Interkulturelle Anwendbarkeit der Media-Richness-Theory 108
3. Handlungsableitungen zur Kommunikationsverbesserung 109
4. Offene Fragestellungen 111
L Literaturverzeichnis 113
A Anhang 116
ABBILDUNGSVERZEICHNIS
Abbildung 1 Schritte zur Kooperation
Abbildung 2 Forschungsablauf und -prozess
Abbildung 3 Medien bzw. Transfermechanismen
Abbildung 4 Unterscheidung von Daten-Informationen-Wissen
Abbildung 5 Objektive und subjektive Wissensbestandteile
Abbildung 6 Wissenstransfermodel
Abbildung 7 Erklärung Wissenstransfermechanismen
Abbildung 8 Media Richness Model
Abbildung 9 Level der Entwicklungen des menschlichen mentalen Programms
Abbildung 10 Statements Inder
Abbildung 11 Statements Deutsche
Abbildung 12 Vier Seiten Model nach Schulz von Thun
Abbildung 13 Darstellung der zu untersuchenden Variabeln
Abbildung 14 zeitlicher Ablauf von Online-Erhebung und Interviews
Abbildung 15 Untersuchungsablauf der Online-Erhebung
Abbildung 16 Medienkategorien
Abbildung 17 Erfahrungen und Positionen der Befragten
Abbildung 18 Transferierte Wissenstypen in deutsch-indischen Projekten
Abbildung 19 Wissenstypen in den Projekten, gesamt
Abbildung 20 Wissenstypen in den Projekten, nach Deutschen und Indern
Abbildung 21 Mediennutzung zu Projektstart
Abbildung 22 Mediennutzung während des Projektes, gesamt
Abbildung 23 Mediennutzung während des Projektes, nach Deutschen und Indern
Abbildung 24 Mediennutzung nach Kategorien
Abbildung 25 Mediennutzung im Privatleben
Abbildung 26 Zusammenhänge Mediennutzung und Wissenscharakteristika
Abbildung 27 Verteilung der kulturellen Eigenschaften
Abbildung 28 effektive Gestaltung eines Wissenstransfers
TABELLENVERZEICHNIS
Tabelle 1 Medien in Indien und Deutschland - ein Überblick 15
Tabelle 2 Handlungsanweisungen bei mehrdeutigen bzw. unsicheren Aufgaben 20
Tabelle 3 Niedrige und hohe Kontextkulturen 31
Tabelle 4 Zusammenfassung kultureller Unterschiede 34
Tabelle 5 Herkunft der Probanden 52
Tabelle 6 Übersicht zu den Interviews 55
Tabelle 7 Mediennutzung zu Projektstart 60
Tabelle 8 Gegenüberstellung genutzter Medien und erwarteter Medien 66
Tabelle 9 Zusammenfassung Forschungsfrage 2 70
Tabelle 10 Zusammenhänge Einsatzhäufigkeiten der Medien und Wissenscharakteristika 78
Tabelle 11 Mediennutzungshäufigkeiten während des Projektes, nach Wissenstypen 81
Tabelle 12 Mediennutzungshäufigkeiten während des Projektes, nach kulturellen Eigenschaften 85
Tabelle 13 Zusammenfassung der Forschungsfrage 4 91
Tabelle 14 Fallstudie 1 94
Tabelle 15 Fallstudie 2 95
Tabelle 16 Fallstudie 3 96
Tabelle 17 Fallstudie 4 97
ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS
aV abhängige Variable e/k explizit/kanonisch i/ä implizit/äquivok s.g. so genannt u.g. unten genannt uV unabhängige Variable
AV abhängige Variable BO Beziehungs-Ohr (nach Schulz von Thun) FF Forschungsfrage/n GdI Grad der Implizitheit GdÄ Grad der Äquivokheit HHB hohe Harmoniebedürftigkeit (nach Saure/Tillmans/Thomas) HKO hohe Kontextorientierung (nach Hall/Hall) HMD hohe Machtdistanz zum Vorgesetzten (nach Hofstede) HR High-Richness-Medien = sehr-informationsreichhaltige Medien (nach MRT) IND Indivdividualität (nach Hofstede) KL klassische Medien KOL Kollektivität (nach Hofstede) LR Low-Richness-Medien = weniger-informationsreichhaltige Medien (nach MRT) M mittelbare Medien MR Middel-Richness-Medien = mittel-informationsreichhaltige Medien (nach MRT) MRT Media Richness Theory MZV monochromes Zeitverständis (nach Hall/Hall) N neue Medien NHB niedriges Harmoniebedürfnis (nach Saure/Tillmans/Thomas) NKO niedrige Kontextorientierung (nach Hall/Hall) NMD niedriges Machtdistanz zum Vorgesetzten (nach Hofstede) PZV polychromes Zeitverständnis (nach Hall/Hall) SO Sach-Ohr (nach Schulz von Thun) UM unmittelbare Medien UV unabhängige Variable
EINLEITUNG
1. Einleitende Worte
Wachstum gilt nach wie vor als wichtiger Treiber für Unternehmen und deren Erfolg - das gilt für indische wie auch für deutsche Unternehmen. So haben in den vergangenen Jahren unzählige deutsche und indische Organisationen vermehrt den Weg zueinander gesucht. Grund dafür sind nicht 1 (deutsches zuletzt auf der einen Seite ein indisches Wirtschaftswachstum von 7,07 Prozent 2 Wirtschaftswachstum 0,82 Prozent ), was Indien nach gängigen Prognosen zufolge innerhalb der
nächsten Jahre zur drittgrößten Wirtschaftsmacht anwachsen lässt, und auf der anderen Seite ein 3 von USD 44.460,- gegenüber dem indischen 4 von USD 2.762,-. Die deutsches Pro-Kopf-BIP
deutsch-indischen Aktivitäten werden auch in Zukunft trotz vieler Hürden, wie z.B. den kulturellen oder politischen Unterschieden, weiter exponentiell zunehmen - so ist es nicht verwunderlich, dass sich nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Wissenschaft explizit mit dem Thema des deutschindischen Projektmanagements auseinandersetzt.
Dabei gibt es viele empfehlenswerte Studien wie z.B. von Melanie Martinelli (2005) zum Thema „Managing cultural differences: A key to sucessful offshore collaborations“, die sich zwar richtigerweise auf kulturelle Unterschiede und die damit verbundenen Kommunikationsprobleme beziehen (die innerhalb deutsch-indischer Projekte auftreten), es aber bisher verpassen - und das nicht zuletzt aufgrund der fehlenden Praxis - einzelne dem Projektmanagement zugehörige Teilbereiche in konkreten Situationen zu analysieren. Dadurch war es bisher selten möglich, die deutschen Verhaltensweisen denen der indischen gegenüberzustellen, um zu zeigen, wie sich kulturelle Unterschiede explizit auswirken.
Einer der erwähnten Teilbereiche ist das Kommunikationsmanagement, für das sich in internationalen Projekten notwendigerweise neue Anforderungen ergeben. Wenn Wissen kommuniziert werden soll, passiert eine „Übermittlung von Wissen an weitere Personen oder Organisationen“ (Flick 2004, 45) lautet eine simple Definition von Wissenstransfer - leider ist es nicht immer so einfach. „Even with the best partner firm, the best people and the highest standards of quality measurement, international projects can still suffer because of poor communication“ (Kobayashi-Hillary 2004, 219). So ist das Verstehen von Information von vielen Faktoren abhängig: von der Art der Information und davon, ob sie beispielsweise gelesen, gehört oder gesehen und gehört wird; das wissen wir. Wie ist es aber, wenn Informationen zwischen verschiedenen
1 Durchschnittliches Wachstum in den Jahren 2001-2010; Quelle: Germany Trade and Invest, Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing mbH, 2010
2 Durchschnittliches Wachstum in den Jahren 2001-2010; Quelle: Statistisches Bundesamt Wiesbaden ,2010 3 Quelle: World Economic Outlook Database, April 2009 4 Quelle: World Economic Outlook Database, April 2009
1
kulturellen Bezugsrahmen ausgetauscht werden?
