Inhalt:
1. Einleitung 3
2. Theorie vs. Empirie, eine oberflächliche Analogie 5
3. Denken und Sein 7
4. Theologie statt Philosophie 11
5. Anthropologie statt Theologie 13
6. Grundlegung der Dialektik 17
7. Liebe 25
Literaturverzeichnis 32
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1. Einleitung
Feuerbach war ein begeisterter Schüler Hegels.
Von diesem übernahm er die Auffassung der dialektischen Methode als des philosophischen Mittels von Erkenntnis. Gleichzeitig sah er seine Aufgabe in einer Grundlegung einer ersten wirklichen Dialektik und wurde einer der entschiedensten Kritiker Hegels. Seine Abkehr von ergab sich aus theoretischen Einflüssen Jacobis und Lavaters sowie aus der romanischen Epoche. 2 Das philosophische Grundprinzip, welches diese Einflüsse vereint ist der Pantheismus. 3 Was hier zugrunde liegt, ist der Gedanke oder die Einsicht, dass die Existenz eines Menschen unzertrennlich verbunden ist mit der Existenz anderer Menschen, dass das, was Individualität ausmacht, mindestens ebenso auf die anderen wie auf sich selbst zurückzuführen ist. Diese Einsicht ist intuitiv leicht nachvollziehbar, was leicht über die Tragweite ihrer Bedeutung hinwegtäuscht. Was es eigentlich bedeutet, wenn nicht „Ich", sondern „Wir“ Grundlage des Denkens
1 www.wikimedia.org, Ludwig Feuerbach, by August Weger (1823-1892)
2 Weckwerth S.22
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sein muss, mit dieser Frage und dem Verständlichmachen ihrer wesentlichen Bedeutung für die Philosophie, beschäftigte sich Feuerbach sein Leben lang und sah sich dabei der besonderen Aufgabe gegenüber, in Hegel einen mächtigen Vordenker zu haben, dessen Philosophie die eigene Aufgabenstellung gelöst zu haben behauptete, dabei aber gerade in ihrem Kern bewahrte, was sie zu überwinden versuchte. Deshalb muss ein Verständnis von Feuerbachs Dialektik ein Verstehen seiner grundsätzlichen Unterschiede zu Hegel sein. Es ist letztendlich kaum zu entscheiden, ob Feuerbach Erfolg in dem Sinne hatte, dass ihm sein Vorhaben, „Anthropologie statt Theologie", gelang. Der Verdacht eines Misserfolgs entsteht, weil er letztlich in hegelscher Dialektikterminologie verblieb und nicht den Schritt zur klaren Unterscheidung in Dialog und Dialektik tat. Das „dialektische Fortschreiten" ist als solches immer schon begriffliche Bestimmung mit implizitem Ausgangspunkt und anvisierter Zielsetzung, während der „Dialog“ inhaltlich neutraler bleibt, obwohl auch hier berechtigte Einwände zu erheben wären. Der Schritt zum Dialog wäre der Schritt zu Jacobi gewesen bzw. zur des Ansatzes von Jacobi, das Verharren in der Dialektik bedeutete hingegen auch das Verharren in der kritischen Auseinandersetzung mit Hegel.
3 Weckwerth S.25
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2. Theorie vs. Empirie, eine oberflächliche Analogie
Der Unterscheid zwischen Hegels dialektischem Dreischritt von Analyse und Antithese zu Synthese und Feuerbachs Dialektik von Ich und Anderem entspricht in einer groben, lediglich im Dienste eines ersten Verständnisses zulässigen Vereinfachung dem Unterschied von theoretischer und empirischer Wissenschaft: beruft sich die theoretische Wissenschaft zur Theoriebildung auf die Gesetze der Logik, sucht die empirische Wissenschaft hingegen Belege in der Empirie. Die einen formulieren eine logisch spruchsfreie Theorie, die anderen beschreiben Phänomene. Bei ersteren besteht die Möglichkeit, nur Sprache zu sein, ein logisch gültiges System von Prämissen und Konsequenzen zu sein, ohne das Geringste mit der tatsächlichen Welt zu tun zu haben. Etwas ähnliches wirft Feuerbach Hegel vor, wenn er dessen Ausgangspunkt des Geistes zurückweist, diesen Geist als Surrogat für Gott erklärt und an dessen Stelle den Menschen in seiner 'tatsächlichen Erscheinungsform', in seiner 'Existenz' nach Heideggerscher Terminologie setzt.
