Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 1
2. Die Nachahmung historischer Idole 2
2.1 Julien als Napoléon. 2
2.2 Mathilde als Marguerite de Navarre. 3
3. Die Moralistik von La Rochefoucauld. 4
4. Die Rolle der Moralistik in Le Rouge et le Noir. 6
4.1 Die Entscheidung zur „Liebe“ 7
4.2 Liebe als Machtspiel. 9
5. Bewertungsmöglichkeiten des Rollenspiels. 11
6. Fazit. 13
7. Bibliographie. 13
RN Le Rouge et le Noir
LRF La Rochefoucauld
1. Einleitung
Der Roman Le Rouge et le Noir von Stendhal erzählt die Geschichte des Sohns eines Mühlenbesitzers aus der französischen Provinz, Julien Sorel. Die Handlung spielt in der französischen Restauration, unmittelbar in der Zeit vor 1830. Im Mittelpunkt des Romans, der die gesellschaftliche Realität aufs Genaueste versucht widerzuspiegeln, steht der soziale Aufstieg des Helden Julien, dem es gelingt, seiner niederen Herkunft zu entfliehen. Um in der Zeit der Restauration sein Glück zu machen, entscheidet sich Julien Priester zu werden. Dank seiner Intelligenz und Willenskraft bekommt er schnell eine Anstellung als Lehrer im Hause des Bürgermeisters von Verrières. Nachdem bekannt wird, dass Julien mit Mme de Rênal, der Frau des Bürgermeisters, eine Affäre hat, muss dieser Verrières verlassen. Ihm wird ein Platz im Priesterseminar von Besançon vermittelt, wo er zum Protegé des Seminarleiters, Abbé Pirard, wird. Durch den Einfluss des Abts erhält Julien schließlich eine Anstellung als Sekretär beim Marquis de la Mole, einem hochangesehenen Diplomaten in Paris. Der Held betritt nun eine gänzlich neue Welt, die des alten Adels. Er wird täglich mit Reichtum und Überfluss konfrontiert und er spürt seine standesbedingte Unterlegenheit, die er aber nicht akzeptieren möchte.
Julien lernt die Tochter des Marquis de la Mole kennen, Mathilde. Schon bald entwickelt sich zwischen dem mittellosen Provinzjungen und der adeligen Schönheit eine geheime Liebesbeziehung.
Die folgende Hausarbeit macht es sich zur Aufgabe, herauszuarbeiten, wieso man die Liebesbeziehung zwischen Julien und Mathilde als Rollenspiel bezeichnen muss, wieso man hierbei gerade nicht von aufrichtiger Liebe sprechen kann. So gilt es festzustellen, was dieses Rollenspiel auszeichnet. Im Hinterkopf soll bei der Analyse stets die Fragestellung behalten werden, wie das Rollenspiel bewertet werden kann. Welche Bewertung nimmt etwa Stendhal vor?
Dazu gilt es zunächst, die imaginären Rollen vorzustellen, die die beiden Hauptfiguren annehmen und durch die sie versuchen, sich von den gesellschaftlichen Zuständen ihrer Zeit zu distanzieren: 1 Julien als Napoléon und Mathilde als Marguerite de Navarre. In einem nächsten Schritt soll der Leser kurz in die Grundlagen der Moralistik von La Rochefoucauld eingeführt werden, bevor die Bedeutung der Moralistik für das Rollenspiel in Le Rouge et le Noir dann im folgenden Abschnitt an exemplarischen Textstellen erläutert wird. Im letzten Kapitel geht es um die Beantwortung der Frage, welche Bewertungsmöglichkeiten das Rollenspiel zulässt. Abschließend wird ein Fazit nochmals die wesentlichen Aspekte der Hausarbeit resümieren.
1 1 Warning: Rainer: Die Phantasie der Realisten, München 1999, S. 19.