Diese Arbeit fokussiert die Kommunikation zwischen den beiden Kulturen und befasst sich damit, wie verschiedene Medientypen eingesetzt werden, um unterschiedlich anspruchsvolle/gehaltvolle Wissenstypen zwischen deutschen und indischen Organisationen bzw. seinen Mitarbeitern während eines Projektes auszutauschen. Dazu werden unter anderem folgende Fragestellungen behandelt:
Die zentrale Aufgabe dieser Arbeit ist, basierend auf verschiedenen Wissenstypen (in verschiedenen Projektsituationen) die Mediennutzung der Inder und der Deutschen - also die Kommunikation zwischen den Beiden - zu analysieren und gegenüberzustellen sowie dabei die Einflüsse kulturell bedingter Eigenschaften zu untersuchen. Abschließend soll auf Handlungsempfehlungen eingegangen werden.
2. Geltungsbereich
Hinsichtlich des Kommunikationsmanagements kann nach Robinson/Kalkota (2004, 228ff) zwischen strategischer und operationaler Kommunikation unterschieden werden. Während die strategische insbesondere den Kontakt im Vorfeld meint, bezieht sich die operationale schwerpunktmäßig auf Aktivitäten während der Projektkommunikation (vgl. Amberg/Wiener 2006, 170). Diese Arbeit beschäftigt sich vordergründig mit der mit dem Management der operationalen Kommunikation (Abbildung 1), in dessen Zusammenhang vor allem die Auswahl geeigneter Kommunikationsmedien eine entscheidende Rolle spielt; denn diese wird primär von der Frage beeinflusst, welches Medium sich für welche Aufgabenstellung bzw. in welcher Situation am besten eignet.
Abbildung 1: Schritte zur Kooperation; nach Martinelli (2005, 5)
2
Der Fokus liegt dabei also auf den Kommunikationsmedien, die eingesetzt werden, um Wissen zwischen deutschen und indischen Organisationen während eines Projektes zu transferieren (=Wissenstransfermechanismen). Wenn aber von internationalen Projekten zwischen Deutschland und Indien gesprochen wird, kann damit ein sehr großes Feld gemeint sein. Die Kommunikation zwischen den beiden Nationen kann auf so vielfältige Weise passieren, dass auf den ersten Blick eine Eingrenzung auf bestimmte Branchen und Projekte Sinn macht. Ursprünglich war eine solche Eingrenzung für diese Studie auch angedacht (und zwar auf den Sektor der erneuerbaren Energien), konnte aber aufgrund fehlender Aussagebereitschaft und zu weniger Projekte, die sich hätten untersuchen lassen, nicht umgesetzt werden. Dieser Umstand erwies sich als glücklich, da in der Studie schlussendlich mehrere Branchen - unabhängig von der Art ihrer Projekte - bezüglich ihres unterschiedlichen Kommunikationsverhaltens (inkl. verschiedener zu transferierender Wissenstypen) untersucht werden konnten.
Die folgende Abstraktion (Abbildung 2) soll helfen, die Arbeit in ihrer Vorgehensweise besser einzuordnen und verstehen zu können: Im Vordergrund stand auf der deutschen wie auf der indischen Seite eine Analyse der projektbezogenen Mediennutzung für die Kommunikation zum jeweiligen internationalen Projektpartner. Dabei wurde die Nutzung der Medien in vier verschiedenen Situationen („Bestimmte Situation X“) - nämlich beim Transfer von vier verschiedenen Wissenstypen - untersucht; wobei jeweils analysiert wurde, welche Arten von Medien wie häufig eingesetzt wurden. So konnte die deutsche der indischen Mediennutzung gegenübergestellt und verglichen werden (MediennutzungsVerhalten). Zusätzlich wurde ebenfalls auf beiden Seiten - wieder jeweils in Abhängigkeit der vier verschiedenen Wissenstypen - die erwartete Mediennutzung des Gegenübers abgefragt, um evtl. Kommunikationsprobleme zu identifizieren (MediennutzungsErwartung).
Kontrollierend wurden signifikante kulturelle Unterschiede erörtert (sowie bei den Befragten auch tatsächlich festgestellt, d.h. erfragt) und bezüglich ihrer Wirkung auf die Mediennutzung (auf den Umgang mit Medien) überprüft.
Abbildung 2: Forschungsablauf und -prozess
3
Begriffliche Abgrenzungen:
(hier werden die Themen nur kurz angerissen, im Theorieteil folgen dann die ausführlichen Darstellungen)
♦ Deutsch-Indische Projekte
...sind für diese Arbeit als Projekte definiert, die von Indern und Deutschen gemeinsam in Arbeitsgruppen umgesetzt werden. Die Mitarbeiter sind dabei in Indien und in Deutschland tätig - so dass notwendiger weise Deutsche mit Indern über Landesgrenzen hinweg kommunizieren müssen. Für diese Arbeit wurden solche Projektgruppen analysiert, die in Deutschland, Österreich oder Schweiz durch deutschsprachige, und in Indien durch indische Mitarbeiter vertreten wurden - die so in die Projekte involviert waren, dass sie mehr oder weniger, regel- oder unregelmäßig, aber mindestens einmal mit dem internationalen Partner kommuniziert hatten. Da der Fokus dabei auf dem Kommunikationsverhalten lag, wurden unterschiedliche Arten von Projekten analysiert; wie z.B. Unternehmungen, in denen Arbeits- oder Geschäftsprozesse von deutschen Unternehmen nach Indien outgesourct wurden (z.B. IT-Outsourcing), aber auch solche Projekte, in denen deutsche Techniken in Indien installiert wurden (z.B. Aufbau einer Solaranlage, Produktionsanlage etc.). Eigenschaften wie Organisationsart (egal ob NGO, NPO etc), -größe, -ziel oder -motiv spielten dabei genauso wenig eine Rolle, wie die Branche, in denen die Projekte stattfanden.
♦ Wissen und Wissenstypen
Der Begriff Wissen ist schwer zu definieren; die Literatur bietet hier viele Ansätze, lässt jedoch eine allgemeine Definition offen - es ist also angebracht, unterschiedliche Definitionen für verschiedene Problemstellungen zu verwenden. Generell kann aber gesagt werden, dass Wissen immer objektive Informationen sind, die erst durch subjektive Interpretation wertvoll und damit zu nutzbarem Wissen gemacht werden (vgl. u.a. Kohler 2006, 179). Das heißt folglich auch, dass Informationen immer aus objektiven und interpretativen Bestandteilen bestehen, (vgl. Choo 1998, 31) die für jeweilige Nutzer verschiedene spezifische Bedeutungen haben können - und dass wiederum bedeutet, dass gleiche Informationen zu unterschiedlichem Wissen kreiert werden können.