Hegels Dialektik geht demnach nicht von dem tatsächlich Vorhandenen, sondern von einer Idee aus, einem Geist, welcher sich seiner selbst durch den dialektischen Dreischritt bewusst wird. Ob er sich hierdurch erkennt oder beschreibt, eine Unterscheidung, die in metaphysischem Zusammenhang eine wichtige Rolle spielt, kann hier unentschieden bleiben, Feuerbachs Einwand richtet sich gegen das Ausharren dieses Geistes in sich selbst.
Hegels Dialektik sei kein tatsächliches Zwiegespräch zwischen Ich und Anderem, dem ein Monolog des Geistes mit sich selbst. Dadurch aber entfaltet er nur die in sich (in seiner Sprache) angelegten Möglichkeiten und Implikationen. Hegels Dialektik ist nach Feuerbach die schärfste Kritik am Standpunkt des „denkenden Geistes" finden. Die eigene Auffassung von Dialektik ist gleichzeitig Ausdruck dieser Kritik. Es sei kein idealer
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Geist, der denkt, ein Mensch. Dieser Mensch trage nicht bereits alles Wissen in sich und zur Erkenntnis genüge nicht, sich dieses Wissen bewusst zu werden, sondern als theoriebildendes Wesen ist der Mensch zur Korrektur seiner Ansichten auf Anderes außerhalb seiner selbst angewiesen. Hierin besteht und endet die Vergleichbarkeit mit theoretischer und empirischer Wissenschaft: Hegels Dialektik setzt den Maßstab für gültige Erkenntnis voraus in Form einer Definition der logischen Wahrheit, Feuerbachs Dialektik steht als Theoriebildung in Auseinandersetzung mit der empirischen Welt. Allerdings wäre es falsch, Feuerbachs Dialektik als empirische Wissenschaft zu verstehen, die Feuerbachsche Dialektik ist der Versuch einer philosophischen Beschreibung des Fundaments von empirischer und theoretischer Wissenschaft.
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3. Denken und Sein
Der erste Hauptpunkt von Feuerbachs Kritik an Hegel bezieht sich auf die Einheit von Denken und Sein. Die eben noch unentschieden gelassene Frage, ob Hegels Dialektik beschreibt oder erkennt, erlangt Bedeutung beim Verständnis der Rechtfertigung der Hegelschen Position. Der Geist vermag durch Dialektik die Welt zu erkennen, wie sie ist, weil er selbst Welt ist und wie die Welt strukturiert ist. Mit anderen Worten, weil Denken und Welt nicht voneinander zu trennen sind und beidem dasselbe Seinsprinzip zugrunde liegt, vermag das Denkende die Welt vollständig in sich selbst zu erkennen. Es ist das mystische Interesse des frühen Hegel, welches hier eine bedeutende Rolle spielt.
Denken ist reine Form, wenn es sich streng nach seinen eigenen Gesetzen richtet. Durch den dialektischen Dreischritt befreit es sich von vorurteilshaften Begriffen und Bestimmungen, die nur oberflächlich, sprachlich, aber nicht im Sein begründet sind zugunsten des Herausarbeitens eines zugrunde liegenden Seinsprinzips, welches das Viele und das Eine zusammendenkt. Synthese bedeutet nichts anderes, als Verschiedenes in Einem zu denken, Fortschritt der Dialektik bedeutet also Annäherung an die letztgültige Synthese, in der alle vorgängigen Thesen und Antithesen in Einem gedacht werden. Dieses Viele in Einem ist das Sein. In diesem Vielen in Einem ist das Denken nicht bloß enthalten, es ist das Denken, nur im Denken realisiert sich das Seinsprinzip. Das Sein wird sich seiner Selbst als Sein bewusst. Hegels Denkweise, die menschliche Existenz von Denken ausgehen lässt, beruht im Grunde auf dem Gedanken der Einheit von Denken und Sein. Feuerbach versucht nun das „Sein“ aus Hegels Logik zu erretten. Hegel habe das „Sein" an den Beginn der Philosophie gesetzt und sei von dort aus aufgebrochen. Dieser erste Schritt werde aber nur möglich, durch die Setzung eines Begriffs des ,,Seins" und gerade nicht durch das tatsächliche Sein.
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Hegels erste These lautet: „Sein“, die Antithese dazu: „Nicht -Sein", die Synthese: ,,Vergänglichkeit". Die These: „Sein“ scheint keine Voraussetzungen zu machen und aufgrund dieser Unbestimmtheit als erster Schritt gerechtfertigt zu sein. Dieses „Sein“ aber ist Sein als gedankliche Bestimmung, ein „Seinsbegriff“ und nicht wirkliches, konkretes Sein. Setzt man Sein als etwas Unvermitteltes, Direktes, Eins mit sich Selbst Seiendes, wird ein Begriff von Unvermitteltheit und Eins -mit -sich -Selbst -Sein bereits vorausgesetzt.