2. Die Nachahmung historischer Idole
2.1 Julien als Napoléon
Von Beginn an erfährt der Leser von Juliens Bewunderung für Napoléon Bonaparte. Julien ist ein glühender Verehrer des französischen Generals und Kaisers, der einige Jahre zuvor abgesetzt worden ist. Der junge Priesteranwärter verbringt seine Zeit mit dem Lesen von Büchern über dessen Heldentaten (RN 26). Durch die Lektüre schafft er sich eine Traumwelt, die ihn vor der verhassten Realität entfliehen lässt (RN 32 ff.). Er träumt davon, zu Zeiten dieser vergangenen Epoche gelebt zu haben, in der man auch als Bauernsohn aus der Provinz eine große Offizierskarriere hätte machen können. Julien hadert mit seinem Schicksal zur Zeit der postnapoleonischen Restauration geboren zu sein, in der ihm ein militärischer Aufstieg verwehrt ist. Sein leidenschaftliches und phantasievolles Wesen hat sich seit seiner frühesten Jugend für die großen Ideen der Revolution, für die großen Ereignisse der napoleonischen Epoche begeistert. Den nun herrschenden Schichten bringt er nichts als Verachtung entgegen, er verurteilt ihre Heuchelei und verlogene Korruption. Dennoch drehen sich seine Gedanken nur darum, wie er den sozialen Aufstieg meistern kann. Er ist zu ambitioniert, ehrgeizig und herrschsüchtig, um sich mit einer bescheidenen Existenz im Bürgertum zu begnügen. So wird er selbst zum Heuchler, da er versucht durch die Kirche aufzusteigen, ohne sich jedoch mit der Bibel, die er auswendig zu rezitieren lernt, zu identifizieren. 2 Julien sieht sich zu diesem Schritt gezwungen. Denn er liegt mit der Gesellschaft im Krieg, da nur die Geburt für die Stellung in dieser ausschlaggebend ist. Doch Julien möchte sich nicht auf seine ärmliche Herkunft reduzieren lassen, die seinem Charakter nicht gerecht wird. Er fühlt sich zu höherem bestimmt, seine niedere Geburt dürfe ihn daran nicht hindern, ihn nicht benachteiligen. Ausschlaggebend müsse die Begabung sein, so wie einst bei Napoléon, der ebenfalls keinen sozialen Rang hatte und dennoch Europa eroberte. Eine Szene im ersten Buch zeigt besonders eindrucksvoll, wie sehr Julien seinem Idol Napoléon nacheifert: Nach der Auseinandersetzung mit M. de Rênal in dessen Sommerhaus in Vergy geht Julien triumphierend durch den Wald nach Verrières. Er kostet den soeben errungenen Sieg gegen M. de Rênal aus, der ihm kurz zuvor eine monatliche Bezahlung von 50 Francs versprochen hat, nachdem Julien ihn verbal angegriffen hatte (RN 69). Als Zeichen seines ersten Sieges auf dem Weg nach oben, besteigt Julien einen hohen Felsen, der die gesamte Umgebung überragt. Die Szene scheint deutlich machen zu wollen, dass Julien die Welt zu Füßen liegt, er sie nur erobern müsse. Alles ist Harmonie in dieser Situation, unser Held befindet sich im Einklang mit sich und der Natur. Er erblickt einen Sperber, der den unbegrenzten Raum von oben zu beherrschen scheint. Die Metapher des in hohen Lüften kreisenden Raubvogels steht sinnbildlich für Juliens