Ein ähnliches Problem wirft die Klassifizierung von Wissenstypen auf, so dass es unzählige Ansätze gibt: man findet individuelles und organisationales, explizites und implizites oder äquivokes (uneindeutiges) und kanonisches (eindeutiges) Wissen. Da die beiden letzt genannten Klassifikationspaare in dieser Arbeit eine entscheidende Rolle spielen, werden sie an dieser Stelle kurz erklärt: Die wohl bekannteste Dichotomie im Bereich Wissensmanagement ist die Unterscheidung nach explizitem und implizitem Wissen, welche auf den Philosophen Michael Polanyi (1958) zurückgeht. Er stellte fest, „dass wir mehr wissen, als wir zu sagen haben“ (1985, 14) - die Unterscheidung nach Explizit und Implizit bezieht sich vor allem auf das Konzept, dass es einfach und schwer zugängliches bzw. zu transferierendes Wissen gibt (geringer bzw. hoher Komplexitätsgrad = explizit bzw. implizit). Eine weitere gute Möglichkeit - besonders hinsichtlich der erwähnten Wissensgenerierungsprobleme durch interpretative Bestandteile - Wissen zu klassifizieren, bietet die Unterscheidung nach äquivokem und kanonischem Wissen. Diese beiden Charakteristika können ebenfalls als Extrema einer Dimension verstanden und nach Dr. Alexander Gerybadze (vgl. 2004, 114) wie folgt definiert werden: Kanonisches Wissen liegt dann vor, wenn alle Gruppenmitglieder den gleichen Bezugsrahmen haben sowie Probleme, Arbeitsabläufe oder Projektergebnisse in gleicher Weise interpretieren.
4
Dagegen liegt äquivokes Wissen dann vor, wenn Gruppenmitglieder unterschiedliche Bezugsrahmen haben und somit Probleme, Arbeitsabläufe oder Projektergebnisse unterschiedlich interpretieren.
♦ Wissenstransfer
...ist der bedeutendste Teil des Wissensmanagementprozesses, der im Optimalfall den Prozess beschreibt, wie Wissen effektiv und verlustfrei von A nach B kommt. Dabei geht es um die zielgerichtete Wiederverwendung des Wissens eines Transferpartners durch einen anderen Transferpartner. Das transferierte Wissen kann dabei als Grundlage für die Generierung von neuem Wissen dienen, aber auch unverändert oder angepasst wieder verwendet werden kann. Zentrale Kernprobleme sind dabei neben der Logistik vor allem das „wirkliche“ Verstehen der Informationen (die „Eins-zu-Eins-Übersetzung“), was für eine korrekte Wiederverwendung des Wissens Voraussetzung ist. (vgl. Thiel 2002, 32ff).
Wurde früher Wissenstransfer weitestgehend als die Aufgabe einer Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Wirtschaft gesehen und heute in einem neueren Verständnis vielmehr als eine Beziehung zwischen diesen Beiden, soll er in dieser Arbeit ganz genau den Prozess umreißen/beschreiben, der passiert, wenn in Deutschland entstandenes Wissen in indische Organisationen transferiert wird (und vice versa).
♦ Mediennutzung
Um Wissen von A nach B zu transferieren benötigt man Medien - Medien, die von A wie B gleichermaßen genutzt werden. Der Begriff Medienkonsum definiert in dieser Arbeit also nicht einen bestimmten Konsum von Medienangeboten - wie er in der Kommunikationswissenschaft so oft genutzt wird - sondern beschreibt schlicht und einfach, welche Medien wie häufig von Indern und Deutschen in Projekten eingesetzt werden, um das projektspezifische bzw. -zugehörige Wissen zur jeweiligen Partnerseite zu übermitteln. Dabei wird auf folgende Medien (-typen) eingegangen:
5
♦ Kulturelle Unterschiede - Kulturdimensionen
“In every culture in the world such phenomena as authority, bureaucracy, creativity, good fellowship, verification and accountability are experienced in different ways. That we use the same words to describe them tends to make us unaware that our cultural biases and our accustomed conduct may not be appropriate or shared” (Trompenaars & Hampden-Turner 1997, 3). Da jede Kultur seine eigenen Verhaltensmuster - ob in Unternehmen oder im Privatleben - hat, spielen diese natürlich eine wesentliche Rolle für das Management internationaler Projekte. Die Probleme, die solch eine internationale Zusammenarbeit mit sich bringt, resultieren neben unterschiedlichen Managementauffassungen vor allem aus den generellen Mentalitätsunterschieden der beteiligten internationalen Projektpartner (vgl. Litke 2002, 384). Ein guter Weg, diese Unterschiede zu identifizieren, messbar und damit vergleichbar zu machen, geschieht beispielsweise über so genannte Kulturdimensionen (z.B. von Geert Hofstede, 1980 oder Edward Twitchell Hall und Mildred Reed Hall, 1989), oder über verhaltensbeschreibende Modelle (z.B. Schulz von Thun, 1981). In dieser Studie wurden die Konzepte verwendet, welche geeignet waren, Deutsche und Inder am signifikantesten zu unterscheiden - dabei wurde auf die folgenden sechs Eigenschaften eingegangen:
♦
der Machtdistanz zum Vorgesetzten
Dabei interessierten weniger die Vor- und Nachteile der verschiedenen Modelle hinsichtlich ihrer tatsächlichen Fähigkeit, Kultur vergleichen zu können. Es sollten lediglich die Möglichkeiten genutzt werden, mittels der Modelle signifikante Unterschiede zwischen Deutschen und Indern hervorzubringen, um Deutsche und Inder hinsichtlich ihrer Mediennutzung nicht nur vergleichen, sondern auch erklären zu können.
3. Anleitung, diese Arbeit zu lesen
Diese Arbeit ist in sechs Teile strukturiert.
In der eben gelesenen Einleitung (E) wurde der Rahmen dieser Forschungsarbeit vorgestellt. Die theoretische Basis für Arbeit wird im Kapitel Theorie (T) gelegt - dabei werden die drei theoretischen Themenkomplexe vorgestellt und es wird begründet, warum sich auf diese bezogen wird. Im Kapitel Zielstellung (Z) werden die theoretischen Grundlagen zusammengeführt und in fünf konkrete Forschungsfragen überführt, die im Kapitel Auswertung (A) explorativ, deskriptiv und analytisch beantwortet werden. Für die Auswertung werden die verschieden Methoden Interview und Online-Fragebogen genutzt, die im vierten Kapitel Methode (M) vorgestellt und erläutert werden. Mit dem Ziel dieser Arbeit Handlungsempfehlungen für eine verbesserte deutschindische Kommunikation zu erarbeiten, werden die Ergebnisse der empirischen Untersuchungen in einem letzten Kapitel Diskussion (S) zusammengeführt und kritisch diskutiert.
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THEORIE
So in etwa könnte eine Situation innerhalb eines deutsch-indischen Projektes aussehen. Um solche Missverständnisse verstehen und ihnen künftig aus dem Weg gehen zu können, muss man sich mit den komplexen Hintergründen solcher Situationen auseinandersetzen - jede Kultur weist durch verschieden Habitualisierungs- und Institutionalisierungsprozesse unterschiedliche Verhaltensweisen auf, so dass bezüglich beider Kulturen folgende Fragen auftauchen: Verfügen Sender sowie Empfänger über den gleichen Wissensstand (projektbezogen muss folgende Frage gestellt werden: „Welches Wissen wird transferiert?“) - Wie vermitteln sie Wissen? („Welche Medien werden zum Wissenstransfer eingesetzt?“) - Und wie verarbeiten sie Wissen („Gibt es bestimmte kulturelle Eigenschaften, die den Wissenstransfer besonders beeinflussen?“)?
Darauf soll in dieser Arbeit der Fokus gelegt werden - diese befasst sich sehr detailliert mit folgenden Themenbereichen: Wissenstransfer, Mediennutzung und Kultur. Somit wird in diesem Kapitel auf die Hintergründe folgender Themenkomplexe eingegangen - mit theoretischem wie auch praktischen Bezug:
Wissenstypen und Wissenstransfer ( Kap. T.1.)
Mediennutzung( Kap. T.2.)