Um die Antithese: „Nicht-Sein“ möglich zu machen, wird dem konkret Vorhandenen der Begriff „Sein“ zugesprochen. Dies ist aber eine Prädikatisierung F (x), wobei F alle vorhandenen Dinge und x = Sein ist. Dies aber ist keine unvoreingenommene Wahrnehmung der Welt, sondern setzt F und x voraus. Dadurch wird die Antithese „nicht-X“ möglich. Tatsächlich ist bei Hegel nicht die Welt Ausgangspunkt, sondern das Denken, welches aus den vorhandenen Fs ein gemeinsames x abstrahiert. Etwas wie reines, unbestimmtes Sein wird nur durch das Denken aus dem wirklichen Sein von allen Bestimmungen abstrahiert.
Da x keine anderen Bestimmungen außer „Sein“ zukommen sollen, um als unzweifelhafter Grund von Erkenntnis dienen zu können, aber nicht identisch mit Sein, sondern tatsächlich ein durch Denken gebildeter Begriff von Sein ist, ist x in Wahrheit nicht unbestimmt, sondern negativ bestimmt, durch all das, was es nicht ist. X als bloßes „Sein“ entbehrt jeder anderen Bestimmung außer dem „Sein“. Durch diese Exklusivität wird es absolut bestimmt. Der Begriff von „Sein“ ist folglich bereits ein Begriff vom Absoluten und etwas anderes als Sein selbst. Nur deshalb wird der begriffliche Gegensatz, „Nicht-Sein“, denkbar. Tatsächlich liegt Hegels Dialektik nicht Denken und Sein, auch nicht in einer Einheit verstanden, zugrunde, sondern nur Denken und ein daraus abgeleiteter Begriff des Seins. Der Gedanke vom nicht -unterschiedenen, unbestimmten „Sein“ bleibt deshalb abstrakt und ohne Realität. Eine wirkliche Vorstellung von Sein oder Existenz oder Wirklichkeit kann man hingegen nicht haben.
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Sein bedeutet mehr als „gedacht Sein". Jedes Denken abstrahiert bereits vom Sein und schafft verschiedenes Seiendes. Dass die vielen verschiedenartigen Dinge sind und dass unzählige Menschen existieren, belegen unsere Sinne, aber unsere Sinne belegen kein von Dingen unabhängiges „Sein“. Sein bedeutet notwendig das Sein eines Dinges und kann nicht unbestimmtes Sein sein. Was jedoch als Ding gilt, um eine Theoriebildung zu ermöglichen, ist Leistung des abstrahierenden Denkens, nicht notwendig bestimmt durch die Eindrücke der Sinnlichkeit. Hegel nimmt das „Sein“ selbst als Ding und ersetzt am Ausgangspunkt seiner dialektischen Bewegung das tatsächliche Sein durch dieses gesetzte, abstrahierte „Sein“, einen absoluten Begriff des „Seins“. In Feuerbachs Auffassung steht das Sein dem Denken gegenüber und ist nicht Sein im Denken, weder real noch ideal. Hegel habe diesen wichtigen Gegensatz übersehen, weshalb seine Dialektik in einen spekulativen Monolog verfalle (spekulativ, weil nicht ausreichend belegt und nicht durch Belege in seinen Ergebnissen gerechtfertigt). Wie sehr auch immer der Geist im Hegelschen Modell durch Selbstentfremdung zu etwas Objektiven wird, stets bleibe er Sein im Denken. Die Hegelsche Dialektik überwinde nie dessen Grenzen. Das Gespräch finde durch dieselbe Person zwischen den entgegen gesetzten Gedanken statt. Dadurch könne immer nur ein Ergebnis erreicht werden, welches in der Person schon angelegt sei. Diese Figur erinnert an Augustinus, dessen Vernunft ihn zur Erkenntnis dessen führt, was Gott erleuchtet, also zur Kenntnis dessen, was die ganze Zeit schon zu sehen war. Hegelsche Dialektik führt wie augustinische Erkenntnis nicht zu Wissensgewinn, sondern zum Auffinden von etwas zuvor Verschüttetem.
Dem stellt Feuerbach den Dialog zwischen Spekulation und Erfahrung, Denken und Sein entgegen, nur das er zur Bezeichnung nicht „Dialog“ wählt, sondern die Dialektik sozusagen dialogisiert. Wenn das Sein dem Gedachten widerspricht, fehlen Hegels Dialektik die Mittel, diesen Widerspruch zu überwinden. Theorie und Praxis bleiben unversöhnbar, weil sie einander gegenüberstehen, erstere nur einen Begriff des letzteren,
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Patrick Siegfried, 2007, Feuerbach: Grundlegung der Dialektik, München, GRIN Verlag GmbH
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