2 Auerbach, Erich: Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur, Tübingen 9 1994, S. 424.
2
unbändigen Willen ebenfalls in höhere Sphären aufzusteigen. Julien genießt einen Augenblick lang seinen Triumph über M. de Rênal. Er scheint zufrieden, doch bei Anblick des Raubvogels sehnt er sich sogleich nach Macht: „il enviait cette force, il enviait cet isolement. C'était la destinée de Napoléon, serait-ce un jour la sienne?“ (RN 70). Juliens größter Wunsch besteht darin, aufzusteigen, sich wie einst Napoléon zu größeren Aufgaben aufzuschwingen, sein orgueil 3 verpflichtet ihn zum Aufstieg, sein unbändiger Ehrgeiz, seine immense Willenskraft treiben ihn an. Diese volonté verleiht ihm die Energie, seine Ziele zu erreichen. Verachtung ist für Julien unerträglich, sein orgueil bedarf permanenter Anerkennung durch die anderen. Überlegenheit der anderen erträgt sein stolzer amour-propre 4 nicht, sofort möchte Julien über die anderen triumphieren, sie an Größe übertreffen, keinesfalls mit ihnen nur auf einer Stufe stehen. Julien nimmt die Rolle des Napoléon an, um seinem provinziellen Bauerndasein zu entfliehen. Er ist demnach Rollenspieler aus Ressentiment 5 , hegt Julien doch einen tiefen Hass gegen seine Herkunft, die ihn zu einem gesellschaftlichen monstre mache (RN 450).
2.2 Mathilde als Marguerite de Navarre
Auch die Tochter des Marquis de La Mole wählt sich ein historisches Idol, in dessen Rolle sie dem ihr verhassten Alltag zu entfliehen versucht. Mathilde ist zutiefst gelangweilt vom Adelsleben der Restauration. Deshalb treibt sie einen phantastischen Kult mit einem ihrer Vorfahren, der wegen einer Verschwörung am 30. April 1574 auf der Place de Grève in Paris hingerichtet wurde. Es handelt sich um Boniface de La Mole, der der Geliebte der Königin Marguerite de Navarre war. Boniface plante die heldenhafte Befreiung seiner Freunde: des Bruders des sterbenden Königs Karl IX, sowie vom Herzog von Alencon und dem König von Navarra, die allesamt von der Königin Katharina von Médicis am Hofe gefangen gehalten wurden. Doch er wurde verraten (RN 306). Mathilde ist fasziniert vom Heldenmut der Marguerite de Navarre, die sich in einem Haus an der Place de Grève während der Hinrichtung versteckt gehalten und den Henker um den Kopf ihres Geliebten gebeten haben soll. In der darauffolgenden Nacht soll Marguerite den Kopf von Boniface in einer Kapelle am Fuße des Montmartre selbst beigesetzt haben (RN 308).
Mathilde sehnt sich zurück in die heldenhafte Zeit ihres Vorfahren, der mit den bedeutendsten Männern verkehrte und auch den Tod nicht scheute: schließlich wurde er bei dem Versuch festgenommen, den späteren König von Frankreich, Heinrich IV 6 und den Bruder des damaligen
3 Der Begriff
orgueil
findet häufig Verwendung bei Stendhal. Gemeint ist der Stolz, oft auch der Hochmut.
4 Der amour-propre ist ein moralistischer Begriff, der besagt, dass alles menschliche Handeln auf die Eigenliebe zurückzuführen ist; genaueres im Kapitel über die Moralistik.
5 Warning: Die Phantasie der Realisten, S. 115.
6 Heinrich IV war sowohl König von Navarra, als auch König von Frankreich. Somit war seine Ehefrau die 3 Königin von Navarra, Marguerite de Navarre.
Arbeit zitieren:
Erik Gerhard, 2010, Liebe als Rollenspiel in Stendhals "Le Rouge et le Noir", München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Romanistik - Französisch - Literatur: Liebe als Rollenspiel in Stendhals "Le Rouge et le Noir" ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Romanistik - Französisch - Literatur: neuer Titel erschienen: Liebe als Rollenspiel in Stendhals "Le Rouge et le Noir"
Erik Gerhard hat einen neuen Text hochgeladen
Colloquia Pontica 2: Les Forces Navales Du Bas Danube Et de La Mer Noi...
Octavian Bounegru, Mihail Zahariade
Innocent Espionage: The La Rochefoucauld Brothers' Tour of England in ...
Norman Scarfe, Francois La Rochefoucauld, Fran¸acois de La Rochefoucauld
E Gaziaux
The Origins and Characteristics of Anabaptism/Les Débuts et les caract...
With an Extensive Bibliography...
Marc Lienhard
0 Kommentare