5 eigene Darstellung
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1. Wissenstypen und Wissenstransfer
In der Literatur findet sich eine Vielzahl von Wissenstransfertheorien, die sowohl den Begriff Wissen unterschiedlich interpretieren, als auch allgemeine Methoden des Transfers differenziert betrachten. Wissen ist dabei aber immer ein Ergebnis, welches erst durch Informationen entsteht, die in einen Kontext eingebunden werden:
Abbildung 4: Unterscheidung von Daten-Informationen-Wissen; nach Ruhrmann (2007)
Generell lassen sich Ansätze von Wissenstransfer nach instrumentell-technischen und konstruktivistischen Denkweisen unterscheiden (vgl. Thiel 2002, 55) - beide entwickelten sich aus Theorien des organisatorischen Lernens (Wissen wird nur dann erfolgreich vermittelt, wenn es innerhalb von Organisationen zu den richtigen Organisationseinheiten und -mitgliedern transferiert wird; daher der wichtige Bezug zum organisatorischen Lernen!). Instrumentell-technische Ansätze sehen Wissen als eine Art Objekt, welches leicht zwischen Personen bzw. Gruppen transferiert werden kann. Diese Ansätze finden daher häufige Verwendung in systemorientierten Studien. Konstruktivistische Denkweisen dagegen betrachten Wissen als eine Art Produkt eines Entwicklungsprozesses, der stets kontextgebunden ist und finden deswegen eher in nutzerorientierten Studien Anwendung. In dieser Arbeit wird Wissen aus beiden Perspektiven betrachtet. Dabei soll allerdings der instrumentell-technischen größere Bedeutung zugeschrieben, da neben Verhaltensanalysen auch untersucht wird, wie unterschiedlich Medien eingesetzt werden, um das Objekt Wissen zu transferieren. Zwar wird dabei auch die interpretativen Bestandteile von Wissen eingegangen - also aus der konstruktivistischen Perspektive - aber auch nur insofern, als dass der Transfer dieses konstruierbaren Wissens analysiert wird.
1.1. Wissenstypen
1.1.1. Explizites vs. implizites Wissen
Für das Verständnis von Wissensmanagement und Problemen des Technologietransfers erährt das ursprünglich von Michael Polanyi 1966 eingeführte Konzept des impliziten und expliziten Wissens eine wesentliche Bedeutung - am besten beschrieben durch die vielzitierten Sätze:
8
Als explizit gelten Wissensinhalte (vgl. Kohler 2006, 40), wenn man bewusst über sie verfügt und sie gegebenenfalls auch sprachlich ausdrücken kann. Es ist eindeutig kodierbares und deswegen mittels Zeichen (Sprache oder Schrift) einfach kommunizierbares Wissen wie z.B. wissenschaftliches Wissen, was in Regeln systematisch aufgeschrieben wird. Demgegenüber zeichnen sich implizite Inhalte dadurch aus, dass sie nicht auf eine solche Weise verfügbar sind; sie sind schwer greifbar, noch in Speichermedien vorzeigbar - diese Art Wissen tritt in der Regel nur indirekt vermittelt durch seine Auswirkung auf und kann aufgrund seiner Komplexität nur schwieriger verstanden und damit auch nur sehr mühsam kommuniziert werden (z.B. das Erkennen von Gesichtern, ohne sich der Merkmale, welche für die Identifizierung ebendieser Gesichter konstitutiv sind, bewusst zu sein; oder Manager, die bestimmte Unternehmenssituationen sofort richtig analysieren, ohne explizit dafür alle Regeln angeben zu können). Zusammengefasst kann Polanyis Hypothese wie folgt gedeutet werden: „Dass das theoretische Wissen das praktische niemals einholen kann“.
Aufbauend darauf haben die amerikanischen Wissenschaftler U. Zander und B. Kogut (1993) Untersuchungen in multinationalen Unternehmen durchgeführt, in denen sie die Schnelligkeit des Transfers von Produktionsfähigkeiten und dessen Beziehung zur Imitation untersuchen. Sie kommen zu dem Schluss, dass der Grad des impliziten Wissens die kritische Variable für einen standortübergreifenden Wissenstransfer ist! Gemessen werden kann dieser Grad des impliziten Wissens durch folgende fünf Dimensionen:
Beschreibung der Dimensionen:
Kodifizierbarkeit beschreibt den Grad der Möglichkeit zur Kodierung von Wissen, unabhängig davon, ob ein individueller Anwender es versteht oder nicht. Lehrbarkeit hingegen führt das Ausmaß der Trainingsmöglichkeit von Fähigkeiten der individuellen Organisationsmitglieder an. Komplexität zeigt die diversen Variationen der Kombinationen verschiedener geforderter Kompetenzen, wobei der Komplexitätsgrad umso höher ist, je mehr Kompetenzen gefordert werden. Beobachtbarkeit beschreibt das Ausmaß der Imitierbarkeit von z.B. der Fertigstellung eines Produktes durch externe Konkurrenten und Systemabhängigkeit stellt dar, inwiefern eine Fähigkeit von den Erfahrungen geschulter Menschen abhängig ist (vgl. Zander/Kogut 1995, 79).
9
Explizites oder implizites Wissen können gewiss nicht per se als einfaches oder schweres Wissen klassifiziert werden. Allerdings kann der Wissenstransfer abhängig von den Wissenstypen, d.h. in Abhängigkeit des Grades der Implizitheit, unterschiedlich effizient gestaltet werden: der Wissenstransfer zwischen Standorten funktioniert demnach dann sehr gut, wenn Wissen leicht zu kodifizieren ist, leicht durch Unterrichtung vermittelt werden kann, einen geringen Komplexitätsgrad - und damit einen hohen expliziten Wissenscharakter - aufweist, in der Anwendung gut beobachtbar ist und relativ unabhängig vom jeweiligen System verstanden werden kann (vgl. Kohler 2006, 40).
1.1.2. Äquivokes vs. Kanonisches Wissen
Eine weitere Möglichkeit, Wissen zu klassifizieren, ist zu beurteilen, inwiefern das Wissen eindeutig (kanonisch) bzw. uneindeutig (äquivok) verstanden werden kann. Gerade hinsichtlich der Kommunikation zweier fremder Kulturen soll daher im folgenden Abschnitt detailliert auf die Unterscheidung zwischen objektiven Inhalten und subjektiven Beurteilungsmöglichkeiten von Wissen eingegangen werden:
In zwei Kulturen wie Deutschland und Indien gibt es verschiedene Wertvorstellungen, die zu unterschiedlichen Interpretationen von bestimmten Sachverhalten führen. Viele bestehende Wissenstransfermodelle berücksichtigen das bis zu einem bestimmten Grad, legen jedoch ihren Fokus auf die Unterscheidung nach Polanys Model (explizit/implizit) - mit der Unterstellung einer einfachen Vermittlung bei explizitem und einer schwierigeren bei implizitem Wissen. Dabei wurde bisher nur viel zu oft vernachlässigt, dass explizites Wissen, auch wenn es in aussagekräftiger Form vorliegt von eben zwei Kulturen unterschiedlich interpretiert werden kann (z.B. unterscheiden sich geschriebene Zahlenbeträge in Indien und Deutschland formal voneinander; westlich: 505,000 und indisch: 5,05,000). Auch werden oft für identische Sachverhalte häufig unterschiedliche Begriffe oder Darstellungen genutzt oder auch dieselben Begriffe oder Darstellungen für unterschiedliche Sachverhalte.
Wie zuvor gezeigt, setzt Wissenstransfer ein gemeinsames Verständnis voraus - dies führt zu der Annahme, dass neben der Unterscheidung von explizitem und implizitem Wissen ein stärkeres Augenmerk auf interpretative Wissensbestandteile gelegt werden sollte (vgl. Kohler 2006, 180). Dabei muss sich eben der Kommunikationsprozess - vor dem Hintergrund verschiedener Kulturen und Persönlichkeiten mit oftmals unterschiedlichen Wertesystemen - mit asymmetrischem Verstehen auseinandersetzen (vgl. Gerybadze 2004, 107).
