Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Kollektives, kulturelles und soziales Gedächtnis
3. Die Einführung des Revolutionskalenders
4. Der Bruch mit der alten Zeit und ein neues Zeitalter
5. Der Revolutionskalender als Ausdruck eines neuen politischen Selbstverständnisses
6. Erziehung für die Republik
7. Abschaffung des Revolutionskalenders
8. Fazit
2
1. Einleitung
Zeit als solche ist weder fassbar noch begreifbar, sie ist einfach da und wird als selbstverständlich wahrgenommen. Und wenn man heute an Zeit denkt, dann steht sinnbildlich dafür die Uhr, die unser tägliches Leben einteilt und strukturiert in Stunden, Minuten und Sekunden. Sie ist ein unentbehrliches Hilfsmittel und unverzichtbar für eine hochgradig arbeitsteilig und ausdifferenzierte Gesellschaft. Zeitmessung-und einteilung ist unverzichtbar für Gesellschaften, um das Zusammenwirken und Zusammenspiel komplexer und größer werdender Gesellschaften zu synchronisieren. Doch wie steht es da eigentlich um den Kalender, der das älteste und zugleich traditionellste Mittel der Zeiteinteilung darstellt? Der Kalender als solches ist im Gegensatz zur Uhr eine sehr viel gröbere Einteilung der Zeit, die weniger unmittelbar und weit weniger unbedingter unser Leben strukturiert. Doch was noch viel entscheidender ist: Der Kalender ist im Gegensatz zur Uhr keine reine technische Erfindung, sondern ein reines menschengeschaffenes Zeichensystem, das nur dann funktionieren kann, wenn wir seine Zeichen mit Bedeutung füllen. Der Kalender entstand aus dem Ritual und an seinem Anfang standen landwirtschaftliche Aktivitäten, die in einem natürlichen Rhythmus ausgerichtet wurden. Im Zuge sich ausdifferenzierender sozialer Ordnungen und der Erfinden literaler Merksystem entstand dann nach und nach der Kalender mit dem Zweck der Synchronisation menschlicher Tätigkeiten. 1 Solange es Kalender gibt ist es eine Grundfrage, woran sie bemessen werden sollen. Vor allem die Revolutionen in Frankreich und Russland zeigten, dass es Versuche gab, den Kalender neu zu berechnen. Wird die Zeit im christlichen Abendland zwar in Anlehnung an Christi Geburt bemessen, so existieren und existierten auch völlig andere Zeitrechnung. Und auch die heutige Zeitrechnung hat sich erst im 6.Jahrhundert nach Christus durchgesetzt. Als menschengeschaffenes Zeichensystem ist der Kalender nicht etwas absoulut unabänderliches und es gab in der Geschichte zahlreiche Versuche, die Zeitrechnung zugunsten einer anderen Zeitrechnung anzufechten und abzuschaffen. Der Kalender als ein kulturelles Konstrukt bot immer schon genug Konfliktstoff und die Kalendergeschichte ist reich an Konflikten. Die Auseinandersetzungen um Jahrestage und Kalenderzeiten, Termine und Inhalte nahmen in der Geschichte beinahe kriegerischen Charakter an. Während sich erst im 17. und 18. Jahrhundert die christliche Zeitrechnung nach dem Gregorianischen Kalender als allgemein gültiger Maßstab durchsetzte, kam es alsbald zu Kalenderreformen, die revolutionären Ereignissen geschuldet waren. Nach der Französischen Revolution gab es einen ersten Gegenentwurf zum
1 Vgl. Schmidt, S.7-17
3
Gregorianischen Kalender, mit dem sich diese Hausarbeit näher beschäftigen soll. Die Kalenderreform der Französischen Revolution, ihre intellektuellen und politischen Voraussetzungen und ihr Scheitern sollen dabei näher beleuchtet werden. Dafür ist es notwendig, die Funktionsweise des kollektiven Erinnerns und der Sinngebung kalendarischer Daten kurz zu erläutern, um in einem zweiten Schritt dann die Kalenderreform nach der Französischen Revolution darzustellen. Dabei geht es mir vor allem um den Aspekt der Intention der Reform und den Gründen für ihr Scheitern, weniger aber um die Darstellung der chronologischen Abläufe der Französischen Revolution. Diese werden als bekannt vorausgesetzt.