10
Was offensichtlich explizit, eindeutig und unmissverständlich für den einen Transferpartner scheint, kann für die andere Seite sehr schwierig zu verstehen und aufzunehmen sein. Somit müssen also gerade hinsichtlich international operierender Organisationen (und ihrem Wissenstransfer) neben den beiden vorher aufgeführten Unterscheidungen (explizit/implizit) zwei weitere stark interdependente Aspekte berücksichtigt werden - nämlich eine Wissensdifferenzierung in kanonische und äquivoke Bestandteile.
Dabei können auch diese beiden Kriterien als zwei Extrema einer Dimension - der Grad der Äquivokheit - gelten, Wissen zu beschreiben:
Kanonisches Wissen liegt dabei dann vor, wenn alle Mitglieder einer Gruppe den gleichen Bezugsrahmen haben und Probleme, Arbeitsabläufe und Projektergebnisse in gleicher Art und Weise interpretieren (=starke interpretative Kohärenz). Dagegen ist äquivokes Wissen dann gegeben, wenn Mitglieder einer Gruppe unterschiedliche Bezugsrahmen verwenden und somit Probleme, Arbeitsabläufe und Projektergebnisse ungleich interpretieren (=schwache interpretative Kohärenz). Auch bei hochgradig expliziten Informationen werden Bedeutungen von verschiedenen (kulturellen) Personengruppen durchaus asymmetrisch verstanden - was in Interpretationsschwierigkeiten mündet. Dabei vermag auch ein vermehrter Einsatz von Kommunikationsmedien (z.B. steigende Rate oder erhöhte Intensität) dieses Problem nicht zu lösen (vgl. Kohler 2006, 242).
Durch seine Untersuchungen zu Wissenstransfervorgängen in der internationalen Automobilindustrie leitet J.Kohler 2006 folgende Eigenschaften bzw. Dimensionen zur Bestimmung des
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Grades der interpretativen Kohärenz, also dem Grad der Äquivokheit, ab:
Beschreibung der Dimensionen:
Einheitlichkeit über Sicht der Dinge, die zu tun sind, erfragt den Grad der gemeinsamen Vorstellung über Projektaufgaben und -ziele, also inwiefern gemeinsame Interpretationen vorliegen. Einheitliche Sicht über Sinn des Projektes legt das Ausmaß dar, wie einheitlich das Verständnis ist, was mit dem Projekt erreicht werden soll und zielt auf die Ursache/Wirkungszusammenhänge (erledigte Aufgaben/erzielte Ergebnisse). Einheitliche Bewertung von Ergebnissen und Prioritäten erklärt das Verständnis von dem, was gut und richtig ist bzw. zielt auf die Einigung über die Reihenfolge der Aufgabenbearbeitung. Einvernehmen über das Gesamtkonzept beschreibt den Grad der Einigkeit bezüglich des Projektablaufes (kann sich jedes Mitglied mit seinen Aufgaben einordnen?). Dagegen beschreibt Einvernehmen über konkrete Aufgabenverteilungen den Einklang innerhalb der Projektgruppen, wer was konkret ausführt und wie es gemacht wird. Ein hoher Grad von Gemeinsame Abgrenzung inhaltlich relevanter Aspekte kann konfliktäre Interpretationen von zu bearbeitenden Themen reduzieren - es zielt darauf, unterschiedliche Sichtweisen und die Involviertheit der Gruppenmitglieder zu verdeutlichen. Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb eines internationales Projektteams berücksichtigt die sozio-emotionalen Faktoren und den interpersonalen Bezug der Teammitglieder zueinander (vgl. Kohler 2006, 180).
Diese Eigenschaften beschreiben Wissen aus einer interpretativen Weise und fokussieren demnach eher Projekt und Mitarbeiter als Bezugsrahmen. Somit ist der Grad der Schwierigkeit des Wissenstransfers also auch vorrangig davon abhängig, inwiefern die beteiligten Mitarbeiter gemeinsam in dem Projekt wirken: ein Austausch von Wissen zwischen Projektmitarbeitern unterschiedlicher Nationen funktioniert dann sehr gut, wenn das Projekt gemeinsam vorbereitet, besprochen sowie bewertet und ein gemeinsamer Bezugsrahmen geschaffen wird.
Sollten also eine oder mehrere der genannten Kriterien der beiden Dimensionen Grad der Implizitheit (GdI) und Grad der Äquivokheit (GdÄ) nicht oder nur in geringem Maße erfüllt werden, gestaltet sich ein Transfer von Wissen zwischen verschiedenen Standorten sehr schwierig bzw. es steigen die Transferkosten, so dass die Kommunikatoren mehr Zeit und Aufwand (z.B. in Form von Art und Häufigkeit von Medieneinsatz) in die Übermittlung investieren müssen (vgl.
Abbildung 5).
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1.2. Wissenstransfer
Organisationen besitzen eine Vielzahl von Möglichkeiten, Wissen zu transferieren - und somit existiert auch eine Vielzahl an Theorien. Hannsen, Nohira und Tierney (1999) beispielsweise sehen den Transferprozess als eine Motivationsfrage, in dem Strategien (Kodifizierungs- und Personalisierungsstrategie) für die Kreierung von Wissen entscheidend sind. Dagegen fokussieren Krogh und Köhne (1998) Unternehmensbedürfnisse und beschreiben Wissensentwicklung in verschiedenen Phasen, wobei sie auch schon nach internen (innerhalb von Unternehmensgrenzen) und externen Wissenstransfer klassifizieren.
Ein weiteres sehr interessantes Konzept ist das von Inkpen und Dinur (1998), welches die Beziehungen zwischen Wissenscharakteristik und Wissenstransfermechanismen in internationalen Joint Ventures analysiert. Es wird nachgewiesen, dass das Unternehmen ein dynamisches System darstellt, das in verschiedenen Prozessen diverse Wissensarten mit sich bringt. Die Autoren führen vier Wissensmanagementprozesse an, die die Allianzpartner verwenden, um Wissen von einem Allianzkontext zu einem Partnerkontext zu transferieren: Technologieteilung, Interaktionen durch die Allianzen-mutter, Personaltransfer und strategische Integration. Diese Prozesse schaffen Beziehungen zwischen den Managern, die es wiederum ermöglichen, deren allianzspezifische Erfahrungen auszutauschen. Außerdem bilden sie den Grundstock der Integration des Wissens im Mutterunternehmen. Es wird ein Modell geschaffen, welches organisationale Levels und Wissensarten miteinander verbindet, wodurch veranschaulicht wird, wie sich verschiedene Arten des Wissens zwischen den jeweiligen Levels bewegen und unterscheiden. Aufgrund der empirischen Untersuchungsergebnisse, die durch eine ihrer Studien über Nord-amerikanische Joint Ventures (2000) gewonnen wurden, treffen die beiden Autoren diverse Aussagen über den Wissenstransfer und das Management innerhalb einer Organisation: Erstens prognostizieren sie, dass das organisationale Level, durch den erfolgreicher Wissenstransfer vonstatten geht, niedriger ist, je impliziter sich das transferierte Wissen darstellt. Weiterhin wird argumentiert, dass die Effektivität des Wissenstransfers in negativem Zusammenhang mit der Implizitheit des Wissens steht, wenn dieser auf kollektivem Level passiert. Überdies tendieren Unternehmen, die sich in ihren Lernbestrebungen mehr auf explizites Wissen konzentrieren, zu Ignoranz von implizit-wissensbasiertem Bildungsangebot und unterschätzen damit das gesamte Lernpotenzial. Außerdem kann gezeigt werden, dass das Zusammenspiel zwischen „lernender“ und „lehrender“ Organisation und deren Beziehung untereinander intensiver ist, je erfolgreicher der Wissenstransfer stattfinden.
Trotz vieler unterschiedlicher Wissenstransfer-Ansätze ist der grundsätzliche Prozess, Wissen zu transferieren, jedoch stets gleich: ein Transfer von einem Sender zu einem Empfänger, der immer in einen bestimmten Kontext eingebunden ist und bei dem unterschiedliche Kommunikationskanäle und Mechanismen eingesetzt werden können.
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Auf das Wissen im Allgemeinen und die Wissenstypen wurde bereits eingegangen. Der noch ausstehende kulturelle Kontext wird im dritten Kapitel betrachtet - daher sollen nun vorbereitend Transfermechanismen und anschließend Barrieren beim Wissenstransfer vorgestellt werden.
1.2.1. Wissenstransfermechanismen (= Medien)
Im Zusammenhang mit dieser Arbeit sollen Wissenstransfermechanismen als Medien gelten, die als Mediator von Kommunikator und Rezipient fungieren, um einen Wissensaustausch zu ermöglichen. Allerdings ist das Thema Medien in Indien vermutlich genauso vielfältig, widersprüchlich und unterschiedlich wie die indische Gesellschaft selbst. Gerade in Medienausstattung und -nutzung zeigen sich enorme Unterschiede in der indischen Bevölkerung - was bedeutet, dass neben den kulturellen Unterschieden zwischen Indern und Deutschen auch Unterschiede in der indischen Bevölkerung selbst bezüglich der Medienhandhabung berücksichtigt werden müssen - nicht jeder Inder wird gleich oder zumindest gleich vorhersagbar mit Medien umgehen. Um diese Unterschiede zu verdeutlichen wird anschließend in der Tabelle 1 die Mediensituation Indiens kurz dargestellt und mit der deutschen verglichen.
Im Rahmen persönlicher Erfahrungen und anknüpfend an die empirischen Untersuchungen der Kommunikationswissenschaftler P. Almeida und R.M. Grant (1998) wurden für diese Arbeit eine Reihe von Mechanismen zur Durchführung des Wissenstransfers identifiziert. Eine Übersicht der für diese Arbeit wichtigen Mechanismen und eine Zuordnung geeigneter Erklärungen bzw. geeigneter 6 finden sich in der nachfolgenden Abbildung. Schon damals haben Almeida und Transfersituationen
Grant trotz der Unterstellung, jedes Medium hätte in bestimmten Situationen einen bestimmten
6 Almeida/Grant haben 1998 jedem Mechanismus eine geeignete Transfersituation zugewiesen. Da aber erstens ihre Studie der Halbleiterindustrie gewidmet war und zweitens die Art des zu transferierenden Wissens eine entscheidende Rolle spielt, werden nur Auszüge ihrer Erklärungen/Zuweisungen übernommen.
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Tabelle 1: Mediensituation Indien und Deutschland - ein Überblick; Informationen nach Elena Koch (2003) für Indien und freie Internetrecherche für Deutschland
7 eine von der Organisation Reporter ohne Grenzen (RSF) herausgegebenen Liste über den weltweiten Zustand der Medienfreiheit, 139 bewertete Länder, Rankings aus dem 2002
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Nutzen, keinen systematischen und/oder situationsabhängigen Einsatz nachweisen können - was offensichtlich den Bedarf widerspiegelt, geeignete Instrumente zu entwickeln, die helfen können, den Wissenstransfer systematisch zu organisieren (vgl. Kohler 2006, 48).
Abbildung 7: Erklärung Wissenstransfermechanismen; nach Almeida/Grant (1998)
1.2.2. Barrieren von Wissenstransfer
Der Einsatz der oben genannten Medien für den Transfer von Wissen kann allerdings auch uneffizient sein, wenn sie schlicht und einfach falsch eingesetzt werden. In Untersuchungen zum Wissenstransfer hat Gabriel Szulanski (1996) - Professor für strategische Kommunikation an der 8 - Barrieren beim Transfer von Wissen ausgearbeitet. Nachfolgend soll auf einige, nur für INSEAD
diese Arbeit notwendigen Barrieren eingegangen werden:
Attribute des zu transferierenden Wissens:
8 weltweit größte und renommierteste Business School; Institut Européen d'Administration des Affaires
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Wenn Wissen transferiert wird, so Szulanski, kann die kausale Ambiguität die größte Barriere darstellen. Kausale Ambiguität liegt dann vor, wenn bei der Reproduktion bestimmten Wissens in einem neuen Kontext die genauen Gründe für Erfolg und Misserfolg auch im Nachhinein nicht eindeutig bestimmt werden können (vgl. Kohler 2006, 51). Das liegt u.a. darin begründet, dass der Sender aufgrund von Ungewissheit über notwendige Wissenselemente und deren Interaktion (vgl. Rumelt 1984, 255) nicht verständlich genug vermittelt. So kann es zu hohen Transferkosten kommen, sollte im Vorfeld nicht geklärt werden, welches die kritischen Wissenselemente sind. Sollte ein Nutzen für das zu transferierende Wissen nicht klar erkenntlich sein, wird es besonders schwierig sein, den Empfänger für die Rekonstruktion dieses Wissens zu gewinnen.
Potenzielle Empfänger treten glaubwürdigeren bzw. kompetenteren Sendern, die als sachkundig und vertrauenswürdig eingestuft werden, oft aufnahmebereiter gegenüber. Wird der Transferpartner allerdings als nicht kompetent genug eingeschätzt, wird das den Transferprozess negativ beeinflussen - gerade in internationalen Projekten treten oft Zweifel an fachlicher und kontextualer Kompetenz des Gegenübers auf. Allerdings betont Szulanski hierbei nicht zu unrecht, dass von glaubwürdig erscheinenden Sendern transferiertes Wissen oft nicht kritisch genug hinterfragt wird, was ebenfalls zu negativen Konsequenzen führen kann.
Die Fähigkeit des Empfängers, fremdes Wissen zu nutzen, hängt weitestgehend davon ab, inwieweit der Empfänger schon über verwandtes Vorwissen verfügt. Das betrifft neben Grundkenntnissen und einer gemeinsamen Sprache auch das Wissen über wissenschaftliche und technologische Entwicklungen in der entsprechenden Wissensdomäne - je geringer dieses Vorwissen ist, desto geringer ist die absorptive Kapazität und desto schwieriger wird sich folglich auch der Wissenstransfer gestalten (vgl. Szulanski 2003, 29).
Wenn das zu transferierende Wissen über einen längeren Zeitraum genutzt werden soll, ist es einem Wissen überlegen, was lediglich einmalig genutzt wird. Das überlegene Wissen muss sukzessive ausgeweitet und die Nutzung des alten Wissens gezielt unterbunden werden. Die Fähigkeit, einen solchen Prozess durchzuführen und vor allem auch zu wollen (also neues Wissen zu institutionalisieren) beschreibt die Retentionsfähigkeit - eine mangelnde Retentionsfähigkeit behindert folglich den Wissenstransfer.
Der organisatorische Kontext hinsichtlich formaler Strukturen bzw. Systeme, Koordinationsmechanismen und Anreizsystemen kann den Wissenstransfer in positiver oder negativer Weise beeinflussen. Beeinflusst dieser Kontext eher negativ, dann stellt er ein unfruchtbares organisatorisches Umfeld dar und kann somit als eine weitere Barriere aufgeführt werden. Der Wissenstransfer ist meist ein iterativer (sich widerholender) Prozess. Dies zeigt sich dadurch, dass der Empfänger beim Transfer von Wissen einerseits häufig Erklärungen benötigt und der Sender andererseits häufig die tatsächlichen Bedürfnisse des Empfängers herausfinden muss.