2. Kollektives, kulturelles und soziales Gedächtnis
Um die Ordnung im Gedächtnisraum aufrecht zu erhalten sind Jahrestage für die Stabilisierung des kollektiven Gedächtnisses unverzichtbar. Wer sich erinnert, erinnert sich immer im Rahmen eines sozialen Bezugsrahmens, der maßgeblich durch kollektive Zeit-und Raumvorstellungen bestimmt wird. Maurice Halbwachs, ein französischer Sozialpsychologe, unternahm in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen ersten Versuch, diesen Begriff des kollektiven Gedächtnisses näher zu fassen. Demnach sind individuelle Erinnerungen ohne geteilte kulturelle und soziale Prägungen nicht denkbar. Gemeinsame Raum-und Zeitvorstellungen binden die individuellen Erinnerungen aneinander und bilden so das Gedächtnis der Gruppe. Das Gedächtnis des Einzelnen ist also ohne das Gedächtnis einer Gruppe nicht denkbar. 2 Daran anknüpfend entwarf Jan Assmann eine kulturhistorische Theorie, die den Begriff des kollektiven Gedächtnisses konkretisierte. Im Gegensatz zu Halbwachs ist bei Assmann das kollektive Gedächtnis nicht mehr unmittelbar an die lebenden Gruppenmitglieder und ihre Interaktion gebunden. Das kommunikative Gedächtnis wird in ein kulturelles Gedächtnis transformiert: „Wenn eine Erinnerung nicht verlorengehen soll, dann muss sie aus der biographischen in kulturelle Erinnerung transformiert werden. Das geschieht mit den Mitteln kollektiver Mnemotechnik.“ 3 Mit anderen Worten: Auch über das kommunikative Gedächtnis der Individuen hinaus werden durch Medien und Erinnerungstechniken kulturell weitergegeben. Nicht das gesamt historisch angesammelte Wissen nimmt dabei einen Teil im kulturellen Gedächtnis ein, sondern nur jener Teil, der eine
2 Schmidt: S.21-22
3 Ebd.
4
„identitätskonkrete Gestalt“ einnimmt, sprich: Identitätswissen ist jener Teil des kulturellen Wissens, der für die Identifikation und den Zusammenhalt einer Gruppe unverzichtbar ist. Wissen bezieht sich demnach aus Zeichen, während kulturelle Gedächtnis aus gespeicherten und kodifizierten Zeichen besteht, die kulturell, etwa durch Bildungsinstitutionen vermittelt werden. Doch neben der Tatsache, dass Wissen von uns angeeignet wird, bestimmt es auch unsere Identität mit. 4 Auf der kollektiven Ebene gelangt man zu einer nationalen Identität durch die Teilnahme an Riten, die durch bestimmte Festtage oder Nationalfeiertage festgeschrieben werden. Zu einem nationalen Gedächtnis gelangt man also, indem man an diesen Riten teilnimmt und sie sich auch in der Gemeinschaft körperlich aneignet, etwa durch die Teilnahme an Märschen oder schlicht die Teilnahme an nationalen Festen. 5 Doch im Gegensatz zum kulturellen Gedächtnis ist das soziale Gedächtnis von sehr viel längerer Dauer. „Es besteht aus dem Erfahrungsschatz einer Gruppe, die sich diesen durch Erzählungen wiederholt vergegenwärtigt. Das geschieht nicht nur spontan und beiläufig, sondern auch auf Verabredung: Feste und Jubiläen sind wichtige Anlässe für die Erneuerung und Bestätigung gemeinsamer Erinnerungen, die ja nur in der Sicherungsform der Wiederholung konserviert werden.“ 6 Übertragen auf die politische Realität bedeutet dies, dass ein nationales Gedächtnis, politische Inszenierungen und politische Zeichensetzung immer auch mit dem sozialen Gedächtnis zu konkurrieren hat, das sich sehr viel stärker auf die kollektive Identität auswirkt. „Unter den monumentalen Deklamationen und Zeichensetzung des Staates erhält sich das Netz eines sozialen Gedächtnisses, das eine kognitive Dissonanz produziert, damit aber auch eine kritische Distanz zur offiziell verordneten Gegenwartsdeutung ermöglicht.“ 7 Das kalendarische Erinnern ist in hohem Maße von seinen Demarkationslinien im Gruppengedächtnis bestimmt. Gruppen oder Gesellschaften, die Jahrestage haben, verleihen sich darauf aufbauend auch den Anschein von langer Dauer und Stabilität.
3. Die Einführung des Revolutionskalenders
Nach dem revolutionären Umsturz und den Umwälzungen, die der Sturz der Monarchie mit sich brachte, wurde durch eine Kalenderreform dieser Wandel auch im Kalender manifestiert. Der neue Kalender galt als „Teil des kulturellen und mentalen Bewusstseinsumschwungs, der
4 http://www.bpb.de/files/0FW1JZ.pdf, S.4
5 Ebd. S.5
6 Ebd. S.5
7 Ebd. S.6
5
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2011, Der französische Revolutionskalender – Scheitern einer neuen Zeitrechnung, München, GRIN Verlag GmbH
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