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Entsprechend spielt die soziale Bindung zwischen den Transferpartnern eine große Rolle. Insofern ist ein schwieriges Sender-Empfänger-Verhältnis eine weitere nicht zu unterschätzende kontextabhängige Transferbarriere.
Nachdem im Kapitel Wissen und Wissenstransfer die Determinanten eines Wissenstransferprozesses herausgearbeitet wurden, wird im anschließenden Kapitel Mediennutzung auf Theorien eingegangen, die einen optimalen Einsatz der Wissenstransfermechanismen (Medien) beschreiben.
2. Mediennutzung
Wie vorangegangen gezeigt, spielen also neben den Wissenstypen vor allem die Art und Weise Wissen zu transferieren - also die verwendeten Medien - eine wesentliche Rolle beim Wissenstransfer. Zum systematischen Vergleich von Mediennutzung in Organisationen wurden in der jüngeren Vergangenheit viele Modelle und Konzepte entworfen und weiterentwickelt. Dabei gibt es Theorien, die sich auf real existierende Gruppen beziehen, welche eingebunden in soziale und organisatorische Umgebungen immer nur kontextabhängig auf bestimmte Medien zugreifen. Diese so genannte TIP-Theory von Tuckmann und Jensen (Time/Interaction/Performance; 1965) legt dabei besonderen Augenmerk auf zeitliche Prozesse in Interaktion und Performance von Gruppen. Andere Theorien greifen die Mediennutzung eher aus der sozioemotionalen Perspektive auf und schreiben dem individuellen Verhältnis von Sender und Empfänger eine wesentliche Rolle zu. So fokussiert die Media-Synchronicity-Theory (Dennis/Valacich, 1999) eher den situativen Kooperationsprozess und dessen Anforderungen an die Informationsverarbeitungskapazität eines Mediums: Media Synchronicity is „...the extend to which individuals work together on the same activity at the same time, i.e. have a shared focus“ (ebd. 2).
Diese und viele weiter Theorien basieren auf der Media-Richness-Theorie, welche prominent wurde durch die Veröffentlichung der beiden amerikanischen Kommunikationswissenschaftler Richard L. Draft und Robert H. Lengel (1984). Da sie wesentlich für diese Arbeit ist, wird im Folgenden detailliert auf sie eingegangen.
2.1. Media Richness Theory
Grundsätzlich verbindet die Media-Richness-Theorie die Medienwahl mit der Aufgabe, die es zu lösen gilt, d.h. sie verbindet Wahl der Medien mit der Art des zu transferierenden Wissens
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(Aufgabe). Dabei werden Aufgaben danach eingeteilt, wie unsicher (uncertainity) und/oder mehrdeutig (equivocality) sie sind und die Medien, die es zu wählen gilt, nach ihrer Reichhaltigkeit, Informationen interaktiv vermitteln zu können:
Aufgabeneinteilung nach:
Dabei geht man davon aus, dass unsichere Aufgaben optimal gelöst werden können, wenn alle benötigten Informationen vorhanden sind; dass bedeutet unsichere Aufgaben können durch Hinzuziehen weiterer Daten gelöst werden - dabei sollten Medien verwendet werden, die viele Informationen vermitteln (z.B. schriftliche Berichte). Unsicherheit wird also in diesem Kontext mit dem Nichtvorhandensein von Informationen gleichgesetzt.
Dagegen lassen sich mehrdeutige Aufgaben durch sehr viele Informationen nicht besser lösen. Vielmehr unterliegen sie der Interpretationsfähigkeit der Akteure, die zu einem gemeinsamen Verständnis eines bestimmten Sachverhaltes kommen müssen. Beispielsweise ist das Verfassen eines Joint-Venture-Planes eine mehrdeutige Aufgabe, da man sich auf ein gemeinsames Verständnis der Rolle des Unternehmen im Markt verständigen sowie dafür relevante Faktoren erst definiert werden müssen - bei mehrdeutige Aufgaben sucht man Variablen; bei unsicheren Aufgaben Variablenwerte.
Reichhaltigkeit eines Mediums:
Der Reichtum eines Mediums richtet sich nach dem Informationsreichtum und wird positiv durch folgende vier Faktoren bestimmt:
Möglichkeit, wie unmittelbar Feedback erfolgen kann
Ist eine Aufgabe unsicher, sollten Medien mit einem geringen Reichtum (und der Eigenschaft, viele Informationen zu vermitteln) und für mehrdeutige (äquivoke) Aufgaben Medien mit einem hohen
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Reichtum verwendet werden. Dabei führt folglich die Verwendung von besser geeigneten Medien zu höherer Effektivität der Aufgabenerfüllung (vgl. Draft/Lengel 1986, 561).
Die Media-Richness-Theorie wurde u.a. von Rice (1992) und Reichwald (1998) für neue Medien weiterentwickelt. Basierend auf den Arbeiten von Rice entwickelt Reichwald ein Media-Richness-Modell für Telekooperation (computer-, telefongestützte oder internetbasierte etc. Zusammenarbeit geografisch getrennter Personen), welches mit Ergänzungen des Autors in der nachfolgenden Abbildung dargestellt ist:
Nach Reichwald gelten persönliche Treffen, in denen man sich „face-to-face“ gegenübersitzt, als diejenigen Medien, die den größten Medienreichtum aufweisen; dagegen bezeichnet er Briefpost oder schriftliche Dokumentationen wie Protokolle als Medien mit dem geringsten Reichtum. Medien sind in der Abhängigkeit von der Komplexität der Kommunikationsaufgabe zu wählen, wobei reiche Medien nicht per se „besser“ und arme Medien nicht per se „schlechter“ geeignet sind; vielmehr gibt es einen Bereich effektiver Kommunikation (vgl. Draft/Lengel 1986, 56): Die Wahl von zu reichen Medien führt zu einer Über(Ver-)komplizierung der Situation. Anstatt Fakten zu suchen, werden Teilnehmer durch den Reichtum des Mediums abgelenkt; es wird interpretiert und möglicherweise Mehrdeutigkeit künstlich erzeugt. Die Verwendung von zu armer
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Medien führt zu einer zu starken Vereinfachung - Über-Vereinfachung - und damit zu mangelndem Feedback sowie Unpersönlichkeit, was wiederum notwendige gemeinsame Interpretationen für ein gemeinsames Verständnis erschwert.
Die Wahl der Medien sollte also immer situativ in genannten Abhängigkeiten passieren: Faceto-Face Kommunikation stellt also nicht immer das reichste Kommunikationsmedium dar, vielmehr hängt die Wahl des Mediums davon ab, welches der oben genannten Mediencharaktere für eine bestimmte Situation am bedeutendsten ist. Oftmals ist es sinnvoller mehrere verschiedene Medien für den Transfer von Wissen zu wählen, um ein effizienten Wissenstransfer zu gestalten.
3. Kulturelle Eigenschaften bzw. Unterschiede Deutschland - Indien
3.1. Was ist Kultur?
Verschiedne Verhaltensmuster gründen auf unterschiedlichen Kulturen; und Kulturen gibt es überall auf der Welt. Sie bedeuten für Außenstehende stets Ungereimtheiten, da sie einem fremd erscheinen; schon Asterix sagte: „Ich habe nichts gegen Fremde. Einige meiner besten Freunde sind Fremde -Aber diese Fremden sind nicht von hier!“ und meint damit, dass es trotz des gegenseitigen Kennens Unterschiede gibt.
Jeder Mensch hat Verhaltensmuster, die er durch bestimmte Erfahrungen gelernt und verinnerlicht hat. Genau diese Muster spielen beim „Zusammenprall“ zweier so verschiedener Kulturen wie Deutschland und Indien eine enorme Rolle: Hinsichtlich dieser Arbeit sind die jeweiligen Kulturen die Grundlage für den unterschiedlichen Umgang mit Wissen sowie für den unterschiedlichen Einsatz von Medien. Wenn man also die Kulturen versteht (und auch akzeptiert), erhält man eine nachvollziehbare Erklärung für ein bestimmtes Verhalten und es scheint leichter, Reaktionen vorauszusehen, die angesichts seiner in der Vergangenheit erlernten Verhaltensmuster möglich und wahrscheinlich sind - Was ist also Kultur und wie können wir sie verstehen?
Kultur ist „the collective programming of the mind which distinguishes the members of one group or category of people form another group“ (Hofstede 1991, 5). Diese Unterscheidung begann rund fünf Millionen Jahre vor unserer Zeit, als sich unsere Vorfahren von den Schimpansen trennten. Vor ca. 140.000 Jahren gab es dann weltweit wohl nur 50.000 Menschen, die begannen, sich auf der
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Erdkugel zu verstreuen und eigenständig zu entwickeln. In der heutigen Zeit gibt es nun unzählige Kulturen; jene unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Werte aber auch Praktiken. Ganz offensichtlich haben verschiedene Länder unterschiedliche Institutionen; sie denken, fühlen und handeln ungleich. Begründet liegt diese unterschiedliche Entwicklung darin, dass Kultur zu einem großen Teil, geprägt durch das soziale Umfeld, erlernt und nur zu einem kleinen Teil vererbt wird.
„There are numerous elements of culture that define the way we look at life in general, influence the way we act and communicate in various situations and guide our beliefs and values“ (Martinelli 2005, 10). Kultur wirkt immer auf zwei Ebenen: Die objektive Ebene enthält sichtbare und fassbare Dinge wie Kleidung, Gebäude, Straßen oder Essgewohnheiten; die subjektive Ebene dagegen besteht aus Elementen, die weder sichtbar noch fassbar sind, z.B. Werte und Normen einer Gesellschaft oder direkt auf das Verhalten bezogene Regeln. Während die objektive Ebene einer Kultur leicht zu erfassen ist, bleibt einem auf die Kultur nicht Vorbereiteten die subjektive meist verborgen (vgl. Saure/Tillmans/Thomas 2006, 6).
Wollen Inder und Deutsche erfolgreich miteinander arbeiten, müssen beide zuerst einmal die andere Kultur und ihre verschiedenen Aspekte wie Kommunikationsverhalten und Wissensvermittlung kennenlernen und verstehen; besonders aber akzeptieren - vor allem muss akzeptiert werden, dass bestimmte Aktionen bestimmte Reaktionen hervorrufen.
Kommunizieren nun Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, entstehen sicherlich gegenseitiges Interesse und Neugier, aber das eigene kulturelle Orientierungssystem kann auch zu Verwirrungen führen; es kommt schnell zu kritischen Situationen (vgl. Saure/Tillmans/Thomas 2006, 9). Besonders so unterschiedliche Kulturen, wie es Deutschland und Indien sind, erzeugen Spannungsverhältnisse. Das Problem dabei ist, dass die Ursachen für unterschiedliches Verhalten eher in einer Person gesehen werden, als in der Situation oder in der Befolgung eines kulturellen Regelsystems.
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3.2. Analyse und Operationalisierung kultureller Unterschiede
Um die subjektive Kultur des Gegenübers kennenzulernen, ist es sinnvoll, sich Wissen über verschiedene Aspekte anzueignen, in dem man sich z.B. kulturelle Unterschiede vergegenwärtigt. Ein viel beschrittener Weg, solche Studien zu unternehmen, ist es, Unterschiede zu identifizieren und in Dimensionen messbar zu machen. Die bekanntesten, aber gleichzeitig meist kritisiertesten Kultur-Dimensionen sind unzweifelhaft die des niederländischen Wissenschaftlers Geert Hofstede (1980).
Indische Projektmitarbeiter über ihre Zusammenarbeit mit Deutschen:
9 Abbildung 10: Statements von Indern
Seine Erkenntnisse basieren auf einer weltweit angelegten Studie, in der ca. 116.000 IBM-Mitarbeiter in über 74 Ländern (unter anderen auch Deutschland und Indien) befragt wurden. Er fokussierte dabei den Umgang mit Unterschieden im Denken, Fühlen sowie Handeln von Menschen und zeigte außerdem, dass trotz vieler unterschiedlicher Denkweisen eine Struktur existiert, die als eine Grundlage gegenseitigen Verständnisses dienen kann. Dabei kam er zum Schluss, dass es zwar überall die gleichen Herausforderungen gibt, aber von Land zu Land unterschiedlich damit umgegangen wird - das konnte in folgenden Dimensionen messbar gemacht werden: Individualismus-Kollektivismus, Maskulinität-Femininität, Unsicherheitsvermeidung und
Machtdistanz zum Vorgesetzen. Später fügte er mit einem Kollegen Michael Harris Bond (1979),
9 Statements von links nach rechts: 1) Shankar S Khandadi, CEO, Shankar---Khandadi---Associates 2) Deepa ND, Projektmitarbeiterin, Anantara Solutions 3) Aanand Babu, Projektmanager, AV---Systems 4) T.F. Jayasura, Communication Manager, Indian---Wind---Turbine---Manufactiures---Association 5) Sundararaj Subbarayalu, Projektmanager und Partner Anantara Solutions 5) Shankar Srinivasan, Projektmanager und Partner Anantara Solutions
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Deutsche Projektmitarbeiter über ihre Zusammenarbeit mit Indern:
10 Abbildung 11: deutsche Zitate
umgegangen wird - das konnte in folgenden Dimensionen messbar gemacht werden: Individualismus-Kollektivismus, Maskulinität-Femininität, Unsicherheitsvermeidung und
Machtdistanz zum Vorgesetzen. Später fügte er mit einem Kollegen Michael Harris Bond (1979), durch weitere Untersuchungen in Asien, eine fünfte Dimension - Kurzzeitorientierung-Langzeitorientierung - hinzu. Darauf aufbauend beschäftigten sich die amerikanischen Anthropologen Edward Twitchell Hall und Mildred Reed Hall (1989) ebenfalls sehr intensiv mit der Kommunikations- und Kulturforschung. Auch sie identifizierten im Rahmen ihrer Arbeiten zahlreiche Kulturmerkmale, wobei insbesondere die beiden Dimensionen Zeitverständnis (polychromes vs. monochromes Zeitverständnis) und Kontextorientierung (hohe vs. niedrige Kontextorientierung) hohe Akzeptanz und Verwendung fanden. Viele weitere Arbeiten liefern interessante Dimensionen für den Vergleich von Kulturen. So hat sich z.B. S.H. Schwartz (1992) mit Wertorientierungen innerhalb von Kulturen beschäftigt und fasst diese in elf Dimensionen (self- direction,stimulation, hedonism, achievment, power, security, conformity, tradition, spirituality, benevolence and universalism) zusammen. Auch die „Values Orientation Theory“ von F.R. Kluckhohn und F.L. Strodtbeck (1961) liefern ein aussagekräftiges Werkzeug, kulturelle Unterschiede zu analysieren.
Viele dieser Modelle bieten eine hervorragende Arbeitsgrundlage, wonach Unterschiede
10 Statements von links nach rechts: 1) anonym 2) Hein Busa, Projektmitarebeiter, Syngenta 3) Thomas Hoffman, CEO, Future24 4) Marco Dartsch, CEO, Erlebniskochen 5) Iris Becker, CEO, Let’s bridge IT 6) Dirk Gnauck, Projektmanager, KonMedia
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Christian Schmalisch, 2010, Wissensaustausch in multinationalen Unternehmen am Beispiel deutsch-indischer Projektkommunikation, München, GRIN Verlag GmbH
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